Dieser habe ihm vor drei mal sieben Tagen die Erlaubnis gegeben, seine alten Eltern zu besuchen, die weit entfernt vom Königsschloss in einem Dorf lebten. Und jetzt, da er wisse, dass es ihnen gut gehe, dass sie an nichts Mangel hätten, kehre er guter Dinge in das Schloss zurück, das er wohl erst bei Anbruch des neuen Tages erreichen werde. Einen, der noch ein gutes Stück Weg vor sich hat und der sicher hungrig, durstig und müde ist, lässt man nicht einfach weiterziehen. Man bietet ihm an, was man anzubieten hat, ein karges oder ein reiches Mal, ein hartes oder ein weiches Lager. Und das tat Achmed. Er bot dem Barbier ein reichliches Mahl, eine gefüllte Kanne Wein und obendrein ein weiches Lager. Der Barbier nahm die Einladung nur allzu gerne an. Und während er aß und trank und Achmeds junge Frau am Feuer hantieren sah, ging es ihm durch den Kopf, dass es gewiss im ganzen Land keine gäbe, die ihr an Schönheit gliche.
„Es ist ein Glück, eine gute und fleißige Frau zu haben, und wenn sie dazu noch schön ist wie diese, so ist es ein großes Glück“, dachte der Barbier, bevor er auf seinem weichen Lager einschlief. Am anderen Morgen verabschiedete sich der Barbier, und wo er fortan ging und stand, überall pries er die Schönheit der jungen Frau, die in der Hütte am Meeresufer lebte. So hörte auch der König davon. „Wer sie schaut, glaubt in die Sonne zu schauen, o König“, hatte der Barbier gesagt.
Und fortan dachte auch der König an nichts anderes mehr, als an Achmeds Frau. Ach, und hätte doch der Barbier seine Zunge gezähmt, denn es geschah, was nicht geschehen sollte.
Der König dachte bald ohne Unterlass daran, wie er es wohl anstellen sollte, die schöne junge Frau für sich zu gewinnen. Der Barbier erschrak, als er begriff, was er, ohne es zu wollen, angerichtet hatte. Doch nun war es zu spät. Und seine Warnung, das Ansinnen des Königs würde kein Glück bringen, blieb ungehört. Der König ließ seine Ratgeber rufen, die immer nur das rieten, was der König zu hören wünschte, und das zu erraten, fiel ihnen nicht schwer. „Mein König“, sagte der erste Ratgeber, „du wünschst, dass dieser Jäger, der mit seiner jungen Frau in einer Hütte am Ufer des Meeres lebt, aus der Welt geschafft wird.“
„So ist es, ich wünsche es“ ,sagte der König.
„Mein König“, sagte der zweite Ratgeber, „ich wüsste nichts, was einfacher ist als dies. Stelle ihm eine Aufgabe. Wenn er sie nicht lösen kann, soll es seinen Kopf kosten.“
„Mein König, dieser Jäger wird die Aufgabe, die du ihm stellst, gewiss nicht lösen, und so wird es ihm gewiss seinen Kopf kosten“ ,sagte der erste Ratgeber, und er verneigte sich dabei tief. „Wenn euer Rat sich als gut erwiesen hat, will ich euch reich belohnen“ ,sagte der König, bevor er seine Ratgeber entließ. Dann ließ der König nach einem Boten rufen, und als dieser vor ihm stand, sprach er: „Reite drei Tage nach Osten, bis du an den großen Wald gelangst. Durchquere diesen Wald. Wenn er sich am anderen Ende lichtet, wirst du das Meer erblicken. Am Ufer des Meeres steht eine Hütte, in dieser Hütte lebt ein Jäger. Sein Name ist Achmed. Richte diesem Jäger aus, dass der König mit seinem Heer sein Gast sein wird. Der König befiehlt jedoch, dass man ihn und sein Heer aus einem einzigen Kessel verköstigen muss und dass er und sein Heer, während der Mahlzeit nur auf einem Teppich mittlerer Größe sitzen dürfen.“ Der Bote tat, wie ihm geheißen worden war. Er sattelte sein Pferd, saß auf und ritt drei Tage lang nach Osten, bis er zu einem großen Wald gelangte.
Und als der Wald sich am anderen Ende lichtete, erblickter er am Ufer des Meeres die Hütte. Der Bote gab seinem Pferd noch einmal die Sporen, und als er vor der Hütte anhielt rief er: „Im Namen des Königs!“
Da trat Achmed verwundert vor die Hütte und fragte den Boten, was er denn im Namen des Königs gäbe oder ob vielleicht der Barbier des Königs ihn, den Boten, zu ihm geschickt habe, mit ein paar guten Worten und einem Gruß, denn der Barbier des Königs sei ihm und seiner jungen Frau wohlbekannt. Na, was bekam Achmed da zu hören! Ob er nicht recht bei Sinnen, oder ob ihm hier am Meer der Verstand abhanden gekommen sei, ob er denn meine, so ein Barbier verfüge über einen Boten? Und dann richtete der Bote Achmed aus, was ihm aufgetragen war. Achmed erschrak. Wie sollte er dem Befehl des Königs nachkommen? Hatte je ein Mensch gehört, dass man ein ganzes Heer und einen König dazu aus einem einzigen Kessel, auf einem Teppich mittlerer Größe verköstigen konnte.
Den Kopf tief gesenkt, ging er die Hütte zurück. Seine junge Frau aber, die alles mitangehört hatte, schürte, als sei nichts geschehen, das Feuer, wandte sich ruhig um und sagte: „Der König und sein Heer werden zufrieden von dannen ziehen. Es ist nichts Außergewöhnliches, ein ganzes Heer und einen König dazu aus einem einzigen Kessel zu verköstigen und alle auf einem Teppich mittlerer Größe unterzubringen. Es kommt nur darauf an, den rechten Kessel und den rechten Teppich herbeizuschaffen, und das will ich sogleich tun.“ Dann warf die junge Frau sich ein Tuch um die Schulter und lief hinunter ans Meer. Und kaum war sie dort angelangt, da teilten sich die Wasser und ein wunderschönes Mädchen erschien und fragte: „Warum hast du mich gerufen, meine liebe Schwester?“
Da erzählte die junge Frau von dem Boten des Königs. Als sie geendet hatte, lachte das Meermädchen hellauf und verschwand wieder in den Wassern. Als es zum zweiten Male auftauchte, sagte es: „Es ist ganz leicht, ein ganzes Heer und einen König dazu aus einem einzigen Kessel zu verköstigen und alle auf einem Teppich mittlerer Größe unterzubringen, wenn man den rechten Kessel und den rechten Teppich hat. Hier habt ihr beides.“ Und dann lachte sie noch einmal hellauf, bevor sie erneut in den Wassern verschwand. Drei Tage vergingen, drei Tage, in denen Achmed sich unentwegt fragte, ob denn der König und sein Heer wirklich, wie seine Frau und das Meermädchen es gemeint hatten, zufrieden von dannen ziehen würden. Dass Achmed, erfülle er die Aufgabe nicht, hart bestraft werden würde, hatte der Bote ihm nicht verschwiegen. Am vierten Tag, gegen Mittag, erreichte der König mit seinem Heer die Hütte.
„Nun“, sagte er, „eine gute Suppe und ein Platz auf einem weichen Teppich wird uns jetzt gut tun.“ Da trat Achmeds Frau aus der Hütte, breitete den Teppich des Meermädchens aus und brachte gleich darauf den mit Suppe gefüllten Kessel. „Seid willkommen“, sagte Achmed. „Und es soll euch gut tun“, sagte er auch, nachdem er sich, wie zuvor seine Frau, tief verbeugt hatte. Der König beachtete Achmed zunächst gar nicht. Er hatte nur Augen für die schöne junge Frau. Bald würde sie dem Jäger nicht mehr gehören. Wie aber staunte der König, als er begriff, dass es für Achmed offenbar nichts einfacheres auf der Welt gäbe, als ihn und sein Heer aus einem Kessel zu verköstigen, und auf einem Teppich mittlerer Größe unterzubringen. Ja, wenn er den Teppich recht besah und ihn mit denen in seinem Schloss verglich, so war dies eher ein sehr kleiner Teppich. Dem König blieb nichts anderes übrig, als gute Miene zu machen, von seinem Pferd abzusitzen und auf dem Teppich Platz zu nehmen, der wirklich für alle ausreichte. Dem König, blieb nichts anders übrig, als die Suppe zu essen, die, die junge Frau zubereitet hatte und die ihm köstlich schmeckte, und die wirklich für alle ausreichte. Als der König wieder im Schloss angelangt war, ließ er die beiden Ratgeber zu sich kommen. „Es war ein schlechter Rat, den ihr mir gegeben habt“ ,sagte er barsch. „Gebt mir einen anderen.“ Die Ratgeber zuckten erschreckt zusammen, doch sogleich zogen sie ihre Stirnen in tiefe Falten und dachten nach.
Und als sie nach einer Weile nachgedacht hatten, sagte der erste: „Mein König, lass diesen Jäger ins Schloss rufen und frage ihn, wo der Schlüssel zu der Truhe ist, die, die Königin hinterlassen hat. Die Königin weilt nicht mehr unter den Lebenden und so wird niemand dem Jäger sagen können, wo der Schlüssel geblieben ist.“
„Den Schlüssel zu der Schatztruhe der Königin?“ fragte der König und seine Augen blitzten begierig. „Diesen Schlüssel, o König meinen wir“ ,sagten die Ratgeber, und sie verbeugten sich tief. „Wenn euer Rat sich als gut erwiesen hat, will ich eure schlechten Ratschläge vergessen und euch für diesen reichlich belohnen“ ,sagte der König, bevor er mit einer Handbewegung, mit der gewöhnlich die Bauern ihre Hühner von den Gemüsebeeten scheuchen, die Ratgeber entließ. Dann rief der König nach einem Boten, dem befahl er, sich sogleich auf sein Pferd zu setzen und zu diesem Jäger, der drei Tage gen Osten in einer Hütte am Meeresufer lebte, zu reiten und ihn aufzufordern, vor den König zu kommen. Der Bote tat wie ihm geheißen worden war, er ritt ohne Aufenthalt drei Tage nach Osten durch den großen Wald, bis er vor der Hütte des jungen Jägers angelangt war. Dort rief er: „Im Namen des Königs! Achmed, der Jäger soll binnen sieben Tagen im Schloss sein.“ Achmed erschrak als er hörte, was der König von ihm verlangte.
Wie sollte er je wissen, wo die Königin den Schlüssel zu ihrer Schatztruhe aufbewahrt hatte, bevor sie von den Lebenden schied.
Seine Frau sagte: „Sieben Tage sind eine lange Zeit, wenn man sie recht zu nutzen weiß. Ich will dir den Weg zu der Königin zeigen, denn ich weiß den Ort, an dem sie sich seit einem Jahr befindet.“ Dann nahm die junge Frau Achmed an der Hand und lief mit ihm hinunter ans Meer. Und kaum umspielten die Wellen ihre Füße, da teilte sich das Meer und weiße Kiesel zeigten den Weg, den sie zu gehen hatten. Kaum aber hatten sie den Weg betreten, da schlugen die Wellen über ihren Köpfen zusammen, und ein schillerndes Gewölbe entstand. „Sieh dich nicht um“ ,sagte die junge Frau, „du darfst keine Zeit verlieren.“ Und als sie an einen Scheideweg kamen, fuhr sie fort: „Von jetzt an musst du alleine weitergehen. Ich werde hier auf dich warten.“
So ging Achmed allein weiter, aber als er wieder an einen Scheideweg kam, wusste er nicht, welcher der beiden Wege der rechte war, ihn seinem Ziel näher zu bringen. War denn weit und breit niemand, den er hätte fragen können? Achmed schaute sich um und da erblickte er einen Greis mit einem weißen Bart, der zwei Ochsen weidete. Achmed rief den Alten an, doch dieser schien ihn nicht zu hören. Da ging Achmed über die große, grüne Wiese, deren Gras ihm bis zu den Knien reichte. Wie staunte er aber, als er vor dem Alten stand und sah, dass die Ochsen nicht das weiche Gras der Wiese, sondern die borstigen Haare seines Bartes fraßen.
„Hat man je so etwas gesehen?“ dachte Achmed, und dann fragte er gerade heraus: „Warum lässt du es zu, dass diese Ochsen an deinem Bart fressen? Sind diese gar so dumm, ist ihr Geschmack so abgestumpft, dass sie dein Barthaar nicht vom Gras einer Wiese unterscheiden können?“ Da blickte der Greis aus seinen vom Alter getrübten Augen zu Achmed auf, seufzte tief und erzählte: „Als ich noch bei Kräften war, fuhr ich täglich mit meinen Ochsen aufs Feld. Auch mein Nachbar fuhr dahin, sein Feld lag neben dem meinen. Mittags gab er seinen Ochsen Heu. Ich aber brachte niemals Futter für die Ochsen mit, denn kaum hatte sich mein Nachbar entfernt, nahm ich sein Heu und fütterte damit meine Ochsen. Jetzt fressen die Ochsen meines Nachbarn an meinem Bart, und ich darf sie nicht fortjagen.“ Achmed wunderte sich sehr, er hätte den Alten gern von diesem Ungemach befreit, aber er musste sich eilen. Er fragte nach dem Weg der Königin, die seit einem Jahr die Erde nicht mehr betreten hatte. Der Alte wies ihm die Richtung, und der Jäger ging weiter. Nach einer Weile verhielt Achmed den Schritt. Hier bildete die See eine kleine Bucht, tief und breit, die kein Hirsch übersprungen hatte. Schon kam ein langer Mann und legte sich quer über die Bucht. Der junge Jäger wunderte sich sehr. Aber der Mann sprach: „Nur über meinen Rücken kannst du das andere Ufer erreichen. Alle, die hierher kommen, überschreiten auf meinem Rücken die Bucht!“
„Warum baut hier keiner eine Brücke?“ fragte Achmed. „Warum lässt du das mit dir machen?“ – „Lauf hinüber, dort will ich dir Antwort geben.“ Als Achmed auf dem Rücken des langen Mannes die Bucht überschritten hatte, erzählte dieser: „Jeden Tag stahl ich von einer Brücke, die Menschen im Schweiße ihres Angesichtes gebaut hatten, ein Brett, ein Nagel. Ich tat es solange, bis die Brücke zusammenfiel. Jetzt muss ich mit meinem Körper das Wasser überspannen.“ Eine wundersame Welt war das, durch die Achmed schritt, und ungewöhnliche Menschen waren es, die Achmed begegneten. Am dritten Scheideweg goss ein Milchmann im weißen Kittel die Milch von einem Eimer in den anderen und dann wieder zurück. Schweiß rann von seiner Stirn, doch fand er keine Zeit, sich den Schweiß abzuwischen. Achmed fragte nach dem Weg zur Königin, die seit einem Jahr die Erde verlassen hatte. Der Milchmann wies ihm die Richtung. Schon wollte Achmed weitergehen, da verhielt er den Schritt und fragte: „Sag guter Mann, warum schüttest du die Milch von einem Eimer in den anderen und dann wieder zurück?“ Da seufzte der Milchmann tief und erzählte: „Diese Arbeit geschieht mir ganz recht. Viele Jahre habe ich die Menschen betrogen, habe ihnen die Milch mit Wasser verdünnt. Und jetzt tue ich mein Bestes, das Wasser aus der Milch zu schütten, damit sie wieder köstlich und fett wird.“
Achmed verabschiedete sich und ging weiter.
Wie lange er ging, wie lange er über die Meereswiesen schritt, vielleicht war es eine Stunde, vielleicht aber war ein ganzer Tag vergangen, als er sich endlich seinem Ziel nahe sah, als er einen prachtvoll mit tausenderlei Blumen geschmückten Thron erblickte. Auf dem Thron saß eine Frau.
Es war die Königin. Sie hatte Achmeds Schritte vernommen und fragte jetzt: „Was hat dich in diese Welt geführt, was führt dich zu mir? Warum kamst du auf den Meeresgrund, nach einer Königin zu suchen, die schon vor einem Jahr und einem Tag die Erde verlassen hat?“ Achmed verneigte sich tief und sagte: „Verzeiht, o Königin, dass ich Eure Ruhe störe. Aber außer Euch gibt es auf der ganzen Welt niemanden, der mir helfen kann.“
„Erzähle“ ,sprach die Königin: „Wenn ich von der Wahrheit deiner Geschichte überzeugt sein werde, will ich tun, was in meiner Macht steht.“ Da erzählte Achmed der Königin, in welche Bedrängnis der König ihn gebracht habe. Er erzählte ihr von der ersten Aufgabe, die ihm schon schier unlösbar erschienen war, ,und er erzählte von der zweiten, die er ohne die Hilfe der Königin gewiss niemals zu lösen imstande sei. Die Königin hatte aufmerksam und traurig zugehört. Sie sah Achmed eine Weile schweigend an, und endlich sagte sie:
„Ich bin von der Wahrheit deiner Geschichte ganz und gar überzeugt. Und so will ich dir geben, was du brauchst, um dein Glück zu erhalten.“