Auf einem großen Hof lebte einst ein Bauer, der neben allerlei Kleinvieh sieben Ziegen sein Eigen nannte. Er galt als überaus reich, weil niemand in der ganzen Gegend solch große Anzahl an Vieh in seinem Gehege besaß. Auch war er für seinen Geiz und die Habgier allerorts bekannt. Die anderen Bauern im Umkreis beackerten ein kleines Stück Land, gerade groß genug, um notdürftig sich und ihre Familien mit Kartoffeln und Rüben zu versorgen. Einige hatten nur Federvieh wie Hühner und Gänse, von denen sie die Eier auf dem Markt verkauften. Wenn eines der Tiere zu alt zum Legen war, musste es der Besitzer schweren Herzens als Suppenbeilage verwenden, sodass die Familie weniger Einkünfte erzielte.
Der wohlhabende Bauer hatte eine liebreizende Stieftochter. Als die Mutter gestorben war, erging es dem Mädchen sehr schlecht. Es musste die Hofarbeit besorgen und beim Melken der Ziegen helfen. Es schuftete tagsüber bis spät in die Nacht und bekam außer einem kärglichen Mahl keinen anderen Lohn. Der Herr hielt seine Tochter wie eine Leibeigene und sein Herz war hart wie Stein. Sein ganzes Sinnen und Trachten galt nur der Vermehrung seines Reichtums. Als nun die Jungfer heranwuchs, freiten viele Bauernsöhne um die schöne Maid. Jedoch wurden sie von dem Bauern barsch abgewiesen, denn er wollte seine Magd nicht verlieren.
„Glaubst du gar, dass ich meine Tochter einem Habenichts zur Frau gebe?“, verhöhnte er die Bewerber. Unverrichteter Dinge zogen diese von dannen.
Eines Tages klopfte ein Handwerksbursche, der auf der Walze zu dem Hof kam, an die Tür des Hauses.
„Habt Ihr Arbeit für einen zünftigen Gesellen?“, erkundigte er sich.
„Du kannst das Gatter vom Ziegengehege ausbessern. Es liegt direkt hinter dem Haus. Das Holz ist morsch und wird dem nächsten Winter nicht standhalten“, erklärte der Bauer und zeigte dem Burschen die schadhaften Stellen. Alleine gelassen machte dieser sich, ein fröhliches Liedchen pfeifend, an die Arbeit. Um die Mittagszeit brachte ihm die Stieftochter eine Brotzeit und einen Krug mit frisch gemolkener Ziegenmilch.
„Lasst es Euch gut schmecken“, sprach sie den Handwerker mit einem traurigen Lächeln an. Der junge Bursche schaute hoch und verliebte sich sofort in das schöne Mädchen. In den folgenden Tagen ging es ihm nicht mehr aus dem Sinn. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und bat seinen Brotherrn um die Hand der Jungfer.
„Gebt mir Eure Tochter zur Frau. Ich liebe sie von ganzem Herzen und werde sie hüten wie ein kostbares Juwel“, beteuerte er.
Der Bauer lachte ihm schallend ins Gesicht.
„Soll ich einem Haderlump wie dir meine Tochter geben, wo du nicht mal ein Dach über dem Kopf hast!“, lehnte er das Ansinnen des Burschen ab. „Aber, wenn du mir innerhalb von sieben Tagen als Brautgabe sieben Ziegen zu meinen eigenen bringst, so soll am letzten Tag meine Tochter dein werden“, fügte er spöttisch hinzu.
Hoffnungslos ging der Jüngling zum Gehege zurück und betrachtete die stattlichen Ziegen. „Wo soll ich nur sieben Ziegen herbekommen?“, überlegte er niedergeschlagen.
Plötzlich hatte er eine Idee. Er sägte eine Öffnung in das Holzgatter und befestigte von außen an dem Zaun einen kleinen Riegel, welcher innerhalb des Geheges nicht sichtbar war. Dann lehnte er das ausgesägte Holzstück vor die Öffnung und verschloss sie wieder. Danach legte er sich in die Scheune zum Schlafen. Am nächsten Tag in der Früh fing er eine Ziege ein und führte sie an einem Strick zur Vordertür des Bauern.
„Hier bring ich Euch die erste Ziege.“
Der Bauer schaute verdutzt auf die Ziege und wunderte sich, wo der Bursche diese wohl hergeholt hatte. Jedoch machte er sich weiterhin keine Gedanken, nahm das Tier und brachte es durchs Haus nach hinten in die Umzäumung. Am zweiten Tag ging der Handwerksgeselle wieder von außen in das Gehege, suchte eine Ziege aus und brachte sie zur vorderen Türe. Der Bauer nahm die Ziege am Strick, gab sie seiner Stieftochter und befahl ihr unwirsch:
„Bring sie nach hinten ins Gehege!“ Das Mädchen, welches nichts von dem Handel um seinetwillen ahnte, brachte das Tier durchs Haus, öffnete die Hintertüre und schob es hinaus zu den anderen.
So geschah es auch an den folgenden Tagen. Der Bauer ärgerte sich einerseits, dass der Handwerksbursche seine Forderung zu erfüllen vermochte, wollte aber andererseits nicht auf die zusätzlichen Ziegen verzichten. Seine Habgier war so groß, dass er die Tiere immer wieder flink an seine Tochter weiterreichte. Sie sollte diese durch die Hintertür ins Gehege führen, damit sie möglichst schnell aus dem Blickwinkel des jungen Mannes verschwunden waren und der es sich nicht doch noch anders überlegen konnte.
Am siebten Tag packte der Bauer die letzte Ziege bei den Hörnern, riss die Hintertüre auf und stieß das Tier hinaus ins Freie. Wütend schrie er dabei:
„Nun gut, da du meine Bedingung erfüllt hast, soll die Hochzeit stattfinden.“ Und da er sich nicht lumpen lassen wollte, ließ er ein prachtvolles Fest ausrichten, zu dem alle anderen Bauern der umliegenden Höfe geladen waren. Voller Stolz führte er die Gäste ins Ziegengehege, um mit seinem Reichtum zu prahlen und die Besucher vor Neid erblassen zu lassen.
„Schaut euch meine vierzehn prächtigen Ziegen an. Durch den Verkauf von Milch und Käse werden sie mir viele Dukaten einbringen“, verkündete er großspurig.
Die Gäste hielten sich vor Lachen ihre kugelrunden Bäuche.
„Bist du vor lauter Habgier schon so verblendet, dass du nicht mehr zählen kannst?“, spotteten sie. „Wir sehen nur sieben Ziegen!“
Zornig erkannte der Bauer, dass er sich von dem Handwerksburschen hatte übertölpeln lassen und nun die Hochzeit nicht mehr rückgängig zu machen war. Der Pfiffikus hatte ihm Tag für Tag die eigenen Ziegen zur Vordertür gebracht.
Der einfältige Bauer hatte nicht nur das Gespött der anderen zu ertragen, sondern auch seine Stieftochter verloren. Fortan musste er allein den Hof und die Ziegen versorgen.
Die junge Frau aber ging mit dem schmucken Handwerksburschen auf die Walze. Er bot den Bauern seine Dienste feil und das Mädchen verdingte sich als Magd. Und so lebten sie zufrieden von dem, was sie für ihre Hände Arbeit bekamen.