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minuk

Märchenwichtel

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Freitag, 7. Juli 2006, 22:59

Der hölzerne Adler

Vor langer Zeit lebte einmal ein Zar in einem großen Zarenreich. Er hatte viele, viele Diener; sie waren jedoch keine einfachen Bediensteten, sondern verschiedene Handwerksmeister: Tischler, Töpfer und Schneider. Der Zar wollte gern Kleider haben, die besser genäht waren als die anderer Leute, er wollte Geschirr, das besonders kunstvoll bemalt war, und ein mit Schnitzwerk geschmücktes Schloß.
Es gab unzählig viele Meister am Zarenhof.
Sie versammelten sich alle jeden Morgen im Vorsaal des Schlosses und warteten, welche Arbeit der Zar ihnen auftragen würde. Und so geschah es eines Tages, daß sich vor der Tür zum Gemach des Zaren ein Goldschmied und ein Tischler trafen. Sie begannen zu streiten, wessen Arbeit die schwierigere sei.
Der Goldschmied sprach: "Mit deiner Meisterschaft ist es nicht weit her; du sitzt an dem Holz und stellst hölzerne `Dinge her. Ich aber habe eine feine Arbeit, ich mache alles aus reinem Gold, so daß es eine Freude für das Auge ist."
Der Tischler antwortete: "Es ist kein Kunststück, etwas Kostbares anzufertigen; denn das Gold allein ist schon wertvoll. Stell doch einmal einen Gegenstand aus Holz her, den alle bestaunen. Dann will ich wohl glauben, daß du ein Meister bist." So stritten sie, und es wäre fast zu einem Handgemenge gekommen aber da trat der Zar ein. Er vernahm diese Unterhaltung, lachte hochmütig und befahl: "Jeder von euch soll mir etwas ganz Besonderes anfertigen der eine aus Gold, der andere aus Holz. Ich werde mir beides ansehen und entscheiden, wer von euch der bessere Meister ist. Ich gebe euch eine Woche Frist."
Mit einem Zaren soll man nicht streiten, wenn einem das Leben lieb ist. So gingen denn die Meister nach Hause, jeder dachte lange darüber nach, wie er den anderen übertreffen könne.
Nach einer Woche kamen die beiden Meister in das Schloß, stellten sich mit den anderen in einer Reihe auf und erwarteten den Zaren. Jeder hielt ein Bündel in den Händen.
Der Zar erschien und sprach: "Nun zeigt eure Kunst, ihr tüchtigen Meister!" Er befahl, auch die Zarin und seinen jungen Sohn, den Zarewitsch, in den Saal zu führen. "Mögen auch sie eure Wunder ansehen." Der Zar und die Zarin setzten sich auf den Thron, und der Zarewitsch stellte sich neben sie. Zuerst trat der Goldschmied hervor. " Geliebter Zar, befehlt, daß man einen Zuber mit Wasser herbringt!"
Man trug einen großen Zuber herbei und füllte ihn mit Wasser. Der Meister öffnete sein Bündel, nahm eine goldene Ente heraus und setzte sie auf das Wasser. Die Ente begann zu schwimmen, ganz so, als wäre sie lebendig. Sie drehte den Kopf, schnatterte und putzte ihre kleinen Federchen mit dem Schnabel. Dem Zaren blieb der Mund vor Verwunderung offen, und die Zarin rief: "Aber das ist ja eine lebendige Ente und nicht eine aus Gold! Er hat bestimmt eine lebendige Ente mit Gold überzogen!"
Der Meister war gekränkt. "Wie kann es denn eine lebendige Ente sein? Befehlt mir, daß ich sie in ihre einzelnen Teile zerlege und wieder zusammensetze."
Er nahm die Ente aus dem Zuber, schraubte ihr zuerst die kleinen Flügel ab, dann den Kopf, und schließlich zerlegte er den Rest in kleine Stücke. Die einzelnen Teile breitete er auf dem Tisch aus und begann von neuem, alles zusammenzuschrauben. Dann setzte er die Ente wieder auf das Wasser. Und siehe da, sie schwamm noch besser als zuvor.
Alle Hofleute klatschten in die Hände und riefen; "Das ist ein Meister! Er hat ein Wunder vollbracht! In unserem ganzen Leben haben wir so etwas noch nicht gesehen!"
Der Zar wandte sich an den Tischler.
"Nun zeig du deine Kunst!"
Der Tischler verneigte sich.
"Möge Eure Kaiserliche Hoheit befehlen, das Fenster zu öffnen!" Es wurde geöffnet. Der Tischler wickelte sein Bündel auf und nahm einen hölzernen Adler heraus. Dieser war so geschickt angefertigt, daß man ihn nicht von einem lebenden unterscheiden konnte. Der Tischler sagte: "Die Ente aus Gold kann nur auf dem Wasser schwimmen, aber mein Adler erhebt sich sogar in die Wolken.
" Er setzte sich rittlings auf den Adler und drehte an einer Schraube. Der Vogel erhob sich mit ihm und trug ihn durch die Luft aus dem Saal hinaus. Alle stürzten an die Fenster und schauten ihm sprachlos nach, während der Tischler über dem Zarenschloß in der Luft mehrere Kreise zog. Drehte er die Schraube nach links, glitt der Adler herab, drehte er sie nach rechts, erhob er sich. Dem Zaren rutschte vor Staunen die Krone in den Nacken, er sah aus dem Fenster und konnte sich von dem Anblick nicht losreißen. Alle ringsum standen wie erstarrt. Eine solche Meisterschaft hatte noch keiner bisher gesehen.
Der Tischler kreiste in der Luft und flog dann in den Saal zurück. Er stellte den Adler beiseite, trat an den Zaren heran und fragte: "Nun, geliebter Zar, seid Ihr mit meiner Kunst zufrieden?"
"Ich bin so zufrieden, daß ich keine Worte dafür finde", antwortete der Zar. "Wie hast du das fertiggebracht? Und wie hast du die Schraube daran angebracht?"
Während der Tischler dem Zaren alles erklärte, begann auf einmal die Zarin zu wehklagen und zu schreien: "Wohin willst du? Wohin denn? Ach fangt ihn doch, haltet ihn!"
Alle wandten sich nach der Zarin um: Während der Zar mit dem Tischler sprach, hatte sich der junge Zarensohn auf den Adler geschwungen, hatte an der Schraube gedreht und war aus dem Fenster auf den Hof geflogen.
"Komm sofort zurück! Wohin willst du? Du wirst verunglücken!" schrien ihm der Zar und die Zarin nach. Aber der Zarensohn winkte mit der Hand und flog über den silbernen Zaun, der das Schloß umgab. Er drehte die Schraube nach rechts, da erhob sich der Adler über die Wolken und entschwand den Blicken.
Die Zarin lag ohne Bewußtsein, und der Zar erzürnte sich. "Das hast du dir absichtlich ausgedacht, um unseren einzigen Sohn zu vernichten", fuhr er den Tischler an. "He, Wächter, ergreift ihn und werft ihn in den Kerker! Und wenn unser Sohn nicht in zwei Wochen zurückkehrt, so hängt den Tischler an den Galgen!"
Wächter ergriffen den Tischler und warfen ihn in ein dunkles Verlies.
Währenddessen flog der Zarensohn auf dem hölzernen Adler immer weiter.
Es war köstlich! Ringsum war alles weit und frei. In den Ohren brauste der Wind und ließ seine Locken flattern, unter seinen Füßen flogen die Wolken vorbei, und der Zarensohn fühlte sich frei wie ein Vogel. Er richtete seinen Flug, wohin es ihn gelüstete.
Gegen Abend kam er in ein unbekanntes Zarenreich und ließ sich am Rande einer Stadt zur Erde hinab. Dort hatte er eine kleine Hütte bemerkt. Er klopft an die Tür. Eine alte Frau blickte heraus.
"Laß mich ein, Großmütterchen, damit ich bei dir übernachten kann", sagte der Zarewitsch. "Ich bin hier fremd und kenne niemanden, bei dem ich bleiben könnte."
"Warum sollte ich dich nicht einlassen, Söhnchen. Komm herein, hier ist viel Platz. Ich wohne allein."
Der Zarensohn schraubte den Adler auseinander, bündelte die Teile und betrat das Haus.
Die Alte bewirtete ihn mit einem Abendbrot. Der Zarensohn fragte, was das für eine Stadt sei, wer darin wohne und welche Sehenswürdigkeiten es dort gebe.
Darauf antwortete die Alte: "Wir haben ein Wunder in unserem Land, Söhnchen. Inmitten der Stadt erhebt sich das Zarenschloß, und neben dem Schloß steht ein hoher Turm. Dieser Turm ist mit dreißig Schlössern verriegelt, und seine Tore werden von dreißig Wächtern behütet. Man läßt niemanden in diesen Turm hinein, weil dort die Tochter des Zaren wohnt. Gleich nachdem sie geboren wurde, schloß man sie mit ihrer Amme in jenen Turm, damit niemand sie sehe könne. Der Zar und die Zarin fürchten, daß sie sich in einen Mann aus einem fremden Land verliebt. Aber sie möchten sich nicht gern von ihr trennen; denn sie ist ihre einzige Tochter. So lebt nun das Mädchen in dem Turm wie in einem Gefängnis.
"Ist es denn wahr, daß die Zarentochter schön ist?" fragte der Gast.
"Das weiß ich nicht, Söhnchen, ich habe sie nicht gesehen, aber die Leute sagen, daß sich ein Mädchen von solcher Schönheit in der ganzen Welt nicht mehr findet."
Den Zarensohn gelüstete es, in den verbotenen Turm einzudringen. Er legte sich schlafen, sann aber während der ganzen Nacht darüber nach, wie er die Zarentochter von Angesicht sehen könne. Am anderen Abend, als es dunkelte, setzte er sich auf seinen hölzernen Adler, flog an den Turm heran und klopfte an das Fenster der Kemenate.
Die Zarentochter erschrak. Einen jungen Burschen von so unbeschreiblicher Schönheit hatte sie noch nie gesehen.
"Wer bist du, guter Jüngling?" fragte sie.
"Öffne das Fenster, dann will ich es dir erzählen."
Das Mädchen öffnete das Fenster, und der hölzerne Adler flog in das Zimmer. Der Zarensohn glitt herunter, begrüßte das Mädchen und erzählte ihr, wie er hierhergekommen sei.
So saßen sie, blickten einander an und konnten sich gar nicht satt sehen. Da fragte der Zarensohn das Mädchen, ob es seine Frau werden wolle. "Das will ich schon", sagte die Zarentochter, "aber ich fürchte, mein lieber Vater und meine liebe Mutter werden mich nicht fortlassen."
Die böse Amme, die die Zarentochter bewachte, hatte aber alles gehört. Sie lief in das Schloß und sagte: "Da ist jemand zur Zarentochter geflogen gekommen und hält sich im Haus einer alten Frau verborgen." Sofort kam die Wache herbeigelaufen, ergriff den Zarensohn und
schleppte ihn in das Schloß. Dort saß der empörte Zar auf dem Thron und stampfte mit seinem Zepter auf den Boden.
"Der Teufel soll dich holen, Räuber, wie konntest du dich erfrechen, mein Zarengebot zu übertreten? Morgen werde ich dich hinrichten lassen!"
Man warf den Zarensohn in das Gefängnis und verschloß es mit starken Schlössern. Am nächsten Morgen versammelte sich das ganze Volk auf dem Platz vor dem Schloß. Es wurde verkündet, daß der freche junge Bursche, der den Zarenbefehl übertreten hatte, hingerichtet würde. Da kam auch schon der Henker, der Galgen wurde aufgestellt, und der Zar und die Zarin erschienen, um der Hinrichtung beizuwohnen.
Man führte den Zarensohn auf den Platz hinaus. Er wandte sich an den Zaren und sprach: "Erlaubt mir, eine letzte Bitte auszusprechen."
Der Zar runzelte die Stirn.
"Also, sprich!"
"Befehlt einem Eilboten, in das Haus der Alten zu laufen, bei der ich gewohnt habe, und mir mein Bündel, das unter dem Kopfkissen liegt, herzubringen."
Das konnte ihm der Zar nicht gut abschlagen, und so schickte er einen Eilboten. Dieser brachte das Bündel. Indessen hatte man den Zarensohn schon an den Galgen herangeführt und auf die Stufen gestellt. Dorthin reichte ihm der Eilbote das Bündel. Der Zarensohn wickelte es auf, schwang sich auf den hölzernen Adler und flog über dem Galgen, über dem Zaren und über der ganzen Menge in die Höhe.
Der Zar schrie auf: "Fangt ihn! Haltet ihn! Er fliegt davon!"
Indessen lenkte der Zarensohn den Adler zu der Turmkemenate, flog an das bekannte Fenster heran, ergriff die Zarentochter und setzte sie vor sich auf den Adler.
"Wir brauchen keine Verfolgung zu fürchten". sagte er. und der Adler führte sie in Windeseile in sein heimatliches Reich zurück.
Dort schaute inzwischen der arme Tischler aus dem Verlies. Er wandte keinen Blick vom Himmel, um zu sehen, ob der Zarensohn nicht zurückkäme. Am nächsten Tag waren zwei Wochen vergangen, und der Meister mußte am Galgen hängen, wenn der Zarensohn bis dahin nicht zurückkehrte.
Jetzt gewahrte der Tischler plötzlich den hölzernen Adler, der am Himmel dahinflog. Auf ihm saß der Zarensohn, und nicht einmal allein, sondern mit einer wunderschönen Braut.
Der Adler ließ sich mitten im Schloß herab. Der Zarensohn hob sein Braut herunter und führte sie zu seinem Vater und seiner Mutter. Er erzählte ihnen, wie er die zwei Wochen verbracht hatte. Da verziehen ihm die Eltern in ihrer großen Aufregung und Freude.
Der Zar veranstaltete ein großes Festmahl.
Aber dem Tischler befahl er sehr streng, nicht mehr solche Wunderwerke zu erfinden. Die Zaren wußten die Meisterschaft nicht zu schätzen. Dafür standen aber die Tischler beim Volk in hohem Ansehen.

Quelle:
(Ein Russisches Märchen)
LG
minuk

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