Als der Räuber zusammen mit dem Aufseher kam, um sein unglückliches Opfer zu quälen, entdeckte er plötzlich Rustam. "Das ist ja großartig! Wer hat denn mein Zimmer der Drangsal in ein Zimmer der Barmherzigkeit verwandelt? He?" Und er krümmte sich vor Lachen. Rustam schwieg. Der Räuber sprang auf Rustam zu und brüllte: "Wer bist du, Milchgesicht? Sprich! Sonst stirbst du, und wir werden nicht einmal wissen, wer du bist!" Ohne ein Wort zu sagen, hob Rustam die Faust und versetzte dem Räuber so einen Schlag vor die Brust, dass dieser sich ein paar Mal um sich selbst drehte, hinfiel und den Moscheeaufseher fast erdrückte. Den Räuber packte die Wut. Er wollte sich erheben, doch sein Wanst hinderte ihn. Er drehte und wälzte sich und drückte den Aufseher zu Tode. Endlich kam er mit Mühe hoch, zog seinen Säbel und drang auf Rustam ein. Der Dshigit packte die Tonwanne und schlug den Räuber mit ihr nieder, entriss ihm den Säbel und tötete ihn.
Mittlerweile kam das Mädchen zu sich. Leise bewegten sich seine langen Wimpern, und, kaum atmend, befeuchtete es seine vertrockneten Lippen ein wenig mit der Zunge. Rustam schöpfte eine Handvoll Wasser und führte es dem Mädchen an den Mund. Es tat ein paar Schlucke, sah den Jüngling dankbar an und fragte ängstlich: "Wer bist du, tapferer Dshigit? Warum bist du hergekommen? Ich bin doch zum Tode verurteilt. Lauf von hier weg und rette dich! Wenn sie erfahren, dass du mich befreien wolltest, quälen sie dich zu Tode!" Rustam sah das Mädchen an und sagte: "Du bist frei. Niemand wird dich mehr bedrängen."
Das Mädchen wollte ihm aber nicht glauben. "Warum willst du mich trösten? Ich werde das Tageslicht nie mehr zu Gesicht bekommen. Schon so viele Jahre sind vergangen, und niemand, der diesem Ungeheuer in die Fänge geriet, konnte seine Seele retten. Wegen seiner Grausamkeit und Blutgier nennt man diesen Räuber ja den Quäler. Alle Menschen in unserem Lande fürchten ihn. Mit seinem Namen macht man den kleinen Kindern Angst. Nicht einmal tausend mutige Recken können gegen seinen Säbel etwas ausrichten." Rustam zeigte dem Mädchen den Säbel, den er dem Räuber weggenommen hatte, und fragte: "Kennst du diesen Säbel?" Das Mädchen erzitterte. "Woher hast du ihn?" Da zeigte ihr Rustam die Grube, in die der tote Räuber und der Aufseher gefallen waren. Freudig kreuzte das Mädchen die Arme auf der Brust, schlug ihre langen Wimpern nieder und sagte: "Ruhm dir, du Recke aus dem Sonnenland!" Über diesen Ausspruch wunderte sich Rustam: "Warum nennst du mich Recke aus dem Sonnenland?" Da sagte das Mädchen: "Nicht nur ich, sondern alle Menschen nennen dich so. Dein Name ist Rustam, du bist Holzfäller. Von dir hat mir mein Großvater erzählt. Und ich heiße Blume des Morgenrots. Komm mit, ich muss dich unserem ganzen Volke zeigen und von deiner Ruhmestat berichten!"
Die Blume des Morgenrots führte Rustam zur Stadt. Als der Tag anbrach, gelangten sie an die Stadtmauer. Am Tore hatten sich viele Menschen eingefunden. Man hörte Stöhnen und Weinen. Manche zerrissen ihre Kleider, andere schlugen jammernd ihre Köpfe an Steine. Wieder andere suchten sie zu beschwichtigen. "Wir können ja nichts machen, also müssen wir es dulden." In einiger Entfernung sah man einen Hügel, auf dem ein Knabe von etwa vierzehn Jahren mit einem Lämmchen stand. Dem Knaben und auch dem Lämmchen hatte man die Augen verbunden. Ein paar Leute aus der Menge wollten zu dem Knaben, aber man hielt sie fest. Da Rustam nicht verstehen konnte, was vor sich ging, fragte er das Mädchen: "O Blume des Morgenrots! Erkläre mir, was hier geschieht." Das Mädchen wandte sich Rustam zu, aus ihren Augen perlten Tränen über die Wangen. "Wäre ich lieber nie geboren!" weinte sie. "Dann würde ich dieses Jammern und Stöhnen nicht hören. Schon seit zwei Jahren erfüllt unser Volk tagaus, tagein diese Pflicht." Rustam war höchst verwundert: "Enthülle mir doch dieses Geheimnis, Blume des Morgenrots! Was für eine Pflicht müsst ihr täglich erfüllen?" Und das Mädchen erklärte ihm: "Vor Jahren ist in unserem Lande ein Drache aufgetaucht. Viele Familien hat er schon unglücklich gemacht. Viel Vieh hat er gefressen. Und die Stadt kann sich von ihm nicht befreien. Der Drache lebt hinter diesem Hügel. Jeden Morgen will er, da er hungrig ist, unsere Stadt überfallen. Man stellt ihm ein Kind und ein Schaf auf seinen Weg. Er frisst sie, lässt die Stadt in Ruhe und kehrt in seine Höhle zurück. Tagtäglich zollen die Menschen unserer Stadt diesem Drachen ihren Tribut. So wurde es festgesetzt. Es ist gerade ein Jahr her, dass man ihm meine jüngere Schwester Tscherragul auslieferte. Auch heute musste einer der Stadtbewohner ihm seinen Knaben opfern. Darum jammert das Volk."
In diesem Augenblick hörte man aus der Menge Schreie und Verwünschungen. Die Blume des Morgenrots konnte Rustam nur zurufen: "Da ist der Drache! Er schleicht sich auf den Knaben zu!", dann fiel sie ohnmächtig zu Boden. Rustam sah ein scheußliches schwarzes Ungeheuer auf den Knaben zu kriechen. Das Lamm witterte den Drachen und begann an seinem Strick zu zerren. Der Knabe schrie kläglich. Da stürzte sich Rustam zum Hügel. Schon war der Drache in der Nähe des Knaben. Doch Rustam fuhr dazwischen und hieb mit seinem Säbel so wuchtig auf den Drachen ein, dass dessen Kopf davon rollte. Der Knabe fiel Rustam um den Hals und schmiegte sich fest an ihn. Die Menschen waren vor Freude außer sich. Aus der Menge kam ein hoch gewachsener Greis mit schneeweißem Bart und fragte:
"Wer bist du, edler Recke? Du hast uns von unserem Unheil erlöst, unseren Gram verscheucht und unseren Herzen Licht gegeben!" Indessen war die Blume des Morgenrots zu Bewusstsein gekommen, erhob sich und ging auf Rustam zu. Bei ihrem Anblick rief der Greis voller Freude: "Meine liebe Enkeltochter! Du lebst! Wer hat dich von deinen Qualen befreit?" Der Greis umarmte das Mädchen und brach in Tränen aus. Da wies die Blume des Morgenrots auf Rustam: "Er ist es, der euch aus dem Unheil erlöst und mich befreit hat. Er hat den Quäler überwunden, den Drachen getötet und uns die Tür zu einem glücklichen Leben aufgetan. Er, den ihr in euren Liedern besungen habt, ist der Holzfäller Rustam, der Recke aus dem Sonnenland!" Die Menschen führten Rustam in ihre Stadt und feierten ihre Befreiung mehrere Tage lang.
Rustam aber dachte die ganze Zeit an seinen alten Vater. Er erzählte dem Großvater des Mädchens von seinen Freunden und von den Feinden, die sich als gekränkte Frauen verstellt und ihn betrogen, gefesselt und fortgeschleppt hatten. "Gebt mir einen Rat, wie ich zu meinem Vater zurückkehren kann!" bat er. Der Greis wusste, dass dies sehr schwer war. Darum sagte er: "Ach, edler Jüngling! Noch nie ist jemand von uns in das Sonnenland gelangt. Nur unsere Vorfahren haben erzählt, dass irgendwo linker Hand von unserer Stadt hohe Berge stehen. Man nennt sie die Vierzig Gipfel. Von dort führt ein Weg in das Sonnenland, aber niemand kennt ihn. Schon viele Menschen sind in diesen Bergen umgekommen, denn der Weg ist sehr gefährlich. Es wimmelt von wilden Tieren. Um diese Berge zu durchqueren, muss man vor allem vierzig spiegelglatte Felsen erklimmen. Jeder dieser Felsen ist an die zweihundert Ellen hoch. Schlag dir das lieber aus dem Kopf! Bleibe bei uns, du wirst unser Held sein. Wir wollen uns von dir nicht trennen." Rustam kreuzte die Arme auf der Brust, verneigte sich vor dem Alten und antwortete: "Das größte Glück auf Erden besteht für mich darin, den Menschen Gutes zu tun. Dort aber sind mein Vater und jene Menschen zurückgeblieben, die mich aufgezogen haben. Was mag mit ihnen geschehen sein, nachdem man mich verschleppt hat? Solange ich das nicht weiß, findet mein Herz keine Ruhe." Als der Greis diese Worte hörte, stimmte er ihm zu. Am Morgen kam die ganze Stadt, um Rustam das Geleit zu geben. Der Stadtaksakal küsste ihn auf die Stirn und schenkte ihm einen riesigen Bogen, den er noch von seinem Großvater geerbt hatte, mit den Worten: "Möge dieser Bogen dein Weggefährte sein und dich an uns erinnern!"
So nahm Rustam Abschied und trat seinen Weg an. Er durchwanderte Steppen und Wüsten, bis er zu jenen furchtbaren Bergen gelangte, die der Greis ihm beschrieben hatte. Sie waren so hoch, dass ihre Gipfel die Wolken stützten. Beim Anblick der spiegelglatten Felsen hätte ein jeder gesagt, dass niemand sie zu erklimmen vermag. Rustam setzte sich nieder und überlegte, was zu tun sei. Plötzlich vernahm er ein schreckliches Gebrüll. Er blickte empor und sah eine Löwin mit aufgerissenem Rachen auf ihn zustürzen. Rustam sprang auf, spannte die Bogensehne und zielte. Da blieb die Löwin stehen und flehte: "O Mensch! Hilf mir! Errette meine Kinder vor dem Tode!" Sie kam auf Rustam zu und neigte den Kopf zu seinen Füßen. Er streichelte ihren Kopf und fragte: "Welche Hilfe erwartest du von mir, Königin der Tiere? Sprich! Ich will dir helfen." Die Löwin führte Rustam in die Berge. Da sah er am Eingang einer Höhle einen Skorpion von der Größe eines Ochsen. Zwei kleine Löwenkinder drückten sich voller Grauen in einen Winkel der Höhle. Rustam schoss einen Pfeil ab und traf den Kopf des Skorpions. Dann sprang er auf das Scheusal zu und schlug ihm mit seinem Säbel den Stachel ab. Aus der Höhle eilten die erschrockenen kleinen Löwen zu ihrer Mutter. Rustam war so erschöpft, dass er sich hinlegte und sofort einschlief. Die Löwin ließ ihre Jungen neben Rustam und ging in die Höhle, um ihnen Futter zuzubereiten. Die kleinen Löwen wurden wieder vergnügt und spielten. Bald danach erschien ein Löwe, der zwischen den Zähnen einen Widder schleppte. Schon wollte er sich auf Rustam stürzen und ihn zerreißen, doch da riefen die Löwenkinder: "Vater, rühr diesen Menschen nicht an! Er hat uns vor dem Tode errettet!" Der Löwe wunderte sich. In diesem Augenblick kam die Löwin aus der Höhle, erzählte alles und zeigte ihm den getöteten Skorpion.
Als Rustam am Abend erwachte, erblickte er ringsum die ruhenden Löwen. Er stand auf und verneigte sich vor dem großen alten Löwen mit mächtiger Mähne. Das war der Aksakal aller Löwen in den Bergen. Der Löwe richtete sich auf, schritt auf Rustam zu, legte ihm die Vordertatzen auf die Schultern und sagte: "Du bist ein Held! Du hast unseren Feind, den Skorpion, getötet, der unser Leben bedrohte und unsere Nachkommenschaft vernichten wollte. Sage uns, womit wir dir helfen können und welchen Wunsch wir dir erfüllen sollen!" Wieder verneigte sich Rustam und gestand: "Ich habe nur einen Wunsch, meinen Vater zu sehen und zu erfahren, wie es ihm geht." - "Und wo ist er?" fragte der Löwenälteste. "Er lebt im Sonnenland." Die Löwen schwiegen und überlegten lange. Nach einer Weile hob der Aksakal den Rachen und brüllte mit furchtbarer Stimme. Da kam ein kleiner Löwe mit kurzen, dicken Beinen herbeigelaufen. Der Löwenälteste befahl ihm: "Trage diesen Jüngling auf den Gebirgspaß und zeige ihm den Weg! Bringe, wenn du zurückkommst, ein Zeichen mit, dass er heil und wohlbehalten angelangt ist!" Zum Abschied mahnte er: "Wohlauf, tapferer Recke! Dein Weg ist sehr gefährlich. darum musst du genau befolgen, was dir der Löwe, der dich trägt, sagen wird. Unterlässt du es, kann dir großes Unheil widerfahren. Wenn dein Fuß den Boden des Sonnenlandes berührt, schick uns eine Nachricht! Erst dann werden unsere Herzen Ruhe finden." Rustam nahm sich die Mahnung zu Herzen und schwang sich rittlings auf den Löwen. Spielend gaben ihnen die anderen das Geleit.
Der Löwe mit Rustam auf dem Rücken schoss dahin wie ein Pfeil.
Während er über die Berge eilte, stieß er ab und zu ein furchtbares Gebrüll aus. Als Antwort vernahm man von allen Seiten vielerlei Stimmen. Gern hätte Rustam erfahren, was sie bedeuteten, und fragte: "Sage mir, König der wilden Tiere, was für Stimmen wir da hören!" Der Löwe aber entgegnete: "Es ist nicht an der Zeit, solche Fragen zu stellen, junger Recke! Halte dich an meiner Mähne fest und schweige, sonst könntest du dich und mich zugrunde richten." Weiter eilte der Löwe, während Rustam immer neue Stimmen vernahm - bald sangen Vögel, bald stöhnte jemand, bald leuchtete ein Blitz und der Donner grollte, bald hörte man irgendwo eine Laute klingen oder den Gesang von Mädchenstimmen. Rustam quälte die Neugier, und er fragte den Löwen abermals: "Erkläre mir, was das alles bedeutet!" Der Löwe aber versetzte: "Um deines Vaters willen, der im Sonnenland zurückgeblieben ist, schweig!" So musste Rustam schweigen, während ringsum eine Finsternis herrschte, dass man die Hand vor den Augen nicht sah. Hätte sich Rustam nicht, so fest er konnte, an die Löwenmähne geklammert, wäre er längst heruntergefallen. Plötzlich befahl der Löwe: "Jetzt, junger Recke, schließe deine Augen und öffne sie nicht, bevor ich es dir erlaube! Wenn du schon ein so schwieriges Werk vollbringen willst, dann halt aus! Du musst dafür vor deinen und meinen Freunden Rede und Antwort stehen." Rustam schloss die Augen und schlang seine Arme fest um den Hals des Löwen. Noch schneller flog der Löwe dahin und stieß ein Gebrüll aus, wie Rustam es nie zuvor gehört hatte. Vom Schweiß des Tieres war Rustams Kleidung zum Auswringen nass geworden.
Unvermittelt machte der Löwe halt und befahl: "Steig ab!" Rustam gehorchte, schlug seine Augen aber nicht auf. "Mach die Augen auf!" Rustam gehorchte und sah, dass sie beide auf einem Bergesgipfel standen. Ringsum breitete sich eine Ebene aus. Der Ort war zwar menschenleer, aber anmutig: Gras grünte, überall blühten Rosen, und in den Aryks plätscherte klares Wasser. Entzückt fragte Rustam: "Wessen Land ist das? Wer lebt hier?" Der Löwe war so erschöpft, dass er nicht antworten konnte. Er labte sich an einem Wassergraben. Danach kam er wieder zu Kräften, trat an Rustam heran und begann: "Jetzt hör mich an, junger Recke! Ich will dir das Geheimnis lüften. Die Lieder, das Stöhnen und die fröhlichen Schreie, die du unterwegs gehört hast - das alles sind Stimmen von Menschen des Sonnenlandes. Durch diese Stimmen gaben sie einander von sich Kunde. Manche stöhnten, andere lachten, und an der Stelle, wo ich dir befahl, die Augen zu schließen, konnte man sehen, wie es deinen Freunden geht. Du willst wissen, wem der Boden in diesen Bergen gehört. Es ist ein verzauberter Boden. Außer dir hat ihn noch keines Menschen Fuß betreten. Stets haben meine Väter, Vorväter und ich dieses Land gehütet. Nicht einmal andere Löwen unserer Sippe wagen sich hierher. Es wird die Zeit kommen, da ein Herr über dieses Land erscheinen und alle diese rätselvollen hohen Berge in einen Garten verwandeln wird." Gespannt hörte Rustam zu, schließlich wagte er die Frage: "Wer ist dieser Herr und wann wird er kommen?" - "Das lässt sich schwer sagen. Aber unsere Vorväter erzählten in ihren Legenden, dass die Sonne auch dieses finstere Land mit ihren Strahlen erhellen wird.
Jetzt leb wohl, junger Recke, unsere Wege trennen sich. Du ziehst vorwärts, während ich zu den Meinen zurückkehre." - "Ich soll dir aber doch irgend etwas zurücklassen. Was soll es sein?" Der Löwe führte Rustam an den Fuß eines Felsens und zeigte ihm die Wurzel eines großen Baumes, die wohl achtzig Ellen aus der Höhe herabhing. "An der Wurzel dieses Baumes musst du empor klimmen. Dieser Baum hat eine Höhlung. Wirf mir, wenn du den Berg erklommen hast, ein wenig Erde aus dieser Höhlung herab! Sie gilt bereits als Erde des Sonnenlandes." Als Rustam hörte, wie nahe das Sonnenland sei, freute er sich, als hätte er seinen Vater schon in die Arme geschlossen. Kaum aber hatte er die Wurzel genauer betrachtet, erschrak er, denn er wusste nicht, wie er sie erreichen, konnte. Von der Erde bis zu ihr waren es gut zwanzig Ellen. Der Löwe bemerkte Rustams Zaudern und schlug vor: "Setz dich auf meinen Rücken, ich bringe dich ein wenig näher." Wieder saß Rustam auf, und der Löwe machte einen kühnen Sprung. Mit beiden Händen klammerte sich Rustam an die Wurzel und zog sich empor. Er fand die Baumhöhle, die der Löwe erwähnt hatte, nahm ein wenig Erde heraus, wickelte sie in ein Tüchlein und warf sie hinab. Er winkte dem Löwen nach und wanderte durch das Gebirgstal.
Am nächsten Morgen sah er seinen heimatlichen Wald. Die Wurzel, an der Rustam empor geklommen war, gehörte nämlich zu einem Baum, unter dem sich sein Vater an den Abenden immer von des Tages Mühe ausgeruht hatte. Da gewährte Rustam die Bärin. Sie hatte den Kopf zur Seite geneigt, während ihr Junges sie mit den Vorderpranken umarmte. Kaum hatte die Bärin Rustam erblickt, schrie sie Auf, stürzte ihm entgegen und drückte ihn an ihre Brust. Tränen liefen ihr aus den Augen. "Um uns steht es schlimm", klagte sie. "Die Wächter des Chakims sind gekommen, haben den Wald angezündet und deinen Vater mit allen Holzfällern gefesselt und weggeführt. Die Hirten erzählen, der Chakim habe das ganze Volk für heute Abend zusammengerufen, damit die Leute sähen, wie dein Vater und alle Freunde gehängt werden." In der Tat fand sich das ganze Volk am Abend auf dem großen Stadtplatz ein. Viele wollten den Unglücklichen helfen, wussten aber nicht wie. Doch es gab auch solche, die Festkleidung angelegt hatten und prahlend hoch zu Ross saßen. Einige waren auf Wagen gekommen, um sich anzusehen, wie die Unglücklichen am Galgen sterben würden. In der Nähe des Galgens standen Eisenkäfige mit kleinen Kindern, deren Väter sich der Willkür des Chakims widersetzt hatten oder aus ihrem Haus entflohen waren, um sich vor seiner Grausamkeit zu retten. Sie waren so ausgehungert, dass ihr Anblick Entsetzen hervorrief. In einem Käfig saß auch Suchra, die Tochter des Schusters Siddyk.
Plötzlich erschallten Blashörner. Soldaten bahnten mit Stöcken und Peitschen eine Gasse, durch die die mit Beilen bewaffneten Henkersknechte Rustams Vater und siebenundvierzig Holzfäller mit ihren Frauen zum Galgen führten. Den Unglücklichen hatte man die Arme auf dem Rücken zusammengebunden, ihre Gesichter waren fahler als Wachs. Als die Kinder in den Käfigen ihre Väter und Mütter erkannten, erfüllten ihre Schreie den ganzen Platz. Auf einem erhöhten Sessel saß der Chakim inmitten von Beis, Offizieren, dem Vorsteher des Galgens, Gendarmen und Wächtern. Salymbei ritt auf seinem falben Pferd hervor und begann mit lauter Stimme, den Befehl des Chakims über die Hinrichtung zu verlesen. Wieder erschallten die Blashörner. Die Henkersknechte stürzten sich auf die Unglücklichen und warfen ihnen Schlingen über. Zufrieden holte Salymbei seine silberne Tabakdose hervor und wollte eben eine Prise nehmen, als eine starke Hand ihn an der Schulter packte, emporriß und vom Pferd schleuderte. Die Soldaten griffen nach der Hand, die Salymbei herabgeschleudert hatte, stürzten aber selbst zu Boden. Die Henkersknechte versuchten den Befehl zu vollziehen, da plötzlich fiel ein dicker Baumstamm auf ihre Köpfe und schlug sie alle nieder. Als die Holzfäller um sich blickten, sahen sie, dass die Bärin sie befreit hatte. In der Menge wurden Stimmen laut: "Seht doch! Seht doch! Es ist ja Rustam, der Salymbei vom Pferd geworfen hat!" Und alle fielen ein: "Rustam lebt! Rustam ist gekommen!" Ein wirres Handgemenge begann. Als der Zorn des Volkes sich gelegt hatte, fand man auf dem Platz dreißig tote Henkersknechte, dazu zweihundert Soldaten, die aufgebrochenen Käfige und zwischen ihnen den toten Salymbei.
Die Menschen trugen ihre Kinder auf den Schultern. Allen waren voll des Lobes über Rustam und wanderten zusammen in den Wald, voran Rustam, der seinen Vater unter den Arm gefasst hatte, neben ihm der Schuster Siddyk mit seiner Tochter. Anfangs schwieg der Schuster und lächelte nur von Zeit zu Zeit, dann sagte er zu Rustam: "Erinnerst du dich noch an das, was ich dir damals im Wald erzählt habe? Nur hat mich der als Frau verkleidete Mann damals nicht zu Ende erzählen lassen." - "Daran werde ich mein Leben lang zurückdenken", antwortete Rustam und bat: "Fahre doch mit deiner Geschichte fort, während wir hier gehen!" Der Schuster Siddyk sah seine Tochter an. Verschämt schlug Suchra ihre Augen nieder, und Siddyk sagte: "Siehst du, das Mädchen, das so treu auf seinen Liebsten wartete und um seinetwillen solche Qualen des bösen Tyrannen ausstand, ist doch meine Suchra, die neben dir schreitet." Rustam warf einen schnellen Blick auf Suchra und sah die Wangen des Mädchens wie Granatäpfel erröten. Ein wundersames Gefühl überkam ihn. Nie im Leben hatte Rustam dergleichen empfunden. Schweigend schritt er voran. Lange wartete der Schuster Siddyk, dass Rustam etwas sagen würde. Als fiele ihm etwas ein, stellte ihm Rustam endlich die Frage: "Dann sage mir doch, wer dieser Recke ist, von dem du erzählt hast! Wo ist er?" Lächelnd antwortete Siddyk: "Wer der Recke ist, auf den Suchra wartet, fragst du? Der danach fragt!" Rustam hielt inne und sah seinen Vater an. Der lächelte und bestätigte damit Siddyks Antwort. Der Morgenwind rauschte in den Zweigen, alte Bäume bargen die Freunde in ihrem Schatten. Bald erfüllte sich der ganze Wald mit Freude. Zu den Menschen, die so viel Drangsal erduldet und so viele Qualen durchgemacht hatten, war der Recke des Sonnenlandes gekommen. Für sie begann ein freies, frohes und glückliches Leben.
Quelle:
(Usbekistan)