Mir hilft der Segen meiner Mutter“, antwortete Wassillisa. „So ist das also! Scher dich fort von hier, gesegnetes Töchterchen! Gesegnete brauche ich nicht.“ Sie schleifte Wassilisa aus der Stube und stieß sie zum Tor hinaus. Vom Zaum nahm sie einen Schädel mit glühenden Augen, steckte ihn auf einen Stock, gab ihn ihr und sprach: „Da hast du das Licht für die Töchter der stiefmutter, nimm es; deswegen haben sie dich doch hergeschickt.“ Beim Licht des Schädels, das erst bei Tagesanbruch erlosch, machte sich Wassillisa ungesäumt auf den Heimweg. Tags darauf, gegen Abend, langte sie schließlich zu Hause an. Als sie sich dem Tor näherte, wollte sie den Schädel schon fortwerfen. Denn sie dachte bei sich: Sicher brauchen sie daheim kein Licht mehr. Auf einmal ließ sich eine dumpfe Stimme vernehmen: „Wirf mich nicht fort, bring mich zur Stiefmutter!“ Sie schaute auf das Haus der Stiefmutter, und da sie in keinem Fenster Licht gewahrte, entschloß sie sich, mit dem Schädel hineinzugehen. Zum ersten Mal wurde Wassillisa freundlich empfangen, und sie erzählten ihr, seit sie fortgegangen sei, hätten sie kein Licht mehr im Hause gehabt: Selber Feuer zu schlagen, habe ihnen durchaus nicht glücken wollen, das Licht aber, das sie vom Nachbarn geholt hätten, sei erloschen, sobald sie damit in die Stube traten. „Vielleicht wird dein Licht halten!“ sagte die Stiefmutter. Sie brachten den Schädel in die Stube, die Augen aus dem Schädel aber starrten die Stiefmutter und ihre Töchter unablässig an und brannten unbarmherzig! Jene wollten sich verstecken, doch wohin sie auch flohen, die Augen flogten ihnen überallhin. Gegen Morgen waren sie verbrannt und verkohlt; allein Wassilisa war nichts geschehen. Am Morgen verscharrte Wassilisa den Schädel in der Erde, schloß das Haus ab, machte sich auf den Weg in die Stadt und bat eine alte Frau, die keine Verwandten mehr hatte, sie möge sie doch bei sich wohnen lassen. Da lebte sie nun ganz behaglich und wartete auf den Vater. Eines Tages sagte sie zu der Alten: „Es langweilt mich, so müßig dazusitzen, Großmütterchen! Geh und kauf mir Flachs, aber vom feinsten, ich möchte spinnen!“ Die Alte kaufte guten Flachs, und Wassillisa machte sich ans Werk. Die Arbeit ging ihr flink von der Hand, und das Gespinst wurde gleichmäßig und fein wie in Härchen. So war schon eine ganze Menge Garn zusammengekommen, und es wäre an der Zeit gewesen, auch mit dem Weben zu beginnen. Doch Weberkämme, die für Wassillisas Garn getaugt hätten, waren weit und breit nicht zu finden, und niemand traute sich zu, einen solchen Kamm zu machen. Da setzte Wassillisa ihrer Puppe mit Bitte zu, und die sprach denn auch: „Bring mir doch irgendeinen alten Weberkamm, ein altes Schiffchen und eine Pferdemähne; ich werde dir schon alles zurechtzimmern.“ Wassillisa besorgte alles, was nötig war, und legte sich schlafen, die Puppe aber fertigte über Nacht einen prächtigen Webstuhl. Als der Winter zu Ende ging, war auch das Linnen gewebt, und so fein war es, dass man es anstelle des Fadens durch ein Nadelöhr hätte ziehen können. Im Frühjahr bleichte sie das Linnen und Wassillisa sprach zu der Alten: „Verkauf dieses Linnen, Großmütterchen, das Geld aber halte für dich.“ Die Alte schaute die Ware an und staunte: „Nein, Kindchen! Solches Linnen darf niemand tragen, nur der Zar; ich werde es in den Palast bringen.“ Die Alte machte sich auf den Weg zum Zarenpalast und lief immerfort vor den Fenstern auf und ab. Der Zar sah es und fragte: „Was willst du, Alte?“ – „Eure Majestät“, gab sie zur Antwort, „ich habe eine wunderschöne Ware hergebracht, und keinem als dir will ich sie zeigen. Der Zar befahl die Alte hereinzulassen, und als er das Linnen sah, verwunderte er sich über alle Maßen. „Was willst du dafür haben?“ fragte der Zar. „Mit Geld ist das Linnen nicht zu bezahlen, Väterchen Zar! Ich habe es dir als Geschenk gebracht. Da dankte der Zar der Alten und ließ sie, mit Geschenken beladen, ziehen. Nun ging man daran, dem Zaren aus diesem Linnen Hemden zu nähen; man schnitt sie zu, doch nirgends fand sich eine Näherin, die es übernehmen wollte, die Hemden zu nähen. Lange suchte man; schließlich ließ der Zar die Alte kommen und sprach: „Hast du es vermocht, solches Linnen zu spinnen und zu weben, so nähe nun auch Hemden daraus.“ - „Nicht ich habe das Linnen gesponnen und gewebt, Herr“, sagte die Alte, „das hast ein Mädchen getan, das ich zu mir genommen habe.“ – „Nun, so mag sie die Hemden auch nähen!“ Die Alte kehrte heim und erzählte Wassillisa alles. „Ich wußte wohl“, sagte Wassillisa darauf zu ihr, „daß diese Arbeit mir nicht erspart würde. „Sie schloß sich in ihre Stube ein und machte sich ans Werk; sie nähte und gönnte sich nicht Rast und Ruh, und bald schon war ein Dutzend Hemden fertig. Die Alte trug die Hemden zum Zaren, Wassillisa aber wusch und kämmte sich, zog sich fein an und setzte sich ans Fenster.
Dort saß sie nun und wartete, was geschehen würde. Da sah sie auf einmal, wie ein Diener des Zaren in den Hof der Alten kam. Er trat in die Stube und sagte: „Der Zar wünscht die Meisterin zu sehen, die ihm die Hemden genäht hat, und aus seinen eigenen Händen soll sie den Lohn empfangen.“ Wassillisa machte sich also auf den Weg und erschien vor dem Angesicht des Zaren. Kaum hatte der Zar die schöne Wassillisa erblickt, da verliebte er sich auch schon unsterblich in sie. „Nein“, sprach er, „meine Schöne! Ich will mich nicht von dir trennen; du wirst meine Frau.“ Damit faßte der Zar Wassillisa bei den weißen Händen, setzte sie neben sich, und auf der Stelle wurde die Hochzeit gefeiert. Bald kehrte auch Wassillisa Vater heim, freute sich über ihr Glück und lebte fortan bei der Tochter. Wassillisa nahm auch die Alte zu sich, die Puppe aber trug sie bis an ihr Lebensende immer in der Tasche.
Quelle: Märchen aus Russland 1873