Auf dem See lag Totenstille; nicht der leiseste Windhauch spielte zwischen den Blättern der Waldbäume, und weder Vogel noch Tier regte sich. Das einzige, was man hörte, waren schwere, tiefe Seufzer, die aus einem einsam stehenden Wigwam kamen, wo ein alter Jäger in den letzten Zügen lag. Alle Künste der Medizin waren erschöpft, und Weib und Kinder, die weinend sein kümmerliches Pelzlager umstanden, erwarteten mit jeder Minute die Abfahrt des Geistes und hatten deshalb schon die Tür geöffnet, damit er unbehindert hinaus könne.
Doch der Kranke fühlte sich durch die hereinströmende frische Luft etwas gestärkt, richtete langsam den Kopf auf und sprach: »Meine lieben Angehörigen, ich lasse euch jetzt in einer Welt voll Hunger und Sorgen zurück, die schwere Forderungen an euch stellen wird. Meiner betagten Gemahlin wegen ist mir nicht bange, denn ihre Tage sind gezählt, und sie wird mir bald nachfolgen. Aber wer wird der Führer meiner armen Kinder sein, die kaum ins Leben gesehen haben? Mißgunst, Undankbarkeit und jede erdenkliche Schlechtigkeit harren ihrer. Deshalb hatte ich mich vor vielen Jahren von meinem Stamm getrennt und war hierher in die Einsamkeit gezogen, damit ich das wilde Kriegsleben mit ungestörter Ruhe vertauschen konnte. Jetzt ist mein Leben zu Ende, und ich werde meine Augen in Frieden schließen, wenn ihr, meine Kinder, mir feierlich gelobt, euch lebenslang gegenseitig zu lieben, eure alte Mutter nicht darben und euren jüngsten Bruder nicht hilf- und schutzlos zu lassen.«
Darauf sank er tot nieder, und Mutter und Tochter trafen weinend die nötigen Anstalten zur Beerdigung. Der älteste Sohn griff rüstig zu den Waffen seines Vaters und hatte auch Erfolg damit. Nach sechs Monaten schon starb die Mutter, und die Kinder hatten auch ihr vorher geloben müssen, dem Wunsch ihres Vaters gemäß zu leben.
Der Winter ging vorüber, und der Frühling erschien mit seinen mannigfachen Freuden. Der älteste Junge ging täglich auf die Jagd, die Schwester besorgte den Haushalt und pflegte ihren schwächlichen Bruder. So lebten sie zufrieden und ruhig; aber dem Ältesten behagte diese Einsamkeit doch nicht, denn er sagte eines Tages zu seiner Schwester: »Höre, unser Leben ist ein wenig zu langweilig, und ich habe große Lust, in die weite Welt zu wandern und die Dörfer und Städte der anderen Menschen aufzusuchen.«
»Das wäre unrecht von dir«, erwiderte das Mädchen, »denn wir haben unseren Eltern versprochen, stets beieinander zu bleiben und hauptsächlich unseren schwächlichen Bruder nicht zu vernachlässigen, der doch unsere Hilfe so sehr benötigt.«
Der Knabe hörte diese Worte stillschweigend an, griff dann nach Pfeil und Bogen und ging fort, ohne wiederzukommen. Da wurde denn auch die Schwester des einsamen Lebens überdrüssig und sehnte sich ebenfalls nach größerer Gesellschaft. Sie suchte für den Kleinen so viele Lebensmittel zusammen, als sie nur finden konnte, packte ihre Siebensachen zusammen und verließ unter dem Vorwand, daß sie zu ihrem Bruder gehen wolle, den elterlichen Wigwam. Sie verheiratete sich bald und vergaß ihren kränklichen Bruder gänzlich.
Als dieser den zurückgelassenen Vorrat aufgegessen hatte, ging er traurig im Wald umher und suchte sich Beeren und eßbare Wurzeln; als aber der Winter mit seinen Schrecken kam und überall tiefer Schnee das Land bedeckte, war er gezwungen auszuwandern und sein ferneres Leben dem Zufall zu überlassen. Er brachte die Nächte in hohlen Bäumen zu und suchte sich bei Tag solche Knochen, an denen die Wölfe noch etwas Fleisch gelassen hatten. Dadurch wurde er mit den Wölfen so vertraut, daß er sich getrost in ihre Nähe wagte und später sogar mit ihnen zusammen aß und wohnte.
Die Wölfe gewannen ihn mit der Zeit recht lieb und versorgten ihn reichlich mit allem, was er brauchte, und als der belebende Frühling wieder erschien, nahmen sie ihn mit ans nahe Seeufer.
Gegenüber stand der Wigwam seines ältesten Bruders. Jener Jäger befand sich eben auf der Jagd, als er plötzlich das Schreien eines Kindes – seines verlassenen Brüderleins – hörte. »Nisia, Nisia!« rief der Kleine. »Scheikwuh gusu nei mei in kwun iw!« Das heißt: »Mein Bruder, mein Bruder! Sieh her, wie ich zum Wolf werde.«
Und das wurde er auch richtig. Seine Stimme klang wie die eines Wolfs, sein Körper wurde behaart, und an seinem Hals wuchsen noch zwei weitere Beine heraus.
Sein Bruder, der ihn gleich erkannte, lief so schnell wie möglich zu ihm; doch als er bei ihm ankam, war er bereits zum vollständigen Wolf geworden und verschwand als solcher im Dickicht des Waldes.

Quelle: Karl Knortz, Märchen und Sagen der Indianer Nordamerikas
 
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