Es waren einmal zwei junge Indianer. Sie waren Brüder und lebten friedlich zusammen, bis eines Tages der eine von ihnen sagte: „Ich will auf dem Vulkan zur Jagd gehen.“ Nachdem er das gesagt hatte, machte er sich auf den Weg. Mit seinem Hund und einem Maultier stieg er bergan, höher und immer höher. Dort fand er die straußähnlichen Nandu–Vögel und die wilden Lamas, Guanakos genannt. Denen warf er den Boleador, seine kugelbesetzte Riemenschleuder, zwischen die Beine, daß sie stürzten, und dann erlegte er sie. Auf diese Weise kam er auf seinem Maultier dem Gipfel des Vulkans immer näher. Er geriet in eine finstere Mulde, spornte sein Reittier an und stand plötzlich vor dem Haus eines Cherruve. Da öffnete sich die Tür, der Diener trat heraus und rief: „Warum kommst du hierher? Weißt du nicht, daß hier der Cherruve wohnt, der große Geist des Wetterleuchtens, der Blitze schleudert und Feuer speit? Wenn er kommt, wird er dich töten!“ Der junge Indianer wurde böse, ging trotzig ins Haus und sagte: „Warum soll er mich denn wohl töten?“ Der Cherruve hatte auch einen Hund, der war riesengroß wie ein Ochse und stürzte sich gleich wütend auf den kleinen Indianerhund. Es gelang ihm aber nicht, ihn zu packen, denn der Kleine war viel zu flink. Knurrend fuhr er im Haus herum, bis er hinausgewiesen wurde. Nun sah der junge Indianer zwei hübsche Mädchen, die als Fleischvorrat des Cherruve wie Schafe angebunden waren. „Geh fort!“ riefen sie, „wir hören den Cherruve kommen. Gleich wird er dich töten!“

„Ist der Cherruve wirklich so wild?“, fragte er. „O ja, er ist wild wie ein Menschenfresser. Er wird dich bestimmt umbringen“, antworteten sie. Der Cherruve kam immer näher, schleuderte mit lautem Getöse Menschenschädel umher, und überall blitzte es. Feuer sprühte aus seinem offenen Rachen. Da hetzte der Indianerjunge seinen Hund auf ihn: „Sei mutig, Hündchen, beiß ihn!“, er selbst sprang auf sein Maultier, rannte den Cherruve an und kämpfte mit ihm. Wieder ermutigte er seinen Hund, der biß dem Cherruve in die Beine, und der junge Indianer tötete ihn. Als der Cherruve tot war, befreite er die beiden hübschen Mädchen und nahm sie mit. Kaum waren sie angekommen, sagten die Mädchen: „Nun wollen wir uns gleich mit dir verheiraten!“ Aber der Indianer antwortete: „Nein, ich will nicht! Geht zu eurem Vater und eurer Mutter!“ Doch sie wollten nicht fortgehen und blieben bei ihm.

Nach einiger Zeit zog der junge Indianer abermals aus, um auf dem Vulkan zu jagen. auf einem mächtigen Felsblock nahe dem Gipfel wollte er die Nacht verbringen. Dort angekommen legte er sich nieder. Bald aber entdeckte ihn ein Cherruve, schlich sich heran und stürzte den Felsblock um, so daß der junge Indianer unter ihm begraben wurde. Zwei Tage wartete sein Bruder auf ihn, dann sagte er: „Ich will gehen und meinen Bruder auf dem Vulkan suchen.“ Er setzte sich auf eine Ziege und machte sich auf den Weg. Gegen Abend legte auch er sich auf einen großen Felsblock, um zu schlafen. Wieder kam der Cherruve und setze sich auf einen anderen, nahen Felsblock. Da erbebte der Fels. Der Indianer aber schlief noch nicht, und hatte ihn beobachtet. Leise sagte er zu seinem Hund: „Sei mutig, wir wollen jetzt mit ihm kämpfen!“ Der Indianer sprang auf, zog blitzschnell sein Schwert hervor und hieb auf den Cherruve ein, der verwundet zu Boden fiel. Da stürzte er sich auf ihn. Verbissen rangen sie miteinander, bis der Indianer den Cherruve überwältigt hatte und ihn gefangen nehmen konnte. Nun fragte er: „Wo hast du meinen Bruder gelassen? Zeig mir sofort, wo du ihn verborgen hast!“ „Wälze die Steine dort beiseite!“, antwortete der Cherruve. „O nein, das werde ich nicht tun“, sagte der Indianer, „warum sollte ich die Steine wohl wälzen? Das wirst du tun, und wenn du dich weigerst, werde ich dich töten!“ Da wälzte der Cherruve einen großen Felsblock beiseite, und sofort sprang der junge Indianer darunter hervor. Er wuchtete den nächsten um, und das Maultier rappelte sich auf die Beine. Nachdem er den dritten beiseite geschoben hatte, war auch der kleine Hund wieder befreit. Voll Freude begrüßten sich die Brüder, und der eine fragte: „Wie kam es denn, daß er dich töten konnte?“
„Er hat mich hinterlistig überfallen, so hat er mich getötet!“
Nun sagte sein Bruder zum Cherruve: „Mach, daß du fortkommst!“ Dann gingen sie gemeinsam nach Hause und blieben dort.
Wenn der junge Indianer eins über den Durst trank, rief er: „Ich bin doch ein tapferer Kerl! Ich habe den Cherruve totgeschlagen!“ Aber niemand glaubte ihm.
*
Märchen der Araukaner Südamerika

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