Zu jenen Zeiten also leuchtete auf der Erde weder Sonne noch Mond; niemandem wollte etwas Rechtes gelingen, denn die Welt war in ein graues Halbdunkel gehüllt. Nur die Eule konnte sich mit ihren großen, runden augenlichtern auf den Weg leuchten. Der Kojote war nur noch Haut und Knochen. Er ging zwar jeden Morgen auf Kaninchenjagd, aber den Langohren gelang es jedesmal, in der Dunkelheit zu entkommen. Er mußte sich mit einer Heuschrecke begnügen und froh sein, überhaupt etwas im Magen zu haben. Danach saß er den ganzen Tag wie ein Häufchen Unglück vor seiner Hütte, und seine Augen spähten hungrig in die Gegend. Einmal hörte das Rauschen eines mächtigen Flügelpaares. Der Adler war zu Besuch gekommen. Der Kojote machte den Rücken krumm und sagte nach vielen Bücklingen: „O, welch ein hoher Gast“ Schön willkommen, Bruder, von Herzen gern würde ich dir etwas zur Stärkung vorsetzen, aber ich habe auch nicht das allerkleinste Knöchelchen. Ich bin schon ganz entkräftet vor Hunger und kann mich kaum mehr schleppen. Da bist du bestimmt besser daran. Ja, mit dir müßte man auf Jagd gehen können...“ Der Adler sah sich den Kojoten genauer an. Der sieht ja aus wie ein Gespenst, dachte er, lauter Haut und Knochen. „Mit tausend Freuden! Ich will alles tun, was du verlangst!“ beteuerte der Kojote und umschlang den Adler mit seinen mageren Pfoten so fest, daß er ihn vor Dankbarkeit fast erdrückt hätte.
Am nächsten Morgen gingen sie miteinander auf die Jagd. Der Adler kreiste hoch in der Luft, und kaum hatte er eine Beute erspäht, da schoß er auch schon wie ein Pfeil zur Erde hinunter. Der Kojote erjagte nichts – er gab sich auch gar keine Mühe – und hoffte, sich an der Beute des Adlers schadlos halten zu dürfen. „Einen solchen Gehilfen kann ich nicht gebrauchen!“ schrie ihn der Adler zornig an. „Du mußt ja nicht einmal die Knochenreste nach deiner Mahlzeit eingraben, alles liegt hier noch unordentlich herum.“
„Dafür kann ich nichts. Es ist so finster, daß ich mein eigenes Maul nicht sehe“, verteidigte sich der Kojote, „wir sollten uns Licht verschaffen.“
Da hast du Recht“, nickte der Adler, „irgendwo weit im Westen sollen zwei große Lichter verborgen sein, die sich Sonne und Mond nennen. Wir wollen sie suchen gehen.“ Bals darauf machten sie sich auf den Weg. Sie gingen und gingen – eigentlich ging nur der Kojote, denn der Adler flog hoch in der Luft - ,bis sie an einen breiten Fluß kamen. Dem Adler genügte ein einziger Schlag seiner Schwingen, und schon glitt er am jenseitigen Ufer zu Erde. Der Kojote aber stand ganz verzagt vor der trüben Wasserflut, denn er hatte nicht die mindeste Lust hineinzuspringen. Als er sah, daß ihm nichts anderes übrigblieb, tat er es doch. Der kegelförmige Kopf ragte aus dem Wasser heraus, die Augen traten ihm aus den Höhen. Er ruderte mit allen Vieren. Kaum fühlte er den rettenden Boden unter den Füßen, begann er zu fluchen: „Es hätte nicht viel gefehlt, und ich wäre ertrunken...Du aber sitzt hier herum und läßt es dir wohl sein. Als ob du mich nicht hättest herübertragen können!“
„Ach so, du hast keine Federn, ich dachte, du würdest auch über das Wasser fliegen“ ,antwortete der Adler, und schüttelte wohlgefällig sein reiches Gefieder. „Dummkopf! Ich hätte dich sehen mögen, wenn du an meiner Stelle gewesen wärest!“ Da es jedoch nicht ratsam war, es mit dem Adler ganz zu verderben, verzichtete der Kojote auf weitere Bemerkungen, und sie setzten ihren Weg fort. Die Gegend nahm langsam ein anderes Gesicht an. Immer deutlicher zeichneten sich die Umrisse einsamer Berge und langgezogene Felsenketten ab, denn unsere Wanderer näherten sich dem Licht. Plötzlich änderte der Adler die Richtung und ließ sich in großen Kreisen zur Erde nieder. Der Kojote erklomm geschwind einen niedrigen Hügel, der ihm die Aussicht verwehrte, und sah, wie auf einem ausgedehnten Platz unter ihm wunderliche Geschöpfe ihr Wesen trieben. Ihre wilden Tänze und Gesänge, vor allem aber ihre schrecklich bemalten Gesichter jagten ihm einen solchen Schrecken ein, daß ihm jedes Haar seines Felles einzeln zu Berge stand. „Verhalte dich still!“ flüsterte ihm der Adler warnend zu, er eben an seiner Seite gelandet war. „Das sind böse Geister!“ „Werden sie uns was tun?“ fragte der zu Tode erschrockene Kojote. „Du brauchst keine Angst zu haben, sie wissen ja nicht, daß wir da sind...Siehst du die beiden Truhen dort?“ Der Adler wies mitten in den Kreis der heulenden Tänzer, von denen der eine oder der andere ab und zu ein wenig den Deckel hob. Dabei zuckte jedesmal ein blendender Schein über den Platz. „Was ist das?“ „In der größeren Truhe halten sie die Sonne versteckt und in der kleineren den Mond“, belehrte der Adler seinen Gefährten. „Glaubst du, daß es uns gelingt...?“ „Wir müssen warten bis die Geister eingeschlafen sind...Höre nur schon endlich auf zu zittern!“ Der Kojote steckte den Kopf zwischen die Pfoten, denn er hatte noch immer Riesenangst.
Der Tanz war zu Ende. Die Geister hatte große Müdigkeit befallen. Nach einem Weilchen lagen sie alle in tiefem Schlaf und schnarchten, daß die Felsen dröhnten. Der große Augenblick war gekommen. Der Adler stieß pfeilgeschwind auf die beiden Truhen hinab, krallte sich mit seinen Fängen daran fest und verschwand damit in den Wolken. Und der Kojote fegte mit seinem Schweif wie der Wind über den Weg, so eilig hatte er es. Erst als sie den Hügel im Rücken hatten, sahen sie sich um. Sie wurden von niemanden verfolgt, denn die Geister schliefen wie die Ratzen.
Wie die Sonne wohl aussehen mag? – ging es dem Kojoten durch den Kopf. – Und gar der Mond, der muß ja noch viel schöner sein! Wenigstens durch einen winzigen Spalt müßte man sich die beiden Wunderdinge besehen! „Bist du nicht müde, Bruder?“ fragte er wie beiläufig. Aber der Adler rief lachend von seiner Höhe herab: „Wir haben es ja nicht mehr weit, das Stückchen halte ich es schon noch aus!“ „Aber eigentlich schickt es sich nicht für den Adler, den Häuptling der Tiere, solch schwere Lasten zu tragen!“ „Das kümmert mich wenig.“ „Aber was würden denn die anderen sagen, wenn sie sähen, wie du dich mit dem Zeug da abschleppst. Am Ende geben sie noch mir die Schuld!“ spann der Kojote den einmal begonnen Faden weiter. Er bat und bettelte, er dachte sich die unmöglichsten Dinge aus, so sehr brannte ihn die Neugier.
Endlich ließ sich der Adler erweichen. „Also gut“, sagte er, die Truhen auf die Erde stellend, „aber hüte sie wie deinen Augapfel!“ Dann erhob er sich wieder in die Luft und flog weiter. Als er hinter dem nächsten Berg verschwunden war, konnte der Kojote seine Neugier nicht länger bezähmen und hob vorsichtig den Deckel der großen Truhe...Etwas Herrliches, wie Gold Leuchtendes..Ich muß mich ein wenig daran wärmen, dachte er und steckte seine Pfoten in die Truhe. „Au! Ich habe mich verbrannt!“ Statt nun den Deckel schnell zufallen zu lassen, klappte er ihn vor Schreck ganz auf, und ehe er sich’s versah, war die Sonne herausgesprungen. Huj, huj, hopp, hopp, und schon saß sie hoch oben am Himmel! Der Kojote verlegte sich aufs Bitten, er faltete flehend seine verbrannten Pfoten, aber die Sonne stieg immer höher und höher. Ich will ihr den Mond nachschicken, der wird sie mir gewiß zurückbringen, dachte er, und öffnete auch noch die zweite Kiste. Aber auch der Mond kannte kein Erbarmen. Er kletterte der Sonne nach und verbarg sich in ihrem Schatten. Der Kojote lief immerfort um die leeren Truhen und hielt nach dem Adler Ausschau. Der ließ nicht lange auf sich warten. „Weißt du, was du angerichtet hast? Statt des ewig leuchtenden Lichtes wird jetzt abwechselnd Tag und Nacht sein – die Sonne ist dir gar zu weit weggelaufen!“ Der Kojote verzog schuldbewusst das Maul. „Wenn ich gewusst hätte...aber die Geister kriegen ja jetzt die Sonne auch nicht wieder...“ „Na ja, das stimmt“, nickte der Adler, „aber es wird am besten sein, du behälst die ganze Geschichte für dich, denn man würde dir kein Wort glauben!“ Dann winkte er dem Kojoten mit seinen Schwingen noch einen Abschiedsgruß zu und flog gegen das Gebirge. Der Kojote aber lenkte seine Schritte heimwärts – in die Prärie. Froh vor sich hinpfeifend ließ er seine Blicke über die Gegend schweifen, weit und immer weiter...Denn zu dieser Stunde wurde im Indianerland der erste Tag geboren.
*
Quelle: Märchen des Stammes Zuni

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