Okteondo lebte tief im Wald, und weil er noch ein kleiner Junge war, genügte ihm zum Wohnen ein bescheidenes Plätzchen in dem Wurzelgewirr einer Ulme. Aber die Wurzeln wuchsen, sie wurden immer dicker und länger und verflochten sich so ineinander, daß Okteondo eines Motgen nicht mehr den Aufgang finden konnte. Zum Glück hatte der kleine Gefangene einen Onkel, sorgte für den Knaben so gut er konnte. Er brachte ihm nicht nur das nötige Essen und Trinken, sondern auch Früchte und überhaupt alles, wonach sein Neffe verlangte. So verfloß den beiden ein Tag um den anderen. Haienthwus fällte Bäume, rodete rings um den Wigwam die Erde und pflanzte Mais und Bohnen, die er dann dem immer kräftiger werdenden Knabe in sein Gefängnis brachte. Die große Ulme bot ihre ganze Kraft auf, um Okteondo festzuhalten, aber es war alles umsonst. Die Wurzeln lockerten sich immer mehr, und als Okteondo eines Tages wieder daran rüttelte, gab die Erde nach, und der Jüngling stand frei und wohlbehalten vor seinem Oheim, der aus dem Wigwam herausgestürzt war und vor freudigem Schreck kein Wort über die Lippen brachte. Nachdem er sich etwas gefaßt hatte, sprach er: „Du bist jetzt frei, und da du eine so außergewöhnliche Kraft hast, wird ein tüchtiger Jäger aus dir. Ich schenke dir Pfeile und einen Bogen, damit du auf die Jagd gehen kannst. Eines aber mußt du mir versprechen: Ziehe niemals nach Norden, denn dort würde dich ein großes Unglück treffen. Darauf wußte Okteondo nichts zu antworten, aber die Worte seines Oheims gingen ihm nicht aus dem Kopf. Er wurde wirklich ein tüchtiger Jäger, denn er hatte ein scharfes Auge, und seine Mokassins schlichen, kaum den Boden berührend, über das weiche Moos. So lautlos verstand er zu jagen. Bald kannte er in den südlichen und östlichen Gegenden alle Jagdgründe, und auch dort, wo sich die Sonne zur Ruhe gibt, war er wie zu Hause. Eines Tages kamen ihm die warnenden Worte seines Oheims in den Sinn...Warum sollte er gerade den Norden meiden? Waren doch schon viele und viele Indianer nordwärts gezogen und hatten reiche Beute Heimgebracht. eines Morgens stand Okteondos Entschluß fest. Er nahm wie gewöhnlich von Haienthwus Abschied, aber kaum war er außer Sicht, lenkte er seine Schritte gegen Norden. Der Weg in den Urwald war weit. Er legte ihn streckenweise im Laufschritt zurück, und so verging ihm die Zeit, wie im Fluge. Endlich lichtete sich der Wald, vor seinen Augen lag ein herrlicher See. Das Ufer säumte ein breiter, leuchtend weißer Sandstreifen, und das Wasser war klar und rein wie ein Waldbrunnen. Kaum merklich wellte sich der Wasserspiegel in dem sanften, warmen Wind, und weit entfernt vom Ufer, etwa in der Mitte des Sees, lag, in die Wassermassen gebettet, wie eine riesige Muschel eine Insel. Okteondo gab sich voller Entzücken diesem bezaubernden Anblick hin, als ihn ein jäher Ruf aus seiner Versunkenheit riß. Am Horizont tauchte ein schwarzer Punkt auf, der allmählich immer größer und größer wurde. Jetzt sah er, daß es ein Kanu war, aber vor seiner Spitze kam noch etwas Großes, Langes geschwommen. Was mochte das nur sein? Es war eine Schar Wildgänse, die, Pfeilen gleich, über das Wasser flogen und das Boot mit dem gehobenen Bug nach der Stelle zogen, wo Oktoendo stand. Das Kanu legte an, ein fremder Indianer sprang heraus und sagte: „Es freut mich, Bruder, daß du zu mir gekommen bist. Du wirst dich vielleicht wundern, aber wir sind tatsächlich Brüder,
Haienthwus ist auch mein Oheim. Du glaubst mir nicht? Komm – laß uns messen, ob wir auch gleich groß sind!“ Als sie nebeneinander standen, sah Okteondo, dass sie beide gleich groß waren. nicht um ein Biberhaar war der einen höher gewachsen als der andere.
Der Fremde bat: „Zeig mir deinen Bogen und die Pfeile, es werden wohl die gleichen sein wie meine, denn auch mir hat Haienthwus welche geschenkt.“ Er zog einen Bogen und zwei Pfeile aus dem Kanu. Und es zeigte sich, daß der Fremde auch diesmal wieder recht gehabt hatte. Aber Okteondo zweifelte noch immer. Weshalb sollte ihm der Oheim verschwiegen haben, daß er einen Bruder besaß? Du glaubst mir immer noch nicht“, sagte der Fremde, denn er las den Zweifel in Okteondos Augen. „Wir sind beide gute Schützen und flinke Läufer...Siehst du den
Stamm dort? Er wies über die Bucht an eine Stelle, wo sich am Ende der Sandzunge etwas Schwarzes abzeichnete. Okteondo nickte: „Ziele darauf!“ Die Sehnen sirrten, und zwei Pfeile flogen durch die Luft. „Lauf und fang deinen!“ Sie liefen die Bucht entlang. Die Pfeile schwirrten über ihren Köpfen, und Okteondo gelang es, seinen Pfeil noch einige Fuß über dem Erdboden zu erhaschen. Er drehte sich um und sah, daß auch der fremde Indianer seinen Pfeil bereits in der Hand hielt. „So – und jetzt wieder zurück!“ Sie stellten sich nochmals Schulter an Schulter, spannten die Bogen, ließen die Pfeile schwirren und fingen sie wie das erste Mal. Okteondo trat vor den Fremden: „Jetzt glaube ich dir, Bruder...
Wie heißt du?“
„Schagowenotha. Haienthwus wolllte auch mich nicht nach Norden ziehen lassen, obzwar es hier so viele Jagdgründe gibt wie kaum irgendwo. „Siehst du die Insel?“, fragte er, in die Mitte des Sees weisend.
Okteondo nickte. „Dort steht mein Wigwam. Komm mit!“ Sie stiegen in den Kanu. Okteondo stieß das Boot vom Ufer ab, die Gänse reihten sich, und Schagowenotha begann zu singen:

„Fliegt, meine Vögel, wie der Wind,
über den Silbersee geschwind,
bringt die Insel unverweilt, das Boot,
an den Wald, wo schon mein Feuer loht.“

Je lauter der Gesang wurde, desto schneller flogen die Vögel. Das Wasser spritzte unter den Schlägen ihrer Flügel schäumend auf, und das Boot schien kaum den See zu berühren. Es war schon finster, als sie auf der Insel landeten, und Okteondo konnte sich eines unheimlichen Gefühles nicht erwehren. Aber dann führte ihn Schagowenotha in seinen Wigwam, und er atmete erleichert auf. Bald lag er in tiefem Schlaf und ahnte nicht, daß sein Bruder um Mitternacht auf leisen Sohlen aus dem Wigwam schlüpfte und erst vor dem Morgengrauen zurückkehrte. In der Früh führte Schagowenotha seinen Bruder zu einer tiefen Bucht, auf deren Grund ein großer Kieselstein glänzte. „Hier vertreibe ich mir oft die Zeit“, sagte Schagowenotha. „Wir wollen den da Stein herausholen.“
Er warf seine Kleider ab und tauchte. Aber der Kiesel blieb, wo er war. Scheinbar beschämt stieg Schagowenotha aus dem Wasser. Okteondo sprang, ohne erst die Aufforderung Schagowenotha abzuwarten, nun ebenfalls in den See...Aber Schagowenotha hatte keinen Blick mehr für seinen Bruder. Er raffte dessen Bogen, Pfeile, Kleider und Mokassins zusammen, und noch ehe Okteondo wieder auftauchte, war er mit seinen Gänsen am Horizont verschwunden. Der Jüngling irrte verzweifelt auf der Insel umher und suchte seinen Bruder. Plötzlich hörte er eine gedämpfte Stimme, die sprach: „Komm her, Okteondo!“ Aber es war niemand zu sehen. Nach einem Weilchen meldete sich die Stimme wieder: „Hierher, Okteondo!“ Erst jetzt sah er, daß aus der großen Sanddüne neben ihm eine Nase herausragte. Er sprang ganz nahe, der Sand hob sich, und der Kopf eines Greises wurde sichtbar. „Auch ich, bin dein Oheim, Okteondo! Schagowenotha dient einem gräulichen Menschenfresser, der jeden Augenblick hierher kommen kann. Wenn dir dein Leben lieb ist, dann grabe dich sofort in den Sand ein wie ich. Aber das ist noch nicht alles. Der Menschenfresser hat einen riesigen Hund mit Augen so groß wie Indianerschilde. Wenn du nicht willst, daß dich der Hund in Stücke reißt, mußt du ihn töten. Hier nimm dieses Zaubertomahawk! Ich schenke ihn dir, weil ich dich lieb habe. Wenn der Hund kommt, brauchst du nur zu sagen: „Spring Axt, und schlag zu!“ Nur so kannst du dich des Hundes erwehren. Kaum hatte er ausgeredet, fuhr vom heiteren Himmel ein Blitz nieder, und gleichzeitig erhob sich ein Sturm, der haushohe Wellen ans Ufer warf. „Jetzt!“ rief der Greis. Okteondo griff nach dem Tomahawk und versteckte sich im Sand. Dann wurde es plötzlich still, und ein riesiger Hund kam angelaufen, der hatte ein Maul, so groß wie der Eingang eines Wigwams, und Augen, so groß wie Indianerschilde. Jetzt näherte er sich der Stelle, wo sich Okteondo versteckt hielt. Der Jüngling rief: „Spring, Axt, und schlag zu!“ Die Axt sprang aus ihrer Hülle, stieß sich noch einmal vom Boden ab, und im Nu lag der Köter des Menschenfressers tot im Sand. „Bleib, wo du bist!“ flüsterte der Alte Okttendo warnend zu. „Wenn dich der Menschenfresser sieht, bist du verloren!“

Und wirklich! Es dauerte nicht lange, da kam der Menschenfresser. Das einzige Helle an ihm waren die gekrümmten Hauer, die ihm zum Mund herausstanden. Er schüttelte zornig seinen kürbisformigen Schädel und stieß unverständliche, wunderlich klingende Drohworte hervor.
Er nahm den toten Hund und verließ, von fernem Donnergrollen begleitet, die Insel. Okteondo atmete erleichtert auf. „Sei auf der Hut“, ließ sich der Greis jetzt wieder vernehmen. „Er kommt in der Nacht wieder. Der Hunger treibt ihn her. Bis dahin müssen wir die Insel verlassen haben.“
„Wie4 haben doch kein Boot“, sagte Okteondo mutlos. Der Alte nickte betrübt.„Du hast recht, wir werden wohl dableiben müssen.“ Da erklang auf einmal vom See her das bekannte Lied:

„Fliegt, meine Vögel, wie der Wind
über den Silbersee geschwind,
bringt auf die Insel unverweilt das Boot,
an den Wald, wo schon mein Feuer loht.“

Schagowenotha kam! Okteondo und der Alte versteckten sich wieder im Sand. Der böse Bruder landete und lief dann mit großen Sprüngen zu dem Wigwam. Er wollte sich überzeugen, ob Okteondo tot sei und suchte nach Blutspuren. Darauf hatte Okteondo nur gewartet. Kaum war Schagowenotha ein Stück tiefer in die Insel hineingegangen, bestieg er mit seinem Oheim das Kanu, und bald hatten sie das Ufer weit hinter sich gelassen. Schagowenotha suchte vergebens. Okteondo war wie vom Erdboden verschluckt. Bebend vor Wut und Müdigkeit, rannte er an die Bucht zurück. Aber dort erwartete ihn eine neue Überraschung. Das Kanu war weg! Jetzt wußte der böse Bruder, wohin Okteondo verschwunden war. Er stieß gräßliche Fluche gegen ihn aus, aber es dauerte nicht lange, und er begann aus Furcht vor dem Menschenfresser zu zittern wie Espenlaub. Denn aus der Ferne war schon ein Donnergrollen zu hören: Der Menschenfresser kam! Ein zuckender Blitz, und er stand mit wutfunkelnden, blutunterlaufenen Augen vor Schagowenotha. „Endlich habe ich dich!“ brüllte er. „Und jetzt fresse ich dich auf.“
Schagowenotha winselte wie ein geprügelter Hund, wand sich auf der Erde, bettelte und flehte. Immer wieder beteuerte er, daß er Schagowenotha sei und nicht Okteondo. Aber der Menschenfresser schüttelte ihn, und schon war der treue Diener in seinem Rachen verschwunden. So hatte den bösen Bruder die gerechte Strafe ereilt. Okteondo hatte inzwischen mit seinem Oheim das Seeufer erreicht.
„Du hast noch eine Aufgabe zu erfüllen, Okteondo!“ sagte der Greis. Unweit von hier, mitten im Urwald, hält der Menschenfresser deine Schwester gefangen. Bevor er zurückkommt, mußt du in seinen Wigwam gehen und sie befreien. Du bist ein guter Läufer, und den Weg zu dem Wigwam wird dir der Mond zeigen...So – und nun laufe, was du kannst!“
Wie ein Pfeil schoß Okteondo auf dem vom bleichen Schein des Mondes beleuchteten Pfad dahin und war bald am Ziel. Die Schwester wollte ihren Augen nicht trauen, als sie ihn erblickte. Sie hatte längst alle Hoffnung aufgegeben, daß jemand sie aus der Gefangenschaft des Menschenfressers befreien könnte. Okteondo ergriff ihre Hand und sie eilten zurück. Dann setzten sie sich mit dem Oheim in das Kanu, und Okteondo sang:

„Fliegt, meine Vögel, wie der Wind
über den Silbersee geschwind,
unter die Ulme bringt das Boot,
heim, wo mein Feuer friedlich loht.“

Der Schar der Wildgänse flog wie ein Pfeil davon und flog und flog, daß es schien, als würde sie der Menschenfresser niemals einholen können. Der hatte bald bemerkt, was vorgefallen war, und strengte seine Augen so sehr an, dass sein brennender Blick sich durch die Finsternis bohrte.
Er entdeckte die Fliehenden, nahm seine größte Angel, band die stärkste Schnur daran, zielte und warf sie aus. Die Angelschnur verfing sich am Bug, und ehe die drei wußten, wie ihnen geschah, fuhr das Boot zurück, weil der Menschenfresser die Schnur aufwand. Schon war das Kanu wieder in der Nähe des Ufers, da erinnerte sich Okteondo an den Tomahawk, den er von seinem Oheim bekommen hatte, und rief: „Spring, Axt, und schlag zu!“ Der Tomahawk flog aus seiner Hülle, zerschnitt mit einem Hieb die Schnur, und die Flüchtlinge waren frei. Aber der Menschenfresser wollte die Hoffnung auf die ausgiebige Beute noch nicht aufgeben. Als er sah, dass er mit seiner Kraft allein nichts ausrichten konnte, kniete er am Seerand nieder und begann zu trinken. Er trank und trank, der Wasserspiegel sank tiefer und tiefer, bis das Boot vor dem weit aufgerissenem Maul des Menschenfressers stand. Da griff Okteondo im allerletzten Augenblick zu seinem Bogen, zielte und schoß. Und schon trug sie eine riesige Welle wieder auf den See hinaus, denn der Pfeil hatte den Magen des Ungeheuers getroffen, und alles Wasser strömte wieder zurück. „Jetzt ist es aus mit euch!“ brüllte das Ungeheuer. Es blies mit aller Kraft einen eisigen Wind über den See, und das Wasser wurde zu Eis. Das Boot fror ein, auch die Wildgänse konnten sich nicht mehr von der Stelle rühren. Der Menschenfresser sprang auf das Eis und stürzte zu dem Kanu. Da erhob sich der weise Greis, flüsterte ein paar geheimnisvolle Worte, und das Eis begann zugleich wieder zu tauen. Und noch ehe das Ungeheuer die Hand nach seiner Beute ausstrecken konnte, brach das Eis unter seinen Füßen, und es sank in eine so bodenlose Tiefe, daß er nie wieder gesehen wurde. Die Flüchtlinge waren gerettet. Um ein weniges später langten sie bei dem Wigwam des alten Haienthwus unter der Ulme an. Und dort lebten sie alle miteinander zufrieden und glücklich, bis sie von dem großen Geist abberufen wurden. Die Wildgänse hatte Okteondo freigelassen. Auch sie trennten sich nicht mehr voneinander und flogen immer nur in einem Schwarm. Und wenn die Indianer zum Himmel aufblickten und sie ziehen sahen, wußten sie, dass es Okteondos Wildgänse waren.
*
Quelle: Märchen des Stammes Seneka

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