In jenen alten Zeiten bekam der Maulwurf eines Tages einen wunderlichen Brief. Es war ein Zweig wilder Hopfen mit einer Menge von Knoten, die sich alle voneinander unterschieden und deren jeder ein Wort in der damaligen Tiersprache bedeutete. Nachdem der Maulwurf die Knoten mit mühe und Not entziffert hatte, wußte er, daß es eine Einladung war, in der er gebeten wurde, sich auf der Vertrockneten Insel einzufinden.
Er kam aus dem Staunen nicht heraus, denn der Brief hatten vier der gefürchteten Häuptlinge unterschrieben; Fuchs, Rabe, Hase und Bär. „Ich muß mich sputen, es wird etwas sehr Wichtiges sein“, sagte er sich und traf seine Reisevorbereitungen. In größter Eile machte er in seinem Wigwam, der in der Nähe eines alten Baumes stand, ein wenig Ordnung, glättete seinen Samtpelz und ging. Ganz außer Atem erreichte er endlich das Ufer des Sees, den er unter Aufbietung seiner letzten Kräfte durchschwamm, und betrat die Vertrocknete Insel. Die vier Häuptlinge erwarteten ihn bereits. „Jetzt sind wir alle beisammen, es kann losgehen“, sagte der Bär. „Das Wort hat als erster der Fuchs. Der Fuchs machte kein langes Federlesens: „Die Häuptlinge haben beschlossen, dich davon in Kenntnis zu setzen, daß du dir eine andere Wohnung suchen mußt, weil du dort, wo du jetzt wohnst, allen im Wege bist!“ Am meisten wohl dir, du Pfiffikus, dachte der Maulwurf, aber er wagt nur eine zaghafte Widerrede: „Warum denn ausgerechnet ich. Ich bin mit meinem alten Wigwam unter dem alten Baum ganz zufrieden...“
„Zufrieden, zufrieden“, krächzte der Rabe hohnvoll und fügte dann hinzu: „Du bist schwarz und häßlich. Wie kommen wir andere dazu, ständig deinen Anblick ertragen zu müssen?“ Du bist auch nicht gerade eine Schönheit, und nicht umsonst verstecken sich die Vogelmütter beim Brüten vor dir, weil sie sich an dir versehen könnten und dann häßliche Kinder hätten, wollte ihm der Maulwurf vorhalten, aber noch ehe er dazu kam, ergriff der Hase das Wort: „Die ganze Zeit wühlst du in der Erde herum und gibst nicht einmal in der Nacht Ruhe. Du kümmerst dich wenig darum, daß ich einen leichten Schlaf habe und jede Weile aufschrecke!“
Der Maulwurf richtete seine klugen, vom Sonnenlicht geblendeten Äuglein so durchdringend auf den Hasen, als wollte er sagen: „Na, na, hab dich nur nicht so. Das wäre mir nicht einmal im Traum eingefallen, daß ich es bin, der dich aus dem Schlafe weckt. In Wirklichkeit wird es wohl deine eigene Angst sein, die dich keinen Schlaf finden läßt. Du bist schon immer ein Angstmeier gewesen und wirst es für alle Zeiten bleiben.“ so hatten freilich nur die Äuglein des Maulwurfs gesprochen. Aus seinem Munde aber klang es unterwürfig. „Wenn es so ist, will ich von nun an ganz leise arbeiten, damit ich dich nicht störe.“ Da fing der Bär an: „Ich will mir einen Weg bahnen“, brummte er mit seiner tiefen Stimme, „und dein Hügel ist mir dabei im Weg. du kannst doch nicht verlangen, daß ich einen Bogen darum herum mache!“ Der Maulwurf schaute bestürzt von einem zum anderen, und in der Hoffnung, die Häuptlinge doch noch umzustimmen, jammerte er: „Aber was soll denn aus mir werden, wenn ihr mich fortjagt? In dem Wigwam haben doch schon mein Großvater und mein Urgroßvater gewohnt! Manitou selbst hat ihnen erlaubt, ihn an dieser Stelle zu bauen.“
„Laß das Gerede“, bellte ihn der Fuchs an. „Wenn du nicht gutwillig ausziehst, bringen wir dich eines Tages um, und gleich wird Ruhe sein!“
„Was gibt es denn da zu schreien?“ mischte sich plötzlich eine fremde Stimme in die Auseinandersetzung. Alle drehten überrascht die Köpfe und erblickten die Schildkröte. „Packt euch!“ schrie sie erbost. „Hier habt ihr nichts zu suchen, das ist meine Insel.“
„Wir sind hier nur zu einer Beratung zusammengekommen“, verteidigte sich der Rabe. „Was geht mich eure Beratung an? Macht, daß ihr fortkommt, aber eins, zwei. sonnst verbrenne ich euch mit dem heißen Sand da!“ Und wirklich! Der Sand brannte auf einmal so unangenehm, daß das Häuptlingskleeblatt sich mit Windeseile zum Wasser verzog und auf dem kürzesten Wege das andere Ufer zu gewinnen suchte. Nur der Maulwurf hatte sich tief in den Sand eingegraben, wo es nicht so heiß war, und steckte seine Schnauze erst wieder heraus, als er spürte, daß die Luft rein war. „Wie ich sehe, Schildkröte, hast du nicht nur eine große Macht, sondern auch ein gutes Herz. Deshalb habe ich eine Bitte an dich.“
„Heraus damit! Mir kannst du unbedingt vertrauen. Wenn es möglich ist, will ich dir gerne helfen. Das gelungene Kleeblatt hatte Böses mit dir vor. Aber das lasse ich nicht zu. Ich habe einen festen Panzer, und ihre Waffen können mich nicht schrecken. „Sie wollen mich aus meiner Wohnung verjagen und mich umbringen, wenn ich nicht freiwillig gehe...
Bei dir könnte ich wohl nicht bleiben?“
„Das wird nicht gehen, denn hier wächst kein Baum und kein Halm. Aber ich mache dir einen Vorschlag: Wir wollen miteinander Freundschaft schließen, und wenn wir fest zusammenhalten, wird es sich jeder überlegen, dir ein Leid anzutun.“ Der Maulwurf nickte voller Freuden, und das Bewußtsein, nun einen Freund zu haben, erfüllte sein Herz mit Hoffnung und Zuversicht. Jetzt brauchte er sich vor nichts mehr zu fürchten...Sie gingen im besten Einvernehmen auseinander, nachdem sie versprochen hatten, einander von Zeit zu Zeit zu besuchen. Den vier Häuptlingen kam es bald zu Ohren, daß der Maulwurf in der Schildkröte eine treue Freundin und Beschützerin gefunden hatte, und darum ließen sie ihn vorläufig in Ruhe. Aber der Rachdurst ließ sie nicht schlafen, und besonders der Fuchs schmiedete ränkevolle Pläne. Jetzt habe ich es, dachte er. Ich muß verhindern, daß die beiden zusammenkommen. Und dann...An dem Tag, als die Schildkröte den Maulwurf besuchen sollte erklangen im Walde plötzlich Kriegstrommeln, deren dumpfes Dröhnen auch die Vertrocknete Insel und die Schildkröte erreichte, die sich gerade zum Weggehen anschickte. Das ist kein gutes Zeichen, dachte sie und blieb am Ufer stehen, um das Ende des Lärms abzuwarten. Unterdessen war das Dröhnen so stark geworden, daß es dem Maulwurf in seiner Behausung schien, als ob die ganze Welt Alarm trommelte und in Krieg zöge. Zu Tode erschrocken fragte er sich, was das wohl bedeuten mochte. Er steckte alleweile den Kopf aus dem Wigwam, um nach seiner treuen Freundin, der Schildkröte, Ausschau zu halten, da er in ihrer Gesellschaft die sich ankündigenden Ereignisse leichter zu überstehen hoffte. Aber die Schildkröte kam nicht, und ohne sie war es wahrhaftig nicht länger zum Aushalten. Ich will lieber auf einen Felsen kriechen, damit mir nichts passiert, dachte er, und stieg bis zur allerhöchsten Spitze hinauf. Dort blieb er bis zum Abend. Auf dem Heimweg traf er den Fuchs. „Nein, so eine Überraschung! Ich hatte schon geglaubt, du seist auch verbrannt“, rief der Ränkeschmied heuchlerisch. Aber in seinen Augen schimmerte Bosheit. „Warum hätte ich denn verbrennen sollen?“....“Ja, weißt du denn von nichts? Die Schildkröte von der Trockenen Insel war hier, sie hat dich überall gesucht und war sehr wütend auf dich, weil du sie bei allen als dumm und tollpatschig hingestellt haben sollst. Und dann hat sie aus Rache deinen Wigwam zerstört und ausgebrannt.“ Der Maulwurf war einer Ohnmacht nahe, so sehr kränkte es ihn, wie alle Welt mit ihm umsprang. Und dazu war es noch seine Freundin gewesen, die ihm das angetan hatte! Er dankte dem Fuchs und hatte es dann so eilig, zu seiner Wohnung zu kommen, daß er das böse Lächeln des roten Ränkeschmiedes gar nicht gewahr wurde.
Er verbrachte die Nacht im Gras neben den Trümmern seines Wigwams und sann darüber nach, wie er sich an der Schildkröte rächen könnte. Früh morgens schwamm er über den See und forderte die Schildkröte mit seinem schrillen Stimmchen, in dem Zorn und Enttäuschung die Wage hielten, zum Kampf auf Leben und Tod. Aber in dem Wigwam blieb alles still. Der Maulwurf steckte seinen Kopf hinein, aber von seiner ehemaligen Freundin war nichts zu sehen. Sie war wohl auf die Jagd gegangen. „Umso besser, sie soll sehen, wie es tut“, ereiferte er sich laut piepend und steckte das Häuschen in Brand. Die Flamme zischte auf, und bald war die ganze Insel von dicken, schwarzen Rauchwolken eingehüllt. Die Schildkröte war im Nu zur Stelle und rief schon von weitem:
„So dankst du mir meine Freundschaft?“ Und sie begannen miteinander zu ringen. Stunde um Stunde dauerte der Kampf, bis es dem heißen Sand, den sie fortwährend aufwirbelten, zuviel wurde und er sie für immer unter sich begrub. Darüber freuten sich die Häuptlinge, denn sie waren es gewesen, die den Wigwam des Häuptlings angezündet hatten. Am meisten aber lachte sich der Fuchs ins Fäustchen, denn es war ihm gelungen, die Schuld an seiner Missetat der Schildkröte in die Schuhe zu schieben, daß ihm der einfältige Maulwurf geglaubt hatte. Ja, so geht es auf der Welt: Zank und Streit unter Freunden – Schadenfreude bei den Feinden.
*
Quelle: Märchen der Seneka

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