Vor der Zeit des ältesten Märchens, dass ich aus den Erzählungen der Tiere kenne, herrschte auf der Mutter Erde der Große Schlaf. die Erde war, wie von einer schwarzen Woge überflutet, in tiefe Finsternis getaucht, und kein Laut unterbrach die erhabene Stille.
Wäre die weiße Wolke nicht gewesen, hätte die Erde vielleicht bis in alle Ewigkeit so weitergeschlafen. Aber da schlug eines Tages die weiße Wolke wie durch einen Zufall die Augen auf, und weil sie nichts als Finsternis sah, erhob sie sich von ihrem Sitz im Norden und wanderte, sich behutsam vorwärts tastend, gen Osten. Ach, aber da kam sie schön an! Auf der Ostseite hatte nämlich eine schreckliche schwarze Wolke ihren Sitz. Es war die Hüterin des Großen Schlafes, die als einzige in der stockschwarzen Finsternis sehen konnte und sofort zur Stelle war, wenn sich irgendwo etwas rührte. Kaum sah sie die weiße Wolke heranschweben, sträubte sie ihre Nebelfetzen wie eine Wildkatze ihr Fell und jagte der Unternehmungslustigen entgegen, um sie zu bestrafen. Über dem Indianerland gerieten sie aneinander. Die Schwarze stürzte sich auf ihre weiße Schwester und schlug unbarmherzig auf sie ein. Aber die Weiße ließ sich nicht unterkriegen. Sie vergalt der Angreiferin Schlag um Schlag, und es gelang ihr sogar, sie etwas zurückzudrängen.
Manitou allein weiß, wie der Kampf schließlich ausgegangen wäre, wenn sich nicht eine seltsame, noch nie dagewesene Erscheinung gezeigt hätte: Von den Ringenden troff der Schweiß, und wie die einzelnen Tropfen ineinanderflossen, strömte plötzlich ein heftiger Regenguss zur Erde. Und dieser Regen brachte dem Land der Indianer das Leben. Die Tiere, die der Große Schlaf unter der Erde gefangen gehalten hatte, kamen alle herausgekrochen, denn das Wasser hatte ein großes Loch in den Boden gehöhlt, durch das sie eines nach dem anderen entweichen konnten. Es hatte den Anschein, als würde nun ein glückliches und zufriedenes Leben beginnen. Die Tiere teilten sich die Jagdgründe, angefangen von dem ebenen Land über Berge und Täler bis zu dem Gebiet des Schneelandes, und bald darauf besaß ein jegliches Geschöpf seine Wohnstätte. Aber etwas fehlte der Welt noch, das bisher niemandes Auge erblickt hatte – das Licht!
Während der Herrschaft des Großen Schlafes hatten es seine Geister fortgetragen, und so kam es, dass man kaum eine Handbreit sehen konnte. Aber zum Glück war am Himmel noch ein winziges Endchen von der weißen Wolke zurückgeblieben. Arg zersaust und todmüde nach dem Kampf, konnte sie sich kaum mehr rühren, aber sie rief ihre Gefährtinnen, die blaue und die gelbe Wolke, zu Hilfe.
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Quelle: Märchen des Stammes der Navaho

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