Weit im Norden oben, in Eis und Schnee lebte eine Seehundsmutter. Sie hatte zwei kleine Seehundskinder. Es waren Zwillinge. Als diese Seehundszwillinge noch sehr klein waren, grub die Mutter sie in den Schnee ein. Und sie sagte: „Bleibt schön still liegen und versucht auch nicht herauszugucken.“ Dann häufte sie etwas Schnee darüber, damit niemand ihre Seehundskinder entdecken konnte, tauchte sie ins Wasser und ging auf Fischjagd, um sich ihr Mahl zu beschaffen. Die Seehundszwillinge verhielten sich während der ganzen Zeit ruhig. Sie gaben keinen Mucks von sich und versuchten auch nicht hinauszugucken, während ihre Mutter Fische fang. Solange ihre Kinder klein waren, nährte sie die Mutter mit ihrer eigenen Milch. Mit der Zeit wurden die Zwillinge immer größer und größer und – auf einmal waren sie groß genug, um schwimmen zu lernen, da schubste sie die Seehundsmutter einfach ins Meer. Anfangs fielen fielen die Seehundskinder Kopf voran in Wasser und streckten, den Schwanz in die Höh. Doch krabbelten sie wieder heraus, schmiegten sich an die Mutter und fingen an zu weinen. Doch die Mutter schob sie gleich wieder ins Wasser, bis sie schwimmen gelernt hatten und sich über Wasser halten konnten. Von da an spielten die beiden den lieben Tag im Wasser. Sie spielten mit anderen Seehunden, sie tauchten nach Muscheln, warfen diese in die Luft und gruben nach Gallertfischen, so lernten sie für sich selbst Fische zu fangen. Wenn sie müde waren, krabbelten sie aufs Eis hinauf, und aus Spaß schubste der eine oder der andere seinen Bruder wieder ins Wasser. „Tut das nicht“, sagte die Seehundsmutter. „Oh, wir können einfach nicht aufhören, hin und her zu gleiten. Wir rutschen auf dem Eis aus und fallen wieder ins Wasser“, sagten die Zwillinge. Deswegen nannte sie jedermann nur noch Slip und Sleid. Slip und Sleid konnten nicht eine Minute ruhig liegen bleiben. Sie spielten mit den anderen Seehundskindern Bockspringen.

Eine Tages grub die Seehundsmutter ein Loch ins Eis. Die Zwillinge mußten in dieses Loch hineingehen, dann häufte sie der Schnee auf sie und machte von oben her ein Loch in den Schneehaufen, damit die Seehundskinder wie durch einen Kamin frische Luft zum Atmen hatten. Die Mutter sagte: „Bewegt euch nicht und versucht auch nicht, hinauszugucken.“ Dann ging sie auf Fischfang. Während sie abwesend war, kam ein großer weißer Bär und schnüffelte am Loch herum. Doch die Zwillinge bewegten sich nicht und versuchten auch nicht hinauszuschauen. Da zog der Bär von dannen. Eines Tagen gingen Slip und Sleid auf Fischfang. Sleid schwamm einem großen Fisch nach weit ins Meer hinaus, und plötzlich sah er einen riesigen Walfisch. Sleid erschrak fürchterlich, der Walfisch spritzte einen Wasserstrahl hoch in die Luft. Sleid bellte und bellte. Und er bellte so laut, daß ihn seine Mutter hören konnte. Sie schwamm sofort zu ihm hinaus und rief ihm zu: „Tauche unter das Eis!“ Sleid tauchte, dann schwamm er unter dem Eis weiter und schlug plötzlich den Kopf an eine Eisscholle an. Auch die Seehundsmutter war untergetaucht. Und beide blieben so lange unter Wasser, bis der Walfisch davongeschwommen war. Dann krabbelte Sleid auf den Rücken seiner Mutter, denn er war entsetzlich müde geworden, und sie brachte ihn nach Hause. Sleid erzählte seinem Zwillingsbruder, was er alles mit dem Walfisch erlebt hatte. Er sagte: „Schwimm nie allein ins Meer hinaus, sonst wird dich der Walfisch fressen.“ Deshalb schwamm Sleid nie weit ins Meer hinaus, wenn er allein war.

Doch eines Tages kroch er über Eis und Schnee ganz allein davon. Und auf einmal sah er etwas, was er sein Lebtag noch nie gesehen hatte. In einiger Entfernung kam ein Eskimoknabe auf ihn zu, ein großer Hund zog neben ihm seinen Schlitten. Slip kroch auf einen Eisblock hinauf, um besser sehen zu können. der Eskimoknabe hieß Matka. Als er das Seehundskind sah, rannte er ihm über den Schnee entgegen. „Wie fein, du wirst nun mir gehören, und ich werde dich lieb haben!“ rief er ihm zu. Matka nahm Slip in seine Arme und streichelte ihn. Slip hatte gar keine Angst, sondern schmiegte sich fest an den Pelzmantel des Knaben, es gefiel Slip sehr, gestreichelt zu werden. „Ich werde dich mit mir nach Hause nehmen“, sagte Matka. Er legte Slip in den Schlitten und fuhr über Schnee und Eis, bis sie in Matkas Dorf angelangten. „Schaut, was ich gefunden haben!“ rief Matka. Alle Kinder umringten Slip, und dieser kroch zu ihnen heran, die Eskimokinder lachten. Matka versorgte seinen Liebling sehr gut. Er warf ihm jeden Tag Fische zu, die Slip in der Luft auffangen mußte, und er lehrte ihn sogar Kunststücke. Slip konnte bald einen Schneeball auf der Nase hin und her balancieren. Slip liebte seine neuen Freunde. Er folgte Matka auf Schritt und Tritt. Aber nach einiger Zeit bekam Slip schreckliches Heimweh. Er wollte wieder zu seinem Zwillingsbruder heimgehen.

So vergingen viele Tage, und der Winter kehrte ein. Die Sonne erschien nicht mehr am Horizont, und es war beinahe immer Nacht. Slip wartete ab, bis niemand auf ihn achtgab, und kroch eines Tages ganz heimlich von dem Eskimodorf weg. Er kroch lange Zeit, ohne etwas anderes als die Sterne am Himmel zu sehen. Alles war steinhart gefroren. Slip wurde hungrig, doch er konnte nichts anderes als Schnee und Eis sehen. Da grub er sich ein Loch in das Eis hinein und ging schlafen. Der Wind pfiff und heulte. Der kleine Seehund wachte nach einiger Zeit wieder auf. Es schneite. Slip war zu Tode erschrocken, als er dies sah, aber er rannte nun, so schnell er konnte, über Schnee und Eis hinweg. Und endlich kam er zu der Stelle, wo er einst seinen Zwillingsbruder und die anderen Seehunde verlassen hatte. Aber kein einziger war zu sehen, alle waren fortgeschwommen. Slip schaute um und um, aber nichts war zu sehen. Da fing er zu bellen an, so laut er konnte, und auf einmal tauchte ein Kopf aus einem Eisloch auf. „Mein Zwillingsbruder!“ rief Slip und kroch übers Eis zu ihm hin. „Wo sind denn all die andern?“ rief er...“Wohin sind sie gegangen?“...“Sie sind alle in wärmere Gewässer weggeschwommen“, sagte Sleid...“Ich allein blieb hier, um auf dich zu warten.“ Slip schlang seine Flossen um seinen Zwillingsbruder. „Ich bin so froh, daß du nicht fortgeschwommen bist“, und er liebkoste seinen Bruder wieder. „Ich werde nun mit dir ins Eskimodorf zurückgehen.“ So wanderten die beiden Seehundszwillinge über Schnee und Eis und erreichten das Eskimodorf. Matka war ganz überrascht. Statt eines Seehundes sah er plötzlich zwei vor sich. Sie glichen sich dermaßen, daß Matka nicht herausfinden konnte, welcher von beiden sein geliebter Seehund gewesen war. Darum sagte er: „Nun habe ich eben zwei liebe Seehunde.“ Und er baute für sie einen Iglu, das ist eine kleine Eskimohütte aus Eis, damit die zwei lieben Tierchen im Winter nicht frieren mußten. Und die Zwillingsbrüder waren sehr glücklich in ihrem neuen Heim.

Quelle: E.P. Dutton & Co, New York 1940
Alaska

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