Es wird erzählt, daß ein Landmann einen Garten besaß, der voll war von Blumen und Früchten. An der Ecke eines Rasenplatzes befand sich ein Rosengebüsch, und jedes seiner Stämmchen war frischer, als die Schösslinge des Glücks und übertraf die Bäume der Freude. Jeden Morgen blühten neue Knospen auf, und der Besitzer des Gartens hatte seine Freude daran, sie zu betrachten. Eines Tages war er wieder ausgegangen, um die wundervolle Pracht der Blumen zu schauen. Da sah er, wie eine Nachtigall ihren Kopf auf eine Rose gelegt hatte und laut ihr Liedchen sang und wie sie dabei mit ihrem scharfen Schnabel deren farbenprächtige Blättchen beschädigte. Als der Mann sah, wie die Rose zerstört wurde, riß ihm die Geduld; er ward böse auf die Nachtigall, breitete ein verräterisches Netz über den Weg, fing den Vogel und sperrte ihn in einen Käfig. Die Nachtigall war tief betrübt; sie löste ihre Zunge und sprach: „Lieber Mann!
Weshalb hast du mich gefangen? Ich bin in meiner tiefsten Seele betrübt. Hat dich meine süße Stimme dazu verleitet? Nun, mein Nest befindet sich ja in deinem Garten! Sollte dir aber etwas anderes in den Sinn gekommen sein, so sage mir, was es ist; ich will mich in Geduld fassen und schweigen.“ Der Bauer sagte: „Weißt du denn nicht, wie sehr du mich betrübt hast? Wie du meine Rosen vernichtet hast, an denen mein ganzes Leben hängt? Und wie du mir allen Grund gegeben hast, darüber zu trauern?“ Die Nachtigall erwiderte: „Das solltest du mir verzeihen. Denke doch einmal recht darüber nach, daß ich nur des geringen Vergehens wegen, weil ich eine einzige Rose verdorben habe, nun in einem Käfig gefangen sitze. Wie wird es da erst dir ergehen, der du ein Herz betrübst?“ Diese Worte rührten ihn, und er ließ die Nachtigall frei. Die Nachtigall aber dankte ihm und sprach. „Weil du dich mir gegenüber so wohltätig erwiesen hast, so will gewiß auch ich mich dir mit einer Wohltat dafür erkenntlich zeigen. Wisse, unter dem Baum, unter dem du stehst, ist ein mit Goldmünzen angefüllter Krug vergraben. Grabe ihn aus und verwende ihn zu deinem Nutzen!“ Als der Landmann die bezeichnete Stelle aufgrub und sich die Angabe der Nachtigall bewahrheitete, sagte er: „Ei, Nachtigall! Mich wundert, daß du den Krug unter der Erde zu sehen vermochtest, nicht aber die Schlinge, welche auf der Erde lag.“ Da gab ihm die Nachtigall zur Antwort: „Weißt du’s denn gar nicht? Wenn es Gottes Wille ist, so schwindet das Licht aus dem Auge der Weisheit, und die Beratung des Verstandes bringt keinen Nutzen.“

Märchen aus Indien
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