In grauer Vorzeit lebte ein mächtiger König Namens Gandharva; er hatte Üdsesskülengtu-Gôa, die reizend schöne Tochter des mächtigen Königs Galindari, geheiratet. Glaube und Gesetz dieser Welt befestigte und schützte er. Weil er indessen ohne Nachkommen blieb, flehte er stets darum zu Buddha und den Himmelsgöttern, und grämte sich unaufhörlich in seinem Herzen darüber. Desshalb sprach Üdsessküleng-Chatun einst zu ihrem Gemahl also: »Mein Fürst, da du um der Nachkommenschaft willen unaufhörlich im Herzen dich grämst, so meine ich, wenn du noch eine andere Frau nehmen würdest, könntest du vielleicht mit Nachkommen beglückt werden«. Der König war mit diesem Vorschlag einverstanden, wählte ein Mädchen aus der Zahl seiner Unterthanen aus und heiratete dasselbe. Bald gebar diese Gemahlin von niedrigem Stande einen Sohn. Weil der König zu dieser seiner zweiten Gemahlin eine grosse Zuneigung gefasst hatte, betrübte sich Üdsessküleng-Chatun in ihrem Herzen und dachte bei sich: »Durch meines Vaters Einfluss ist er König geworden; auf meine Ermächtigung hin hat er diese zweite Gemahlin genommen; jetzt bedarf er meiner nicht mehr; allein was soll ich anfangen? In einer Felsengrotte auf der Rückseite dieses Berges wohnt ein wunderkräftiger Einsiedler; zu ihm will ich mich begeben, ihm meine tiefe Verehrung bezeigen und ihn um Kindersegen bitten«. Von fünf Dienerinnen begleitet und mit dem nöthigen Speisevorrath, mit Thee und dergleichen sich versehend begab sie sich auf den Weg zu dem Einsiedler. Dort angelangt machte sie die üblichen Verbeugungen und wollte ihr Anliegen vortragen. Weil aber der Einsiedler eben in seinen frommen Betrachtungen versunken war, umwandelte sie inzwischen ehrerbietig die Stätte. Als der Lama sie um die Mittagszeit gewahrte, sprach er: »Erhabene Königin, was für einen Kummer hast du auf dem Herzen, dass du in gläubiger Andacht zur ehrfurchtsvollen Huldigung hier erschienen bist?« Auf diese Worte brachte die Königin ihr Anliegen vor, indem sie sprach: »Ich erflehe Kindersegen«. »Mögest du mit zahlreicher Nachkommenschaft beglückt werden!« antwortete der Lama, und reichte ihr eine Handvoll Erde, welche er segnete. »Koche dies«, sagte er, »in Rüböl, verdünne es dann mit Wasser in einem Porcellan-Gefäss und iss es auf«. Mit dieser Anweisung kehrte die Königin voll Freude zurück. Sobald sie nun die Masse in einem neuen Porcellan- Gefässe mit Wasser verdünnt hatte, ward dieselbe in einen Gerstenbrei verwandelt. Die Fürstin verzehrte denselben, und nachdem sie das Porcellan-Gefäss abgegeben, ass noch ein Mädchen den Bodensatz auf. Ohne Verzug wurde die Königin schwanger, und als der letzte Monat zu Ende gieng und es zur Entbindung kam, da traten mancherlei verschiedene Wunderzeichen ein: des Kalavinka melodische Vogelstimme liess sich vielfach vernehmen, vom Himmel fiel ein Blumenregen hernieder, Wohlgerüche verbreiteten sich. Der König an der Spitze und alle Unterthanen freuten sich unendlich über die Geburt eines Sohnes. In seiner Vaterfreude ordnete er die jüngere Gemahlin an der Spitze einer Gesandtschaft mit einer Anzahl Würdenträger ab, mit dem Auftrag, den Einsiedler um das Schicksal des Neugebornen zu befragen. Als sie, bei dem Lama angekommen, ihm die Geburt eines Sohnes und die dabei erfolgten verschiedenen wunderbaren Erscheinungen berichteten, und ihn um das Schicksal des Kindes befragten, sagte der Einsiedler: »Ich kann mich sofort zur frommen Betrachtung niedersetzen«, und ohne viel Worte zu machen, sprach er nur: »Wenn dieser Knabe gross geworden, ist er ein Liebhaber von Mahlzeiten, die also beschaffen sind, dass dabei von dem an die zu verzehrenden Speisen zu mischenden Salze 1500 Wagen aufgehen«. Da ausser diesem also lautenden feierlichen Ausspruch weiter kein Wort mehr erfolgte, kehrten die Königin und die Minister, sich allgemein darüber verwundernd und ihre Bemerkungen dazu machend, zurück und erstatteten dem König ausführlichen Bericht.
Der König, den Ausspruch nicht verstehend und in seinem Herzen darüber sich grämend, sprach: »Was ist das doch für ein sonderbarer Ausspruch! Das muss ein wahrhaftiger Dämon sein!« Er liess alle seine Unterthanen versammeln und sprach also: »1500 Wagen voll des an die Speisen dieses Knaben zu mischenden Salzes sollen aufgehen, heisst es! Weit entfernt davon, dass ein Mensch allein so viel verzehrt, würden denn sogar viele Menschen selbst bis zu ihrem Lebensende es verbrauchen können? Das muss sicherlich ein tausendfältiger Schimnus sein; tödtet ihn«. Die Minister, darüber betroffen, versetzten: »Wie? den Sprössling des Herrschers sollten wir tödten? wie wäre es denn, wenn wir ihn in eine Einöde entführten und in einem dichten Walde aussetzten?« Der König war mit dem Vorschlag einverstanden. Zwei Minister brachten das Kind fort und setzten es in einem grossen Dickicht aus. Eben wollten sie weggehen, als der Knabe den beiden Ministern zurief und zu ihnen sprach: »Wartet, ihr Minister; ich will euch ein Wort sagen«. Auf diesen Zuruf standen die Minister still und hörten mit grosser Verwunderung zu. Der Knabe sprach also: »Geht hin zu eurem König und überbringt ihm getreu meine Worte. Die zur Welt kommenden Jungen des Pfauenvogels, sagt man, pflegen während ihres Heranwachsens mit blauer Farbe aufzuwachsen; nachdem sie gross geworden, pflegen sie goldbefiederte Pfauen zu werden. Diesen gleich wird auch einem König ein Sohn geboren. Nach der Geburt, heisst es, wächst er unter der Obhut seiner Eltern und der erhabenen Dynastie heran. Wenn er nun, nachdem er gross geworden, ein die vier Welttheile beherrschender König werden sollte, und wenn er dann als solcher die Fürsten der vier Welttheile zu einer Versammlung beruft und für dieselben ein grosses feierliches Religionsfest veranstaltet, so wird das bei dieser Gelegenheit aufgehende Salz 1500 Wagen weit übersteigen; ja, sagt an, würden selbst 10.000 Wagen Salz dazu ausreichen? Die Papagaien pflegen erst, wenn sie aus den gelegten Eiern ausgekrochen, in Vogelgestalt sich einherzubewegen; nachdem sie gross geworden, lernen sie die Sprache der belebten Wesen und lernen vollständig Klugheit und Weisheit. Diesen gleich wird auch einem König ein Sohn geboren. Nach der Geburt aber, heisst es, pflegt er während seines Wachsthums unter der Obhut seiner Eltern und der gesammten sehr erhabenen Dynastie heranzureifen. Wenn er nun, nachdem er gross geworden, ein Himmel und Erde und die vier Welttheile beherrschender mächtiger König werden sollte, und wenn er dann in der Eigenschaft eines solchen Himmel und Erde und die Welttheile sämmtlich beherrschenden Königs die Himmelsgötter und die Fürsten der vier Welttheile und die zahlreichen Bodhisattvas und die gesammte Geistlichkeit der vier Welttheile beruft und ein grosses feierliches Religionsfest veranstaltet, würden da, ganz zu schweigen davon dass 1500 Wagen an dazu erforderlichem Salze aufgehen, sagt an, selbst 10.000 Wagen Salz ausreichen? Dies für euern König!«
Nach dieser Rede kehrten die beiden Minister eiligst zurück und hinterbrachten die von dem Knaben gesprochenen Worte alle vollständig. Als der König das hörte, schlug er die Hände zusammen und aufspringend rief er: »O du mein wahrhafter Bodhisattva! wenn ich sage, dass ich dich nicht erkannt habe, so ist das gewiss die Wahrheit! Geht, geht, schnell will ich meinen Sohn holen«. Der König an der Spitze und die ganze Bevölkerung machten sich zusammen eiligst auf den Weg. Als sie bei der Ankunft nachsuchten, war das Kind an der Stelle, wo es ausgesetzt worden, nirgends zu finden. Der König brach in Thränen aus und rief: »O du mein Bodhisattva, der du von klein an vermöge deiner Gewohnheit Barmherzigkeit übst! o du mein Bodhisattva, der du von Kindheit an sinnvolle Worte weisst und aussprichst! o wie habe ich dich missverstanden! wohin bist du von dem Orte hier, wo man dich ausgesetzt, entschwunden?« Während er so wehklagend weiter schritt, liess sich auf einmal in einer Felsengrotte ein schallendes Weinen vernehmen. Als er eiligst dahin stürzte, sah er, wie acht grosse Fürsten der Schlangendämonen hinzutretend über das Kind eine Decke von Lotusblumen ausbreiteten; mit dem Munde liessen sie es Honig saugen, vor ihm sanken sie auf die Kniee, verneigten sich, indem sie die zusammengelegten Handflächen bis zur Stirne erhoben, und berührten mit dem Haupte die Erde: so waren sie unaufhörlich um das Kind beschäftigt. Allein als der König sich näherte, waren sie spurlos verschwunden, ohne weiter gesehen zu werden. Der König nahm das Kind, legte es auf seinen Scheitel und sprach unter Darbringung seiner Huldigung und Verehrung: »O du mein Sohn, barmherziger Bodhisattva! ich bin ja dein Vater!« Und nachdem er seine verkehrten Gedanken und Fehler bereut, brachte er ihn nach Hause und nannte ihn seines Volkes hocherhabenen machtvollen Prinzen Vikramâditja.
»Du mein König Ardschi-Bordschi!« sprach zum Schluss die Holzfigur, »dieser hehre Vikramâditja, der schon von Kindheit an so sinnvolle Aussprüche gethan, dessen Vater ihm seine Huldigung dargebracht, war so erhaben und hochheilig. Wenn du ein solcher König sein solltest, dann setze dich auf diesen Thron; bist du es aber nicht, dann kannst du dich nicht darauf niederlassen; kehre um«.



[Asien: Mongolei. Märchen der Welt ]
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