Es waren einmal zwei Stammeshäuptlinge. Der eine hieß Chandeng, der andere Dudeng. Ihre Stammesleute trieben die Stämme auch im gleichen Tal ihre Lager auf, wo sie dann den Winter verbrachten. Da sich alle gut verstanden, wurden viele Freundschaften geschlossen. Nur die beiden Häuptlinge lagen sich hin und wieder in den Haaren. Sie stritten sich dann, daß ihre Köpfe rot anliefen und die Ohren glühten. Aber keiner wollte nachgeben. Eines Tages begegneten sich beide wieder. Wie gewöhnlich gerieten sie bald in Streit.

„So ehrliche und aufrichtige Menschen wie in meinem Stamm gibt es nirgends“, prahlte Häuptling Changdeng. „Meine Hirten sind wahrhaftige Hirten.“ – „He,he, das glaube ich dir nicht“, fiel ihm Dudeng ins Wort. „Dann hälst du deine niedrigsten Viehknechte alle für ehrliche und famosen Menschen!“ Dudeng aber blieb hartnäckig: „Wie soll ich dir denn glauben. daß die Leute von gemeinen Volk immer die Wahrheit sagen? Aber wie wäre es mit einer Wette?“ - „Gut“, sagte Changdeng,
„was soll der Einsatz sein?“ Dudeng klatschte einmal in die Hände und sagte: Wir machen es so. Wenn dein Knecht in einer wichtigen Sache die Unwahrheit spricht – und das gar nicht anders sein - , dann mußt du deinen Stamm teilen und mir die Hälfte abgeben. Sollte er aber tatsächlich die Wahrheit sagt, so werde ich ihm glauben. Dann aber teile ich meinen Stamm und dir fällt die eine Hälfte zu.“ Beide bekräftigen ihre Abmachung, klatschten dreimal in die Hände, zerknickten eine Gerte, und jeder streckte eine Hälfte zu sich.

Als Dudeng in sein Zelt zurückgekehrt war, rief er seine Tochter zu sich: „Mein Kind! Hast du deinen Vater noch lieb?“ - „Das Lämmchen folgt immer dem Schafe, wie sollte ich meinen Vater nicht gern haben!“ sagte das Mädchen. „Dein Vater ist in eine schwierige Angelegenheit verwickelt. Willst du mir helfen, da herauszukommen?“ – „Der starke Baum schützt die Bäumchen vor dem Sturm. Vielleicht können auch einmal die Bäumchen vor dem großen Baum eine schützende Wand
bilden! Seitdem ich auf der Welt bin, war der Vater nur für die Tochter da, und nie konnte die Tochter dem Vater helfen!“ – „Du bist ein gutes Kind“, sagte Dudeng. „Ich habe nämlich mit Changdeng eine Wette abgeschlossen, da sollst du mir mit allen Kräften helfen, die Sache zu gewinnen!“ Als der Vater seiner Tochter erzählt hatte, worum es ging, klügelten sie einen Plan aus, der ihnen absolut sicher schien.

Xiongsen war ein junger Hirte. Ihm war das Wohl von vielen hundert Tieren anvertraut. Von Sonnenaufgang bis zum späten Abend jagte er über die saftigen Weideplätze. Alle liebten den jungen Xiongsen, weil er ein ehrlicher und aufrichtiger Mensch war und niemals eine Lüge über die Lippen kam. Eines Abends – Xiongsen striegelte gerade die Pferde am Flussufer und summte gerade ein Lied vor sich hin – sah er ein Mädchen heranreiten. „Woher kommst du?“ fragte er sie. „Ich komme von den Weidenplätzen, jenseits der Berge!“
„Und wohin willst du jetzt gehen?“ Verstohlen blickte er das Mädchen an. „Bald bricht die Nacht herein, und wo soll ich jetzt noch hin?“
Xiongsen lächelte: „Auch wenn mein Zelt nicht groß ist, kannst du gerne mein Gast sein! Es ziehen dunkle Wolken herauf. Ich muß die Herde zusammentreiben!“ - „Ich werde dir dabei helfen!“ fand sich das Mädchen gleich bereit. Nachdem die Herde beieinander war, ritten sie zum Zelt. Sie schürten das Feuer an und kochten Tee – im Schein der Flammen entdeckte Xiongsen, was für ein schönes Mädchen bei ihm saß. Ihre Augen blinkten klar wie ein Bergsee, ihre Zähne blitzten wie weiße Perlen, ihre Schultern deckte ein Kranz lackschwarzer Zöpfchen, ihr Gesicht schimmerte zart wie ein reifer Apfel. Draußen ging ein Gewitterregen nieder. Die Hagelkörner prasselten auf das Zeltdach. Wie sehr das Gewitter auch tobte, es störte das Singen der beiden jungen Menschen überhaupt nicht.

Das Mädchen blieb einige Tage – weil der Regen nicht nachließ, war es unmöglich, das Zelt zu verlassen. Als sich der Himmel wieder aufhellte, zogen die Pferde auf die saftigen Weiden, ihr Hirte ritt voran und blies auf seiner Flöte, aber das Mädchen wollte ihren Gastgeber noch nicht verlassen. Xiongsen hatte das Mädchen sehr gern, sie half ihm, das Zelt in Ordnung halten, und ging ihm auch beim Hüten und Melken zur Hand. Beide verstanden sich sehr gut, und wie konnte es anders sein, daß Xiongsen bald entdeckte, welch ein glückliches Leben sie miteinander führten.

Eines Tages kam Xiongsen von der Weide zurück. Unterwegs erfaßte ihn schon eine Vorfreude: „Sie wartet auf mich, der Tee kocht schon.“ Als er aber in das Zelt trat, o weh, da wälzte sich das Mädchen, über und über mit Lehm beschmiert, auf der Erde. In Schweiß gebadet stöhnte es. Xiongsen hob sie rasch auf und fragte erschrocken: „Was ist denn mit dir geschehen?“ – „Eine alte Krankheit!“ preßte das Mädchen hervor. „Was für eine Krankheit?“ – „Ein Herzkrampf!“ - „Ein Herzkrampf? Dann werde ich mit dem Renner zum Lama – Arzt reiten, damit er dich behandeln kann!“ – „Ach, der Lama kann mir nicht helfen!“ – „Aber was machen wir denn?“ Das Mädchen gab keine Antwort mehr. Es wimmerte vor Schmerzen. Nach einer Weile sprach es: „Mein Geliebter, ich will dir etwas sagen. Eine jede Medizin habe ich schon versucht, bei allen Ärzten war ich, kein Kloster konnte mir Heilung bringen...Es gibt nur ein Mittel. Ich weiß nicht, ob du es für mich beschaffen kannst?“
„Ich schwöre dir!“

„Dann geh hinaus und stich den Renner deines Häuptlings ab. Bring mir sofort das warme Herz, denn wenn ich das esse, werde ich auf der Stelle gesund!“ Als Xiongsen diese Worte hörte, hämmerte es sogleich in seinem Kopf: „Das geht nicht, das geht nicht! Der Renner ist dem Häuptling hundertmal lieber als sein eigner Sohn, das ist der Stolz aller Weidenplätze. Wer siegreich ein Pferderennen bestreiten will, braucht sich nur auf den edlen Renner zu setzen. Man darf ihn nicht töten, man darf ihn nicht töten! Wenn ich ihn töte, wie soll ich dann vor den Häuptling treten?“ Das Mädchen schluchzte auf: „Du hast mir gesagt, daß du mich liebst. Aber das war wohl nur Schein! Mein Leben ist dir ja viel weniger wert als das Leben eines Pferdes!“ Wirre Gedanken durchfuhren Xiongsen. Er hatte eben diesen Schwur getan, den er unmöglich brechen konnte.

Er wetzte den Dolch und trat vor das Zelt. Er klammerte sich an den Hals des Renners, klopfte ihm die Mähne, und Tränen tropften auf die Erde. Er tötete das Pferd, schnitt ihm das Herz aus dem Leib und brachte es dem Mädchen. Erst als das Mädchen eingeschlafen war, brach ein Stöhnen aus seiner Brust. Er warf sich auf den Boden und weinte lautlos. Am nächsten Tag war das Mädchen verschwunden. Den Kopf des Renners mit den bunten Flecken über den Nüstern hatte es mitgenommen. Wo sollte Xiongsen sie jetzt suchen?...Ein Stein, der ins Meer taucht, ein Sandkorn in der Wüste! So war auch kein Schatten mehr von ihr zu entdecken. Sie war inzwischen längst mit dem Pferdkopf zu ihrem Vater zurückgekehrt,um über die gelungene Tat zu berichten. Dudeng faßte den abgeschlagenen Pferdekopf und machte sich sogleich zu Changdeng auf.

„Na, mein lieber Changdeng! Mein lieber, alter Freund, jetzt hole mir den Xiongsen herbei. Wollen wir dich einmal sehen, was er über deinen edlen Renner weiß? Jetzt laß uns hören, ob er die Wahrheit spricht!“ Mit diesen Worten warf Dudeng den Kopf des Renners dem anderen Stammeshäuptling vor die Füße. Changdeng packte ein großer Schrecken. Er dachte bei sich: „Xiongsen, wie konntest du meinen Renner umbringen?“ .....Er schickte gleich jemand zu ihm. Aber im stillen hoffte er, daß sich Xiongsen tapfer halten würde: „Guter Junge, bleibe bei deiner Wahrhaftigkeit, dann kann ich dir auch die Sache mit dem Renner verzeihen!“

Xiongsen lag auf seiner Decke und konnte keinen Schlaf finden: „Wenn ich morgen zum Häuptling muß, wird er wie immer fragen, wie es um den Renner steht. Was soll ich ihm antworten? Wird er mir Gnade gewähren, wenn ich gleich alles sage? Und wenn ich ihm sage, daß er an einer Krankheit zugrunde gegangen ist? Ach, welche Schande wäre eine solche Lüge!“ Er wälzte sich die ganze Nacht auf seinem Lager, ohne daß er eine klare Antwort hätte finden können. Noch im frühen Morgengrauen ging er zum Fluß hinab, um das Orakel zu befragen. Er baute einen kleinen Steinturm, stellte sich dahinter und tat so, als ob er der Häuptling wäre: „Xiongsen, bist du zurück? Wie geht es dir?“ Nun trat er vor den Steinturm und antwortete: „Hoher Häuptling, ich danke Euch, ich fühle mich stark wie ein Leopard!“ Dann ging er wieder hinter den Steinturm und stellte die nächste Frage: „Ist mit den Pferdeherden alles in Ordnung?“ Darauf lautete immer die Antwort: „Das Glück des Stammes lebt in Frieden!“ Xiongsen trat erneut hinter den Steinturm und sprach: „Und wie geht es meinem geliebten edlen Renner?“

Jetzt mußte er noch einmal überlegen, wie zu antworten sei: „Unglücklicherweise, hoher Häuptling, ist er plötzlich gestorben!“ Bei diesen Worten brach der Turm zusammen und die Steine polterten auf die Erde. ....“Das geht nicht!“ sagte Xiongsen sich. „Ich darf keine Unwahrheit sagen!“ Nur fürchtete er, daß ihn der Häuptling dieses schlimmen Vergehens wegen umbringen würde. Daher versuchte er den Turmbau noch einmal. Aber als er wieder bei der Lüge angelangt war, stürzte der Turm in sich zusammen. Er baute den Turm ein drittes Mal auf. Als er nun die Wahrheit erzählte, bewegte sich das Steintürmchen auch nicht ein bißchen. „Bei einer Lüge machen selbst die Steine nicht mit“, dachte er. „Also wird es wohl das beste sein, wenn ich alles so sage, wie es war. Dann werde ich wohl auch die Schläge ertragen können. Schließlich bin ich selber schuld!“

Als er sich zu diesem Entschluß durchgerungen hatte, wurde ihm leichter ums Herz. Ohne Zögern machte er sich auf zum Lager des Stammes. Als er zum Häuptlingszelt kam, saßen schon eine Gruppe alter Männer, der Stammeshäuptling, der Häuptling des Nachbarstammes und einige ihm unbekannte Leute, die als Zeugen erschienen waren. Häuptling Changdeng fragte mit einem freundlichen Lächeln: „Xiongsen, bist du zurück? Wie geht es dir?“ Xiongsen warf sich nieder und antwortete: „Hoher Häuptling, ich danke Euch. Ich fühle mich stark wie ein Leopard!“ Der Häuptling fragte weiter: „Ist mit den Pferdeherden alles in Ordnung?“ Er antwortete mit klarer Stimme: „Das Glück des Stammes lebt in Frieden!“ Der Häuptling lachte befriedigt, und auch die Umsitzenden zeigten frohe Gesichter. Aber alle warteten gespannt auf die nächste Frage: "Und wie geht es meinem geliebten, edlen Renner?“ Xiongsen kniete noch immer auf der Erde. Er antwortete mit gesenktem Haupt: „Hoher Häuptling! Es ist etwas Schlimmes geschehen: Ich habe ein ganz wunderbares Mädchen geliebt. Zu allem Unglück wurde das Mädchen krank...Um ihr Leben zu retten, gab ich ihr das Herz des edlen Renners als Medizin zu essen. Der edle Renner lebt nun nicht mehr.
Ich erwarte die Strafe für mein Vergehen......!“

Changdeng ließ ihn nicht zu Ende reden. Er streckte ihm beide Arme entgegen und wandte sich an die Gäste: „Verehrte Herren! Wie steht es nun? Habe ich recht behalten? Xiongsen ist ein aufrichtiger Mensch!“ Dudeng brachte nur noch hervor: „Nun bleibt mir nichts anderes übrig, als dir morgen die Hälfte meines Stammes zu übergeben!“

Quelle: Märchen aus Nordindien
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