Was ich nun erzählen werde, trug sich vor vielen, vielen Jahren zu, so dass niemand mehr weiß, in welcher Provinz es geschehen ist. Nur so viel ist sicher, so heißt es, dass bis heute irgendwo hinter einem Dorf ein Berg steht, der durch seine Form an einen riesengroßen Kürbis erinnert. Die Leute nennen ihn den Kürbisberg.

Früher war dort an Stelle des Kürbisberges eine ganz gewöhnliche Ebene. Damals lebte in einem fernen Dorf ein Jüngling namens Liu Ba-yüä. Er war ein fleißiger Bursche mit einem guten und schlichten Herzen. Besitz hatte er keinen. Zwar hatte sein Vater einst ein kleines Feld gehabt, doch der Gutsherr hatte ihn darum betrogen.

Liu Ba-yüä sammelte in den Wäldern Reisig, das er dann ins Dorf brachte. Da er so bitter arm war und nichts hatte als eine alte Hütte und zwei fleißige Hände, nannten ihn die Leute Armerle.

Armerle machte sich freilich nichts daraus, dass er nichts besaß. Wenn er fröhlich war, und das geschah oft, spielte er auf der Pfeife, die er sich aus einem Stück Schilfrohr gemacht hatte, die schönsten Lieder.

Eine Tages kehrte er von der schweren Arbeit nach Hause zurück und schlief fest ein. Plötzlich ging die Türe auf, und ein Greis trat ein, der sich auf einen Stock stützte. Er trat zum Jüngling und sagte freundlich: „Ich habe dir eine Zauberflöte aus Bambus gebracht. Sieh zu, dass du sie zu etwas Gutem verwendest.“

Ehe sich der Jüngling besann und für das Geschenk danken konnte, war der Greis verschwunden. Armerle erwachte und sagte sich, dass es bestimmt nur ein Traum gewesen sei. Doch was sah er da? Er hielt tatsächlich eine schöne Bambusflöte in der Hand!

Schnell legte er sie an die Lippen und spielte eine lustige Melodie. Die lieblichen Klänge erwärmten sein Herz, und sogleich war es ihm leicht und froh zumute.

Von dieser Zeit an trug Armerle die Flöte stets bei sich, und er spielte jedem auf, der zuhören wollte. Wenn er ein lustiges Liedchen spielte, lachte die Flöte, dass die Vögel auf den Ästen hüpften, die Ameisen mit den Fühlern im Takt schlugen und selbst der griesgrämigste Mensch lächeln musste. Manchmal kam es Armerle in den Sinn, wie allein und verlassen er war. Dann weinte die Flöte mit so jammervoller Stimme, dass die Blumen ihre Kelche schlossen, der Vogelsang verstummte und den Menschen die Tränen in die Augen traten.

Vor der Hütte, in der Armerle wohnte, leuchtete der Spiegel eines Teiches. Weiden umgaben ihn, und im klaren Wasser tummelten sich Fischlein. Eines Tages kehrte Armerle nach Hause zurück, und da sah er, dass Kinder beim Teich herumtollten.

Plötzlich zog der munterste Bursche einen Fisch aus dem Wasser. Die Kinder kreischten vor Freude und liefen herbei. Armerle trat zu ihnen, und sein Herz erstarrte. Der arme Karpfen schlug um sich und schnappte nach Luft.

„Lasst ihn in Frieden!“ rief Armerle.
„Nein“ riefen die Burschen, „wir sind doch froh, dass wir ihn gefangen haben!“ –
„Höchstens“, fügten sie nach einer Weile hinzu, „höchstens, wenn du uns ein Liedchen spielst…“

Armerle nahm den Karpfen, warf ihn ins Wasser, legte die Flöte an die Lippen, und die Kinder hüpften herum und sangen.

Am nächsten Tag ging Armerle wie immer zum Teich, um sich zu waschen. Da kräuselte sich der Wasserspiegel, und der Karpfen steckte den Kopf heraus. Im Maul hielt er einen Kürbissamen, er schwamm zum Ufer, spie den Samen vor Armerle in den Sand und verschwand in der Tiefe.
Armerle freute sich. Er nahm das Samenkorn, lief damit nach Hause und setzte es vor seiner Hütte ein. Bald sprossen zarte Blättchen aus dem Boden und nach einigen Tagen tat sich eine schöne Blüte auf. Armerle begoss die Pflanze gewissenhaft und legte ihr eine kleine Leiter an, damit sie an etwas emporklettern konnte. Die Blüte verwelkte, ein kleiner Kürbis bildete sich und begann zu wachsen. Als er nach einigen Monaten reif war, hatte er eine solche Größe, dass sich niemand erinnern konnte, je einen ähnlichen gesehen zu haben. Die Leute kamen von weit her, um ihn zu bewundern, und Armerle hatte große Freude an seinem Kürbis.

An einem warmen Abend saß er noch ein Weilchen vor der Hütte. Ehe er sich’s versah, war die Nacht angebrochen. Im Licht des Mondes schaukelte der Kürbis langsam hin und her. Armerle lehnte sich an den Zaun, blickte zum Mond empor, zog die Flöte heraus und spielte.

Und da tauchte aus dem Kürbis der Schatten eines Mädchens auf. Armerle glaubte, dass ihn die Sinne täuschten. Er rieb sich die Augen, doch der Schatten verschwand nicht. Also richtete er sich auf und näherte sich zögernd der Erscheinung.
Beim Gartenzaun stand ein blutjunges Mädchen, schön wie eine Frühlingsblume, und lächelte. Dort, wo früher prall die Kürbisfrucht wuchs, lag nun eine leere Schale auf dem Boden.
„Wovor fürchtest du dich?“, ertönte es leise aus der Dunkelheit. „Tritt doch näher!“
„Wo kommst du her, Elfe?“, flüsterte Armerle verdutzt.
„Nenn mich nicht Elfe“, lachte sie mit lieblicher Stimme. „Ich wurde aus dem Kürbiskern geboren. Man nennt mich Kürbiskleinchen. Ich danke dir, dass du dich die ganze Zeit über so um mich gekümmert hast. Wenn du willst, werde ich deine Frau.“
Armerle war vor Freude außer sich. Beide verneigten sich in der hellen Mondnacht zur Erde und zum Himmel, und dann feierten sie Hochzeit.
Sie lebten in Liebe und Glück zusammen in der Hütte. Armerle ging jeden Tag in den Wald, um Reisig zu sammeln, und wenn er heimkehrte, erwartete ihn Kürbiskleinchen lächelnd auf der Schwelle.

Eines Tages geschah es, dass der Diener des Kaisers durch das Dorf fuhr. Er erblickte Kürbiskleinchen und war erstaunt ob ihrer unerhörten Schönheit. Als er in den Palast zurückkehrte, berichtete er so begeistert von ihr, dass der Kaiser sogleich den Befehl gab, sie zu ihm zu bringen; er wollte sie als seine Nebenfrau bei sich behalten.
Die Häscher kamen ins Dorf und gaben Kürbiskleinchen den Befehl des Kaisers kund. Armerle verlor vor Kummer fast den Verstand.
Kürbiskleinchen lächelte ihm jedoch zu und sprach:
„Weine nicht und habe keine Angst! Gib mir die Schale meines Kürbisses mit, und komme in siebenmal sieben Tagen zu mir in den kaiserlichen Palast.“
Die Häscher packten Kürbiskleinchen und schleppten sie vor den Bezirksbeamten, der Beamte übergab sie dem Präfekten und der führte sie zum Kaiser.
Des Kaisers Herz begann wild zu pochen, als er das wunderschöne Mädchen sah.
„Willst du hier bei mir bleiben?“, fragte er sie.
„Ja“, nickte Kürbiskleinchen, „doch dein Palast gefällt mir nicht.“
„Was sagst du da?“, wunderte sich der Kaiser. „Im ganzen Land findest du keinen schöneren. Oder weißt du vielleicht von einem, der schöner ist?“
„Ja“, sagte Kürbiskleinchen. „Siebenmal sieben Tagesreisen östlich von hier ist der Kristallpalast, den kein anderer als der Nephritenkaiser für den Wahren Sohn des Himmels erbauen ließ. Wer nicht der Wahre Sohn des Himmels ist, der kann den Palast gar nicht sehen.“
Den Kaiser packte die Neugier, und er beschloss, mit seinem ganzen Gefolge und mit Kürbiskleinchen gen Osten zu reisen.
Als siebenmal sieben Tage vergangen waren, warf Kürbiskleinchen die Kürbisschale auf den Erdboden und sagte:
„Verwandle dich in einen Kristallpalast!“
Mit einem Schlage stand vor dem Kaiser ein Palast, der glitzerte über und über in kristallenem Glanze, und der Kaiser und sein Gefolge traten ein.
Von diesem Augenblick war es, als hätte sie der Erdboden verschlungen. am nächsten Tag stand an Stelle des Kristallpalastes ein hoher Berg, der hatte die Form eines Kürbisses, und in diesem Berg waren der Kaiser und sein Gefolge für immer verschwunden.
Währenddessen begab sich Armerle, wie ihm seine Frau geheißen hatte, in den kaiserlichen Palast. Als siebenmal sieben Tage verstrichen waren, trat er durch das offene Tor ein. Er traf weder den Kaiser an, noch irgendeinen Vornehmen aus dessen Gefolge. Nur Kürbiskleinchen kam ihm entgegen.
Sie lebten dann noch lange glücklich in ihrem kleinen Dorf. Und der Berg, der den Kaiser verschlungen hatte und der in der Ferne gleich einem Riesenkürbis in den Himmel ragt, nennen die Leute seit damals den Kürbisberg.

(ein chinesisches Volksmärchen)
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