Der ruhmreiche Kaiser Hang Wu erteilte eines Tages den Auftrag, eine große Glocke zu gießen, wie sie Peking bisher nicht besessen hatte. Der Ton dieser Glocke, die man die „Große Glocke von Peking“ nennen wollte, sollte schöner und reiner sein als jede Glocke des Landes.
In Peking lebte zu dieser Zeit ein großer Meister der Glockengießerkunst. Er hieß Li-Po -Erl, und seine Glocken waren in ganz China bekannt und berühmt. So war es kein Zufall, dass der Kaiser ihn beauftragte, die „Große Glocke von Peking“ zu gießen, denn wer hätte es wohl besser verstanden als Meister Li-Po Erl. Gesandte des Kaisers kamen in das Haus des Meisters und übereichten ihm den Vertrag, mit dem er sich zu diesem Werk verpflichtete. Meister Li-Po-Erl wusste die große Ehre wohl zu schätzen, aber als der die Bedingungen las, die an diesen Auftrag geknüpft waren, wurde ihm recht angst und bang. Darin hieß es, dass er, sollte ihm auch nur der kleinste Fehler beim Guss unterlaufen, dafür mit Blendung bestraft würde, und sollte der Guss misslingen, er mit dem Tod zu rechnen habe. Dennoch setzte Meister Li-Po-Erl seine Unterschrift unter den Vertrag. Es blieb ihm wohl auch nichts anderes übrig, wollte er weiterhin in der Gunst des Kaisers stehen.

Von dieser Stunde war der Meister unermüdlich dabei, Proben für den Glockenguss herzustellen, denn diesmal wollte er sich selbst und seine Kunst übertreffen. Die „Große Glocke von Peking“ sollte die Königin aller Glocken werden, aus dem edelsten Metall sein und seinen schönsten Klang besitzen, den Menschenohren je vernommen hatten.
Li-Po-Erl hatte eine schöne Tochter, die ihrem Vater in großer Liebe zugetan war. Sie wusste, was vom bevorstehenden Glockenguss abhing, dass das Leben ihres geliebten Vaters in Gefahr war. Sie betete deshalb täglich im Tempel um ein gutes Gelingen. Endlich war der Tag gekommen, an dem der entscheidende Guss stattfinden sollte. Unter Gebeten und frommen Zeremonien worden die letzten Vorbereitungen getroffen. Die Glockenspeise brodelte und rauchte, die Gussform stand bereit. Meister Li-Po-Erl sah den bevorstehenden Guss mit größter innerer Erregung entgegen. Aber auch seine Tochter hatte in der vorher gehenden Nacht kein Auge geschlossen. Die Sorge um ihren geliebten Vater trieb sie in das Glockenhaus, wo Meister und Gesellen bereit standen. Der Gedanke, ihren Vater vielleicht zu verlieren, war dem Mädchen unerträglich, lieber wollte sie selbst ihr Leben opfern.

Schon begann die zähe rotglühende Glockenspeise zu fließen und die Form zu füllen. In diesem Augenblick stürzte das Mädchen nach vorn, und ohne dass man es daran hätte hindern können, sprang es in den siedenden Brei. Der unglückliche Vater, der sofort zur Stelle war, aber sein Kind nur noch an den Füßen zu fassen bekam, konnte nicht mehr helfen, erschütternd hielt er die zierlichen Schuhe seines geliebten Kindes in den Händen. Verzweifelt stürzte er davon und schloss sich tagelang in sein Haus ein und wollte keinen Menschen sehen. Der Glockenguss aber war auf das vortrefflichste gelungen. Die „Große Glocke von Peking“ erklang bald darauf von dem Turm, den man ihr bestimmt hatte, und ihr Ton war so rein und klar und rührte die Menschen so sehr ans Herz, dass keiner ihn vergaß, der je diesen Ton gehört hatte.

Meister Li-Po-Erl wurde für sein Werk vom Kaiser hoch geehrt und reich belohnt. Aber er konnte seines Ruhmes nicht mehr recht froh werden. So oft er das Läuten der „Großen Glocke von Peking“ hörte, glaubte er darin die Stimme seines geliebten Kindes zu vernehmen, das ihm zurief: „Hsie Hsie! Meine Schuhe!“ Aber als der Meister schließlich sah, wie die „Große Glocke von Peking“ den Menschen, die ihre Stimme hörten, Glück und Segen brachte, war auch er zufrieden. Denn jetzt wusste er, dass das Opfer seiner geliebten Tochter nicht vergebens war und sie in Buddhas Schoß für ewige Zeiten Geborgenheit gefunden hatte.

Quelle: Sage aus China
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