Dort, wo der große Fluß zum Meere hinabströmt, lebte ein Fischer. Jung war er wie der Morgen und schön wie der Mond am vierzigsten. Fischte er, so kamen die Fische herbei und standen um sein Fangnetz herum, ihn anzuschauen, willig sich dann fangen zu lassen, von seiner Schönheit wehrlos gemacht.
So geschah es sogar den Fischen. Aber das Mädchen, das er liebte und begehrte, hatte nur Spott, Hohn und Abwehr für ihn. „Ein schöner Mann? Was schert das mich? Laßt Weiber schön sein, aber Männer seien voll Kraft!“ sagte sie lachend und ging kalt an ihm vorüber. Er aber liebte sie weiter, einsam durch sie, traurig durch sie, abwohl er hätte an Frauen haben können so viele, wie Sterne am Himmel stehen in mondlosen Nächten. Er verlor den Schaf durch diese Liebe, kehrte nicht mehr zu seiner Ruhestätte zurück, blieb vielmehr in seiner Barke auch des Nachts. Er lag dort und starrte in den Himmel hinauf, ein Nichts von Sehnsucht, ein Jammer in Menschengestalt. Da bewegte sich eines Nachts die Welle; ein Schwirren entstand, und mit einem taumelnden Sprung hob sich ein fliegender Fisch hoch, fiel nieder neben dem Träumer, lag dort leuchtend im Sonnenlicht, rötlich und golden schimmernd. Der Fischer erschrak zuerst, dann aber wunderte er sich nicht einmal, den Fisch reden zu hören diesen, den er so hell glänzen sah wie einen gefallenen Stern. Der Fischer aber sagte: „O schöner Fischer, der du manchen von uns verschontest, höre mein Rat und wisse, daß ich ein Herrscher bin unter den Fischen im Reich der fliegenden Perifische. Seufze nicht der begehrten Frau nach, denn sie missachtet dich. Gehe und werde ein Streiter, ein Held, und sie wird dir anhangen wie der Honig der Biene. Ziehe fort und sei ohne Sorge, wir helfen dir, wie du oft uns geholfen hast. Zum Zeichen aber, daß du zustimmst, hebe mich hoch, daß ich meine Schwingen regen kann, und mit der Morgenfrühe wirst du sehen, was du sehen wirst.“ Der schöne Fischer tat, was der Perifisch verlangte, sah noch den leuchtenden Streif seines Fluges und schlief dann zum ersten Male seit langen Zeiten fest und traumlos ein. Als er erwachte, bemerkte er, daß die Strömung seine Barke weit hinausgetrieben hatte in das offene Meer, und dicht über sich spürte er einen Schatten in all der hellen Sonnenfülle. Was sah er? Den Bug eines Schiffes über sich und kühne Gesichter, die sich über die Reling beugten und ihn lachend betrachteten. „He, du schöner Schläfer, was willst du uns? Bist du ein Mann, ein Mensch oder ein Peri, der uns zum guten Zeichen grüßt?“ An diesen Worten erkannte der Fischer, daß ihm hier ein Zeichen von dem Perifisch gegeben werde, und er begriff, was ihm zu tun bestimmt war, zumal am Bug das goldleuchtende Abbild eines fliegenden Fisches erkannte. „Wollt ihr mich zum Gefährten haben?“ rief er hinauf, „mögt ihr nun Räuber sein oder anders geartete Krieger, ich ziehe mit euch, so ihr mich mitnehmt!“

Sie warfen ihm ein Seil zu und nahmen ihn an Bord. So ward er Gefähre dieser verwegenen Streiter, die sich die Beute suchen, wo sie sie finden, und überall bekannt waren als „Die vom fliegenden Fisch.“ Geschah es auch oftmals, daß sie nur raubten, so waren sie auch dafür berühmt, daß sie sich bemühten, getanes Unrecht wiedergutzumachen und den Unterdrückten gegen die Gewaltherren zu helfen. Der schöne Fischer kämpfte viele Jahre gemeinsam mit ihnen, und wie es so Krieg und Kampf mit sich bringen: mit Schönheit haben sie nichts zu schaffen. So schwand auch seine gerühmte Schönheit, verlor er doch auch ein Bein und hinkte mühsam mit einem Holzstumpf daher, was aber an Bord des Schiffes nicht allzu viel Beschwerden bereitete. Doch eines Nachts, nach vielen Jahren dieses Kampflebens, tobte ein furchtbarer Sturm, und das gute Schiff „Der fliegende Fisch“ flog nicht mehr; es zerschellte an einem Riff unter Wasser, und fast alle Männer wurden die Beute des Meeres. Allein der Fischer, durch einen stürzenden Mast betäubt, trieb auf einer Welle dahin, und als er aus seiner Ohnmacht erwachte, da lag er am Ufer, an der weiten Mündung jenes Bergflusses, an dem er damals sein Gewerbe des Fischens betrieben hatte.
Erkannte er auch gleich die vertraute Gegend, so ward ihm doch sehr bitter zu Sinne, nun er sich an das gewesene Leid erinnerte, und er lachte hart auf, als er sich darauf besann, er habe damals „der schöne Fischer“ geheißen. Jetzt hieß er Yussuf, das Einbein. Aus war alles, alles aus. Aber Durst hatte er, schrecklichen Durst von dem vielen Salzwasser, das er hatte schlucken müssen.Er erhob sich mühsam, denn alle Glieder schmerzten ihn, und er wunderte sich, daß er im Kampfe mit den Wellen den Stelzfuß nicht verloren hatte. Wie er sich umblickte, fiel es ihm ein, daß sich nicht weit von hier eine Quelle befinden müsse, an der er seinen Durst löschen könnte; so machte er sich dahin auf. Er fand sie auch, die Quelle, umgeben von Grün, frisch murmelnd, und hastig beugte er sich nieder, um aus ihr zu trinken. Da aber erstarrte seine schöpfende Hand, denn er blickte nicht in bewegtes Wasser, sondern in einen feststehenden Spiegel, und aus diesem sah ihm nicht sein eigenes bärtiges Antlitz entgegen, sondern das wunderschöne eigenwillige Gesicht des Mädchens, daß er so heiß und sehnsuchtsvoll geliebt hatte.

Er blieb und schaute, schaute regungslos und gebannt in das hold lächelnde Gesicht und vergaß seinen Durst, vergaß alles, was gewesen war, über diesem versunkenen Schauen, ward wieder der Jüngling von einst. Seine Hand, die das Wasser hatte schöpfen wollen, näherte sich dem lieblichen Spiegelbilde, und als er es berührte, ließ es sich herausnehmen aus der Quell, ward zu einem sanft gerundeten harten, festen Spiegel und ruhte in seiner Handfläche, als sei es dafür geschaffen worden. Yussuf, das Einbein, nahm den Spiegel, ihn weich und fest umschließend, und begann flussaufwärts zu wandern. Des Weges achte er nicht; sein Blick haftete auf dem Spiegelbilde in seiner Handfläche, und er spürte nicht den Schmerz an seinem Beinstumpf beim Steigen, wanderte, wanderte, ganz versunken im Anschaun. Endlich dann riß ihn der Durst aus seinen Sinnen; und wieder hörte er das Rieseln einer Quelle, eilte zu ihr, sich endlich Genüge zu trinken. Doch ach, auch hier erstarrte das Wasser, und ein neuer Spiegel blickte ihm entgegen. Lächelnd blickte ihn das holde Mädchenbild wieder an, wenn auch ein weniges gealtert dem ersten Bild gegenüber, Da hatte er nun in beiden Händen einen Spiegel, und er schaute ratlos von einem zum andern, sann, überlegte, beugte sich endlich nieder und berührte, zitternd vor Scheu und Liebe, das erste Bild mit bebenden Lippen. Im gleichen Augenblick löste sich der Spiegel, ward rinnendes Wasser, und Yussuf vermochte seinen Durst zu löschen an diesem Wasser, das seines ersehnten Mädchens süßer Mund war.
Ein Lachen quoll ihn ihm auf, und er fühlte sich verjüngt von der Wassertrunke, eilte hinauf, den Flusslauf entlang, von dem er wußte, er führte ihn zu seinem Heimatdorf, und er spürte nichts mehr von Müdigkeit. Als er die nächste Quelle rieseln hörte, war es schon Nacht geworden, und er sprang herzu, gespannt, ob das Wunder sich auch hier wiederhole. Wirklich, so war es! Zwischen Sternen, die sich als Kranz um das Mädchenbild legte, lächelte sie ihm zu, ernster geworden, reifer, aber noch schön, schön wie immer.
Und er trank von dem Spiegelbild in seiner Linken sich Genüge seines jahrelangen Durstes, nahm das neue Bild mit sich und wanderte durch die Nacht weiter dem Dorfe, keine Müdigkeit spürend, kein Ermatten. So langte er um die Mittagsstunde in seinem Heimatort an, zu der Zeit, in welcher die verderbliche Macht der Sonne es allen verbietet, sich im Freien aufzuhalten, wenn alle Häuser verschlossen sind, alle Fenster verhüllt, brütendes Schweigen über allem liegt. Allein war Yussuf, das Einbein dieser Mittagsstille, und er begab sich hin zu jener Stelle am Flußufer, von der ihn einstmals seine Barke hinabgetrieben hatte bis zum Meer, so wider den Zusammenhang suchend mit seiner Jugend und dem Anbeginn seines Lebens. Doch da verhielt er den Schritt, denn an jener Stelle saß ein Weib. Sie war tief in ihre Trauer gehüllt, und sie saß regungslos, blickte scheinbar über das Wasser hinaus, so als erwartete sie jemanden, ja, sie schien ein Bild des Wartens selbst zu sein.. Obgleich es sich, wie ein jeder weiß, für einen Mann nicht ziemt, Neugier zu zeigen oder ein Weib zu betrachten, lag etwas in der Haltung dieses Weibes, das Yussuf packte und nicht losließ. Er schlich sich unmittelbar hinter der Sitzenden im weichen Ufersand nieder. Da vernahm er, als sie sich vorbeugte, wie sie leise vor sich hin sprach, und was sie sagte, klang nur gedämpft unter ihrem Schleier an sein Ohr. Dann schien sein Herzschlag auszusetzen, als er ihre Worte verstand, den es waren diese: "Wo weilst du, den ich einstmals verschmähte in meiner Verblendung, du Schöner, du Getreuer, du Einziger, o Fischer meiner Seele du? Wohin trieb dich meines Herzens Härte, die Blindheit meiner Augen, die Taubheit meiner Ohren, o Fischer meiner Seele, du Schöner? Wann kehrst du zu mir zurück, daß ich dir sagen kann, wie ein Weib dein ward, das einstmals dich nicht sah, noch von mir wußte, wann, o wann?"

Sie schwieg, und nun begann Yussuf zu sprechen, denn er zweifelte nicht mehr, wer das sei, die also geheim zu ihm redete: "schon kehrte er heim, nach dem du fragst, Schönste du. Schon ist er hier. Schon wartete er, daß er sich dir zu Füßen legen kann, gleich einem Teppich für dein Schreiten. Blicke dich um, Schönste, und dein Fragen ist nicht mehr." Langsam, ganz langsam wandte sie sich um. Langsam, ganz langsam schlug sie ihren Schleier zurück. Sie starrten sich für eines Herzschlags Dauer an, und was sie zuerst sahen, war dieses: er sah ein verblühtes, müdes Weib, dessen Blick erloschen war, dessen Lippen, verblichen; sie sah einen bärtigen Mann, dessen Haut wie Leder war, dessen Augen hell wie wie ein Blitz; und sie kannten sich nicht. Dann aber, nach einem Atemholen, hob Yussuf die Hand, darin sich von der letzten Quelle her das Spiegelbild der Geliebten befand, und der richtete den Blick darauf, leuchtend, fragend - und hob mehr noch die Hand und näherte sie dem Antlitz des Weibes, legte sanft das Spiegelbild an ihre Wange. Im gleichen Augenblick löste es sich auf, rann in tropfender Feuchte an ihrem Haar entlang, war Wasser, wie es gewesen war. Doch, wo es sie berührt hatte, hinterließ es Jugend und Schönheit, hinterließ es den Spiegel ihres Seins von einst, und Yussuf schaute hingerissen in des ersehnten Mädchens wunderbares Jugendantlitz. Sie aber, durch den Tropfenfall des Quells vor ihren Augen geblendet, sah den schönen Fischer, den sie so lange ersehnt hatte, sah ihn, wie sei ihn einst gesehen, wie sie ihn seitdem mit dem Herzen anschaute. Als sie sich anblickten, Jugend und Schönheit wiederfindend eines im anderen, da sprang aus dem breiten Flußbett etwas blitzend und schimmernd auf, sprang hoch und verschwand gleich wieder, so als sei ein Strahl der Sonne rötlich golden hochgesprungen. Es war ein fliegender Fisch.


Märchen der Osmanen
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