Es war einmal, es war keinmal, da war einmal eine Frau, die hatte einen Mann. Dieser Mann war so feig, dass er nicht wagte, allein auszugehen. Selbst wenn er auf die Seite ging, musste ihn seine Frau begleiten.
Einst wurde die Frau zu einer Hochzeit geladen und als sie sich anschickte hinzugehen, da sagte ihr Mann zu ihr: »O Komm doch bald zurück, denn allein kann ich ja nirgends hingehen.« Seine Frau beruhigte ihn damit, dass sie bald zurückomme und ging fort. Eine halbe Stunde blieb sie dort und wollte dann nach Hause gehen. »Warum eilst du denn so früh weg?« fragten sie die Frauen. Sie antwortete, dass ihr Mann zu Hause auf sie warte. »Wozu wartet er denn?« fragten sie. »Allein traut er sich ja nicht einmal auf die Seite zugehen« antwortete die Frau. »Sonderbar,« sagten die Frauen und rieten ihr, sie möge etwas später nach Hause gehen, damit ihr Mann grossen Drang bekomme. Wenn sie dann nach Hause komme und ihren Mann in den Abdest-hane hinausbegleite, so soll sie die Kerze nehmen und ihn dort allein lassen. So wird er sich mit der Zeit schon daran gewöhnen.
Die Frau befolgt den Rat; geht nach Hause, begleitet ihren Mann hinab, lässt ihn dort im Finstern und geht in ihr Zimmer zurück. Ihr Mann aber schreit in seiner Furcht so lange, bis er dort auf seinem Sitze einschläft. Als es Tag wurde, erwachte er, wurde zornig und ging in sein Zimmer hinauf. Von seinem Vater blieb ein grosses rostiges Messer auf ihn, das holte er hervor, putzte es und sprach: »Mit dieser Frau will ich nicht mehr zusammen wohnen.« Damit machte er sich auf den Weg und sah, dass auf einer Stelle viel Honig verschüttet war, auf den sich viele Fliegen gesetzt hatten. Er fuhr mit seinem Messer darüber her und bemerkte, dass er sechzig Fliegen getötet; er schwingt es noch einmal darüber und tötete damit siebzig. Sofort ging er zum Messerschmied und sprach zu ihm: »Schreibe auf dieses Messer: ›Auf einen Hieb sechzig, auf den zweiten siebzig Seelen hat Kara Mustafa, der berüchtigte Held getötet‹«. Der Messerschmied machte die Inschrift fertig, übergab ihm das Messer, worauf er sich damit auf den Weg machte.
Wie er so ging, da kam er in eine grosse Einöde und weil die Nacht heranbrach, steckte er sein Messer in die Erde und schlief ein. In jener Gegend hausten vierzig Dews, einer von ihnen ging gerade damals dort spazieren. Er erblickte den schlafenden, Mann, das Messer zu seinem Kopfe, und die darauf befindliche Schrift. Er geht näher und liest: »Auf einen Hieb sechzig, auf den zweiten siebzig Seelen hat Kara Mustafa, der berüchtigte Held, getötet.« Der Dew erschrak und fragte den gerade erwachenden Mustafa, ob er nicht bei ihnen als Genosse einstehen wolle. »Wer seid ihr denn?« fragte ihn der Held. »Wir sind Dew-Geschwister, an Zahl vierzig, wenn du dich uns anschliessest, so werden wir einundvierzig sein,« antwortete der Dew. »Meinetwegen« sprach der Held, »teile es auch den Übrigen mit.« Der Dew eilte mit der Kunde zu seinen Geschwistern, zu denen er spricht: »Ach, meine Brüder, ein Held schliesst sich uns als Genosse an, der besitzt eine solch ungeheure Kraft, dass auch auf seinem Messer geschrieben steht: ›Auf einen Hieb sechzig, auf den zweiten siebzig Seelen hat Kara Mustafa, der berüchtigte Held getötet.‹ Bringt alles in Ordnung, denn gleich wird er da sein.« Alle gehen Mustafa entgegen. Wie dieser sie erblickt, sinkt ihm der Mut; doch wie er sieht, dass sich die Dews vor ihm in Reih und Glied aufstellen, rief er ihnen zu: »Grüss euch Gott, Kameraden.« Die Dews nahmen bescheiden seinen Gruss auf und boten ihm sogleich einen Platz an. Er aber sprach zu ihnen: »Nun, gibt es unter euch einen Kerl, wie ich?« »Nein,« antworteten ihm die Dews. »Wenn ja« – sprach der Held – »so mag er hervortreten und sich mit mir messen.« »Wo gäbe es denn einen solchen«? sagten die Dews und machten sich mit ihm auf den Heimweg. Die Dews mussten sich ihr Wasser von weit her holen. Sie pflegten es der Reihe nach zu bringen, denn so viel Wasser auf einmal zu bringen, das wäre auch kein Menschenkind imstande gewesen. Nachdem schon an jedem von ihnen die Reihe gewesen, sagten sie zu Mustafa: »Es verdriesst uns wohl, es dir zu sagen; allein jene Quelle ist gar weit und jetzt wäre an dir die Reihe. Wenn es dir nicht zuwieder ist, solltest du jetzt Wasser holen.« Die Dews fürchteten sich vor ihm, hinwieder er ebenfalls auch vor ihnen. Eine Weile dachte Mustafa nach, dann sagte er, sie sollen ihm einen Strick bringen. »Wozu denn?« fragten sie ihn. »Ich will damit Wasser holen,« sprach der Held. Sie brachten ihm einen Strick, mit dem er zur Quelle ging. Die Dews schauten von ferne zu, was er damit beginnen wird; da sahen sie, wie er den Strick an die Quelle bindet und so tut, als ob er sie fortziehen wollte. Die Dews eilten hin und fragten ihn, was er denn da mache. »Ich nehme die ganze Quelle auf meinen Rücken und trage sie nach Hause, um nicht immerfort um Wasser gehen zu müssen«, antwortete der Held. »Um Allahs willen, tue das nicht,« – flehten die Dews – »wir haben ja nur diese eine Quelle und wenn ihre Leitung verdirbt, woher sollen wir dann Wasser nehmen?« Auf ihr flehentliches Bitten steht er von seinem Vorhaben ab, erklärt aber, dass er fürwahr nie mehr um Wasser geht. Seit damals fürchteten die Dews ihn noch mehr.
Nach wenigen Tagen kam die Reihe ans Holztragen. »Die Reihe ist an dir,« sprachen die Dews zu Mustafa. Er verlangte abermals einen Strick und ging damit in den Wald. Die Dews schleichen ihm versteckt nach. Am Saume des Waldes gräbt er einen grossen Pflock ein, bindet den Strick daran, umschlingt damit alle Bäume und fängt an den Strick zuziehen. Inzwischen erhebt sich ein Wind und die Bäume hüben an, sich hin und her zu schwingen. »Was treibst du Mustafa?« fragte ihn ein Dew. »Auf einmal will ich den ganzen Wald nach Hause nehmen, um nicht Stückweise immer um das Holz laufen zu müssen« antwortete Mustafa. »O schüttle die Bäume nicht!« – schrien die Dews – »du vernichtest ja den Wald, wo sollen wir dann Holz zum Heizen hernehmen? Lieber wollen wir auch weiter selbst uns das Holz heimschleppen.«
Von nun an fürchteten sich die Dews noch mehr vor ihm und berieten untereinander, auf welcher Weise sie seiner los werden könnten. Sie beschlossen, in der Nacht einen grossen Kessel voll Wasser aufzukochen und wenn er eingeschlafen sein wird, das heisse Wasser vom Boden auf ihn herabzugiessen und ihn so zu Tode zu brühen. Der Held hatte aber diese ihre Besprechung erlauscht. Als es Abend wurde und man sich niederlegte, kochten die Dews das Wasser auf und gössen es vom Boden hinunter. Der Held hatte aber auf seine Lagerstätte einen Polster gelegt, breitete eine Decke darüber; auf die Stelle, wo sein Kopf zu ruhen pflegte, legte er seinen Fez, er aber rückte sich von dort fort und schlief so ein. Als der Morgen anbrach, kamen die Dews zu seiner Türe und in dem Glauben, dass er gestorben sei, klopften sie an. »Wer da?« rief es von innen. Die erschrockenen Dews riefen zu ihm hinein, er möge aufstehen, da es bald Zeit zum Mittagessen sei. »In der Nacht war mir sehr heiss« – schrie der Held hinaus. – »Ich liege in purem Schweiss.« Die Dews erschraken nun noch mehr, als sie hörten, dass das kochende Wasser ihm nichts mehr anhabe, als der Schweiss.
Sie klügelten daher aus, dass sie in der Nacht vierzig schwere Eisenkugeln auf ihn vom Boden hinabwerfen werden, die werden ihn doch sicherlich erschlagen. Auch das hatte Mustafa gehört. Als es Abend wurde, da machte er sich wieder das Bett, legte seinen Polster hin, auf den Polster seinen Fez, er aber legte sich seitwärts davon nieder. Die Dews auf dem Boden aber sprachen: »Dies ist seine Brust, dies sein Kopf,« und damit warfen sie die schweren Kugeln auf ihn hinab und in der Meinung, dass er nun nicht mehr lebe, begeben auch sie sich zur Ruhe. Nachdem sie sich in der Früh von ihrem Lager erhoben hatten, eilten sie zu seiner Türe und versuchten ihn anzurufen. Es kam keine Antwort und sie freuten sich, dass es diesmal mit ihm ein Ende habe. Sie riefen aber noch einmal zu ihm hinein, da rief er ihnen von innen zurück: »Mäuse haben in der Nacht auf mich Sand gestreut, ich konnte die ganze Nacht darüber nicht schlafen. Lasst mich noch ein wenig schlummern.« Die Dews kamen beinahe vor Schrecken um, als sie hörten, dass er die Eisenkugeln für Sandkörner hielt.
Nach einigen Tagen sprachen die Dews zu ihm: »Im Nachbarlände da haben wir einen Dew-bruder, willst du dich dem zum Zweikampf stellen?« Mustafa fragte, ob er ein starker Kerl wäre. »Er ist stark« sprachen die Dews. »Nun, so lasst ihm sagen, dass er komme.« Die Dews schickten um ihren Bruder, während Mustafa die Furcht, was nun aus ihm werden wird, peinigte. Als der grosse Dew ankam, rief er Mustafa zu: »Nun so komm her! Lass uns den Ringkampf beginnen.« Sie gingen ins Freie und der Dew packte unseren Helden so an der Gurgel, dass ihm die Augen aus der Höhle traten und sich nach oben drehten. »Wohin glotzest du denn, Held?« fragte ihn der Dew. »Ich sehe, wie hoch ich dich werfen muss, damit kein Glied an dir ganz bleibe« antwortete Mustafa in grosser Wut. Darauf hin warfen sich die Dews alle ihm zu Füssen und flehten ihn an, ihren Bruder zu schonen, denn ohne ihn können sie nichts tun. Der Held verzieh ihm und sie verabredeten dann, dass sie ihm Goldstücke geben und in seine Heimat zurückschicken werden; ein Dew aber wolle ihn bis nach Hause begleiten. Sie teilten dies dem Helden mit, der sich im Stillen freute und zum Abziehen bereit erklärte. Bald darauf schickte er sich an, abzureisen und nachdem er sich von seinen Kameraden verabschiedet hatte, brach er in Begleitung eines Dew auf.
Als er zu Hause anlangte, schaute seine Frau eben zum Fenster hinaus und als sie ihn erblickte, rief sie: »O da kommt unser feiger Mann mit einem Dew!« Der Held hinter dem Rücken des Dew stehend, winkte ihr, zu schweigen. Damit lief er, als er zu Hause eintrat, ins Zimmer hinauf. »Wohin eilst du?« fragte ihn der Dew. »Von meinem Vater blieb ein Bogen und ein Pfeil auf mich, damit will ich dich erschiessen.« Der Dew stürzte davon schnurstracks zu seinen Brüdern.
Mustafa hätte seine Tage zu Hause in Ruhe verlebt, wenn sich nicht eines Tages ein Bär in das Gebiet seines Ortes eingestellt hätte. Man konnte seinetwegen weder aus dem Orte hinaus, noch hineinkommen. Da sprachen die Leute zum Vâli: »Von vierzig Dews kam Mustafa der Held zurück, ruf ihn, damit er den Bär töte; es ist schade für die vielen Menschen, die der Bär umbringt.« Sofort liess der Vâli Mustafa holen und sagte ihm, dass es sich doch nicht schicke, dass in seiner Provinz ein Held wie Kara Mustafa lebe und dieselbe wegen eines Bären in stetem Schrecken lebe. Da sprach der Held: »Zeig mir doch den Ort, wo der Bär haust und teile mir vierzig Reiter zu.« Man erfüllte sein Verlangen. Darauf ging er in den Stall, nahm eine Handvoll kleiner Steine und warf sie zwischen die Pferde. Die guten Pferde sprangen alle in die Höhe, bloss eines war unter ihnen in der Ecke, das sich nicht rührte. Dieses Pferd liess sich Mustafa herausholen. Als die Reiter dies sahen, sagten sie dem Vâli, dass dieser Mann verrückt wäre und dass sie daher mit ihm nicht dem Bären entgegen gehen. Der Vâli sprach zu ihnen: »Wenn ihr die Stimme des Bären hören werdet, so macht euch davon und lasst ihn dort, soll er tun, was er will.«
Damit machten sie sich mit dem Helden auf den Weg, und kaum hatten sie den Bär erblickt, liessen sie Mustafa im Stiche und ritten zurück. Wie sehr auch Mustafa sein Pferd anspornte, es wollte nicht vorwärts gehen, der Bär aber kam gerade vom Berge herab auf ihn zuschreitend. Was war da zu tun, vor ihm stand ein Baum, auf den sprang er vom Pferde hinauf und blieb an ihm hängen. Als der Bär gerade unter ihm angelangt war, sprang er vom Baume auf den Bär herunter, packte dessen Ohren so fest, dass der Bär fürchterlich aufbrummte. Auf den Ruf des Helden: »Kara Mustafa, der Held kommt!« stürzten die Dorfleute und die Reiter hervor und töteten den Bären mit ihren Lanzen. So verbreitete sich der Ruf Kara Mustafa, des Helden; der Vâli empfängt ihn mit grossen Ehrbezeugungen und so verlebt er als berühmter Kämpfer seine Tage bis an sein Lebesende.


[Asien: Türkei. Märchen der Welt]
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