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Der junge Neangir hatte die Jahre, worin man sich selbst zu erkennen anfängt, in einem Dorfe ungefehr zwanzig Meilen von Konstantinopel hingebracht. Ein alter Musulmann namens Muhammed, der mit seiner Gattin Zinebi von einem kleinen Gütchen lebte, hatte sich seiner während dieser Zeit angenommen, und Neangir wurde für seinen Sohn gehalten. Er hatte nun sein achtzehntes Jahr erreicht, und seine Gestalt sowohl als seine Sinnesart versprach weit mehr, als man von dem Stande, worin er aufgenommen war, erwarten konnte.

Eines Tages nahmen ihn Muhammed und Zinebi beiseite, umarmten ihn mit Zärtlichkeit und kündigten ihm an, sie hätten sich entschlossen, ihn nach Konstantinopel zu schicken, damit er sein Glück in der Welt versuchen könnte. «Du würdest zu nichts kommen, mein lieber Sohn», sagte ihm der alte Muhammed, «wenn du länger bei uns bliebest: wir haben dich so weit gebracht, daß du dir nun selbst forthelfen kannst; du weißt deinen Koran so gut als auswendig, und es kann dir nicht fehlen, entweder bei der Armee oder im Zivildienst unterzukommen. Laß uns wissen, wie es dir geht: wir wollen dich nicht im Stiche lassen. Nach diesem Bescheide gaben sie ihm acht Zechinen in die Hand, gesellten ihn zu einer nach Konstantinopel gehenden Karawane, bezahlten das Kost- und Reisegeld für ihn, umarmten ihn noch einmal und ließen ihn ziehen.

Nach einer Reise von etlichen Tagen langte Neangir in Konstantinopel an. Man kann sich leicht einbilden, wie ihm zumute war, sich auf einmal in einer so großen Stadt zu sehen, wo er weder Straßen noch Menschen kannte und ihm folglich alles so neu und fremde vorkam, als ob er unmittelbar aus dem Monde herabgestiegen wäre. Je mehr man Verstand hat, je verlegener fühlt man sich unter lauter Gegenständen, die man noch nie gesehen und wovon man nie reden gehört hat. Der gute Neangir dachte eben nach, wie er sich helfen wollte, als ein Mann von sehr gutem Ansehen mit höflicher Art zu ihm trat, den obern Teil seines Turbans befühlte und, nachdem er ihn einige Augenblicke scharf betrachtet hatte, ihm den Antrag tat, mit ihm zu gehen und, bis er etwa einen bessern Platz gefunden hätte, seinen Tisch und seine Wohnung anzunehmen. Neangir, der nichts Bessers zu tun sah, nahm den Antrag willig an und ging mit.

Der Unbekannte führte ihn in ein ganz artiges Gemach, wo sie ein schönes junges Mädchen von ungefehr zwölf Jahren im Begriff fanden, den Tisch für drei Personen zu decken, gleich als ob sie vorausgesehen hätte, daß der Unbekannte Gesellschaft mitbringen würde. «Zelide», sprach er zu ihr, «sagte ich nicht, ich würde dir einen Gast mitbringen und er würde mir keinen Korb geben?» - «Ihr sagt immer wahr, lieber Vater», versetzte das Mädchen, «Ihr habt Euch selbst noch nie betrogen und betrügt keinen andern Menschen.» Eine alte Sklavin, die in diesem Augenblick aus der Stadt ankam, trug etliche Schüsseln mit Pilau von verschiednen Farben auf, setzte drei Becher mit Scherbet auf den Tisch und entfernte sich.

Während der Mahlzeit unterhielt der Herr des Hauses seinen Gast mit allerlei Dingen, die ihm viel Vergnügen machten; aber was ihn am meisten bezauberte, war die kleine Zelide. Er lieh dem Unbekannten wohl die Ohren, aber die Augen konnte er von dem holden Mädchen nicht verwenden. Sie war aber auch unbeschreiblich schön und lieblich; ihre pechschwarzen, mit dem sanftesten Feuer erfüllten Augen schienen so groß als ihr Mund, dessen Röte den Glanz des Rubins übertraf. Ihre Haare fielen in schönen Locken auf einen Busen, der nur eben aufzuquellen anfing; ihre Figur war lauter Ebenmaß, ihre Bewegungen lauter Anmut, und eine Kleidung von grünem Goldstoff trug auch das ihrige bei, alle diese Reize in ein vorteilhaftes Licht zu setzen.

«Lieber Vater», sagte Zelide ein wenig stockend, «der junge Mensch sieht mich unaufhörlich an; wenn Hassan es erfährt, wird er eifersüchtig werden.» - «Nein, nein», versetzte der Vater, «du bist nicht für diesen jungen Menschen; hab' ich dir nicht schon gesagt, daß er deiner Schwester Argentine bestimmt ist? Ich will die Sache sogleich richtig machen.» Mit diesem Worte stand der Unbekannte auf, öffnete einen Schrank und holte etliche Körbchen mit Früchten und eine Flasche mit Likör heraus. Außerdem zog er noch eine kleine Dose von Perlenmutter, in Silber gefaßt, daraus hervor und setzte sie auf den Tisch.

Nachdem er wieder Platz genommen, sprach er zu dem jungen Menschen: «Kosten wir einmal von diesem Elixier!», und sogleich schenkte er ihm davon in sein Glas ein. «Gebt mir auch ein paar Tropfen», sagte Zelide. «Nein, nein», erwiderte der Unbekannte; «du hast deinen Teil schon davon bekommen, und Hassan auch.» - «So trinkt doch Ihr davon», sagte sie; «der junge Mensch wird sonst denken, wir geben ihm Gift.» - «Das will ich», versetzte der Unbekannte; «in meinem Alter ist dies Elixier nicht so gefährlich wie in dem deinigen.»

Der Unbekannte, sobald er selbst davon gekostet und Neangir sein Glas ausgetrunken, öffnete die Dose, die er auf den Tisch gelegt hatte, und bot sie dem Jüngling dar. Neangir erblickte mit Entzücken das Bildnis einer jungen Person, welche höchstens vierzehn Jahre alt schien und ihm noch zehnmal liebreizender als Zelide vorkam. Er geriet ganz außer sich bei diesem Anblick, und sein Herz, das noch nie erfahren hatte, was Liebe war, wurde von tausend unbekannten Regungen in die angenehmste Beklemmung gesetzt. Der Unbekannte schien Neangirs Gemütszustand mit Vergnügen zu bemerken, und Zelide sprach zu ihrem Vater, indem sie ihre Hand auf die seinige legte: «Lieber Vater, wir werden sie wiedersehen!»

«Aber so erklärt mir doch alle diese Rätsel», sagte Neangir. «Warum habt Ihr mich hiehergeführt? - wiewohl ich mich darüber nicht beklage, da Ihr mir wie einem Sohn begegnet. Warum habt ihr mich von diesem gefährlichen Tranke, der mich wie in lauter Feuer setzt, trinken lassen? Und warum zeigt Ihr mir ein Bildnis, das mich des Verstandes beraubt?» - «Ich will einen Teil deiner Fragen beantworten», versetzte der Unbekannte; «alles ist mir nicht erlaubt zu sagen. Ich nehme den Himmel und meine liebe Zelide zu Zeugen, das einzige Gut, so mir mein Unglück übriggelassen hat, daß ich dich nicht hintergehe. Das Bildnis, so du in Händen hast und womit ich dir ein Geschenk mache, stellt eine Schwester Zelidens vor: du liebest sie und wirst beständig in deiner Liebe sein. Wende alles mögliche an, sie zu finden; findest du sie, so wirst du auch dich selbst wiederfinden.» «Aber ums Himmels willen, wo soll ich sie suchen?» rief Neangir, indem er das reizende Bildnis küßte, das ihm der Unbekannte gegeben hatte; «Ihr macht mich auf einmal zum glücklichsten und zum unglücklichsten Menschen auf der Welt.» «Ich kann Euch nichts weiter sagen», antwortete der Unbekannte. «So will ich's tun», sprach Zelide. «Morgen, sobald es Tag ist, geht in den Bazar der Juden und kauft Euch in der zweiten Bude rechter Hand eine silberne Uhr, und sobald es nahe um Mitternacht ist...» Zelide konnte nicht ausreden, denn ihr Vater hielt ihr die Hand vor den Mund und sagte: «So schweig doch, Kleine! Willst du durch deine Unbesonnenheit auch dir das Schicksal deiner Schwester zuziehen?»

Durch die Bewegung, die der Unbekannte machte, um Zeliden den Mund zu schließen, stieß er die Flasche mit dem Elixier um, wovon Neangir getrunken hatte; auf einmal erhob sich ein dicker Rauch, der die Lichter auslöschte; die alte Sklavin stürzte mit einem lauten Schrei herein, und Neangir, voller Schrecken über dieses Abenteuer, schlich im Dunkeln davon.

Er brachte die Nacht auf den Stufen einer Moschee zu; aber die seltsamen Dinge, die ihm begegnet waren, und seine Liebe zu dem schönen Geschöpfe, dessen Bild sich unauslöschlich in seine Seele eingedrückt hatte, ließen ihm keinen Augenblick Ruhe. Sobald der Tag anbrach, verbarg er das ihm so kostbar gewordene Bildnis in seinen Turban und erkundigte sich ungesäumt nach dem Bazar und der Bude, wovon Zelide gesprochen hatte.

Der Jude, bei welchem er eine silberne Uhr besprach, empfing ihn sehr freundlich und suchte ihm selbst eine aus, die er für die beste gab und wofür er sechs Zechinen verlangte. Neangir gab sie ihm, ohne lange zu handeln; aber der Kaufmann wollte ihm die Uhr nicht einhändigen, bis er ihm seine Wohnung gesagt hätte. «Die weiß ich selbst nicht», erwiderte Neangir; «ich bin erst seit gestern hier, und ich würde das Haus, wo ich bei meiner Ankunft aufgenommen wurde, schwerlich wiederfinden können.» - «Gut», versetzte der Kaufmann, «so will ich Euch zu einem wackern Musulmann führen, wo Ihr Euch um einen sehr leidlichen Preis für Kost und Wohnung herrlich wohl befinden sollt; kommt nur mit.» Neangir folgte dem Kaufmann durch verschiedene Gassen und trat endlich in einem Hause ab, wo er auf Empfehlung des Juden aufgenommen wurde und seine zwei noch übrigen Zechinen vorausbezahlte.

Nach dem Mittagessen schloß er sich in sein Kämmerchen ein, um das reizende Bildnis wieder zu betrachten, das ihm beständig im Sinne lag. Aber indem er es aus seinem Turban hervorlangte, zog er einen versiegelten Brief mit heraus, worauf er sogleich die Hand der Zinebi erkannte. Er erbrach ihn mit Ungeduld und las darin, wie folget:

Mein lieber Sohn!

Ich schreibe Euch diesen Brief, den ich mit Vorwissen meines Mannes in Euern Turban gesteckt habe, um Euch zu berichten, daß Ihr nicht mein Sohn seid: wir vermuten, Euer Vater sei ein großer Herr, der aber weit von uns entfernt ist; aus der Beilage könnt Ihr sehen, wie er uns bedroht, wofern wir Euch nicht zurückgeben. Schreibet nicht an uns und suchet uns nicht auf; beides würde vergebens sein, weil wir nicht mehr zu finden sind. Ihr werdet uns immer lieb bleiben - lebet wohl!

Die Beilage lautete folgendermaßen:

Nichtswürdige, Ihr seid ohne Zweifel mit den Kabbalisten in Verständnis, die dem unglücklichen Siroco seine Töchter geraubt und ihre Talismane entwendet haben. Ihr haltet mir meinen Sohn zurück; aber ich habe Euern Schlupfwinkel entdeckt, und Euer Verbrechen soll nicht lange ungestraft bleiben. Ich schwör' es bei dem Propheten! Die Schneide meines Säbels soll Euch schneller vertilgen, als der Blitz die Wolke zerreißt.

Neangir schöpfte ebensowenig Trost als Licht aus diesen Briefen. Sie schienen ihm zwar zu sagen, daß er der Sohn des vornehmen Mannes sei, der diesen Brief an Muhammed und sein Weib geschrieben hatte; aber was half ihm diese Nachricht? Er wußte nicht, wo er ihn aufsuchen sollte, und hatte keine Hoffnung mehr, diejenigen zu finden, die man bisher für seine Eltern gehalten hatte. «Wie unvorsichtig war es doch von meinem Vater», rief er traurig aus, «meine Pflegeltern durch solche Drohungen zu erschrecken! Er hätte kommen sollen, mich bei ihnen abzuholen, anstatt ihnen eine solche Angst einzujagen, daß sie mich so allein und hülflos von sich schickten, ohne daß ich weiß, was nun aus mir werden soll.» Die Gedanken, die alles dies in ihm erweckte, waren so niederschlagend, daß er, um ihrer loszuwerden, aus dem Hause ging und nicht wieder zurückkam, als bis es gänzlich Nacht war. Er war eben im Begriff, wieder in das Haus hineinzugehen, als er im Mondschein etwas Glänzendes auf der Türschwelle liegen sah; er hob es auf und fand, daß es eine goldene, mit Edelsteinen reich besetzte Uhr war. Er sah sich auf allen Seiten um, ob jemand vorhanden wäre, dem sie zugehörte; und da er sich ganz allein sah, steckte er sie in seinen Busen zu der silbernen, die er diesen Morgen gekauft hatte. Er betrachtete sie als ein Geschenke, das ihm das Glück mache, um ihn aus der Verlegenheit seiner gegenwärtigen Umstände zu ziehen. «Ich werde», dacht' er, «mehr als tausend Zechinen für diese Steine bekommen und wenigstens was zu leben haben, bis ich meine Eltern wiederfinde.»

Es war etwas so Tröstliches in diesem Gedanken, daß er sich ganz ruhig schlafen legte, nachdem er seine beiden Uhren auf die Estrade neben sich hingesetzt hatte. Da er zufälligerweise mitten in der Nacht erwachte, hörte er eine kleine Stimme, aber so rein wie ein Silberglöckchen, die aus einer von den beiden Uhren zu kommen schien und sagte: «Liebe Schwester Aurore, bist du um Mitternacht aufgezogen worden?» - «Nein, meine beste Argentine», antwortete eine andre Stimme, «und du?» - «Ich?» versetzte die erste, «man hat Mich auch vergessen.» - «Wie unglücklich!» erwiderte die andre; «es ist schon über eins, und wir müssen nun noch einen ganzen Tag warten, bis wir unsrer Gefangenschaft entledigt werden können.» - «Ja», sagte die erste, «wenn man uns nicht wieder vergißt wie heute.» - «Für jetzt haben wir hier nichts mehr zu tun», sprach Aurore, «wir müssen fort, wohin uns unsre Bestimmung nötigt - komm!»

In diesem Augenblicke sah Neangir, der, ganz bestürzt über ein so seltsames Wunderding, sich mit halbem Leibe aufgerichtet hatte, beim Mondscheine die beiden Uhren auf den Fußboden herabhüpfen und durch das Katzenloch in der Türe aus seiner Kammer wegrollen. Er sprang eilends auf, öffnete die Tür und lief der Treppe zu, um sie einzuholen; aber er kam zu spät, und sie waren schon unter der Pforte, die auf die Gasse ging, weggeschlüpft. Er versuchte sie zu öffnen, aber sie war abgeschlossen; und aus der Behendigkeit, womit sich die beiden Uhren davongemacht hatten, urteilte er sehr richtig, daß, wenn er auch Lärm machen und sich die Türe aufschließen lassen wollte, er sie doch nimmer einholen würde. Er kehrte also wieder um und legte sich nieder; aber sein Unglück und der Gedanke, sich ohne Eltern, ohne Freunde, ohne Geld, und nun auch auf eine so seltsame Weise seiner beiden Uhren wieder beraubt zu sehen, beschäftigte seine Einbildung auf eine sehr unangenehme Art.

Sobald es Tag war, steckte er seinen Dolch in den Gürtel und eilte in voller Wut, den Juden aufzusuchen, der ihm die silberne Uhr verkauft hatte. Er fand ihn nicht in dem Bazar und in der Bude, wo er ihn anzutreffen hoffte; aber dafür fand er einen andern darin sitzen, der einem wackern Manne gleichsah und ihn sehr freundlich empfing. «Die Person, die Ihr sucht, ist mein Bruder», sagte er zu Neangir, «und wir pflegen es so zu halten, daß immer einer von uns hier ist, während der andere unsere Geschäfte in der Stadt besorgt.» - «Saubere Geschäfte», schrie Neangir; «Ihr seid der Bruder eines Betrügers, der mir gestern eine Uhr verkaufte, die mir diese Nacht wieder davongelaufen ist; aber ich will ihn wiederfinden, oder Ihr sollt mir für ihn gutstehen, da Ihr sein Bruder seid.» «Was sagt Ihr da», versetzte der Jude in Beisein einer Menge Volkes, das um die Bude herumstand; «eine Uhr, die davonläuft! Wenn von einem Faß Öl oder Wein die Rede wäre, da könntet Ihr recht haben; aber daß eine Uhr weglaufe, ist unmöglich.» - «Das wollen wir vor dem Kadi sehen», antwortete Neangir; und da er in dem nehmlichen Augenblicke seinen Kaufmann gewahr wurde, packte er ihn flugs beim Arme und schleppte ihn, so sehr er sich sträubte (denn der Pöbel half dem jungen Menschen Hand anlegen), mit sich vor die Wohnung des Kadi.

Während dem Lärmen, den diese Szene verursachte, näherte sich derjenige, den Neangir in der Bude angetroffen hatte, seinem Bruder und sagte leise, doch daß Neangir es hören konnte, zu ihm: «Ich bitte dich, Bruder, gestehe nichts, oder wir sind beide verloren.»

Sobald man bei dem Richter angelangt und das herzudrängende Volk mit Prügeln (nach türkischer Manier) auf die Seite geschafft war, hörte der Kadi vor allem die Klage des Neangir an, die ihm sehr außerordentlich vorkam. Er befragte hierauf den Juden, der aber, anstatt zu antworten, die Augen gen Himmel erhob und in Ohnmacht fiel. Der Richter, der noch mehr Geschäfte auszumachen hatte, sagte ganz gelassen zu Neangirn: Seine Klage sei ohne alle Wahrscheinlichkeit und er würde sogleich den Kaufmann wieder nach Hause bringen lassen. Dies brachte Neangirn aus aller Fassung: «Er soll mir», schrie er, «sogleich wieder zu sich selbst kommen und die Wahrheit gestehen!» Und damit zog er seinen Dolch und gab dem Juden einen tüchtigen Stoß in das Dickbein. Der Jude schrie laut auf. «Ihr seht», sprach er zum Kadi, «daß dieser junge Mensch rasend ist und seinen Verstand verloren hat; ich verzeihe ihm die Wunde, die er mir beigebracht; aber, um Gottes willen, gnädiger Herr, befreiet mich aus seinen Händen.»

In diesem Augenblicke ritt der Bassa vom Meere vor dem Hause des Kadi vorbei, und da er einen so großen Lärm hörte, stieg er ab, um sich nach der Ursache zu erkundigen. Nachdem man ihm berichtet hatte, was vorgegangen war, betrachtete er Neangirn sehr aufmerksam und fragte ihn freundlich, wie das alles möglich sein könne. «Gnädiger Herr», versetzte Neangirn, «ich schwöre Euch zu, daß alles wahr ist, und es wird Euch nicht mehr so seltsam vorkommen, wenn Ihr höret, daß ich selbst ein Opfer der kabbalistischen Künste dieser Art von Leuten gewesen bin; ich selbst war drei Jahre lang in einen kupfernen Tiegel mit drei Füßen verwandelt und bin nicht eher wieder Mensch geworden, bis man einen Turban auf meinen Deckel setzte.»

Kaum hatte Neangir die letzten Worte ausgesprochen, so fiel ihm der Bassa um den Hals und rief mit Entzückung aus: «O mein Sohn, mein lieber Sohn! Ist's möglich, daß ich dich wiederfinde? Kommst du nicht aus dem Hause von Muhammed und Zinebi?» - «Ja, mein gebietender Herr», antwortete Neangir; «sie sind es, die sich meiner in meinem Unglück angenommen und mich durch ihre guten Lehren und Beispiele dahin gebracht haben, eines solchen Vaters weniger unwürdig zu sein.» - «Gelobet sei der große Prophet», versetzte der Bassa, «der mir in dem Augenblicke, wo ich's am wenigsten hoffte, einen von meinen Söhnen wiedergibt! Ihr wißt», fuhr er gegen den Kadi fort, «daß ich in den drei ersten Jahren meiner Ehe mit der schönen Zambak, mit welcher nur die unsterblichen Jungfrauen des Paradieses zu vergleichen sind, drei Söhne von ihr bekam. Als sie das dritte Jahr zurückgelegt hatten, schenkte ein weiser Derwisch von meiner Bekanntschaft dem Ältesten einen Tesbusch von überaus schönen Korallen und sagte dabei: ‹Mein Sohn, trage große Sorge zu diesem Kleinod und sei dem Propheten getreu, so wirst du glücklich sein.› Dem zweiten, den Ihr hier sehet, gab er ein Stück Kupferblech, worauf der Name des Gesandten Gottes in sieben verschiedenen Sprachen eingegraben war, und sagte: ‹Der Name des Freundes des Allerhöchsten beschirme dein Haupt, und der Turban, das Zeichen der Rechtgläubigen, begleite ihn allezeit, so wird dein Glück vollkommen sein!› Endlich gab er auch meinem dritten Sohn ein Armband, das er ihm mit eigner Hand um den rechten Arm befestigte, und sprach: ‹Rein sei deine rechte Hand und deine Linke unbefleckt! Bewahre dieses Kleinod, das in der heiligen Stadt Medina gewebt wurde, und nichts wird deine Glückseligkeit stören können!› Mein ältester Sohn hat die Lehre des weisen Derwisch nicht wohl beobachtet, und oh! wie unglücklich ist er dadurch geworden! Sein Schicksal ist so beklagenswürdig als der Zustand meines jüngsten. Um denjenigen, den Ihr hier sehet, vor einem ähnlichen Unglück zu verwahren, hatte ich ihn unter der Aufsicht eines getreuen Sklaven namens Guluku an einem abgelegenen Orte erziehen lassen, während daß ich gegen die Feinde unsers Gesetzes zu Felde zog. Bei meiner Zurückkunft fand ich weder Guluku noch meinen Sohn wieder. Urteilet selbst, wie groß seit dieser Zeit meine Verzweiflung war. Erst seit etlichen Monden habe ich erfahren, daß dieser mir so liebe Sohn sich bei einem gewissen Muhammed und seinem Weibe Zinebi aufhalte. Ich muß gestehen, daß ich ihnen seine Entführung Schuld gab. Melde mir doch, mein Sohn, wie du in ihre Hände geraten bist.»

«Mein gebietender Herr», antwortete ihm der junge Mensch, «ich erinnere mich der ersten Jahre meines Lebens nicht mehr; dies weiß ich nur, daß ich mit einem alten Schwarzen, dessen Namen Ihr mir eben jetzt wieder ins Gedächtnis gebracht habt, in einem Schlosse am Ufer des Meeres lebte. Ich war ungefehr zwölf Jahre alt, als wir einsmals, da er mich auf einen Spaziergang herausführte, einen Menschen, der genau wie dieser Jude aussah, antrafen, der sich mit Tanzen und Springen an uns machte und uns durch seine Gaukeleien sehr belustigte. Was darauf weiter erfolgte, davon kann ich nichts sagen, als daß mich auf einmal eine Betäubung überfiel, wovon mir der Kopf ganz schwindlicht wurde: wie ich meine Hände dahin bringen wollte, um zu fühlen, was mit mir vorgehe, verwandelten sie sich in Henkel; kurz, ich wurde in einen kupfernen Kochtiegel umgestaltet. Ich weiß nicht, wie mein Aufseher sich bei dieser Begebenheit benahm; aber das weiß ich noch recht wohl, daß ich vor Erstaunen ganz außer mir war. Doch fühlte ich, daß man mich aufhub und in großer Eilfertigkeit mit mir davonlief. Einige Tage darauf, soviel ich erkennen konnte, setzte mich derjenige, der mich davongetragen hatte, bei einer Hecke auf die Erde, und bald darauf hörte ich ihn an meiner Seite schnarchen. Sogleich entschloß ich mich, ihm zu entfliehen. Ich schlüpfte, so gut ich konnte, durch die Hecke durch und lief wohl eine Stunde lang. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, mein gebietender Herr, wie unbequem es ist, auf drei Füßen zu gehen und dazu noch mit so steifen Beinen, als ich damals hatte. Bei jedem Schritte blieb mein vorderster Fuß im Sande stecken, und wenn ich den hintersten heben wollte, war ich in Gefahr umzukippen. Nach einer sehr mühsamen Wanderschaft merkte ich endlich, daß ich in einem Küchengarten angelangt war, und versteckte mich in einem Kohlfelde, wo ich eine ziemlich ruhige Nacht zubrachte. Am folgenden Morgen wurde ich gewahr, daß jemand neben mir ging; ich fühlte, daß man mich aufhob und von allen Seiten betrachtete. Endlich hörte ich die Stimme eines herzukommenden Mannes, der seinem Weibe mit dem Namen Zinebi rief ‹O mein lieber Muhammed›, antwortete sie, indem sie mich forttrug, ‹da finde ich in unserm Garten den schönsten Kochtiegel in der ganzen Welt.› Muhammed, der, wie ich merkte, ihr Mann war, nahm mich in die Hände und schien viel Gefallen an mir zu haben. Kurz, ich wurde nun ein Teil ihres Küchengerätes, und Zinebi trug große Sorge für mich. Sie war noch ziemlich jung, und da ich sie mir, nach dem Klang ihrer Stimme und der Sanftheit ihrer Hände, sehr liebenswürdig einbildete, so war es kein kleines Vergnügen für mich, alle Morgen von einer so hübschen Frau ausgescheuert zu werden. Es ist wahr, meine Lebensart hatte außerdem wenig Unterhaltendes: ich arbeitete nicht, ich dachte nichts Sonderliches; aber wie viele wackere Leute gibt es in der Welt, die in ihrem ganzen Leben nichts mehreres tun und doch sehr wohl mit sich selbst zufrieden sind. Ich will damit nicht gesagt haben, daß der Stand eines Kochtiegels etwas sehr Beneidenswürdiges sei; indessen ist gewiß, daß ich in diesem Stande drei ganze Jahre recht vergnügt bei diesen guten Leuten zubrachte. Nach dieser Zeit trug sich's zu, daß Zinebi, da sie mich eines Morgens mit einer Hammelsbrust angefüllt, das gehörige Gewürze dazugetan und mich auf ein gelindes Feuer gesetzt hatte, aus Besorgnis, ihr Ragout möchte verdunsten - vermutlich, weil mein Deckel nicht genau mehr einpaßte -, etwas suchte, womit sie ihn bedecken könnte. Weil sie in der Eile nichts anders finden konnte als einen alten Turban von ihrem Manne, so bediente sie sich dessen, deckte mich damit zu und ging davon. Kaum war sie fort, so fühlte ich, daß das Feuer, von welchem ich bisher keine Ungelegenheit verspürt hatte, mich an die Fußsohlen zu brennen anfing; ich sprang eilends zurück und erstaunte, wie Ihr denken könnt, nicht wenig, da ich mich auf einmal wieder in einen Menschen verwandelt sah.

Um die Zeit, da das dritte Gebet gesprochen wird, kamen Muhammed und Zinebi zurück. Aber wie groß war ihre Bestürzung, da sie ihren Kochtiegel nicht mehr fanden, hingegen an seiner Statt einen jungen Menschen, der ihnen ganz unbekannt war. Ich erzählte ihnen die Geschichte meiner Verwandlung, welcher sie anfangs keinen Glauben beimessen wollten; endlich schien doch meine Jugend und die unschuldige Treuherzigkeit, womit ich sie der Wahrheit meiner Erzählung versicherte, ihr gutes Herz zu überwältigen; und nachdem sie sich heimlich miteinander besprochen hatten, umarmte mich Muhammed, gab mir den Namen Neangir und erklärte mich für seinen Sohn. In der Tat hätte er mich in den zwei Jahren, die ich noch in seinem Hause lebte, nicht besser halten können, wenn ich es wirklich gewesen wäre. Was mir seitdem begegnet ist, gnädige Herren, habt ihr bereits von mir vernommen; und hier sind noch die zwei Briefe, die ich in meinem Turban fand und woraus ihr euch von der Wahrheit meiner Reden vielleicht noch besser überzeugen werdet.»

Während Neangir seine Geschichte erzählte, hatte man mit Erstaunen wahrgenommen, daß die Wunde des Juden auf einmal von selbst zu bluten aufhörte, und in diesem Augenblicke zeigte sich an der Pforte des Gerichtssaals eine junge Person, die man an ihrer Kleidung für eine Jüdin erkannte. Sie schien ungefehr zweiundzwanzig Jahre alt zu sein und war, ungeachtet der Unordnung ihres Anzugs, äußerst reizend. Ihr Kopfputz sah ganz zerstört aus, und die Haare fielen ihr in großen Locken auf die Schultern und auf den halbentblößten Busen; sie hatte, um desto schneller laufen zu können, eine Seite ihres langen Kleides aufgebunden, und ihr Gesicht sah so erhitzt aus wie bei einer Person, die in der äußersten Unruhe ist. Sie hatte zwei Krücken von weißem Holze in der Hand, und hinter ihr drein kamen zwei Männer, deren einen Neangir sogleich für den Bruder des von ihm Verwundeten erkannte; der andere schien ihm demjenigen völlig gleich zu sein, den er in dem Augenblicke seiner Verwandlung gesehen hatte. Beide hatten den rechten Schenkel mit einer breiten Wundbinde von Leinwand umwickelt und stützten sich jeder auf ein paar ebensolche Krücken, wie die junge Frauensperson in der Hand trug.

Die schöne Jüdin näherte sich demjenigen, welchen Neangir verwundet hatte; sie legte die Krücken neben ihn, betrachtete ihn mit großer Gemütsbewegung und konnte ihre Tränen nicht zurückhalten. «Unglückseliger Izuf», rief sie endlich aus, «muß dich denn deine gefährliche Neigung in so verderbliche Händel verwickeln? Siehe nun, in was für einen Zustand du dich selbst und deine beiden Brüder gesetzt hast!» Während sie ihm diese Vorwürfe machte, waren die beiden Mannspersonen, wie durch eine verborgene Gewalt genötigt, hereingekommen und hatten sich auf den Fußteppich neben den verwundeten Juden niedergelassen.

Der Bassa, der Kadi und Neangir, ebenso verwundert über diese Begebenheit als betroffen über die außerordentliche Schönheit der Jüdin, verlangten von ihr, daß sie ihnen ein so seltsames Geheimnis erklären möchte. «Gnädige Herren», antwortete sie ihnen, «Sie sehen ein unglückliches Mädchen vor sich, die durch die stärkste Leidenschaft wider ihren Willen an einen von diesen drei Männern gefesselt ist. Mein Name ist Sumi, und ich bin die Tochter des Moyses, eines unsrer berühmtesten Rabbinen. Der Mann, den ich liebe, ist Izaf», setzte sie hinzu, indem sie auf denjenigen zeigte der zuletzt hereingetreten war, «und trotz seiner Undankbarkeit kann ich nie aufhören, ihn zu lieben. Grausamer Feind der Unglücklichen, die dich anbetet, und deiner selbst», fuhr sie fort, sich an Izaf wendend, «rede du selbst an meiner Statt und suche durch deine Aufrichtigkeit und Reue von deinen Richtern Gnade für dich und deine beiden Brüder zu erhalten!» 

Während daß Sumi dieses sagte, schlugen die Juden die Augen nieder und beobachteten ein tiefes Stillschweigen. Aber der Kadi hieß die schöne Jüdin sich auf den Sofa niedersetzen, und nachdem er dem Izaf ihr zu gehorchen befohlen, fing dieser seine Geschichte, die zugleich die Geschichte seiner beiden Brüder war, folgendermaßen zu erzählen an.
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