Einstmals war ein alter Vater, der einen grossen Sohn hatte. Dieser wollte durchaus nichts arbeiten. Da sagte eines Tages der Vater zum Sohne: »Der Mensch ist zur Arbeit geboren, etwas muss der Mensch machen, sei es nun, was es wolle. Sage mir daher aufrichtig, willst du künftig arbeiten oder betteln oder in einen Dienst gehen?« Da antwortete der Sohn: »Ich will in einen Dienst gehen.« »Gut«, sagte der Vater, »ich bin es zufrieden, und sollte der Teufel selber kommen, dich in seine Dienste zu nehmen, mir ist's recht.« Da gingen beide, einen Dienst zu suchen. Unterwegs begegnete ihnen ein vornehmer Herr und befragte sie um das Ziel ihrer Reise. »Ich gehe, einen Dienst für meinen Sohn da zu suchen«, antwortete der Vater. »Gebt mir ihn«, fuhr der Herr fort, »ich brauche eben einen Portier, und der Bursche ist gross und stark.« »Was willst du Lohn haben?« redete er den Sohn an. »Sieben Soldi«, antwortete dieser. »Das ist denn doch gar zu wenig«, sagte der Herr, »ich werde dir zwanzig Soldi geben. Du hast keine andere Arbeit, als die Thüre auf und zuzumachen, aber wehe dir, wenn du hineingehst.« Da trat der Junge seinen Dienst an, war aber nicht wenig erstaunt, zu sehen, dass so viele Leute zur Thüre hineingingen, aber keiner mehr herauskam. Unter den Hineingehenden waren dann viele, die er persönlich kannte, z.B. der Pfarrer und Gemeindevorstand (primo deputato) von seinem Orte, ja sogar sein eigener Grossvater. Was mag das sein? dachte er oft; aber es dauerte lange, bis er eine Ahnung davon bekam, wer sein Herr sei. Als er ein volles Jahr diesen Dienst versehen hatte, bekam er ihn satt und kündigte seinem Herrn. Diesem war es gar nicht recht, denn er musste sich um einen andern Portier umsehen. »Nun«, sagte der Herr, »wenn du durchaus nicht bleiben willst, so komme her und nimm dir als Lohn, so viel du da willst«, und dabei führte er ihn zu einem grossen Kasten voll Gold. »Nimm«, sagte er, »was du brauchst«, als er sah, dass der Diener zögerte. »Nein«, sagte dieser, »ich bitte bloss um meinen Lohn, um keinen Heller mehr noch weniger«, und als ihm der Herr die zwanzig Soldi gegeben hatte, zog er lustig seines Weges, bis er einem Armen begegnete, der ihn um ein Almosen ansprach. »Da nimm fünf Soldi«, sagte er, »so bleiben für mich noch vier Soldi auf Tabak, fünf auf Brot und sechs Soldi auf Wein.« Dann begegnete ihm ein anderer Bettler, dem er wieder fünf Soldi giebt. »Nun«, sagte er zu sich, »jetzt muss ich mein Vermögen anders eintheilen, denn jetzt bleiben mir nur drei Soldi auf Tabak, drei auf Brot und vier auf Wein«, und somit ging er weiter. Da begegnete ihm ein dritter Bettler: »Addio Tabak«, ruft er lachend aus, »aber man kann auch mit fünf Soldi Brot leben«, und somit gab er auch diesem fünf Soldi. Da kommt ein vierter Bettler. »Gott sei Dank«, sagt er und giebt ihm die letzten fünf Soldi, »jetzt brauche ich mir mit dem Rechnen nicht den Kopf zu zerbrechen.« Da erscheint endlich ein fünfter Bettler und bittet um ein Almosen. »Freund!« sagt er zu diesem, »was ich hatte, habe ich weggeben, und jetzt kann ich nimmer dafür gutstehen, dass ich den Nächsten, der mir begegnet, nicht selbst anbetteln muss.« Da warf sich der Bettler in die Brust und sprach: »Ich brauche euer Almosen nicht, welche Gnade wollt ihr von mir, begehrt.« »Herr«, antwortete unser Reisender, »vom Almosenbetteln bis zum Gnadenaustheilen ist ein hübscher Sprung; Gevatter, gebt Acht, dass ihr euch dabei nicht den Fuss verstaucht. Das müssen saubere Gnaden sein, die ihr auszutheilen im Stande seid.«
»Fordert also«, erwiederte der Bettler, »ohne euch den Kopf lange zu zerbrechen, und ihr werdet sehen.«
»Wohlan, so gebt mir eine Flinte, die nie fehlt.«
»Gut, da habt ihr die Flinte«, sagte der Bettler, indem er sie unterm Mantel hervorzog, »wollt ihr noch etwas?«
»Ja, eine Geige, die Alles tanzen macht, so lange sie gespielt wird.«
»Da habt ihr die verlangte Geige«, sagte der Bettler, »sonst wollt ihr nichts mehr?«
»Ja, einen Sack, in den jeder springen muss, dem ich's befehle.«
»Hier habt ihr auch den Sack, und jetzt lebt wohl«, sagte der Bettler und ging fort.
Gross war des Burschen Freude über den Besitz dieser drei Dinge, und er sehnte sich darnach, sie probiren zu können. Da fliegt ein schöner Vogel an ihm vorüber und setzt sich auf einen ziemlich weit entfernten Haufen Reisigholz. Halt, denkt der Bursche, an dem will ich meine Flinte probiren, und macht sich schussfertig. Da kommen zwei Fratres des Weges gezogen. »Sauberer Schütze ihr!« ruft einer, »ist das auch ein Augenmass? Den Vogel zu treffen braucht ihr eine Kanone, die Flinte reicht auf diese Ferne nicht aus.« »Und doch werde ich ihn treffen«, antwortete unser Bursche. »Nun«, sagt der Frater, »wenn ihr ihn trefft, so will ich ihn nackt aus dem Holze holen.« Da brennt er los, der Vogel stürzt und der Bursche sagt: »Nun, jetzt haltet euer Wort und holet ihn.« Der Frater aber war ein Mann von Wort, warf die Kutte weg und ging den Vogel zu holen. Kaum war der Frater im Holze, so nahm der Bursche die Geige und begann zu spielen, die beiden Fratres aber, der eine auf der Strasse, der andere im Holze, fingen an zu tanzen. Besonders übel war der Nackte daran, denn er liess die halbe Haut an den Dornen hängen und schrie fürchterlich. Als dieser schon wie Lazarus voll Wunden war, hörte der Bursche zu geigen auf, die beiden Mönche aber gingen in die nächste Stadt und verklagten ihn bei der Polizei, die ihn, kaum als er angekommen war, sogleich rufen liess. Wirklich erschien er auch um Mittag, gerade als der Kommissär beim Essen war. »Wartet, bis ich gegessen habe«, fuhr ihn dieser unwillig an. »Gerne«, antwortete unser Bursche, »und wenn ihr mir erlaubt, so will ich euch zur Tafel Musik machen«, und nahm seine Geige zur Hand. Nach dem ersten Bogenstrich begann in dem Zimmer des Kommissärs ein sonderbares Ballet. Die Teller und Schüsseln, der Tisch, die Sessel, der Kommissär, seine Frau und Kinder, die Hauskatze, die Magd, die auftrug, ein Amtsdiener, der melden kam, alle tanzten mit theils erschrockenen, theils grimmigen Gesichtern einen Monferino. Als der letzte Tropfen Suppe aus der Schüssel und der Wein aus der Flasche gesprungen war, als schon Tisch und Sessel einige Füsse und die lebenden Tänzer und Tänzerinnen den Athem verloren hatten, hörte er auf zu geigen, aber der erschöpfte Kommissär hatte durchaus keine Lust mehr, das Verhör zu beginnen, sondern das erste Wort, das er von sich zu geben im Stande war, war: »Geht zum Teufel!« -
Da ging er denn wieder auf die Strasse und setzte seine Reise fort. Der erste, der ihm begegnete, war sein früherer Herr. Flugs öffnete er seinen Sack und kommandirte: »Spring hinein!« Da bat der Herr so flehentlich, ihn herauszulassen, aber umsonst. »Warte, bis ich gegessen habe«, antwortete er ihm und trug ihn zu einem nahen Eisenhammer.
»Ich habe hier Eisen zu klopfen«, spricht er beim Eintritt zum Hammerschmied.
»So gebt es heraus«, antwortete dieser.
»Nein, ich will, dass ihr es im Sacke hämmert.«
»Und ich sage euch, dass ich nichts hämmere, was ich nicht sehe.«
Da nahm er seine Geige und machte den Hammerschmied und seine Gesellen tanzen, dass ihnen allen der Athem ausging. »Wollt ihr jetzt hämmern?« fragte er. »Jawohl«, schrien alle im Chor, »und wenn der Teufel selbst im Sacke steckte.«
»Der ist auch wirklich darin.«
»Warum habt ihr das nicht gleich gesagt?« rief der Meister; »nun der soll geklopft werden, dass ihr eure Freude daran habt. Kein Horn soll ihm ganz bleiben, und wäre es noch so hart.«
Als der Teufel durch eine ganze Stunde gehämmert worden war, so liess er ihn aus dem Sacke. »Warte nur, Spitzbube!« sagte dieser im Davonlaufen, »wenn ich dich einmal unter die Sohlen (sotto le mie ciabatte) bekomme, dann sollst du das Kapital sammt den Interessen zurückbekommen.«
Als er wieder weiter zog, begegnete er einem hübschen Bauernweibe, das ihm sehr gefiel. »Kommt doch mit mir«, sagte er ihr. »Lasst mich ungeschoren«, antwortete die Bäuerin. »Wollt ihr freiwillig mit mir kommen, so ist mir's lieb, wo nicht, so werdet ihr doch mit mir kommen müssen.« »Packt euch, ihr Lump«, erwiederte sie ihm und vergalt ihm eine Zärtlichkeit mit einer kräftigen Ohrfeige. Da öffnete er im Zorne seinen Sack und schrie: »Spring hinein«, aber in der Hast schloss er den Sack zu schnell, so dass sie mit dem Kopfe herausblieb und um Hülfe rufen konnte. Er lief schnell mit ihr davon, aber die Bauern sprangen aus allen Häusern heraus, liefen ihm nach und suchten ihm den Weg abzuschneiden, so dass er endlich den Sack mit der Bäuerin wegwerfen und zur Flinte greifen musste.
Erst als er einen seiner Verfolger niedergeschossen hatte, liess die Verfolgung insoweit nach, dass er endlich athemlos in einen Ort gelangen konnte. Da begegnete er einem alten, in Fetzen gekleideten Mütterchen.
»Alte!« sagte er zu ihr, »könnt ihr mir nicht einen Ort zum Schlafen geben?«
»Meinetwegen«, antwortete sie, »kommt mit mir«, und führte ihn in einen grossen herrlichen Palast. Grosse Lichter hingen angezündet in allen Zimmern und im Saale war eine glänzende Tafel bereitet, aber keine Seele zu sehen. Das gefiel ihm sehr. Er setzte sich daher nieder und that den köstlichen Speisen und Weinen alle Ehre an, bis er satt war, worauf er sich in ein Nebenzimmer begab und auf ein Bett schlafen legte.
Da erwachte er um die Mitternachtsstunde und sah das ganze Zimmer voll Herren mit Mänteln und grossen Perrücken, die mit ernsten Gesichtern tanzten und sprangen, bis sie auf einmal verschwanden und er sich in einem Flammenmeere befand. Ha! dachte er, jetzt stehe ich frisch, da muss ich trachten weiter zu kommen. Da zog auf einmal Kavalerie durch das Zimmer. Halt, dachte er, da ist Gelegenheit zur Flucht und sprang aus dem Bette auf ein leeres Handpferd; doch das zerfloss ihm unter den Füssen, und er sank und sank stets tiefer, bis er bei der Pforte anlangte, bei der er vor wenig mehr als einem Jahre seine Laufbahn als Portier begonnen hatte und die ihm jetzt sein Nachfolger aufmachte.

[Italien: Georg Widter/Adam Wolf: Volksmärchen aus Venetien]
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