Einst war in einem Königreiche grosse Noth und Trauer. Seit einigen Jahren kam nämlich alle Jahr ein Drache, dem jedesmal eine reine Jungfrau geopfert werden musste. Dieses Jahr hatte das Loos die einzige Tochter des Königs getroffen. Vergebens hatte dieser nicht bloss die Hand des Mädchens, sondern alle seine Schätze dem geboten, der das Land und seine Familie von solchem Unglück zu befreien im Stande wäre; aber es fand sich keiner unter den Rittern seines Hofes und den Offizieren seiner Armee, der den Kampf mit dem scheusslichen Ungethüm aufzunehmen wagte. Da kam zufällig ein junger Jäger aus dem Gebirge in die Stadt, dem die allgemeine Trauer auffiel und dem man auf sein Befragen den Grund erklärte.
Zum Kukuk, dachte er sich, ich bin jung, stark und gewandt, habe ein Gewehr, das an Sicherheit und Kraft des Triebes im Königreiche so wenig seines Gleichen hat als meine Hunde, Forte (Stark), Potente (Mächtig) und Ingegnoso (Schlau, Findig); arm und allein steh ich auch auf der Welt, was kann ich viel verlieren? Ich wag's. Nachdem er sich genau die Gegend ausgekundschaftet, wo die arme Prinzessin in einen hölzernen Thurm gesperrt das Ungeheuer weinend erwartete, legte er sich in einen Busch in Hinterhalt. Plötzlich hörte er ein unheimliches Rauschen hoch in der Luft, das sich stets mehr und mehr näherte, und da sah er denn den fürchterlichen Drachen, der mit flammendem Schweif und die Rachen seiner sieben Köpfe weit aufgesperrt auf die Prinzessin losflog.
Kaltblütig wartete der Jäger, bis ihm der Drache ganz schussgerecht über dem Kopfe stand; da drückte er los und mit ungeheurem Gebrüll sank die Bestie unweit des Thurmes todt zu Boden. Wer vermag den Jubel der geretteten Prinzessin zu beschreiben, der um so aufrichtiger und grösser war, als sie in ihrem Retter auch einen sehr hübschen und gut gebauten Burschen erblickte. Vom Flecke weg hätte sie ihn geheirathet, aber er erklärte ihr, dass ihn ein Gelübde binde und dass er erst nach einem Jahr, einem Monat und einem Tage in die Stadt kommen werde, sie abzuholen und zu ehelichen. Nachdem er sich von ihr das Versprechen hatte geben lassen, so lannge auf ihn zu warten, schnitt er mit seinem Waidmesser dem Drachen die Zungen aus den Köpfen, steckte sie zu sich und verabschiedete sich von der Prinzessin.
Bald nach ihm kam ein Köhler, sah was hier vorgefallen, liess sich den Rest von der Prinzessin erzählen und fasste hierauf folgenden Entschluss. Wem das Glück, so wie mir jetzt, entgegen kommt und er fasst es nicht beim Schopfe, der ist ein dummer Kerl; das will ich mir nicht nachsagen lassen. Hierauf schnitt er dem Drachen die Köpfe ab und packte sie in einen Sack, zur Prinzessin aber sagte er: »Euch bleibt jetzt nur die Wahl, mich in meinem Plane zu unterstützen und mich für euren Retter auszugeben oder von meiner Hand zu sterben. Wer weiss, ob und wann der Dummkopf wiederkommt, der euch hier so allein gelassen, und kommt er auch, so werde ich schon mit ihm fertig werden; ihr aber kennt das Sprichwort: besser ein Spatz an dem Spiesse, als eine Taube in der Luft.«
Als sie nothgedrungen eingewilligt hatte, befreite er sie aus dem Thurme, setzte sie auf sein Maulthier und führte sie zu ihrem Vater, der sie schon als todt beweinte, da er von der Ankunft des Drachen gehört hatte. Voll Freude wollte der König, dass gleich am nächsten Tag Hochzeit sein sollte, worin ihn der Köhler eifrigst bestärkte. Da trat aber die Prinzess entschieden auf. »Vater!«, sagte sie, »ich habe in der Freude über meine Rettung das Gelübde gemacht, keinem Mann vor Ablauf eines Jahres, eines Monats und zweier Tage meine Hand zu geben, und dieses Gelübde will ich halten.«
Schon war ein Jahr und ein Monat vergangen, als der König zur Vorfeier der Hochzeit seiner Tochter ein grosses Mahl gab. Jubel und Freude herrschte in der ganzen Stadt und drang somit auch zu den Ohren unsers Jägers, der eben mit seinen Hunden angelangt war und sich daher um die Ursache dieser Freude erkundigte.
Als er diese vernommen, verlangte er in den Palast gehen zu dürfen, was ihm verweigert wurde und bedeutet, dass dessen Thore geschlossen seien. Da sagte er zu seinem Hunde Forte: »Gehe und sprenge die Thore des Palastes!« und der Hund that wie ihm geheissen. Da sprach er zu seinem Hunde Ingegnoso: »Gehe und hole die Schüssel, die vor der Prinzessin steht!« und der Hund gehorchte dem Befehle seines Herrn. Da sagte er zum dritten Hunde: »Gehe und bringe mir auch die andere Schüssel, die vor der Prinzessin steht!« und siehe, auch das geschah.
Unterdessen hatte dieses Vorgehen der Hunde die Aufmerksamkeit des Königs sowie der andern Gäste in hohem Masse erregt; auf sein Geheiss war ein Höfling dem Hunde gefolgt, und als er dessen Herrn noch an der früheren Schüssel zechend fand, so fragte er ihn: »Wer bist du und was treibt dich des Königs Freude zu stören und der Prinzessin die Beleidigung anzuthun?« »Beim Himmel!« rief der Jäger, wie erschrocken aufspringend, »weder das Eine noch das Andere war meine Absicht, und um euch zu beweisen, wie leid mir das Geschehene thut, erlaubt, dass ich euch begleite und dem Könige sowie der Prinzessin vor allen Gästen Abbitte leiste«, worauf er mit dem Höfling in den Speisesaal eintrat, in welchem sein Erscheinen die grösste Veränderung hervorrief; denn schon trat ihm der König mit zornfunkelnden Augen entgegen, als seine Tochter plötzlich voll Freude ausrief: »Vater! Vater! das ist mein wirklicher Erretter, der andere ist ein Schurke, der mich durch Todesdrohungen gezwungen hatte, seine Lügen zu bekräftigen, darum habe ich die Heirath so lange verzögert, weil ich gewiss war, dass er am heutigen Tage erscheinen werde.« Da wandte sich der Grimm des Königs gegen den Köhler, der augenblicklich getödtet wurde, während er den Jäger, der die Drachenzungen vorwies, an dessen Platz zur Seite seiner Tochter führte.
Schon den folgenden Tag fand die Hochzeit statt und der Jäger wurde ein glücklicher Gatte, der sich die Liebe seiner Gattin sowie seiner künftigen Unterthanen zu verdienen und zu erhalten verstand.
Nur einmal wurde das Glück dieser Gatten, und zwar auf sehr gefährliche Art gestört. Einst hatte ihn nämlich die alte Neigung zum Waidwerk in einen benachbarten verzauberten Park geführt. Es war ein kühler Tag und gern nahm er daher das Anerbieten eines alten Mütterchens an, sich am Kaminfeuer ihrer Hütte ein wenig zu wärmen; doch kaum fühlte er die Wirkung des Feuers, als er auch schon zur steinernen Statue zu werden begann.
Während der Zeit hatte sein Bruder von seinem Glücke gehört und sich aufgemacht, ihn zu besuchen; aber wie erstaunte er nicht, als ihn bei seiner Ankunft die Prinzessin mit der grössten Zärtlichkeit als Gemahl empfing und ihm Vorwürfe über sein langes Ausbleiben machte. Die Verwechslung der Person ahnend und zu edel, von derselben Vortheil zum Schaden seines Bruders zu ziehen, liess er dieselbe zwar im Irrthum, wusste sie aber durch Vorspiegelung eines Gelübdes sich vom Leibe zu halten und trachtete der unerklärlichen Abwesenheit seines Bruders auf die Spur zu kommen. Da hörte er einst, wie ein junges Mädchen in der Stadt zu einem andern sagte: »Du lieber Gott! fast für jedes Uebel gibts ein Mittel, wenns nur die Leute wüssten. Wie viele Freudenthränen würden fliessen, wenn die Verwandten der in unserm Parke versteinerten sechzig Menschen wüssten, dass es bloss des Blutes meiner Grossmutter bedarf, um sie alle wieder zu entzaubern; die abscheuliche böse Alte lebte schon längst nicht mehr.«
Ha, dachte er, könnte da nicht auch mein Bruder darunter sein? Augenblicklich liess er das Mädchen nicht mehr aus dem Auge, sondern schlich ihr nach und kam so in den Park. Kaum dass ihn die Alte erblickte, so machte sie auch ihm das freundliche Anerbieten, sich zu wärmen. »Herzlich gern«, antwortete er, »aber gebt mir einen Stuhl, denn ich fühle mehr Müdigkeit als Kälte.« Während sie aber einen Stuhl vom Staube mit der Schürze reinigte, zog er sein Schwert und hieb ihr den Kopf vom Rumpfe, stürzte mit dem blutenden Kopfe in den Park und bestrich sämmtliche Statuen mit dem Blute. Wer beschreibt die Freude, als der gerettete Bruder an die Brust seines Retters stürzte, wer die Freude der Prinzessin, als sie nach einigem Zweifel, welcher der wahre Gemahl sei, ihren schon betrauerten Mann wieder in die Arme schloss und ihm das edle Benehmen seines Bruders erzählte, der sich nie mehr von beiden trennte.

[Italien: Georg Widter/Adam Wolf: Volksmärchen aus Venetien]
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