Ein armer Bauer besass als einzigen Reichthum einen schönen Feigenbaum. Da die Früchte desselben ganz ausgezeichnet waren, beschloss der älteste Sohn dem Könige welche davon zu bringen. Unterwegs begegnet ihm aber eine Alte, welche ihm, da er auf ihre Frage was er in seinem Korbe habe, Hörner antwortet, die darin befindlichen Feigen in solche verwandelt. Als nun der König beim Ueberreichen des Korbes Hörner in demselben findet, wird er zornig und lässt den Ueberbringer gehörig durchprügeln. Dasselbe Schicksal hat der zweite Bruder, als er die aus gleichem Grunde wie das erstemal, aus Feigen in Eselsohren verwandelte Gabe übergibt. Dem dritten Sohne begegnet auch die Alte, da sie aber auf ihre Bitten einige Feigen von ihm erhält, lässt sie die übrigen so schön werden, dass der König den Ueberbringer mit Geld, Pferden und Getreide beschenkt. Vor dem Thore gehen jedoch die Pferde durch. Glücklicher Weise erscheint aber wieder die Alte und gibt ihrem Schützling eine Pfeife, ein Tischtuch und eine Keule. Auf den Ton der Pfeife folgen die Pferde ruhig ihrem Besitzer, der aber dieselben seinem Vater schenkt, und dann selbst die Welt zu durchstreifen anfängt. So kommt er in eine Stadt und wird hier der Hirt des Königs, trotzdem dass dieser ihm vorstellt, wie schon viele bei diesem Geschäfte umgekommen seien. Er tritt seinen Dienst an; während seine Schafe weiden, lagert er sich und breitet sein Tischtuch auf der Erde aus. Augenblicklich bedeckt sich dasselbe mit Speisen. Unterdessen tritt aus dem nahen Palaste ein Riese, welcher sogleich, als er dem Schäfer dort das Weiden verbieten will, von ihm mit der Keule erschlagen wird. Der Sieger geht darauf in den Palast, findet dort Soldaten und Musiker, die sich ihm zur Verfügung stellen. Er befiehlt ihnen einstweilen dazubleiben, aber seiner Befehle stets gewärtig zu sein. Nachdem er noch im Garten einen Strauss Nelken sich gepflückt hat, kehrt er heim. Geschmückt mit jenem Strausse, sieht ihn am Abend die Königstochter unter ihrem Fenster vorübergehen, verlangt und erhält von ihm jenen Strauss. Die Erlebnisse des folgenden Tages sind die gleichen, nur dass im Palaste sich Korporäle und Sergeanten befinden und ein Jasminstrauss verschenkt wird. Der dritte Tag verläuft wie die beiden vorhergehenden, im Palaste aber sind höhere Offiziere und die Königstochter erhält einen Rosenstrauss.
Um diese Zeit hält der König von Spanien für seinen Sohn um die Tochter des Königs an. Diese schlägt aber den Antrag aus und erklärt sich offen für den Schäfer, worauf der König die Tochter einkerkern lässt und dem Schäfer mit dem gleichen Loose droht. Diesem aber weiss der Letztere sich nicht nur zu entziehen, sondern zwingt auch noch mit Hülfe des aus den drei Palästen herbeigerufenen Heeres den König, die Tochter herauszugeben, welche sich ihm schliesslich vermählt.

[Italien: Georg Widter/Adam Wolf: Volksmärchen aus Venetien]
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