Vor alten Zeiten existirte eine mächtige Königin, die zugleich eine Zauberin, sehr schön, aber auch mitleidlos und aller Heirath abgeneigt war.
Um dem Wunsche ihrer Unterthanen, einen König an ihrer Seite auf dem Throne zu sehen, wenigstens scheinbar nachzugeben, sich auch zugleich der Zudringlichkeiten und Belästigungen zahlreicher Freier zu entledigen, erklärte sie bloss denjenigen heirathen zu wollen, der im Stande wäre, ihr ein Räthsel aufzugeben, das sie nicht lösen könne; löse sie es aber, so müsse sein Haupt fallen. Natürlich, dass sich da die Zahl der Bewerber sehr verminderte, und als die Ersten und Kühnsten den Versuch wirklich mit dem Kopfe bezahlten, bald ganz ein Ende nahm. Siehe, da fällt es plötzlich einem jungen Bauer aus dem Gebirge ein, der Königin ein Räthsel aufgeben zu wollen, um König zu werden. Er sagte diesen seinen Gedanken seiner alten Mutter, die natürlich darüber nicht wenig erschrak. »Was fällt dir dummen Jungen1 ein«, sagte sie, »einer so schlauen Frau ein Räthsel aufgeben zu wollen, wo doch schon viel gescheidtere Leute das Leben dieserwegen eingebüsst haben?« »Meinetwegen«, antwortete er, »das Leben kann es mich kosten, aber dann will ich nicht allein sterben; also, liebe Mutter, backet mir einen vergifteten Laib Brot2.« Da die Mutter sah, dass sie ihm diese Idee nicht ausreden konnte, so buck sie ihm den Laib und segnete ihn, er aber zog sein Maulthier aus dem Stalle, band ihm statt des Sattels einen mit Stroh gefüllten Sack auf den Rücken und machte sich auf die Reise in die Stadt.
Lange war er schon geritten, da legte er sich auf einer Anhöhe im Schatten eines Baumes nieder, liess das Thier neben sich grasen und dachte über das Räthsel nach, das er der Königin aufgeben wolle. Hitze und Müdigkeit überwältigten ihn endlich, er schlief ein und hätte wer weiss wie lange noch geschlafen, wäre er nicht durch ein starkes Stöhnen und das Geschrei seines Maulthiers geweckt worden. Im Schlafe war ihm das Brot aus der Tasche gefallen, das Thier hatte, es gefressen und war so eben in Folge des Giftes dem Verenden nahe. Da warf er denn das Maulthier, um seine Leiden zu verkürzen, die Anhöhe hinab und sah, dass drei Raubvögel auf dasselbe zuflogen, davon frassen und alsobald todt umfielen. Da nahm er denn die drei Vögel zu sich und ging weiter, bis er sieben Schnitter auf einer Wiese fand, die sich gerade ihr Mittagsmahl bereiteten. »Wollt ihr nicht einen Braten«, rief er ihnen zu und warf ihnen die Vögel hin, während er sich ins Gras setzte. »Herzlich gerne«, antworteten die Schnitter, rupften und brieten die Vögel, aber kaum, dass sie davon genossen hatten, erlagen auch sie der Stärke des Giftes.
»Ha!« sagte er, »jetzt habe ich das Räthsel«, und ging, so schnell er konnte, zur Stadt.
Nachdem er sich am andern Morgen gewaschen hatte, liess er sich der Königin vorstellen. Sie empfing ihn mit verächtlichem Lächeln und befahl, er möge ihr denn sein Räthsel hören lassen. »Wohlan«, sagte er, »der Laib (pinza) hat die Perle (perla) umgebracht, die Perle hat drei umgebracht, drei haben sieben umgebracht, erklärt mir das.«
Vergebens zerbrach sich die Königin den Kopf, aber sie fand die Lösung nicht. »Wohlan«, sagte sie, »geht in den Gasthof gegenüber, lasst euch ein Zimmer geben, esst und trinkt, was ihr wollt, zahlen werde ich Alles, und morgen kommt wieder, dann werde ich euch die Lösung sagen.«
Diesem Befehle gehorchte er auch gerne, ass und trank tüchtig und legte sich dann zu Bette, wo er alsbald und fest einschlief; die Königin aber legte Mannskleider an, liess sich vom Wirthe das nämliche Zimmer öffnen und legte sich zu ihm ins Bett3. Als der junge Bauer morgens erwachte und jemand andern in seinem Bette sah, begann er darüber nicht wenig zu schimpfen, denn das Zimmer und Bett gehöre ihm allein. »Haltet euch darüber nicht auf«, sagte sein Bettgenosse, »es war gestern kein anderer Platz mehr im Wirthshause und ich zahle auch die Hälfte für Bett und Zimmer recht gerne, aber sagt mir doch, wie seid ihr in so ein vornehmes Gasthaus gerathen?« »Nun«, sagte der Bauer, »ich habe der Königin gestern ein Räthsel aufgegeben, das sie diese Nacht gewiss weniger schlafen liess als mich, und jetzt gehe ich zu ihr.« »Ach sagt mir es doch«, bat die verkleidete Königin, »ich bleibe ohnedem noch im Bette, von mir habt ihr keine Gefahr zu befürchten, dass ich euch verrathe.« Da erzählte ihr denn der Bauer den ganzen Hergang, »aber jetzt«, sagte er, »endlich ist's an der Zeit, dass ich gehe«, stand auf und kleidete sich an; da er aber sah, dass das Hemd des Fremden ganz neu und sehr fein war, so legte er dieses statt seines groben und zerrissenen an.
Als er im Palaste erschien, musste er einige Zeit warten, bis die Königin erschien, aber endlich kam sie mit grossem Gefolge und sagte: »Nun, die Lösung habe ich gefunden. Euer Brotlaib war vergiftet, euer Maulthier hiess Perle, frass ihn und krepirte, dieses frassen drei Vögel an und starben gleichfalls, diese drei Vögel assen sieben Schnitter, die gleichfalls an ihnen starben. Das ist die Lösung, nicht wahr? Ihr aber sollt jetzt erhalten, was ihr verdient habt, den Tod.« Dem Bauer war anfangs bei den Worten Hören und Sehen vergangen, er merkte, dass man ihm die Lösung abgelistet hatte, aber bald fasste er sich wieder: »Halt«, rief er, »so thun wir nicht, diese Lösung habt nicht ihr gefunden, sondern mir abgeschwatzt, ich aber werde euch jetzt gleich ein anderes Räthsel aufgeben, das ihr aber auch gleich errathen sollt, nämlich: Ich war auf der Jagd, habe geschossen und das Futteral erwischt, was ist dieses?«
Da dachte die Königin lange nach und fand die Lösung nicht, er aber zog ihr Hemd hervor und fragte: Kennt ihr dieses Futteral?
Natürlich war die Königin in Gegenwart der Minister, Hofkavaliere und Hofdamen dadurch derart in Verlegenheit gesetzt, dass ihr kein anderer Ausweg übrig blieb, als ihn zu heirathen.
Als die Hochzeit vorüber war, schlug die Königin vor, eine Spazierfahrt zu machen. »Ja wohl«, meinte der Bräutigam, »aber ich sehe hier weder Wagen noch Pferde.« »Lasst's gut sein«, sagte sie, »die Fahrgelegenheit werde ich besorgen«, und augenblicklich erschien auf ihr Geheiss eine Barke. »Was sollen wir mit der Barke machen«, meinte er, »wenn kein Wasser da ist?« »Habe nur Geduld«, erwiederte sie, und alsogleich erschien eine Wolke, die, nachdem die Brautleute in die Barke gestiegen waren, diese auf den Rücken nahm und pfeilschnell davon flog.
Da unterhielten sie sich denn prächtig, bis die Königin einschlummerte, er aber benutzte schnell die Gelegenheit, ihre Taschen zu untersuchen, in welchen er ein kleines Büchlein und ein kleines Stöckchen fand, das er schnell zu sich steckte. Noch bevor die Königin erwachte, liess er sich mit Allem zur Erde nieder und wünschte sich einen Wagen mit zwei Pferden bespannt herbei, und als sie endlich erwachte und nach ihrer Barke rief, sagte er: »Steige nur allein in die Barke und fahre mit ihr durch die Luft nach Sibirien, wo du immer bleiben sollst, ich aber fahre mit den Pferden zu Lande nach Hause, ich brauche dich und deine Barke nicht.« Da flehte sie um Barmherzigkeit. »Die Barmherzigkeit sollst du finden«, rief er ihr im Wegfahren zu, »die du mit meinen Vorgängern gehabt hast, welche du köpfen liessest, und jetzt fort nach Sibirien mit dir.«

[Italien: Georg Widter/Adam Wolf: Volksmärchen aus Venetien]
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