Drei Brüder, armer Leute Kinder, giengen in die Fremde, um sich ihr Brod zu verdienen. Als sie in einen Wald kamen, wo sich drei Wege schieden, da giengen die zwei älteren Brüder gen Norden, der jüngste aber gen Osten. Vorher hatten sie drei Kreuze in eine Eiche geschnitten und sich gelobt, nach Jahresfrist wieder am nämlichen Orte zusammenzukommen. Der jüngste der Brüder kam immer tiefer in den Wald und kam zu einer Hütte, wo eine alte Frau war. Diese frug er, ob sie nicht Arbeit für ihn habe, und als diese es bejahte, blieb er. Seine Arbeit bestand aber darin, daß er zwei graue Katzen und zwei weiße Enten zu füttern hatte. Als das Jahr herum war, erinnerte sich der Jüngling seines Versprechens und verlangte von der alten Frau seinen Lohn. Diese gab ihm eine Bohne und entließ ihn. Dem Jüngling dünkte die Gabe wohl gering, aber er murrte nicht und gieng vergnügt von dannen. Auf dem Wege überkam ihn einmal die Lust, die Bohne zu zerschneiden, und schon wollte er sein Vorhaben mit den Worten ausführen: »Bohne, Bohne, ich schneide dich,« als die Bohne gar rührend zu bitten anfieng: »Lieber Knabe, schneid mich nicht, ich will thun, was du verlangst.« Das ließ sich der Knabe nicht zweimal sagen und wünschte sich ein Tischtuch, das die besten Speisen hervorbringe. Und kaum gesagt, so war es auch gethan. Ein Tisch stund vor ihm, darüber gebreitet ein Tischtuch und darauf die besten Speisen: Schinken, gedörrtes Fleisch, Rahm, Reis, Kastanien, vor Allem aber in geschliffenen Flaschen der rothe Veltliner.
Zufrieden, wie ein König, kam der Jüngling an den verabredeten Ort, wo die andern Brüder schon seiner harrten. Diese hatten sich in der Fremde ein schönes Stück Geld verdient und frugen nun den Jüngsten, was er nach Hause bringe. Dieser zeigte seine Bohne, worüber die Brüder ein unmäßiges Gelächter anhuben. Da sprach aber der Jüngling: »Tischlein, decke dich,« und das Tischlein deckte sich, daß es sich unter der Last der Speisen und Getränke bog. Das Experiment gefiel den Brüdern gar wohl, und sie aßen und tranken weidlich, meinten aber, daß man mit Essen und Trinken allein nicht leben könne. Da sagte der Bursche zu seiner Bohne: »Bohne, Bohne, ich schneide dich.« Die Bohne aber bat wieder gar rührend und versprach zu thun, was er verlange. Und der Knabe wünschte sich einen Esel, der Gold von sich gebe. Und was er gewünscht, das war im Nu geschehen. Das erregte der Brüder Neid; sie wollten auch ihr Glück bei der Bohne versuchen und sagten das Sprüchlein her; aber es half ihnen nichts, die Bohne blieb stumm. Da schlossen sie mit dem jüngsten Bruder Frieden und giengen mit Tischtuch und Esel zusammen nach Hause zu den armen, alten Eltern und wurden reiche Leute.

(In Dardin bei Brigels erzählt)
[Rätoromanien: Dietrich Jecklin: Volksthümliches aus Graubünden]
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