Ein Ehepaar hatte eine Tochter, die ihre ganze Freude war. Sie bewohnten ein Häuschen unten im Tale und galten als reiche Leute. Nach einigen Jahren erkrankte die Frau und fühlte, daß sie sterben werde. Da bat sie ihren Mann, er möchte, wenn sie gestorben sei, keine andere heiraten oder sie hätte so schönes Lychhaar wie sie. Der Mann gelobte es, und als seine Gattin gestorben war, trauerte er lange um sie. Unterdessen war seine Tochter zur blühenden Jungfrau herangewachsen.

Nach einigen Jahren kam den Vater die Lust an, wieder zu heiraten, und er hielt Brautschau ringsum im Lande, fand aber keine mit so feinen goldenen Haaren, wie sie seine Frau besessen, und doch gab es eine ganz in seiner Nähe, und das war seine eigene Tochter. Er hatte sie lieb und fand, sie sei ganz die Mutter, wie er sie vor zwanzig Jahren gefreit, so daß er beschloß, sie zu heiraten. Eines Tages eröffnete er der Tochter sein Vorhaben, aber sie lachte ihn nur tüchtig aus. Als sie aber sah, daß es sein größter Ernst sei, da wurde sie traurig und ging fort. Sie liebte den Vater schon, aber nur als Vater und nicht als Bräutigam.

Nach einigen Tagen kam sie wieder zum Vorschein, da sie glaubte, der Vater hätte sein sonderbares Vorhaben aufgegeben, aber er bestürmte sie nur noch mehr, und nun nahm sie zu allerlei Ausreden Zuflucht. Eines Morgens sagte sie, sie wolle seine Gattin werden, wenn er ihr drei Kleider kaufe; das eine müsse glänzen wie die Sonne, das andere wie der Vollmond und das dritte wie die Sterne am Firmament. Der Vater war hoch erfreut über ihren Entschluß, reiste sofort ab und hatte keine Ruhe, bis er die drei Kleider gefunden. Als er sie nach Hause brachte und vor seiner Tochter ausbreitete, da glänzte das eine wie die Mittagssonne, das andere war fahl und blaß wie Vollmondschein, und das dritte funkelte wie die Sterne über den Bergen. Die Tochter konnte ihre Augen nicht abwenden von den schönen Kleidern, erschrak aber, als der Vater sie abermals fragte, ob sie ihn jetzt heiraten wolle. Da sagte sie: "Jetzt noch nicht, aber wenn du mir noch einen Wagen kaufst, der von selber fährt, dann will ich deine Frau werden!" Sie dachte, einen solchen Wagen gebe es auf der ganzen Welt nirgends.

Er ging wieder auf Reisen und brachte einen Wagen zurück, der keine Pferde brauchte und von selbst fuhr. Jetzt durfte die Hochzeit nicht mehr länger hinausgeschoben werden. Sie fügte sich scheinbar in das Unvermeidliche, machte sich aber einen eigenen Plan zurecht, bestieg in der Nacht den fremden Wagen, fuhr die ganze Nacht durch und den nächsten Tag auch noch, bis am Abend eine große Stadt sich vor ihren Augen ausdehnte.

Vor dem Tore stand ein Bettelmädchen in schlechten Kleidern. Sie stieg aus, ging mit dem Mädchen nach Hause, tauschte mit ihm die Kleider, damit sie niemand kenne in der Stadt, und übergab ihm den Wagen zur Obhut. Dann wanderte sie durch das Tor in die Stadt und suchte sich eine Stelle. Sie ging nicht lange, so stand sie vor einem prächtigen Hause. Als sie staunend zu den Fenstern hinaufschaute, fragte sie ein Herr, was sie suche. Sie sagte, eine Stelle, und wenn es auch eine schlechte sei und sie wenig dabei verdiene. Nun, sie solle hier nur eintreten, solche Leute könne man in diesem Haus schon brauchen.

So kam sie in das schöne Haus und mußte in der Küche neben dem Drachen oder dem Herde stehen und die niedrigsten Dienste verrichten, weshalb sie nur der Drächengrudel genannt wurde. Das große Haus, in dem sie diente, aber war der Königspalast, der von dem Kronprinzen und seiner Mutter bewohnt wurde.

Als die Woche um war, fragte sie ihre Herrschaft am Sonntagmorgen, ob sie nicht in die Messe gehen dürfte. Diese betrachteten das schmutzige Mädchen von oben bis unten und sagten, wenn sie versprechen wolle, sich in den hintersten Winkel zu setzen, wo sie niemand sehe, so könne sie gehen. Sie gelobte es, eilte in ihre Kammer und zog die schönen Kleider hervor, die ihr der Vater geschenkt und die sie mit auf die Reise genommen. Sie legte die Küchenkleider ab, warf das Sonnenkleid über und ging durch ein Hintertürchen fort zur Messe.

Nach dem Hochamt kam der Prinz ganz verwirrt nach Hause und sagte zu seiner Mutter: "Ich habe in der Kirche eine Jungfrau gesehen, so schön wie die Sonne selbst, die möchte ich zur Frau!"

Die Mutter erwiderte: "Wenn sie so schön ist, wie du sagst, so habe ich nichts gegen deine Wahl einzuwenden. Bring sie das nächste Mal her, damit ich sie kennenlerne!" Der Drächengrudel aber war längst in der Küche und sah wieder so schmutzig aus wie vorher.

Am nächsten Sonntag fragte sie wieder, ob sie zur Messe gehen dürfe. Wenn sie sich halte wie am ersten Sonntag und gut verberge, hieß es, so dürfe sie gehen. Da stieg sie hinauf in ihr Kämmerlein, zog das Mondkleid an und wanderte zur Kirche. Als das Hochamt vorüber war, stellte sich der Prinz vor das Portal, um die schöne Jungfrau zu erwarten. Als sie zur Türe hinaustrat, ging er auf sie zu. Sie aber wich zur Seite, doch konnte er ihr schnell noch ein Ringlein an den Finger stecken. Sie eilte wie das erste Mal auf weiten Umwegen ins Schloß zurück, huschte durch ein Nebenpförtchen hinein, bei dem sie niemand bemerken konnte, und stieg die Treppen hinauf in ihr Stüblein, wo sie das schöne Kleid auszog und wieder in die Lumpen schlüpfte.

Am dritten Sonntag hatte sie wieder die Erlaubnis erhalten, zur Messe zu gehen. Für diesen dritten Kirchgang wählte sie das Sternkleid aus, das sie noch nie getragen und sie am herrlichsten schmückte. Nach der Messe war der Prinz wieder zur Stelle. Doch sie wich ihm schnell aus, und als er ihr nachfolgte, sprang sie davon. Er lief ihr nach, doch er erreichte die Fliehende nicht, die davonschoß wie eine Gemse. Im Fliehen aber flog ihr ein Schuh von den Füßen, den der Prinz aufhob und in die Tasche steckte.

Als der Prinz zu Hause war, den Schuh der Mutter vorwies und ihr erzählte, wie es ihm ergangen sei, da war der Drächengrudel schon in der Küche in seinen alten verfleckten Kleidern und hantierte mit Pfannen und Tellern. Der Prinz war sehr aufgeregt und sagte zur Mutter: "Sie ist mir leider entwischt, aber hier habe ich den Schuh von ihrem Fuß, und nur die werde ich heiraten, der dieser Schuh gehört!"

Da erwiderte die Mutter: "Ich will dir helfen, mein Sohn. Wir laden auf morgen alle vornehmen Töchter des Landes zu einem großen Mahl ein, lassen den Schuh von jeder anprobieren, und welcher er paßt, nun, die soll deine Frau werden!" Der Prinz war damit einverstanden. Die Boten wurden im Lande herumgeschickt, auf alle Schlösser und Burgen mit dem Auftrag, zum Hoffeste einzuladen. Am nächsten Tag erschienen die vornehmen Töchter alle am Hofe, jede im schönsten Kleid, denn jede dachte, der Prinz werde sich vielleicht heute schon eine Frau auswählen. Die einen hatten sich schneeweiß gekleidet wie Schlehdorn, andere rot wie Heckenrosen und andere wieder grün, in allen Farben.

Als sie alle im Saale Platz genommen, wurde der Schuh hereingebracht und ihnen mitgeteilt, daß der Prinz diejenige zur Frau begehren werde, deren Fuß in diesen Schuh hineinpasse. Jede wollte zuerst hineinschlüpfen, aber den meisten war er zu klein, und doch waren mehrere da, deren Füße hineinpaßten, obwohl es dem Prinzen schien, daß die, welche er dreimal in der Kirche gesehen, nicht dabei und also keine die Richtige sei.

Der Drächengrudel war in der Küche und half das Essen bereiten. Die herrlichsten Gerichte wurden vom Koch zubereitet und zuletzt auch Küchlein. Da fragte der Grudel den Koch, ob er nicht auch ein Küchlein backen dürfte. Der Koch machte ein langes Gesicht und schnauzte ihn an. "Nun, wenn es nicht gerät, so werde ich es selbst essen", sagte der Grudel und bat so lange, bis der Koch sagte: "Meinetwegen, es ist besser, du fressest dein eigenes Backwerk als meine feinen Gerichte!"

Da machte sich der Grudel an die Arbeit, und als das Küchlein gebacken war, duftete es nicht nur sehr fein und war das bestgeratene, sondern auch das schönste von allen, und der Koch fand selbst, man dürfe es obendrauf auf die Platte legen und mit den andern hineintragen in den Speisesaal. Der Grudel aber hatte das Ringlein des Prinzen vom Finger gezogen und in das Küchlein hineingesteckt. Die Platte wurde aufgetragen und das schöne Küchlein, das zuoberst lag, dem Prinzen, der heute nicht lustig sein mochte, vorgelegt. Er schnitt es entzwei, und da fiel das Ringlein heraus. Die Traurigkeit war wie auf einen Schlag weggewischt, und seine Augen leuchteten. Er ließ den Koch kommen und fragte ihn, wer das oberste Küchlein gebacken habe. Der Koch erschrak und dachte, es sei etwas nicht in Ordnung.

Der Prinz sagte: "Wenn es der Drächengrudel ist, so sage ihm, er solle die schönen Kleider anziehen, die er sonntags in der Kirche getragen hat!"

Der Koch eilte in die Küche zurück und sagte zum Grudel: "Du sollst hinaufgehen und die Sonntagskleider anziehen und vor dem Prinzen und der ganzen vornehmen Gesellschaft im Speisesaal erscheinen."

Der Grudel hüpfte in sein Zimmer hinauf, wusch und kämmte sich, ließ wie jeweilen am Sonntag die Haare über die Schultern niederfallen und zog alle drei Kleider an, das Sonnenkleid zuerst, dann das Mondkleid und zuoberst das Kleid des Firmamentes. Sie besaß aber nur einen Schuh, der zu den Kleidern paßte, da der andere unten im Saal war, aber das machte nichts. Sie trat in den Saal, schlüpfte vor der ganzen Tafelrunde schnell in den Schuh, der noch am Boden lag und ihr saß wie angegossen, und nun richteten sich aller Augen auf sie. Der Prinz stürzte zu ihr hin, führte sie neben seinen Platz an den Tisch, den er leer gelassen, und hieß sie vor allen Anwesenden seine Braut.

Quelle:
(Kinder- und Hausmärchen aus der Schweiz)
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