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Es war einmal ein König, der hatte vier Söhne. Er hatte einen silbernen Baum, und auf dem Baume wuchsen goldene Äpfel. In der Nacht aber kam ein Goldvogel in den Garten und stahl von den Äpfeln. Da ging der älteste Sohn hin und hielt Wache. Er wachte die ganze Nacht, aber er sah nichts. Dann ging der zweite Bruder als Wache, der sah auch nichts. Nun kam der allerjüngste Sohn zu seinem Vater und sprach: »Vater, laß mich einmal wachen!« Der Vater wollte ihn nicht gehen lassen, weil er noch so jung war, aber schließlich ließ er es zu. Der Knabe nahm ein Messer und eine Kanne voll Wasser. Mit dem Messer schnitt er sich einen Stock vom Baume und mit dem Wasser wusch er sich das Gesicht, um nicht einzuschlafen. Dann wachte er die Nacht auf dem Baume. Da kam der Vogel geflogen, und der Knabe sprang vom Baum herunter und haschte nach ihm, um ihn zu fangen, aber er hatte nur eine Feder erwischt. Die strahlte wie lauter Feuer. Früh am Morgen ging er nach Hause, und der Vater fragte ihn: »Nun, was hast du gesehen?« Und der Königssohn sprach: »Es flog ein Goldvogel in den Garten, aber als ich nach ihm griff, behielt ich nur eine Feder in der Hand.«
Da schickte der Vater den ältesten Sohn aus, den Vogel zu suchen. Er gab ihm ein gutes Pferd und dreihundert Taler mit auf den Weg. Der ritt drei Tage lang, und als es Abend wurde, kam er an einen großen Wald, wo er nicht hindurchkonnte, und er kehrte wieder um. Danach zog der zweite Sohn aus und nach ihm der dritte, um den Wundervogel zu fangen. Der Vater gab jedem sechshundert Taler in den Beutel und sein allerbestes Pferd. Aber beiden erging es wie dem ältesten.
Da bat der Jüngste wieder: »Vater, laß mich ausziehen und den Vogel suchen! Ich nehme die Feder als Kennzeichen mit.« Der Vater gab ihm ein Pferd und soviel Geld für die Reise, wie ein Pferd zu tragen vermochte. Und der Knabe ritt so lange, bis der Weg zu Ende war. Da kam er erst an einen großen Wald und dann vor eine große steinerne Mauer. Er ritt durch den Wald, ritt zwischen Tigern und Bären hin und kam auf eine breite Landstraße, wo drei Wegweiser standen. Auf dem ersten stand geschrieben:
»Gehst du den Weg, wirst du und dein Pferd gefressen.«
Auf dem zweiten stand:
»Du wirst gefressen, das Pferd bleibt am Leben.«
Und auf dem dritten war zu lesen:
»Das Pferd wird unter dir gefressen, du bleibst am Leben.«
Da überlegte der Knabe drei Tage lang, wohinaus er gehen sollte, und er ging schließlich den Weg, wo geschrieben stand: »Das Pferd wird gefressen, du bleibst am Leben.« Kaum hatte er den Weg betreten, als ein Löwe auf ihn lossprang, und sein Pferd zerfiel unter ihm in zwei Hälften. Da weinte der Knabe drei Tage lang. Aber der Löwe kam und sprach: »Setz dich auf meinen Rücken.« Er tat, wie ihm geheißen wurde, und der Löwe sprang mit ihm drei Werst auf einmal. Als er ihn drei Tage getragen hatte, fragte er den Knaben: »Wohin willst du denn eigentlich?« Da sagte der Knabe: »Zu dem Goldvogel.« Da lief er wieder drei Tage mit dem Jungen auf dem Rücken.
Sie kamen an einen hohen Hügel, der maß sieben Klafter, und der Löwe sprang mit dem Jungen den Hügel hinauf. Dort war ein Zaun von großen Apfelbäumen, und an dem Zaun hing ein prächtiger goldener Käfig, darin saß der Vogel. »Nimm den Vogel«, sprach der Löwe, »aber den Käfig nimm nicht!« Der Knabe sah auf, gewahrte den schönen Vogel und den noch schöneren Käfig und nahm den Vogel mit dem Käfig. Da kamen sie mit Stangen und Piken und fingen den Knaben. Sie ließen ihn nicht eher fort, als bis er versprach, ihnen aus dem andern Königreich ein flachsmähniges Roß zu bringen. Da lief er zu dem Löwen und sprach: »Sie haben mich gepackt und mir befohlen, aus dem andern Königreich ein flachsmähniges Roß zu bringen.« Da schalt ihn der Löwe tüchtig und sprach: »Den Vogel solltest du nehmen, aber nicht den Käfig.«
Dann setzte sich der Knabe wieder auf den Rücken des Löwen, und sie liefen in das andere Königreich und gingen dort in die königlichen Ställe, wo ein flachsmähniges Roß stand. Da sprach der Löwe: »Das Pferd nimm, aber den Zaum nimm nicht!« Er ging auf das Pferd zu. Das Pferd war schön, doch der Zaum noch schöner, er konnte das Pferd nicht ohne den Zaum wegführen. Er warf ihm das Zaumzeug über den Kopf, aber es fing an zu klirren, so daß sie ihn ergriffen. Dann sagten sie zu ihm: »Wir geben dir nur dann das Pferd, wenn du hingehst und uns aus dem dritten Königreich die allerschönste Jungfrau bringst, die schöne Marina.«
Nun, da machten sie sich nach dem dritten Königreich auf, und sie kamen unter des Königs Fenster. Dort war ein großer Garten. Der Löwe ging hinein, versteckte sich unter einem Apfelbaum und wartete auf die Jungfrau. Als sie in den Garten kam, nahm er sie auf den Rücken und lief davon, und der Knabe setzte sich hinter das Mädchen. Da jagten ihnen drei Wächter nach. Der Löwe legte das Ohr an den Boden, um zu hören, ob sie verfolgt würden, und er hörte, daß sie ihnen nachjagten, denn der Boden zitterte. Er ließ den Knaben und das Mädchen in den Wald laufen und zerriß alle drei Wächter. Dann nahm er beide wieder auf den Rücken, und sie liefen dahin, wo der Knabe die Jungfrau hinbringen sollte. Da verwandelte sich der Löwe selbst in ein Mädchen und sprach zu dem Knaben: »Wenn drei Tage vergangen sind, so rufe mich!« Nach drei Tagen rief ihn der Knabe, und er war wieder bei ihnen. Dann liefen sie dorthin, wo sie das flachsmähnige Roß haben wollten. Der Löwe machte sich selbst zum Rosse und sprach: »Wenn du fünf Tage mit dem Rosse gewartet hast, so rufe mich!« Da riefen sie lange, aber der Löwe kam nicht.
Doch zuletzt bekam der Knabe alles! Das Mädchen bekam er, das flachsmähnige Roß mit dem Zaum und den Goldvogel in dem Käfig. Sie machten sich auf den Heimweg und gelangten zu dem Platze, wo der Löwe das Pferd gefressen hatte. Da war der Löwe wieder bei ihnen, und der Knabe dankte dem Löwen, daß er ihm so viel Gutes getan hatte. Dann zog er mit seiner jungen Braut weiter, und sie ritten auf dem flachsmähnigen Rosse der Heimat zu. Am Wege aber stand ein Eichbaum, so schön, wie noch niemand einen gesehen hatte. Und der Knabe und das Mädchen waren so müde, daß sie sich nicht mehr auf dem Pferde halten konnten. Sie stiegen ab, banden das Pferd an den Baum und legten sich unter die Eiche, um zu schlafen. Den Goldvogel hängten sie mit dem Käfig in den Baum an einen Ast. Da kam der älteste Bruder des Weges daher. Er sah, wie der jüngste mit seiner Braut schlief, sah an dem Baumstamm das flachsmähnige Roß angebunden und den Goldvogel in dem goldenen Käfig an dem Aste schaukeln. Da ärgerte er sich, daß sein jüngster Bruder alles bekommen hatte. Er fiel über ihn her und tötete ihn. Dann nahm er den Vogel, das Mädchen und das flachsmähnige Roß und ging nach Hause.
Aber der Löwe wurde gewahr, daß jener Mann den Knaben getötet hatte, der mit ihm gegangen war, lief unter die Eiche und deckte seinen Leichnam mit Blättern zu. Es kamen aber ein Schwan und ein Rabe herbeigeflogen, die begannen an dem Knaben zu picken. Da sprang der Löwe aus dem Versteck, packte die Vögel und sprach zu ihnen: »Wenn ihr Wasser des Lebens und Wasser des Todes bringt, lasse ich euch fliegen.« Und die Vögel brachten ihm Wasser vom Lebensquell. Da las er alle Stücke zusammen, die abgehauen waren, und bestrich sie mit dem Wasser des Todes, da wurde der Körper wieder ganz, und die Wunden schlossen sich. Dann benetzte er mit Lebenswasser seine Lippen, und der Knabe wurde wieder lebendig. Er stand auf und sprach: »Huhu, huhu, wie lange hab' ich geschlafen!« Der Löwe antwortete ihm: »Du hättest bis in alle Ewigkeit geschlafen, wenn ich nicht gewesen wäre.« Dann hieß er ihn flink heimgehen, wo sie alles zur Hochzeit bereiteten, denn der älteste Bruder wollte seine Braut freien.
Da bat der Knabe den Löwen, ihn so schnell wie möglich nach Hause zu bringen. Er kam heim zu seinem Vater, und der Löwe ging mit ihm und sprach: »Wenn Ihr die Hochzeit nicht verhindert, zerreiße ich alle Hochzeitsgäste in Stücke.« Da wurde die Hochzeit abgesagt. Und der Knabe erzählte alles, wie es sich zugetragen hatte, daß er mit Hilfe des Löwen alles bekommen hatte, wie er sich mit seiner Braut unter die Eiche gelegt, um zu schlafen, und der Bruder gekommen war, ihn getötet und beraubt hatte. Da gab der Vater Befehl, den ältesten Bruder an den Schweif des flachsmähnigen Rosses zu binden, und ließ den jüngsten damit in den Wald jagen. Dort aber schleifte dieser den Betrüger so lange, bis kein Glied mehr am andern war.


[Finnland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen]
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