Es waren einmal ein König und eine Königin in ihrem Reiche. Sie hatten zwölf Söhne, deren Namen aber nicht bekannt sind.
Nicht weit vom Königsschlosse lebte ein alter Mann mit seinem alten Weibe in einer schlechten Hütte; derselbe hatte einen Sohn, der Thorstein hieß.
Alle diese jungen Leute waren bereits erwachsen, als diese Geschichte sich ereignete.
Eines Tages, als schönes Wetter war, ritten alle Söhne des Königs in den Wald hinaus, um Wild und Vögel zu schießen. Gegen Mittag entstand aber eines der allerschlimmsten Unwetter, die es geben kann. Die Brüder waren von ihren Pferden abgestiegen und tief in den Wald hinein gekommen; als sie jetzt zu denselben zurückkehren wollten, hatten sie den Weg verloren und verirrten sich immer mehr, je länger sie gingen. Sie kamen endlich zu einer Höhle in hohen Felsen und sahen darin eine große Riesin, die schwarz und von boshaftem Aussehen war, sowie elf jüngere Riesinnen und ein zwölftes junges Weib, das ihnen von menschlicher Art zu sein schien.
Die alte Riesin nahm die Königssöhne freundlich auf und lud sie ein, hier zu bleiben; dieselben waren darüber sehr froh; denn das Wetter war schlecht, sie selbst aber ermüdet, hungrig und schläfrig. Die Riesen setzte ihnen Speise vor und sie aßen nach Herzenslust. Als sie gegessen hatten und alle Riesinnen draußen waren, sagte das menschliche Mädchen zu ihnen, daß sie, wie sie sähen, in die Hände von Riesen gekommen wären; sie seien nicht die ersten, welche die Riesin hieher gezaubert und erschlagen habe. Sie sagte ihnen auch, daß die alte Riesin elf von ihnen bei je einer ihrer Töchter einen aber bei ihr werde schlafen lassen, sie selbst aber zu innerst der Höhle schlafe. Sowie sie aber glaube, daß sie alle eingeschlafen seien, stehe die Riesin auf, suche ein Licht, nehme ein großes Messer zu sich und schneide ihnen allen vorne an dem Bettrande den Kopf ab. Sie sollten daher die Vorsicht gebrauchen und den Riesenmädchen, sowie sie eingeschlafen seien, die Haare abschneiden, sich im Bette an deren Platz legen und die Hauben derselben aufsetzen; die Riesin werde diese Verwechslung in den Betten nicht bemerken und statt ihrer die eigenen Töchter tödten. Bevor sie aber zu dem letzten Bette gehe, müßten sie alle rasch aufspringen und sie erschlagen. Von sich selbst erzählte das Mädchen, daß die Riesin es aus einem anderen Königreiche entführt habe, um sie und ihre Töchter zu bedienen, und daß sie eine Königstochter sei.
Die Riesinnen kamen nun wieder in die Höhle hinein und die Alte forderte die Königssöhne auf, zu Bette zu gehen; allein es verhalte sich mit den Betten bei ihr so, daß elf von ihnen bei je einer ihrer Töchter, der zwölfte aber bei ihr selbst schlafen müsse.
Die Königssöhne zeigten sich damit zufrieden und legten sich nieder. Hierauf gingen auch die Riesinnen sowie das menschliche Mädchen, deren Gedanken bei den Königssöhnen weilte, zu Bette. Die Riesinnen schliefen bald ein und nun gingen die Königssöhne an ihre Arbeit; sie schnitten den Mädchen die Haare ab, setzten deren Hauben auf und legten sich auf die andere Seite; sodann warteten sie, was da kommen werde, und schliefen nicht ein.
Es dauerte nicht lange, so erhob sich die alte Riesin und holte ein Licht; mit diesem in der einen und einem großen Messer in der anderen Hand ging sie nun auf die Betten zu. Sie stellte das Licht auf den Boden der Höhle, trat mit geschwungenem Schwerte an das erste Bett, zog das Riesenmädchen über den Bettrand hervor und schnitt ihm den Kopf ab, so daß derselbe auf den Boden der Höhle fiel.
Auf dieselbe Weise tödtete die Riesin alle ihre anderen Töchter; denn sie lagen sämmtlich beim Rande des Bettes.
Nun war die Riesin im Begriffe zum letzten Bette zu gehen. Da sprangen die Königssöhne gleichzeitig auf die Füße, fielen über die Riesin her und warfen sie zu Boden. Diese sah nun, daß sie von den Königssöhnen schändlich betrogen worden war und statt derselben alle ihre Töchter getödtet hatte; sie vermuthete auch sogleich, daß dieser Plan von dem menschlichen Mädchen und den Königssöhnen gemeinschaftlich ausgeheckt wurde.
Als sie sah, daß sie sich dieser Uebermacht nicht erwehren konnte, legte sie den Zauber auf die Brüder, daß sie zu Rindern werden, als solche täglich in die Halle ihres Vaters kommen und nur einmal innerhalb vierundzwanzig Stunden, während sie speisten, ihre natürliche Gestalt wieder erhalten sollten; dies sollte aber auf einer Insel in einem großen See geschehen, der weit von allen Menschenwegen abliege; und aus dieser Verzauberung sollten sie nicht früher befreit werden, bevor sich nicht ein Mann fände, der ihnen dieselbe Speise in der Halle des Königs vorsetze, welche sie selbst draußen auf der Insel zu speisen pflegten.
Ueber das Mädchen aber verhängte die Riesin den Zauber, daß sie von nun an nicht weit von dem See aus einem Brunnen in einen anderen Wasser schöpfen und auf nichts Anderes Aufmerksamkeit haben sollte. Von dieser Verzauberung sollte sie nicht früher erlöst werden, bevor sich nicht Jemand heimlich so hinter ihren Rücken schleichen könne, daß sie früher nichts merke, als bis derselbe sie zu Boden werfe.
Aus beiden Verzauberungen, meinte die Riesin, werde es schwer sein, erlöst zu werden.
Hierauf tödteten die Königssöhne die Riesin und verbrannten sie zu kalter Kohle; sie selbst aber verschwanden in Folge ihrer Verzauberung und das Mädchen mit ihnen.
Wir müssen jetzt wieder zurück in das Königsschloß.
Als die Königssöhne weder des Abends noch in der Nacht von der Jagd zurückkamen, wurde der König über ihr Ausbleiben unruhig. Er sammelte daher am nächsten Tage eine große Menge von Leuten und schickte dieselben aus, um seine Söhne aufzusuchen; aber alles Suchen blieb erfolglos und man gab daher dasselbe auf, obwohl der König nicht damit zufrieden war.
Bald fiel es aber den Leuten auf, daß täglich zwölf Rinder in die königliche Halle kamen und dort herumgingen. Sie fielen keinen Menschen an und Niemand kümmerte sich um sie. Der König wurde über diesen regelmäßigen Besuch der Rinder etwas beunruhigt, und ließ denselben verschiedene Arten von Futter geben; allein sie wollten nichts davon fressen und gingen immer nach einem kurzen Aufenthalte wieder davon.
Thorstein, der Häuslerssohn hörte ebenfalls, wie die übrigen Leute, von dem Verschwinden der Königssöhne, sowie von dem Besuche der zwölf Rinder in der königlichen Halle, und wollte gerne diesen merkwürdigen Begebenheiten näher auf den Grund kommen. Er bat daher seine Eltern, daß sie ihm erlauben möchten bei dem Könige Winteraufenthalt zu nehmen; denn das Leben in der Hütte sei ihm zu langweilig, meinte er. Die Eltern gaben ihre Einwilligung und so ging denn Thorstein in die königliche Halle, trat vor den König hin und bat ihn, daß er sich den Winter über bei ihm aufhalten dürfe.
Der König fragte ihn, warum er dies wolle.
Thorstein entgegnete, daß er großes Verlangen habe, Mannessitten zu sehen und sich solche selbst anzueignen; denn das Leben in der schlechten Hütte sei ihm zu langweilig.
Der König gewährte ihm den Winteraufenthalt und er blieb nun im Königsschloß.
Thorstein sprach oft mit dem Könige über das Verschwinden seiner Söhne und was wohl aus ihnen geworden sei; er kam dann auch oft auf die zwölf Rinder zu sprechen, die täglich in das Schloß kamen, und fragte den König, was für eine Bewandtniß es mit diesen Thieren habe.
Der König sagte, er wisse es nicht; es komme ihm jedoch sonderbar vor, daß dieselben Tag für Tag dort erscheinen, und er würde demjenigen seine besondere Gunst schenken, der erforschen könne, woher sie kämen.
Thorstein nahm sich vor, der Sache mit den Rindern genauer auf die Spur zu kommen und folgte ihnen daher eines Tages, als sie sich wieder aus der Halle entfernten. Allein sie liefen so schnell, daß er ihnen nur mit der äußersten Anstrengung seiner Kräfte so weit folgen konnte, um sie nicht aus den Augen zu verlieren. Endlich kamen die Rinder zu einem See und sie stürzten sich sogleich alle hinein bis auf das hinterste, welches ein wenig auf dem Lande verweilte, gerade so, als ob es auf Thorstein warten wollte, während die übrigen nach der Insel im See schwammen.
Als Thorstein zum See kam, gab das Rind ihm zu verstehen, daß er sich auf seinen Rücken setzen solle, und dies that er auch. Das Rind schwamm nun mit ihm nach der Insel und sprengte dann voraus zu einer Hütte, welche sich dort befand.
Als Thorstein zur Hütte kam, sah er vor derselben zwölf Rindsgewänder liegen, drinnen aber zwölf Männer beim Mahle sitzen. Er dachte sich sogleich, daß dies die Königssöhne seien und daß dieselben verzaubert wären. Er ging hierauf in die Hütte, doch sprach weder er die Männer an, noch redeten diese zu ihm oder auch nur untereinander. Dieselben gaben ihm von ihrem Essen Brot und Wein; er nahm Beides an, genoß es aber nicht, sondern verbarg es.
Als die Königssöhne gegessen hatten, verließen sie wieder die Hütte und fuhren in die Rindsgewänder. Hierauf sprangen sie in den See und schwammen davon; ein Rind jedoch blieb wieder zurück, Thorstein bestieg den Rücken desselben und kam auf diese Weise über den See. Als er sich wieder auf dem Lande befand, sprengten die Rinder so schnell davon, daß er sie alsbald ganz aus den Augen verlor.
Er ging nun eine Weile dahin, bis er ein Weib antraf, welches eifrig damit beschäftigt war, Wasser aus einem Brunnen in einen anderen zu schöpfen, ein Beginnen, welches ihm ganz lächerlich und thöricht erschien. Dasselbe bemerkte Thorstein nicht früher, als bis er es rücklings zu Boden warf. Da war es, als ob das Weib von einer Ohnmacht befallen worden wäre; denn es regte kein Glied. Thorstein nahm daher Wasser aus dem anderen Brunnen und bespritzte damit das Gesicht der Bewußtlosen. Dieselbe erholte sich hierauf sogleich und dankte nun Thorstein mit den schönsten Worten für ihre Befreiung aus dem Zauber, der auf sie gelegt war, und erzählte ihm, wie sich Alles zugetragen und was für eine Bewandtniß es mit den Rindern habe, daß dieselben nicht früher aus ihrer Verzauberung erlöst werden könnten, bevor sie nicht bei den Menschen dieselbe Speise vorgesetzt erhielten, die sie selbst auf der Insel zu genießen pflegten, wenn sie das Rindsgewand verlassen hätten.
Thorstein begab sich hierauf nach Hause und nahm auch das Mädchen dahin mit; er übergab dasselbe seinen Eltern und bat sie, es eine Zeit lang in der Hütte zu beherbergen und auf das Beste zu behandeln.
Hierauf begab sich Thorstein in die Königshalle und erzählte nicht viel von seinen Erlebnissen. Als aber am nächsten Tage die Rinder wieder erschienen, setzte er denselben das Brot und den Wein vor, welche er am Tage vorher in der Hütte erhalten hatte, und sie aßen alle von Beidem. Sowie sie aber davon gegessen hatten, legten sie sich nieder und es fiel das Rindsgewand von ihnen ab.
Thorstein ließ rasch den König herbeirufen und bat ihn nachzusehen, ob er diese Männer nicht kenne, die da am Boden liegen.
Der König erkannte sogleich seine Söhne. Sie wurden mit Wasser bespritzt und kamen alsbald zu vollem Bewußtsein. Da gab es nun ein überaus freudiges Wiedersehen zwischen dem König und seinen Söhnen.
Thorstein holte sodann die Königstochter herbei, welche er in der Hütte seiner Eltern gelassen hatte, und sie und die Königssöhne erzählten nun von allen ihren Erlebnissen und wie Thorstein sie alle aus ihrer Verzauberung erlöst hatte.
Der König veranstaltete hierauf ein großes Festgelage, um die Ankunft seiner Söhne und der Königstochter zu feiern. Bei diesem Mahle hielt Thorstein um die Hand der Königstochter an und diese gab sie ihm mit Freuden. Da machte der König aus dem Freudenmahle das Hochzeitsfest für Thorstein und die Königstochter und lud dieselben ein, so lange bei ihm zu bleiben, als sie wollten, da er ja ihm das Leben und die Befreiung seiner Söhne zu verdanken und zu belohnen habe.
Die Königssöhne aber ließen bekannt machen, daß sie alle ihre Rechte, welche sie nach dem Tode ihres Vaters auf das Reich hätten, an Thorstein abtreten wollen, um ihm und der Königstochter auf diese Weise den Dank für ihre Lebensrettung und Befreiung abzustatten. Damit war auch der König einverstanden, und so übernahm denn Thorstein das Reich nach dem Tode des Königs und herrschte über dasselbe mit seiner Königin. Später aber ist nur mehr wenig von ihnen erzählt worden.

[Island: Jos. Cal. Poestion: Isländische Märchen]
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