Es war einmal ein Knabe, der Böcke hütete. Wie er im Walde herumirrte, kam er zur Stube des Riesen; als der Riese, der darin wohnte, Lärm und Geschrei in seiner Nachbarschaft hörte, kam er heraus, um zu sehen, was es gebe. Da nun der Riese, groß von Gestalt und grimmig von Aussehen war, ward dem Knaben bange, und er begab sich hinweg, so schnell er vermochte.
Abends, als der Hirtenknabe seine Böcke von der Weide trieb, war seine Mutter beschäftigt, Milch gerinnen zu lassen. Der Knabe nahm ein Stück vom frischen Käse, rollte ihn in die heiße Asche, und verbarg ihn sodann in seinem ledernen Quersack. Den folgenden Morgen ging er auf die Weide, wie es seine Gewohnheit war, und kam wieder zur Stube des Riesen. Als nun der Riese den Lärm des Hirtenknaben und seiner Böcke vernahm, ward er zornig, ging hinaus und ergriff einen großen grauen Felsstein, und zerdrückte ihn in der Hand, so daß weithin die Steinfliesen flogen. Der Riese sprach: »Wenn du nochmals hieher kommst, und dein Unwesen treibst, will ich dich so klein zermalmen, wie ich jetzt diesen Stein zerdrückte.« Der Knabe ließ sich jedoch nicht erschrecken, sondern stellte sich, als ergreife er einen Stein, aber er nahm statt dessen den Käse, den er in die heiße Asche gerollt hatte, und zerdrückte ihn, so daß die Molke zwischen seinen Fingern floß, und auf den Boden niedertropfte. Der Knabe sprach: »Wenn du dich nicht entfernst und mich in Frieden läßt, will ich dich zerdrücken, wie ich das Wasser jetzt aus diesem Steine presse.« Als nun der Riese erfuhr, daß der Hirtenknabe so stark war, fürchtete er sich und ging in die Hütte hinein. Damit schieden der Hirtenknabe und der Riese diesmal von einander.
Den dritten Tag begegneten sie sich wieder im Walde. Der Hirtenknabe fragte, ob sie von Neuem die Stärke miteinander prüfen möchten; der Riese willigte hierin ein. Der Knabe sagte: »Vater! ich denke, es ist ein guter Versuch für die Stärke, ob jeder von uns euer Beil so hoch werfen kann, daß es nicht wieder herabfällt.« Der Riese bejahte, daß es so sein sollte. Sie sollten es nun erproben, und der Riese warf zuerst. Er schwang es mit aller Kraft, so daß das Beil hoch in die Wolken fuhr; aber wie er sich auch bemühen mochte, das Beil fiel immer wieder herab. Da sagte der Knabe: »Vater! ich glaubte nicht, daß eure Stärke so gering wäre. Wartet und ihr sollt einen bessern Wurf sehen.« Der Knabe schwang es hierauf mit den Armen, gleichsam um es mit aller Kraft zu werfen; aber er ließ zu gleicher Zeit das Beil ganz schnell in den Quersack entwischen, der auf dem Rücken hing. Der Riese bemerkte nichts, sondern wartete lange, daß das Beil zu Boden fallen sollte; aber man hörte von keinem Beil. Nun dachte er bei sich, daß der Knabe sehr stark sein mochte, obschon er klein und zart gewachsen war. Hierauf schieden sie von einander, und begaben sich zu ihrem Wohnort.
Als einige Zeit verstrichen, begegneten sich der Riese und der Hirtenknabe von Neuem. Der Riese fragte, ob der Knabe, der so stark war, sich nicht in seinen Dienst begeben wolle. Der Hirtenknabe willigte hierin ein, verließ seine Böcke im Walde, und wanderte mit dem Riesen. Sie kamen solchergestalt zur Wohnung des Riesen.
Man erzählt, daß der Riese und der Hirtenknabe zum Walde gehen, und eine Eiche fällen sollten.
Als sie hingekommen, fragte der Riese, ob der Knabe halten, oder hauen wolle. »Ich will halten,« sagte der Knabe; entschuldigte sich aber zugleich, daß er den Wipfel nicht erreichte. Da faßte der Riese den Baum an, und bog ihn zur Erde; als aber der Knabe fest halten sollte, sprang die Eiche zurück, und warf ihn hoch in die Luft hinauf, so daß ihm der Riese mit genauer Noth mit den Augen folgen konnte. Der Riese stand lange und wunderte sich, wohin sein Knecht gegangen, griff hierauf nach der Axt und begann selbst zu hauen. Als nun eine Stunde verstrichen, kam der Knabe hinkend herbei, denn mit genauer Noth war er entkommen. Der Riese fragte, warum er nicht gehalten; der Knecht aber stellte sich, als wenn nichts geschehen wäre, sondern fragte zugleich, ob der Riese einen ähnlichen Sprung zu thun wagte, den er jüngst gemacht hatte. Der Riese verneinte es. Da sagte der Knabe: »Vater! wenn ihr das nicht zu thun wagt, so mögt ihr selbst sowol halten, als hauen.« Der Riese begnügte sich hiermit, und fällte allein die große Eiche.
Als der Baum nun heimgebracht werden sollte, sagte der Riese zu seinem Knechte: »Willst du am Wipfel tragen, so will ich an der Wurzel tragen.«
»Mein Vater!« antwortete der Knabe, »tragt selbst am Wipfel, ich habe Kraft genug, das große Ende zu tragen.« Der Riese willigte ein, und hob das schmale Ende der Eiche auf seine Schultern. Der Knabe aber, der hintennach war, rief, er solle den Baum besser hinvorrücken. Der Riese that, wie man ihm befahl, und trug zuletzt den ganzen Stamm im Gleichgewicht auf seinen Achseln; der Knabe aber hüpfte selbst auf den Baum hinauf, und verbarg sich unter den Zweigen, so daß der Riese ihn nicht sehen konnte. Der Riese begann nun zu wandern, und meinte, daß der Knabe am andern Ende trage. Als sie so eine Stunde gegangen waren, schien es dem Riesen eine schwere Arbeit zu sein, und stöhnte schwer. »Bist du noch nicht müde?« fragte der Riese seinen Knecht. »Nein, das bin ich nicht,« entgegnete der Knabe. »Vater ist wol auch nicht müde, von so kleiner Bürde?« Der Riese wollte nicht zu erkennen geben, daß es so war, sondern setzte seinen Weg fort. Als sie nun heimgekommen, war der Riese von der Fahrt beinahe halbtodt. Er warf den Baum auf die Erde; der Knabe aber war indessen herabgesprungen und stellte sich, als trage er am großen Ende der Eiche. »Bist du noch nicht müde?« fragte der Riese. Der Knabe erwiederte: »O! Ihr dürft nicht glauben, Vater, daß ich von so kleiner Bürde ermüde. Der Stamm schien mir nicht so schwer, als daß ich ihn nicht auch allein hätte schneiden können.«
Den andern Morgen sagte der Riese: »Wenn es tagt, werden wir uns hinausbegeben und dreschen.« »Nein,« antwortete der Knabe, »mir dünkt, es ist besser, in der Morgendämmerung zu dreschen, ehe wir das Mahl einnehmen.« Der Riese kam mit ihm darin überein, ging fort, und holte zwei große Dreschflegel, von welchen er selbst den einen nahm. Als sie nun dreschen sollten, vermochte der Knabe seinen Dreschflegel nicht zu heben, so groß und schwer war dieser. Er ergriff daher einen Stock und schlug ebenso geschwind auf den Boden, als der Riese drosch. Der Riese merkte nichts, und fuhr solchergestalt fort, bis es Tag wurde. Da sagte der Knabe: »Nun wollen wir heimgehen, und das Mahl einnehmen.« »Ja,« sagte der Riese, »mir dünkt, wir haben eine saure Arbeit zur Lockspeise für die Mahlzeit gehabt.«
Einige Zeit darnach schickte der Riese seinen Knecht, um zu pflügen. Er unterwies ihn zugleich: »Wenn der Hund kommt, sollst du die Ochsen losmachen, und sie einstellen, wohin er voraus geht.« Der Knabe versprach zu thun, wie man ihm befohlen hatte. Als aber die Ochsen abgelöst waren, kroch der Hund des Riesen unter den Grundfesten in ein Gebäude hinein, zu welchem man keine Thür fand. Der Riese hatte damit die Absicht, zu erfahren, ob sein Knecht genug stark war, das Haus allein emporzuheben, und die Ochsen in ihren Stall einzustellen. Der Knabe sann sehr lange nach, was wol jetzt zu thun sei; zuletzt fand er Rath, schlachtete die Lastthiere, und warf ihre Körper durch das Kellerloch hinein. Als er nun heimkam, fragte der Riese, ob er die Ochsen in den Stall eingeführt. »Ja,« antwortete der Knecht, »wol führte ich sie ein, obgleich ich sie umgetauscht.«
Nun begann der Riese Verdacht zu hegen, und überlegte mit dem Riesenweibe, wie sie den Knecht aus dem Wege räumen könnten. Das Weib sagte: »Es ist mein Rath, daß du deine Keule nimmst, und ihn bei Nacht todt schlägst, während er schläft.« Dem Riesen schien dies ein guter Rath zu sein, und er versprach zu thun, wie sie gesagt hatte. Der Knabe aber stand auf der Lauer, und horchte auf ihr Gespräch. Als nun der Abend kam, legte er ein Milchfaß in das Bett, und verbarg sich selbst hinter der Thüre. Um Mitternacht stand der Riese auf, ergriff seine Riesen- Keule, und schlug auf das Milchfaß, so daß ihm das Flüssige in's Gesicht spritzte. Hierauf ging er zu seiner Frau, lachte und sprach: »Ha, ha, ha, ich schlug ihn so, daß das Gehirn hoch auf an die Wand spritzte.« Da freute sich das Weib, pries die Kühnheit ihres Mannes, und meinte nun, daß sie ruhig schlafen könnten, nachdem sie sich nicht weiter vor dem verschmitzten Knecht fürchten dürften.
Aber kaum war es Tag, als der Knabe aus seinem Versteck hervorkroch, hineinging und die Riesenleute grüßte. Nun war der Riese sehr verwundert, und fragte: »Wie? Bist du noch nicht todt? Ich dachte, ich schlug dich mit meiner Keule todt.« Der Knabe antwortete: »Mich dünkte Nachts, als fühlte ich, als hätte mich ein Floh gebissen.«
Am Abend, als der Riese und sein Knecht essen sollten, hatte das Riesenweib Brei zum Abendmahl bereitet.
»Das war gut,« sagte der Knabe, »nun werden wir wetteifern, wer am meisten essen kann, Vater oder ich.« Der Riese war sogleich bereit, und sie begannen Alles zu essen, was verzehrt werden konnte. Aber der Knabe war verschmitzt; er hatte seinen Quersack vor den Bauch gebunden, und steckte einen Löffel Brei in den Mund, während er zwei Löffel in den Quersack stopfte. Als nun der Riese sieben Schüssel Brei gegessen hatte, war er satt, so daß er schwer stöhnte und nicht mehr vermochte; aber der Knabe fuhr noch gleich eifrig wie vorher fort. Da fragte der Riese, wie es komme, daß er, der dem Wachsthum nach zart war, dennoch so viel verzehren konnte. Der Knabe erwiederte: »Vater! das will ich euch gerne lehren. Wenn ich gegessen habe, so viel mich gelüstet, schneide ich den Magen auf, so kann ich nochmal so viel essen.« Bei diesen Worten nahm er ein Messer, und schnitt den Quersack auf, so daß der Brei herausrann. Der Riese hielt dieses für eine gute Erfindung, und wollte es gleichfalls machen. Als aber der Riese sein Messer in den Magen stieß, begann das Blut zu strömen, und am Ende mußte er gar daran sterben.
Als der Riese todt war, nahm der Knabe alle Habe, die sich in der Stube fand, und zog in der Nacht seines Weges. Und so endigt die Sage von dem verschmitzten Hirtenknaben und dem dummen Riesen.

[Gunnar Hyltén-Cavallius/George Stephens: Schwedische Volkssagen und Märchen ]
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