In der alten Zeit, als die Tiere noch sprechen konnten, waren der Bär und der Fuchs sehr gute Freunde, so dass sie zusammen säeten, ernteten, droschen und aßen. Aber der Fuchs war faul und wollte nichts arbeiten, und so gelang es ihm, den Bären zu beschwatzen, dass er den Acker anbaute, den Pflug zog und das Getreide erntete. Es blieb nun noch das Dreschen übrig, an welcher Arbeit sich alle beide betheiligen sollten. Als sie eine Weile gedroschen hatten, hielt der Fuchs inne und stellte sich, als ob er horchte.
»Warum tust du das?« fragte der Bär.
»Hörst du nicht, wie es auf dem Dache der Tenne knackt?« antwortete der Fuchs.
»Nein!« entgegnete der Bär.
Sie begannen hierauf wieder zu dreschen, bis der Fuchs noch einmal seine Frage wiederholte.
»Da ist es vielleicht wohl am besten, du steigst auf das Dach hinauf und hältst es fest!« meinte der Bär.
Der Fuchs ließ sich dies nicht zweimal sagen, sondern sprang schleunigst auf das Dach, legte sich auf dem von der Sonne am meisten beschienenen Platze nieder und wärmte sich hier, bis der Bär das Getreide fertig gedroschen und geschwungen hatte. Hierauf stieg er wieder vom Dache herab und sagte, dass ihm alle Glieder wehe täten, weil er sich so übermäßig angestrengt hätte, das Dach zu halten, während der Bär drosch.
Nun sollte das Getreide geteilt werden. Der Fuchs meinte, es wäre nur recht und billig, dass der Bär den größeren Haufen bekäme; denn er habe ja am meisten gearbeitet. Der Bär dankte und hierauf begannen sie zu essen: der Fuchs von dem Kornhaufen, der Bär aber von dem Spreuhaufen. Bald begann jedoch der Bär zu argwöhnen, dass es mit dem Edelmute des Fuchses nicht so weit her sei. Er sagte daher zum Fuchs:
»Wie kommt es denn, dass es in deinem Munde ›brisk, brask‹ lautet, wenn du kauest, in meinem aber nur ›slisk, slask?‹«
»Das kommt natürlich daher, dass ich so viel Sand und kleine Steinchen in meinem Haufen habe; das knirscht so, wenn ich esse,« antwortete der Fuchs.
Der Bär gab sich jedoch mit dieser Antwort nicht zufrieden, sondern kostete von dem Haufen des Fuchses. Da er nun dahinter kam, dass er geprellt worden war, wurde er böse und wollte den Fuchs zerreißen. Dieser aber entwischte und versteckte sich unter einer Tanne. Der Bär eilte ihm nach, entdeckte ihn und schlug und biss nach Allem, was er sah. Wenn er in Wurzeln oder Steine biss, schrie der Fuchs: »Au! au! du beißest mich in den Fuß!« wenn er aber wirklich den Fuß des Fuchses erwischte, dann lachte dieser und sagte: »Ha! ha! du beißest ja nur in die Wurzeln!«
Nachdem der Bär so lange in Steine und Wurzeln gebissen hatte, bis er ganz ermüdet war, kehrte er wieder nach der Dreschtenne zurück, um auszuruhen. Nun kroch der Fuchs hervor und begann auf ein neues Schelmenstück zu sinnen; denn zum Bären wagte er noch nicht zu gehen. Da erblickte er in der Ferne einen Lappen, der mit seiner Rentierherde des Weges gefahren kam. Rasch legte er sich auf dem Wege nieder und stellte sich, als ob er tot wäre. Als nun der Lappe zu dieser Stelle kam, hob er den Fuchs vom Wege auf und legte ihn in den Schlitten (lappländisch låkkek, welches einen bootartigen, ganz überdeckten Schlitten bezeichnet), in welchem sich mehrere Pfund Fische befanden. Der Fuchs war kaum in dem Schlitten drinnen, als er wieder lebendig wurde und ein Loch in die Bodenwand nagte, durch das er einen Fisch nach dem andern hinausschob und schließlich selbst entkam. Er trug nun alle Fische zu einem Haufen zusammen und suchte sodann wieder den Bären auf. Dieser war jetzt wieder ruhig geworden und fragte den Fuchs, woher er diese Menge Fische bekommen habe.
»Ich habe sie geangelt,« antwortete der Fuchs; »geh nur hinab auf die See, hacke ein Loch in's Eis und stecke den Schwanz durch das Loch; es kommen dann sogleich die Fische und beißen an. Aber man muss darauf achten, dass man den Schwanz nicht zu früh herausziehe; erst wenn man keinen Schmerz mehr im Schwanze fühlt, ist es an der Zeit, denselben wieder herauszuziehen.«
Der Bär befolgte genau diesen Rat; als er aber den Schwanz zurückziehen wollte, war dieser in dem Loche festgefroren und der Bär riss sich denselben ab; deshalb geht er noch heute ohne Schwanz herum.


Quelle:
Aus Schwedisch-Lappland; J.C. Poestion: Lappländische Märchen, Volkssagen, Räthsel und Sprichwörter
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