Es war einmal ein Schuhmacher. Der war ein Künstler in seinem Fache. Er war weit in der Welt herumgewesen, hatte bei den größten Meistern aller Länder gearbeitet und ihnen die besten Handgriffe und Künste abgelauscht. So kam es, daß er weit und breit berühmt war, und daß die größten Monarchen der Welt sich von ihm ihre Fußbekleidung machen ließen. Der Schuhmacher war aber sehr ehrgeizig. Er war nicht zufrieden mit dem großen Reichtum, welchen ihm seine Kunst eingetragen hatte. Er wollte sich auch einen berühmten Namen machen, und alle Welt sollte noch lange nach seinem Tode von ihm sprechen. So grübelte er unablässig darüber nach, wie er ein paar Schuhe herstellen könne, wie sie die Welt noch nie gesehen habe. Es sollte ein Meisterstück werden, über welches alle Völker der Erde sprechen würden. Soviel er aber auch nachsann, es wollte ihm nichts Gescheites einfallen. Eines Tages saß er wiederum auf dem Dreibein und sann über seine Aufgabe nach. „Wenn ich zum Beispiel ein paar Schuhe herstellen könnte, die von selbst liefen“, meinte er für sich, „dann wäre ich in kürzester Frist ein berühmter Mann. Allein, wie soll ich’s anfangen?“ Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als die Thür aufging und ein kleines, dürres Männlein eintrat.
Das Männlein schien bereits ein Jahrhundert alt zu sein, so gebeugt und verwittert sah es aus. Ein langer, schlohweißer Bart hing ihm bis auf die Brust herab und sein Gang war müde und schwankend. „Ich habe gehört, was Du Dir gewünscht hast“, sagte der Ankömmling, „und bin gekommen, Dir zu helfen.“ Der Schuster horchte auf. „Sprecht Ihr die Wahrheit, oder wollt Ihr mich nur zum besten haben?“ fragte er. „Ich spreche die Wahrheit“, sagte das Männlein und zog unter seinem Mantel einen Sack hervor, aus welchem er allerlei Material hervorzog, wie es die Schuhmacher brauchen. Hier ist Leder aus sieben Mal übereinander gelegten Hasenfellen, gegerbt mit Schirlingstannensaft“, sagte es leise. „Pechdraht aus Goldfäden, mit Paradiesbienenwachs gewicht, Nägel aus siebenfach im Feuer gehärtetem Stahl mit Diamantköpfen und Stifte aus Ebenholz. Und hier sind sorgfältig gearbeitete Werkzeuge, der schärfste, schneidigste Stahl, die spitzeste Ahle, eine Lampe von gediegenem Silber, mit Quappenlebertran genährt und eine Kugel aus Aetherkristall, mit dem Wasser von tausend Diamanten gefüllt. Wenn Du mit diesem Material und diesen Werkzeugen arbeitest, so wirst Du ein Paar Schuhe herstellen, die denjenigen, der sie trägt, zum schnellsten Läufer der Erde machen.“ Der Schuster traute kaum seinen Augen. Er musterte die Schätze, welche vor ihm lagen, mit einem prüfenden Blick und mußte sich gestehen, daß er so ausgezeichnetes Material in seinem Leben nicht beisammen gesehen habe.
„Und was wollt Ihr für alles dies haben?“ fragte er hocherfreut. „Nichts“, antwortete das Männlein, „Du sollst Dich nur verpflichten, die Schuhe so schön als möglich anzufertigen, kein anderes Material hinzuzuthun, als das, welches ich Dir gegeben habe. Wenn Du sie fertig hast, so bringst du sie dem Kaiser von Marokko,
der wird Dir einen hohen Preis dafür zahlen, den Du in Deinem Nutzen verwenden kannst.“ Der Schuster bedankte sich vielmals für die wertvollen Geschenke, und das Männlein verabschiedete sich und ward nicht mehr gesehen. Meister Flick aber ging sofort an die Arbeit, und es war schier zum Erstaunen, wie rasch dieselbe ihm von der Hand ging. Ehe 24 Stunden vergingen, waren die kostbaren Schuhe vollendet, und der Meister mußte sich gestehen, daß er ein Werk geschaffen habe, wie es kein zweites in der Welt gab. Die Schuhe fühlten sich so weich an wie der feinste Samt, die Diamanten darauf blitzten, wie Sterne am dunklen Nachthimmel.
Meister Flick warf sich in seinen Sonntagskleider, packte sein Werk sorgfältig ein und machte sich auf den Weg nach dem Hof des Kaisers von Marokko.
Er hätte die prächtigen Schuhe zu seinem schnelleren Fortkommen benutzen können, allein er wollte sie dem Kaiser ohne jeden Fleck funkelnagelneu überliefern. Nach dreitägiger Reise traf Meister Flick am kaiserlichen Hofe ein, wo sein Werk das größte Aufsehen erregte. Der Kaiser zeigte sich sehr erfreut, lobte den Schuster über die Maßen und befahl seinem Schatzmeister, dem Künstler eine Tonne Gold zu verehren. Als der Kaiser die Schuhe anprobierte, saßen sie wie angegossen, und sie rannten mit ihm zur Thür hinaus in den Schlosshof und von da in den Park, und das geschah so schnell, wie man eine Hand herumdreht.
Als der Herrscher, wieder zu Atem gekommen war, sagte er: „Ich bin alt und werde keine weite Reise mehr machen, deshalb sollen die Schuhe an die kaiserliche Schatzkammer kommen. Vorher aber will ich sie noch benutzen, um den Krieg mit meinem bösen Nachbar, dem Sultan von Fey auszufechten. Unser Herold Timurlan soll die Schuhe anlegen und damit zu allen Völkern Afrikas reisen und sie in meinem Namen bitten, uns beizustehen – im Kampfe gegen den Sultan.“
Timurlan wurde gerufen und hatte kaum die Schuhe angelegt, als er auch schon zum Fenster hinausschoß und wie der Blitz durch die Luft sauste. Zu seinem Schrecken wurde er dennoch inne, daß er nicht die geringste Macht über die Zauberschuhe besaß, und daß sie eine ganz andere Richtung einschlugen, als diejenige, in welcher die afrikanischen Länder lagen. Noch größer war seine Bestürzung, als er an das Meer gelangte und die entsetzlichen Schuhe geradewegs in die schäumende Flut hineinrannten. Weiter und weiter ging es.
Er sah nichts mehr als Himmel und Wasser, und von Angst und Grauen erfüllt, verwünschte er sein entsetzliches Schicksal. Aber, wenn auch die haushohen Wogen ihn mit unzähligen Wassergüssen überschütteten, so hielten ihn doch die Schuhe oben und ließen ihn nicht in der gährenden Flut versinken. Endlich sah er wieder Land vor sich liegen. Es war eine Kette von Bergen, deren Spitzen bis in die Wolken reichten, zuweilen so steil, daß es unmöglich schien, über sie hinwegzukommen. Allein die Zauberschuhe kannten kein Hindernis. Sie stürmten in rasender Eile den nächsten Berg hinauf und jenseits wieder hinab.
Der unglückliche Läufer befand sich in einem Thalkessel, und in geringster Entfernung vor ihm stieg eine himmelhohe Felsenwand senkrecht in die Höhe.
Jetzt war es dem armen Schnellläufer, als wenn der Sternengalopp der Schuhe sich verminderte. Er atmete auf. Weiter als bis zur steilen Felsenwand konnten sie doch unmöglich laufen. Dann mußten sie Halt machen, und wenn er nur eine Sekunde gewann, dann wollte er die entsetzliche Fußbekleidung von sich werfen und die Teufelsschuhe laufen lassen, wohin sie wollten. Es kam aber anders, als er’s gedacht hatte. Die Schuhe rannten auf die Felsenwand zu und diese klaffte plötzlich auseinander. Ein mächtiges Thor zeigte sich. Der Läufer schoß hindurch und sah sich am Fuße eines zweiten steilen Berges, auf dessen breitem Gipfel unzählige Arbeiter beschäftigt waren, ein prachtvolles Luftschloß aus lauter Edelsteinen und Diamanten herzustellen. In großen Haufen war das hohe Baumaterial aufgetürmt. Riesige Smaragden, Rubinen, Türkise und Saphiere, gleichmäßig zugeschnitten und geschliffen, lagen übereinandergeschichtet und warfen grüne und blaue Lichter über den Platz. Weit umher schimmerte die Gegend im feenhafte Glanze. Jetzt machten auch die rätselhaften Schuhe Halt.
Von der Höhe des Berges herab schritt ein kleines, dürres Männlein mit kahlem Haupte und weißem Barte dem Ankömmling entgegen. „Willkommen im Reiche der Edelsteine, Timurlan“, nickte es mit widerwärtigem Grinsen, „wie geht’s Deinem Kaiser, dem alten Marokkaner? Ist er noch wohlauf? du kommst zur rechten Zeit.
Es gibt Arbeit die Fülle hier in meinen großartigen Bergwerken. Schau, dort fahren die Knappen gerade hinunter in den Schacht. Spute Dich, sonst kommst Du zu spät zur Niederfahrt und mußt drei Tage lang zur Strafe Diamanten schleifen, was eine noch mühseligere Arbeit ist. Die Schuhe aber kannst Du nun ablegen.
Du wirst sie in dieser Welt nicht brauchen.“ „Da bin ich ja schön in die Patsche hineingeraten“, dachte Timurlan. „Arbeiten konnte ich zu Hause auch, wenn ich es gewollt hätte.“ Indessen war er froh, daß seine Füße von den Folterschuhen befreit waren, und gute Miene zum bösen Spiel machend, begab er sich in den Schacht, in welchem die Bergleute sich eben zur Niederfahrt anschickten. Ein babylonisches Sprachgewirr empfing ihn, denn es waren Menschen aus allen Zonen und Ländern, die sich hier versammelt hatten. Schwarze, rote, braune, gelbe und weiße Gesichter schauten ihn teils mit stumpfem, teils mit neugierigem Ausdruck an.
Eine mächtig, lange, glatt geschliffene Bahn von Granit führte tief in den Schacht hinunter. Auf dieser Bahn mußten die Knappen hinabrutschen, meilentief hinunter in die kalten, finsteren Schlünde des Erdbauches, und die Edelsteine und Diamanten heraufholen, welche dort unten im Wasser lagerten, oder im felsigen Gestein eingeklammert waren. Von der Höhe des Berges, wo die anderen Arbeiter beschäftigt waren, gab jetzt das Männlein ein Zeichen mit der Glocke, worauf die Niederfahrt begann. Timurlan erhielt ein Schurzfell und einen Spitzhammer und mußte sich dann auf die Granitbahn setzen. Pfeilgeschwind ging es nun in den düsteren Erdschacht hinab. Immer finsterer wurde es um ihn her. Bald fiel das Licht von oben nur noch wie ein kleiner, matter Stern in die Kluft, aber um so heller glitzerte es von unten herauf aus den verschiedensten Gesteinsschichten, welche die funkelnde Diamantenlager bargen. Ein kleiner, buckliger Zwerg mit grünen Augen und schwarzem Haar, das in langen Zöpfen über Nacken und Schultern fiel, beaufsichtigte die Arbeitenden. Er wies Timurlan an, wie er aus dem eiskalten Grundwasser die Diamanten heraufholen und Smaragde aus den Glimmer und Schieferstein lösen sollte. Dem Läufer kam die Arbeit sehr sauer an, und unaufhörlich beschäftigte er sich mit Plänen zur Flucht. Er gewann jedoch bald die Überzeugung, daß an Entrinnen nicht zu denken sei. Denn rings um das Bergwerk zog sich eine unübersteigliche Felswand, welche sich nur auf einen Zauberspruch öffnete, den einzig und allein der Besitzer des Diamantengebirges kannte.
Dieser war, wie Timurlan bald erfuhr, ein böser Zauberer, welcher durch allerlei Hexenkünste die Leute in sein Bergwerk lockte und sie hier Mühseligkeiten und Leiden aller Art ausstehen ließ. Ihre Nahrungsmittel bestanden in Erdäpfeln und trockenem, harten Haferbrote, und als Getränk hatten sie nichts weiter als Wasser tief unten in den Bergschachten. Schlafen mußten sie unter freiem Himmel, gleichviel ob es regnete oder schneite, und wer an ein weiches Lager gewöhnt war, mußte sich Moos und Gras sammeln. An eine Decke, oder wohl gar ein Federbett war nicht zu denken. Timurlan bemühte sich vergeblich wieder in der Besitz der Schuhe zu gelangen, um mit ihrer Hilfe einen Fluchtversuch zu machen.
Soviel er auch danach suchte, sie waren und blieben verschwunden. Und das hatte seinen Grund, kaum war der Läufer in die unterirdische Werkstatt eingeführt worden, als der Zauberer die Schuhe ergriff und sie mit einem gewaltigen Wurfe weit weg über die Felsenmauer schleuderte. Sie fielen mitten auf die Landstraße nieder und zogen sofort die Blicke eines des Weges daherkommenden Schneidergesellen auf sich, dessen Schuhwerk sich gerade in einem äußerst misslichen Zustande befand und der die herrliche Fußbekleidung daher mit einem donnernden Jubelruf begrüßte: „Ei der Tausend, da habe ich ja einen Fund gemacht, der mir für alle Zeiten zum Glück gereichen wird!“ rief er, indem er sich auf einen Stein setzte und sich seiner sohlenlosen Stiefel entledigte, die er sofort in den Chausseegraben warf. „Sapperment, sind das ein Paar Trittlinge. Kein Kaiser kann sie schöner haben. Brillanten und Gold überall. Wenn ich alle Jahre einen Edelstein herauslöse und ihn verkaufe, kann ich ein Leben führen wie ein Fürst.“
Er hatte während dieser Worte die Schuhe angelegt und wollte eben seiner Freude über den herrlichen Sitz derselben Ausdruck geben, als dem armen Burschen etwas Entsetzliches passierte. Seine Beine fingen an in eine fürchterlich rasche Bewegung zu geraten. Wie von unsichtbarer Gewalt fortgetrieben, schossen sie vorwärts quer über das Stoppelfeld, über Erdhügel und Moräste, über Gräben und fußhohe Hecken, bis er zu seinem Entsetzen die hohen Berge vor sich liegen sah, in welchen, wie er als Kind von seiner Amme vernommen, der böse Zauber Murzuphlos hausen sollte. Vergeblich waren seine Bemühungen, in seinem pfeilschnellen Laufe einen Pfahl oder den Zweig eines Baumes zu erhaschen und sich daran festzuklammern. Ehe er sich’s versah, stand er vor der Riesenmauer. Diese spaltete sich. Er mußte ohne Gnade hinein in das Zaubergebiet. Die Teufelsschuhe trugen ihn bis an den Schacht. Der Schneider schoß hinunter, als wäre er von einer Kanone abgeschossen, und unten drückte der häßliche Zwerg ihm sofort die Hacke in die Hand und befahl ihm unter wieherndem Gelächter an die Arbeit zu gehen. Die Schuhe befanden sich gleich darauf wieder in Murzphlos Händen, der sie von neuem mit einem gewaltigen Wurf in die Welt sandte.
Diesmal nahmen sie ihren Flug nach dem öffentlichen Platz einer großen Stadt, auf welchem gerade Jahrmarkt abgehalten wurde. Sie fielen in die Bude eines jüdischen Handelsmannes nieder, der die putzsüchtigen Großstädter mit dünnvergoldeten Messingringen und bleiernen Armbändern betrog, bei dem Anblick des kostbaren Schatzes jedoch vor Entzücken außer sich geriet.
„Gott, der Gerechte, was ein Wunder!“ schrie er, „ein paar Schuh’, die Millionen wert sind. Werd’ sie verkaufen an den Schah von Persien. Werd er mir geben tausend mal tausend Millionen! Werd’ ich sein der reichste Mann auf Gottes Erdboden!“
Mit freudestrahlenden Blicken betrachtete er die herrlichen Schuhe. Zuletzt plagte ihn die Neugier, ob sie sich seinen unförmlichen Füßen wohl anbequemen würden.
Kaum aber stak mit dem letzten Ruck drinnen, als er sich auch schon auf der Reise nach dem Diamantengebirge befand. Kaum eine Stunde später stand er bereits bis über die Knie in dem eiskalten Quellwasser des Diamantenschachtes und arbeitete, daß ihm der Schweiß den Rücken hinablief. Die Zauberschuhe fuhren fort, ihren entsetzlichen Zauber auszuüben. Sie führten aus aller Herren Länder Leute herbei, und die Schätze, welche der unersättliche Murzuphlos aus den Diamantenlagern heraufschaffen ließ, wehrten sich von Tag zu Tag. Die Sache sprach sich übrigens herum. Bald hier, bald dort hörte er man, daß
ein paar kostbare Schuhe aus der Luft niedergefallen wären, die dem ehrlichen Finder jedoch nichts weniger als Glück gebracht hätten, da derselbe gleich darauf mit samt seinen Schuhen spurlos verschwunden sei. Er ließ sofort den Meister Flick kommen, erzählte ihm das Vernommene und fragte ihn, was er dazu meine. „Herr“, erwiderte der Schuster, „ich hege keinen Zweifel, daß das kleine, dürre Männlein, welches die Schuhe bei mir bestellt hat, und der gefährliche Zauberer Murzphlos im Diamantengebirge eine und dieselbe Person ist.“ „Daran zweifle ich auch nicht“, sagte der Kaiser. „Habe gar viel von dem Unhold gehört.
Sollte es kein Mittel geben, ihn zu fassen?“ „Ich möchte es wohl wagen“, versetzte der Schuster. „Ich habe noch so viel Material übrig behalten, um ein zweites Paar solcher Hexenschuhe anfertigen zu können, und wenn mir das gelingt, so wär’s leicht möglich, daß wir den dem Murzuphlos für immer das Handwerk legten.“ „Gut“, nickte der Kaiser, „ versuche es, und wenn Dein Unternehmen glückt, so lasse ich Dir noch eine Tonne Goldes auszahlen.“
Meister Flick ging heim und machte sich sogleich an die Arbeit. Das verzauberte Material erwies sich vollkommen zu einem zweiten Paar Schuhe ausreichend. Es geling ihm sogar, dieses zweite paar noch größer als das erste herzustellen. Nur die Besetzung der Diamanten mußte unterbleiben, da der Vorrat von edlen Steinen vollständig dem ersten Paar zu Gute gekommen war. Als die Schuhe vollendet waren, verschloß Meister Flick sie sorgfältig in ein Kästchen, steckte dieses in eine Reisetasche und machte sich auf den Weg zu dem Diamantengebirge. Ein segeltüchtiges Schiff brachte ihn über das Meer.
Darnach mußte er noch eine Strecke zu Pferde durch den dicken Wüstensand traben. Endlich aber stand er vor der kolossalen Felsenmauer, welche das Gebiet des bösen Murzuphlos umschloß. Nun zog er die funkelnagelneuen Schuhe hervor und stieß mit den Spitzen derselben gegen die Felswand. Diese öffnete sich sofort. Meister Flick trat ein und hinter ihm fügte das Riesenthor sich wieder zuammen. Einen Augenblick blieb er stehen, um das herrliche Diamantenschloß zu betrachten, das einen Glanz wie das helle Sonnenlicht ausstrahlte. Als er aber den bösen Zauberer den Berg herunterkommen sah, schlüpfte er rasch in eine Felsspalte und hielt sich hier bis zum Abend verborgen. Der Himmel war bereits mit Sternen übersät, als er wieder heraustrat und den Weg nach den Berggipfeln einschlug. Er konnte nicht fehlen, da das Prachtschloß weithin durch die Nacht leuchtete. Bald stand er in dem von Rubinensäulen getragenen Vorbau. Hier zeigte sich eine Thür, welche in den bis jetzt vollendeten Teil des Schlosses führte, in welchem Murzuphlos seine Wohnung genommen hatte. Er stand bereits vor dieser Thür, als ein häßlicher Zwerg mit grünen Augen ihm in den Weg sprang. Der Kleine hatte eine Lanze in der Hand die dreimal so lang war, wie er selbst. Flick versetzte ihm dennoch einen Fußtritt, daß er sich dreimal überschlug und den Berg hinabkullerte. Dann stieß der Schuster wiederum mit den Spitzen seiner Schuhe gegen die verschlossene Thür, worauf dieselbe mit einem dumpfen Aechzen aufsprang. Meister Flick stand in einem geräumigen, von Smaragdenwänden gebildeten Zimmer, dessen glänzende Einrichtung jeder Beschreibung spottete. Er war durch einen von Diamanten zusammengesetzten Kandelaber erleuchtet, und die zahlreichen Kerzen darauf wurden von dem funkelnden Gestein tausendmal zurückgeworfen. Tische, Stühle und Etageren waren von Smaragden verfertigt, und dicke Teppiche und Polster von grüner Seide, mit Gold=und Silberblumen durchwirkt, luden zur süßen Ruhe ein. Er kam aus diesem in ein zweites Zimmer, dessen Wände und Möbel aus Rubinen zusammengesetzt waren, von da in ein drittes, welches aus Saphiren bestand. Ganze Reihen von Prachtgemächern folgten, und jedes vertrat eine besondere Edelsteinart. Zuletzt gelangte er in das Schlafzimmer des Zauberers. Brillanten auf Brillanten funkelten an den Wänden, und in einem Himmelbett von Eiderdaunen lag Murzphlos, und seine regelmäßigen und tiefen Atemzüge verrieten, daß sein Schlaf ein fester und traumloser war. Vor dem Bett standen die Zauberschuhe mit welchen der Zauberer die Arbeiter von nah und fern in sein Bergwerk gelockt hatte. Flick nahm sie rasch zur Hand, setzte das mitgebrachte zweite Paar einstweilen auf den Tisch und hatte im Umsehen die Füße des Schläfers bekleidet. Ebenso rasch hatte er das zweite Paar über die ersten gezogen. Kaum war er jedoch mit dieser Arbeit zu stande gekommen, als Murzuphlos erwachte und mit einem gotteslästerlichen Fluche aus dem aus dem Bette sprang. Es war zu spät. Er befand sich bereits in der Gewalt der Zauberschuhe, die mit ihm durch die Wand ins Freie schossen, den Berg hinabstürzten und, durch die Felsenmauer brechend, auf gut Glück in die Welt hineinrasten. In demselben Augenblick versank das Diamantenschloß mit einem Krachen, wie von tausend Ungewittern, klaftertief in die Erde. In gleicher Weise verschwanden die aufgespeicherten Edelsteine, das Bergwerk schloß sich und die gewaltige Ringmauer zerfiel in Trümmer. Die armen Gefangenen aber, welche aus ihrer jahrelangen Knechtschaft nunmehr erlöst waren, dankten ihrem Erretter mit tausend Freudenthränen und kehrten glücklich in ihre Heimat zurück. Zwar hätte der einen oder andere gern ein Diamantlein mitgenommen, um daheim etwas für den ersten Anfang zu haben, allein so eifrig sie auch suchten, von all den ungeheuren Schätzen, die sie aus den Diamantenspeichern der Erde zu Tage gefördert hatten, fand sich auch nicht das kleinste Krümchen mehr vor. Meister Flick kehrte gleichfalls nach Hause zurück und griff wieder zur Ale und Pechdraht.
Sein Hauptwunsch war erfüllt, denn alle Welt sprach von dem berühmten Schuster, der durch seine Kunst die Zaubermacht des bösen Murzuphlos gebrochen hatte. Eine zweite Tonne hat er übrigens richtig vom Kaiser von Marokko erhalten. Von dem habgierigen Zauberer aber hat niemand wieder etwas gehört. Es läßt sich nur annehmen, daß die Schuhe ihm nicht Ruh’ und Rast gelassen haben, bis er sich vollständig zu Schanden gelaufen hat.

Märchen aus Litauen
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