Zu einem der dahinwanderte, sprach das junge Mädchen, das am Wege saß: „Ach wandre doch lieber nicht mehr voran, denn du wanderst in Not und Kummer hinein.“ Er aber sah sie kaum und eilte weiter. Da saß eine andere am Wege, die sah viel älter aus und sagte: „Hüte dich doch, noch fortzuwandern, denn du wanderst in Tod und Verderbnis.“
Er sah sie etwas an, aber er eilte weiter, ohne mit ihr zu sprechen. Da saß zum dritten ein Weib da, faltig im Gesicht und greisenhaft in den Augen, die raunte: „Wandersmann, Wandersmann, deine Seele liegt im Bann.“
Da blieb er stehen mit den Worten, nun habe er aber genug von den Weiberrufen. „Es wird dich keine mehr aufhalten wollen“, mahnte die Greisin mit hocherhobener Rechten, „aber nun höre die letzte Rede von mir. Der Rabe hat mir in aller Frühe erzählt, daß du ausziehest, die strahlende Blume zu suchen. Wir drei sind die Warnerinnen vor Gefahr für Leib und Seele dabei. Hüte dich, wenn du um deinetwillen gehst aus Fürwitz, Habgier oder Eitelkeit; dann kommt deine Leiche baldigst hier den Fluß zurückgeschwommen. Sage mir, warum du gehst?“
Da der junge Wandersmann merkte, daß das Mütterchen es wirklich gut mit ihm meinte, so vertraute er ihr an, daß er die strahlende Blume suche, um seiner Braut vor der Hochzeit das Schönste zu schenken, was sie auf Erden wisse; sie hielte die Blume so lieb wie ihr Leben, und darum ging er. Die Alte schüttelte ihr schneeweißes Haupt: „Höre, das ist nicht recht von ihr, daß sie dich gehen läßt. Dir kann es vielleicht gelingen, aber was dann daraus wird, das mußt du hinnehmen. Du gelangest jetzt an einen großen Sumpf, der voll lauter Schlangen ist; mittendurch zieht sich ein Pfad, von dem du kein bißchen abweichen darfst, wenn dir die Schlangen noch so sehr vor die Füße kriechen; weichst du nur im geringsten ab, so bist du verloren. Nachher kommt eine große Schlucht, in welcher der Riesenbär sein Lager hat, der wird dir den Weg versperren; du mußt ihm aber ganz ruhig die Hand in den Rachen stecken und ihn einladen, er möge nur zubeißen, wenn er wolle, so wirst du ihn loswerden, ohne Schaden für dich. Dann erblickst du bald die Blume, aber was du nun zu tun hast, mußt du dir alleine raten.“
Er kam durch den Sumpf und kam auch von dem Bären los. Wie er dann die strahlende Blume ansah, stutze er. Sie stand rings umgeben von einem tiefen grässlichen Abgrund, über den nirgends eine Brücke führte; nur an einer Stelle hin ein Spinnwebefädchen von einer Kante zur anderen. Er schloß eine Weile die Augen und schritt dann kurz gefasst über das Spinnwebefädchen, daß ihn ganz gut trug, als wäre es eine Brücke von Stein. Nun konnte er die Blume pflücken; aber so oft er auch danach greifen wollte, zuckte es in ihm wieder zurück. Da warf er sich auf die Knie und rief vor sich hin: „Meine Braut ersehnt es ja, es ist ihr so lieb wie das Leben.“ Danach brach er die Blume und barg sie wohl. Kaum geschehen, erfaßte es ihn wie ein Wirbelwind. Ehe er es nur ordentlich wahrnehmen konnte, war er an den drei Frauen vorbei und flog nur so durch das Land dahin.
Aus dem Haus der Braut klang ihm frohes Lachen und Jubeln entgegen von allen, die darin waren. Die Braut griff voller Wonne die Blume und drückte sie an die Lippen. Auf einmal lag sie dem Bräutigam tot im Arm. Sie hatte sich selbst das Schönste auf Erden gewünscht, so lieb wie ihr Leben.

Volksmärchen aus dem ehemaligen Ostpreußen
1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 Rating 5.00 (1 Vote)

Besucher: Heute 239 | Gestern 455 | Insgesamt 5114798

Aktuell sind 35 Gäste und keine Mitglieder online