Es waren einmal zwei Brüder. Der eine war bettelarm und der andere Bruder steinreich.Der Reiche war mit allen Nachbarn gut Freund, allein seinen armen Bruder schien er nicht zu kennen. Er fürchtete nämlich, jener könnte zu ihm kommen, um ihn um irgend etwas zu bitten. Der Arme, aber ging niemals zu seinem Bruder. Doch einmal, an einem großen Festtag, als sie daheim nichts zu beißen und zu brechen hatten, sagte die Frau zum Armen: „Wie wollen wir den Feiertag begehen? Geh wenigstens ein einziges Mal zu deinem Bruder und bitte ihn um ein wenig Fleisch. Ich habe gesehen, wie er gestern eine Kuh geschlachtet hat.“ Der Arme suchte Ausflüchte zu machen, doch blieb ihm nichts übrig, er wußte nicht, an wen er sich sonst wenden sollte. Der arme Bruder kam also zum Reichen und bat: „Lieber Bruder, borge mir ein wenig Fleisch, wir haben nichts im Haus zum Feiertag.“ Der reiche Bruder warf ihm den Huf von der geschlachteten Kuh hin und rief: „Da, nimm und scher dich in den Wald zum Waldschrat Hiisi!“ Der arme Bruder verließ den Reichen Hof und dachte bei sich: „Wenn er diesen Huf nicht mir, sondern Hiisi gab, so will ich ihn auch dem Waldschrat bringen! Und er ging in den Wald. Ob er lange Zeit durch den Wald wanderte oder kurze Zeit, jedenfalls begegnete er Holzfällern. Sie fragten ihn: „Wohin des Weges?“ „Ich gehe zu Hiisi, will ihm einen Huf von der Kuh bringen“, erwiderte der Arme.
„Wißt ihr vielleicht, wo seine Hütte steht?“ Antworteten die Holzfäller: „Wenn du immer geradeaus durch den Wald gehst und nirgendwo abbiegst, so gelangst du zu Hiisi. Aber höre gut zu, was wir dir sagen. Wenn Hiisi dir für den Huf Silber geben will, so nimm es nicht an. Wenn er dir Gold geben will, lehne es ebenfalls ab. Bitte ihn vielmehr um den Mühlstein, den man mit der Hand drehen kann.“ Der Arme dankte den Holzfällern für ihren Rat, nahm Abschied von ihnen und zog fürbaß. Ob er lange Zeit wanderte oder kurze Zeit, miteins erblickte er eine Hütte. Er trat ein, dort aber saß Hiisi.Der betrachtete den Armen und sagte: „Mir wird häufig etwas versprochen, doch nur selten wird es mir auch dargebracht. Was hast du dort in deinem Sack?“ „Den Huf von einer Kuh.“ Diese Worte freuten den Hiisi. Hab seit dreißig Jahren kein Fleisch mehr gegessen! Gib mir rasch den Huf!“ Er nahm den Huf, verspeiste ihn und sprach: „Ich will dir deinen Huf bezahlen. Verlangst du viel dafür? Hier, nimm zwei Silbermünzen!“ Antwortete der Arme: „Ich brauche kein Silber.“ Hiisi holte Gold hervor und reichte dem Armen zwei Hände voll. Der Arme aber sprach: „Ich brauche auch kein Gold.“ „Was willst du denn haben?“ „Gib mir deinen Mühlstein!“
„Nein, diesen Mühlstein kann ich dir beim besten Willen nicht geben“, entgegnete Hiisi.
„Nimm lieber Geld soviel du willst.“ Doch der Arme fand sich nicht drein – er bat um den Mühlstein. „Da ich den Huf verzehrt habe“, sagte schließlich Hiisi, „muß ich ihn auch bezahlen. Sei’s drum, nimm meinen Mühlstein! Aber weißt du auch, wie du ihn handhaben mußt.“ Erwiderte der Arme: „Nein. Bring es mir bei!“ Sprach Hiisi: Dieser Mühlstein besitzt Zauberkraft. Er mahlt alles, was du ihm befiehlst. Mußt nur sagen: Mahle, mein Mühlstein! Wenn du aber ausrufst: „Jetzt ist genug!, so steht er still. Nun aber geh fort. Der Arme dankte dem Waldschrat Hiisi und machte sich auf den Heimweg. Lange wanderte er durch den Wald.
Die Dunkelheit brach herein. Regen fiel, der Wind pfiff ungestüm, und die Zweige peitschten dem Armen das Angesicht. Erst gegen Morgen kehrte er heim.

Fragte ihn sein Weib: „Wo hast du dich nur den lieben langen Tag und die ganze Nacht herumgetrieben? Habe schon lange gedacht, daß ich dich niemals mehr wiedersehen werde!“ Antwortete der Arme: „Ich war beim Waldschrat Hiisi zu Gast. Schau, was ich dir für ein Geschenk von ihm mitgebracht hab!“ Er zog den Mühlstein aus dem Sack und befahl: „Mahle, mein Mühlstein! Mahle uns alles zum Feiertag!“ Da hub der Mühlstein zu mahlen an, und auf dem Tisch häuften sich Mehl, Grütze, Zucker, Fleisch und Fisch, alles, was sich nur wünschen ließ. Die Frau füllte Beutel und Schüsseln. Da klopfte der Arme mit dem Finger auf den Tisch und sprach: „Jetzt ist es genug!“ Und der Mühlstein stand still. Der Arme feierte das Fest nicht schlechter als alle andern. Fortan lebte er in Wohlstand Er mehrte sein Hab und Gut und kaufte seinem Weib und den Kindern neue Kleider und festes Schuhzeug. Fortan litten sie keine Not.
Eines Tages gebot der Arme dem Mühlstein, recht viel Hafer für sein Pferd zu mahlen.
Das Pferd stand vor dem Haus und fraß. Just um diese Zeit schickte der reiche Bauer seinen Knecht zum See, um die Pferde zu tränken. Der knecht trieb sie zur Tränke, doch als sie an dem Haus des Armen vorüberkamen, wurden sie störrisch, blieben stehen und begannen mit dessen Pferd aus einer Krippe den Hafer zu fressen. Das beobachtete der Reiche, trat auf seine Vortreppe und rief: „He Knecht! Treibe die Pferde geschwind zurück! Sie lesen vor einem fremden Haus den Unrat auf!“ Der Knecht trieb die Pferde heim und erzählte dem Herrn: „Herr, die Pferde haben keinen Unrat aufgelesen, sondern hervorragenden Hafer gefressen! Dein Bruder hat Hafer die Menge!“

Da wurde der Reiche neugierig. „Will doch sehen, wie dieses Wunder geschah, daß mein Bruder jetzt alles besitzt“, sagte er. Er kam zum armen Bruder und fragte: „Auf welche Weise bist du eigentlich so reich geworden? Woher hast du all dein Hab und Gut?“
Der Arme erzählte dem Bruder, wie sich alles zugetragen hatte. „Der Waldschrat Hiisi hat mir geholfen“, sagte er. „Wie das?“ „Ganz einfach. Du hast mir zum Feiertag den huf von deiner geschlachteten Kuh geschenkt und mir aufgetragen, mich zu Hiisi zu scheren. Da bin ich zu ihm gegangen und hab ihm den Huf gebracht. Als Entgelt hat mir Hiisi einen Mühlstein geschenkt, der Zauberkraft besitzt. Dieser Mühlstein gibt mir alles, was ich mir wünsche. „Zeige ihn mir!“ „Hier, schau!“ Der Arme befahl seinem Mühlstein, feine Speisen zu bereiten. Der Mühlstein begann sich zu drehen, da häuften sich auf dem Tisch Piroggen und herrlicher Braten. Dem Reichen gingen vor Staunen und Habgier die Augen über. „Verkaufe mir diesen Mühlstein!“ „Nein, ich geb ihn nicht her, ich brauche ihn selbst.“ Doch der Reiche war hartnäckig: Verlange soviel Geld, wie du magst, aber laß mir den Mühlstein ab!“ „Nein, ich verkaufe ihn nicht!“ Als der Reiche merkte, daß er vergeblich bat, beschloß er, den armen Bruder auf andere Weise zu überreden. „Ach, du undankbarer Mensch“, rief er erzürnt.
„Erinnere dich, wer hat dir den Huf der Kuh geschenkt?“ „Du.“ „Siehst du! Und nun ist es dir um den Mühlstein leid ! Wenn du ihn mir schon nicht verkaufen willst, so leihe ihn mir wenigstens für einige Zeit!“ Der Arme sann nach und sprach: „Sei’s drum, nimm ihn für einige Zeit!“ Freudig nahm der Reiche den Mühlstein und eilte heim. In seiner großen Freude aber hatte er ganz vergessen zu fragen, wie er den Mühlstein anhalten könne, wenn das vonnöten war. Am nächsten Morgen nahm er den Stein und stach mit seinem Schiff in See. Dabei überlegte er: Jetzt ist gerade die Fangzeit gekommen: die Fischer salzen die Fische ein, da wird das Salz teuer. Will mich drum auf den Salzhandel legen. Als er auf hoher See war, gebot er dem Mühlstein: „Mahle, mein Mühlstein! Gib mir recht viel Salz!“ Der Mühlstein begann sich zu drehen und Salz, reines, weißes Salz zu mahlen. Der Reiche sah zu, freute sich und zählte im stillen schon den Gewinn. Er hätte dem Mühlstein längst befehlen müssen, einzuhalten, doch er rief: „Mahle, mahle weiter und haltet nicht ein!“ Unter der schweren Last war das Schiff schon bis zum Heck ins Wasser gesunken, der Reiche aber wiederholte noch immer, als habe er allen Verstand verloren: „Mahle, mahle weiter!“ Das Wasser rollte bereits über das Deck, das Schiff drohte zu sinken, da besann sich der Reiche und schrie: „hör auf zu mahlen!“
Der Mühlstein aber mahlte weiter. Rief der Reiche: „So hör doch auf!“ Der Mühlstein aber mahlte weiter ohne Unterlaß. Der Reiche wollte ihn aufheben und ins Meer werfen, doch er konnte ihn nicht anheben. Er schien am Deck festgewachsen. „Rettet mich!“ schrie der Reiche. „Zu Hilfe!“ Doch wer vermochte ihn zu retten, wer vermochte ihm zu helfen? So sank das Schiff zusammen mit dem habgierigen Reichen auf den Meeresgrund. Der Reiche ertrank, das Meer wurde ihm zur letzten Ruhestatt. Der Mühlstein aber, so erzählt man sich, hielt auch auf dem Meeresboden nicht inne: Er mahlt bis zum heutigen Tage Salz.
Drum soll das Meereswasser salzig sein.
 

Karelisches Märchen
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