Im Schloss schien alles zu schlafen. Die Stuben aber waren hell erleuchtet, als schien hier die Mittagssonne. Ungehindert gelangte der Jüngling bis ans Bett der Königstochter. Schließlich nahm er den Spiegel von der Wand, steckte ihn ein und wollte zur Tür hinauseilen. Da sah er in der Ecke des Zimmers einen reichlich gedeckten Tisch stehen. Der Jüngling dachte: „Es wird nicht lange dauern, ich werde mich erst stärken und dann gehen.“ Er setzte sich an den Tisch und aß nach Herzenslust. Dann stand er auf und dachte: „Ich müsste doch mal schauen, wie die Königstochter aussieht.“ Er trat ans Bett und konnte sich nicht sattsehen. Die Königstochter war so schön, wie der Jüngling nie zuvor ein Mädchen auf der Welt gesehen hatte. Am Finger des Mädchens strahlte ein Ring aus Gold so hell wie die Sonne. „Welch ein Unglück soll es bringen, wenn ich den Goldring nehme!“ sagte der Jüngling.
Und er nahm dem Mädchen vorsichtig den Rind vom Finger, eilte damit aus dem Königsschloss, vorbei an den schlafenden Bären und geradewegs zum Adler. Der Adler aber war böse über die Verspätung. Er fasste den Jüngling mit dem Schnabel am Kragen, warf sich ihn auf den Rücken und stieg in die Luft. Im selben Augenblick waren auch die Bären zur Stelle. Sie brüllten und sprangen in die Lüfte, konnten den Adler aber nicht mehr fassen. Der Adler und der Königssohn waren gerettet. Als sie übers Meer nach Hause flogen, fasste der Adler den Königssohn mit dem anderen Schnabel beim Kragen und tauchte ihn bis zu den Knien ins Wasser. Dann hob er ihn zurück auf den Rücken und flog weiter. Nach einer Weile tauchte der Adler den Königssohn bis zur Brust ins Meer, und schließlich bis zum Hals. Der Königssohn schrie jedes mal laut vor Angst. Als sie das Ufer erreichten, konnte der Königssohn wieder freier atmen, und er fragte den Adler: „Hör mal, warum hast du mich auf dem Meer dreimal ins Wasser getaucht? Mein Herz zitterte wie ein Espenlaub. Du wolltest dich wohl über mich lustig machen?“
„Ich habe es deshalb getan“, antwortete der Adler, „damit du verstehst, was mein Herz empfand, als ich auf deine Rückkehr von der Königstochter wartete. Das erstemal, als du dich im Königsschloss umsahst und dich nicht beeiltest, hatte ich das gleiche Gefühl wie du, als du bis zu den Knien im Wasser warst, denn die Bären hoben schon die Köpfe. Meine Schlaffedern schienen nicht mehr zu wirken.
Das zweitemal, als du dich an den königlichen Tisch setztest, verspürte ich die gleiche Angst wie du, als du bis zur Brust im Wasser warst, denn die Bären richteten sich schon auf. Beim dritten Mal aber, als du den Ring nahmst, war meine Angst am größten, denn die Bären waren aufgestanden. Wäre die Königstochter dabei erwacht, hätten die Bären mich zerrissen, und auch du wärest nicht mit dem Leben davongekommen.“ Der Jüngling dankte dem Himmel, dass das Mädchen nicht erwacht war. Dann waren sie wieder bei der Alten im Eichenwald. Der Jüngling bedankte sich bei seinem Wegbegleiter und zeigte den Wunderspiegel der Alten. Die Alte sagte: „Ich habe keinen Nutzen mehr von ihm, ich bin schon zu alt. Hier, Söhnchen, nimm dieses Rutenbündel! Lässt du es durch den Luft sausen, geschieht sofort, was du dir wünschst!“ Dann brachte sie dem Königssohn das Pferd und schickte ihn auf den Heimweg. Als der Wanderer zur zweiten Schwester gelangte, zeigte er auch ihr den Wunderspiegel. Doch die Alte sagte: „Ich habe keinen Nutzen mehr von ihm. Hier mein Kind, nimm dies Beutelchen! Solltest du Getreide brauchen, öffne den Beutel ein wenig. Du wirst sehen. was dann geschieht!“ Der Königssohn bedankte sich bei der Alten, sagte ihr Lebewohl und eilte weiter heimwärts, so schnell ihn die Hufe des alten Wallachs trugen. So gelangte er zur ersten Schwester und zeigte auch ihr den Wunderspiegel und die Geschenke der älteren Schwestern. Auch die jüngste Schwester erwiderte: „Ich habe keinen Nutzen von ihn, ich bin schon zu alt. Hier, mein Kind, nimm diese Schere mit! Solltest du jemals Stoff oder Kleider brauchen, so lass die Schere klappern.“ Der Königssohn bedankte sich bei der Alten für das Geschenk, sagte ihr Lebewohl und machte sich eiligst auf den Heimweg. Unterwegs sah er, dass die Pferde und die Kutsche der Brüder immer noch vor derselben Schenke standen wie an dem Tage, als er sich von hier auf den Weg gemacht hatte. Der Jüngling dachte: „Ich werde hineinschauen!“ Und er trat ein. Die Brüder riefen gleich: „Na, Brüderchen, hast du den Spiegel gefunden?“
„Aber, warum denn nicht?“ antwortete der jüngste Bruder. Die älteren Bruder baten ihn zu sich an den Tisch und ließen ihn essen und trinken, solange, bis der Wein dem jüngeren Bruder zu Kopfe stieg. Dann baten sie: „So zeig uns doch den Wunderspiegel. Wer weiß, ob es überhaupt derjenige ist, den wir suchen wollten!“ „Er ist schon der richtige!“ antwortet der jüngste Bruder und gab den Spiegel den Brüdern, damit sie sich überzeugen sollten. Die Brüder besahen den Spiegel von vorn und hinten und mussten zugeben, dass es der richtige war. „Was machst du Brüderchen, mit dem teuren Ding?“ grinsten die Brüder. Der älteste Bruder steckte den Spiegel ein und sagte zum jüngeren: „Also komm! Wir haben das Glück gefunden!“ Und schon waren sie auf und davon. Was sollte der jüngere Bruder nun tun?
Die Peitsche sollte er zu kosten bekommen, falls er den Mund nicht hielt. Der alte König schaute in den Spiegel, und – welch Wunder, er wurde immer jünger und jünger. Da lobte er die Söhne für ihren Fleiß und ihren Mut und versprach ihnen das halbe Königreich. Schließlich jedoch kam auch der jüngste Sohn zu Hause an. Er trat vor den König und sagte: „Ich war’s der den Spiegel gefunden hat. Die älteren Brüder haben es nicht weit geschafft, sie haben in der Schenke gesessen und mir den Spiegel weggenommen, als ich von meiner langen Reise zurückkehrte........“
„Sieh dir doch den Dümmling an!“ schrie der König und lachte. Die älteren Brüder aber begannen, den König aufzuhetzen und sagten: „Lass den jüngsten Bruder töten! Wozu lebt so ein dummer Mensch auf dieser Welt?“ Als der König nun noch hörte, dass der jüngste Bruder sagte, er sei mit einem Adler geflogen, packte ihn die Wut, und er befahl, den Dümmling aufs Meer zu bringen. Er sagte zu seinen ältesten Söhnen: „Setzt ihn in einen Kahn, nehmt die Ruder weg und stoßt den Kahn hinaus in die Wellen!“ So geschah es denn auch mit dem armen Königssohn. Die Brüder spotteten noch am Ufer hinterher: „Ruf nur deinen Adler zu Hilfe, Brüderchen!“ Der Königssohn schaukelte in seinem Kahn über die Wellen, und diese trugen ihn weiter hinaus aufs Meer. Wie er nun eine Zeitlang dem Meer zutrieb, kam eine Welle und schleuderte ihn mitsamt dem Kahn ans Ufer. Es dauerte eine Weile, bis der Königssohn sich von seinem Schreck erholte und sich umschaute, wohin er geraten war. Bald sah er, dass die Welle ihn an den Strand einer Insel getragen hatte. „Was fange ich nun an diesem einsamen Ort an!“ klagte der Unglückliche. „Ich werde meinen Kahn aus dem Wasser ziehen. Wer weiß, wann er mir von Nutzen sein wird!“ Wie er nun den Kahn aus dem Wasser zerrte, fühlte er etwas unter seiner Jacke. Er guckte genauer hin und sah das Rutenbündlein. „Da habe ich doch die Geschenke der alten Frauen aus den Eichenwäldern ganz und gar vergessen! Nun werde ich sehen, ob sie die Wahrheit gesagt haben!“ Er nahm das Rutenbündel, ließ es durch die Luft sausen und rief dabei: „Ich wünsche mir eine große Stadt mit vielen Menschen darin.“ Kaum hatte er es ausgesprochen, da war die Stadt schon fertig und das Volk strömte in Mengen durch die Tore ein und aus. Nur waren die Ärmsten alle nackt. „Wozu habe ich die Schere in der Tasche!“ sagte der Königssohn, nahm sie heraus, ließ sie klappern und fügte hinzu: „Schere, Scherchen, nähe den Menschen neue Kleider!“ Und welch Wunder! Da lagen auch schon Hunderte Fuhren von Kleidern. „Nehmt sie euch und zieht sie euch an!“ Aber was sollten sie essen? Nirgends ein Körnchen Getreide. „Mal sehen, was in des Beutels Macht liegt!“ Sobald der Jüngling den Beutel lüftete, begann aus diesem Getreide zu fließen, dass es für zehn Königreiche gereicht hätte. Nun fehlte ihnen weiter nichts mehr! Die Menschen ernannten den Jüngling zu ihrem König und so lebte er in Lust und Freude, denn das Rutenbündel, die Schere und das Beutelchen besorgten ihm alles, was sein Herz begehrte. Nach einiger Zeit ging der junge König am Meer spazieren. Da sah er weit draußen auf dem Meer ein Schiff vorübersegeln. „Warte, wo ist mein Kahn?“ sagte der König. Er ließ den Kahn ans Ufer bringen, setzte sich hinein und ruderte hinaus aufs Meer, immer weiter und weiter dem Schiff zu. Er stieg aufs Schiff und sah dort die schöne Königstochter der Inselstadt. Der König verbeugte sich tief vor der Prinzessin und bat sie an Land zu kommen, damit sie sich ausruhe. Die Königstochter aber erwiderte: „Ich darf nicht an Land gehen! Vor ein paar Jahren wurde aus meinem Schloss ein Spiegel gestohlen, der einen jeden, der hineinschaut, wieder jung macht. Mehr noch als um den Spiegel tut es mir um den Goldring leid, den der Dieb mitnahm. Wer im Besitz des Wunderspiegels ist, muss ihn wie seinen Augapfel hüten, und wird er dabei auch etliche hundert Jahre alt. Ich darf aber keinen anderen Mann heiraten als den, dem ich selbst den Ring gegeben hätte oder der ihn nun hat.
Es könnte aber sein, dass er im Besitz eines alten Mannes oder eines bösen Hexenmeisters ist. Darum habe ich meine Stadt verlassen und lebe auf dem Meer, damit mir nicht irgendein Ungeheuer den Ring wiederbringt.“ Als der junge König diese Worte hörte, nahm er den Ring und reichte ihn der Prinzessin. Wie groß war ihre Freude, als sie nun sah, dass ihr Ring sich im Besitz eines schönen Jünglings befand, der zudem noch König war. Sie fuhren ans Ufer, und das Volk empfing sie jubelnd. Dann wurde Hochzeit gefeiert, die viele Wochen dauerte. Aber von dem Wunderspiegel hatte nie wieder jemand etwas gehört.


Quelle: Märchen aus Estland
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