Eines Abends ging Eglä (Tanne) mit ihren Schwestern in die See baden. Sie zogen sich alle aus und sprangen ins Wasser. Nachdem die Mädchen gebadet hatten, stiegen sie alle ans Ufer und wollten sich ankleiden. Die jüngste, Eglä, entdeckte aber in ihren Kleidern eine Ringelnatter, die sie mit menschlicher Stimme ansprach: „Versprich mir, dass du meine Frau wirst, dann gebe ich dir dein Hemdchen." Eglä glaubte nicht, das sie eine Natter heiraten könnte und gab das Versprechen. Die Natter schlich aus ihrem Hemdchen weg.

Nach sieben Tagen hörte Eglä eine Kutsche, in die Nattern eingespannt waren, polternd und zischend auf den Hof ihrer Eltern raddern. Es versammelte sich voller Hof von Nattern. die die Braut verlangten. Da erschrak Eglä— und erzählte ihren Eltern, was sie am Meer erlebt hatte. Die Eltern wollten ihre Tochter nicht weggeben, sie versteckten Eglä in die dunkelste Kammer, nahmen eine weisse Gans, schmückten sie als eine Braut und setzten sie in den Brautwagen. Als die Nattern durch den Wald fuhren, hörten sie den Kuckuck schreien: „Ihr habt die falsche Braut! Ihr habt die falsche Braut!“ Die Nattern kehrten um, kamen mit viel Krach auf den Hof zu Egläs Eltern zurück, die richtige Braut zu holen. Diesmal gaben ihnen Eglä—s Eltern ein weiss gekleidetes Schaf mit, doch der Kuckuck verlautbarte wiederum die List den Brautwerbern. Die Nattern kamen ganz erbost zurück und drohten das Haus zu verbrennen, wenn sie auch diesmal betrogen würden. Was blieb den Eltern übrig, sie beweinten ihre jüngste Tochter und verabschiedeten sich von ihr. Die Nattern brachten Eglä ans Meeresufer, wo auf sie ein schöner Jüngling wartete. Er erzählte Eglä, dass er die Natter sei, die im Ärmel ihres Hemdchens das Verprechen von ihr ausgelockt hatte. Es war der Natternkönig Žilvinas (Weidenbaum). Er nahm Eglä in seinen Palast auf dem Meeresgrunde, wo sie glücklich und in Freude lebten. Sie schenkte Žílvinas drei Söhne Ä„žuolas (Eiche), Beržas (Birke) und Uosis (Esche) und eine Tochter Drebulä (Espe).

Nach einigen Jahren bekam Eglä heftigen Heimweh und bat ihren Mann um Erlaubnis, ihre Eltern und Geschwister besuchen zu dürfen. Žilvinas sagte: „Gut, du kannst gehen, doch zuerst musst du diese Eisenschuhe abtragen,“ – und gab ihr ein paar eiserne Schuhe. Eglä wetzte die Schuhe an den Steinen, lief darin Tag für Tag umher, doch die Schuhe blieben wie neu. Dann ging Eglä zu einer alten Hexe, die in der Nähe wohnte, und fragte diese nach dem Rat. Die Alte liess Eglä zu einem Schmied gehen, der die Eisenschuhe im Feuer erhitzen sollte, dann konnte Eglä die Schuhe in drei Tagen abtragen. Und wieder bat Eglä Žilvinas, sie zu ihren Eltern gehen zu lassen. Žilvinas gab ihr aber eine Docke Seide und sagte: „Wenn du die Docke zu Ende spinnst, kannst du gehen.“ Eglä spann Tag und Nacht, doch die Docke wurde nicht kleiner. Sie ging wieder zu der Alten und bat um Hilfe. Die Hexe liess die Docke ins Feuer werfen. Die Docke war verzaubert: im Feuer sah Eglä eine Kröte, die den Seidenfaden immer hervorbrachte. So konnte Eglä die Docke zu Ende spinnen. Žilvinas wollte sie nicht so einfach zu den Menschen lassen und gab ihr noch eine Aufgabe. Sie sollte Hasenbrot für ihre Verwandten backen. Er versteckte alle Schüsseln und Töpfe, nur einen Sieb konnte Eglä finden. Wie sollte sie darin Teig kneten? Und wieder lief sie zu der Alten, die ihr zeigte, wie sie mit dem Teig die Löcher im Sieb verkleben und Wasser holen kann. Jetzt konnte Žilvinas sie nicht mehr zurückhalten. Er brachte sie mit ihren Kindern ans Meeresufer und sagte: „Bleib nicht länger als neun Tage bei den Eltern, komm dann ans Meeresufer und rufe nach mir: „Geliebter Mann, mein Weidenbaum, bist du am Leben, komm als weisser Milchschaum, bist du tot, komm als roter Blutschaum.“

Eglä ging mit ihren Söhnen und der Tochter in ihr Elternhaus, wo sie von allen mit grosser Freude empfangen wurde. Die Tage verstrichen schnell und die Brüder zerbrachen sich den Kopf, wie sie Eglä für immer bei sich behalten könnten. Sie führten den ältesten Sohn Eiche in den Wald, fragten ihn, wie der Vater zu rufen sei, peitschten ihn mit Ruten aus, hörten von ihm aber kein einziges Wort. Birke und Esche schwiegen auch, wenn sie auch ausgepeitscht wurden. Nur die kleine Espe zitterte, als sie die Ruten erblickte und plauderte alles aus, wie der Vater heisse und wie man ihn rufen müsse. Da gingen die Brüder ans Meeresufer, riefen Žilvinas mit den Worten, die er Eglä gesagt hatte, und als Žilvinas als weisser Milchschaum angeschwommen kam, schlugen ihn mit ihren Sensen tot. Zu Hause erzählten sie aber keinem von ihrer bösen Tat.

Nach neun Tagen machte sich Eglä mit ihren Kindern auf den Weg nach Hause. Als sie am Meeresufer ihren Mann gerufen hatte, sah sie den blutigroten Schaum ans Ufer schwimmen und hörte die Stimme ihres Mannes aus der Meerestiefe erklingen: „Espe, unser Töchterlein verriet unser Geheimnis deinen Brüdern und sie schlugen mich tot. " Eglä weinte bittere Tränen, dann verwandelte sie ihre Kinder in Bäume und sich selbst in eine immer trauernde Tanne.



(Märchen aus Litauen)
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