Eine Mutter ging mit zum Mähen in die Wiesen. Alle anderen Frauen hatten ihre Kinder zu Hause gelassen. Sie aber war erst ein Jahr verheiratet und außerstande, sich in ihrem Glück von dem Kind zu trennen. Darum band sie es in einem Tuch auf dem Rücken und nahm es mit.
Draußen machte sie ihm ein weiches Bett von Gras, im Schatten einer Birke. Alle drei Stunden kam sie und tränkte es.Jedes mal richtete sie das Bett so, dass es mit dem Schatten des Baumes weiterrückte.
Es war ein heißer Tag. Als ein Gewitter schwarz heranzog, eilten alle, möglichst viel Arbeit hinter sich zu bringen.Am Abend waren sie schon ein gutes Stück von der Birke abgekommen. Ganz klein und fern stand die Birke am Horizont. Aber die Mutter sah immer dahin und lachte und sang dazwischen mit den anderen Frauen, trotz des Schweißes, der ihr vom Gesicht rann.
Als Feierabend gemacht wurde und man den Rückweg antrat, war die Lustigkeit aufs Höchste gestiegen. Man sang ein Liebeslied. Jede wusste einen neuen Vers. Dann fingen sie an, selber Verse hinzuzudichten, die , nachdem eine vorgesungen hatte, alle nachsangen.
Als sie vor den Häusern des Dorfes angekommen waren und im Blitzschein die Männer vor den Türen standen und nach den Frauen ausschauten, fiel es der jungen Mutter ein, dass sie ihr Kind unter der Birke vergessen hatte.
Ohne ihren Mann zu begrüßen, schrie sie auf:>> Herr Jesus!<< und, wie von dem niederschüttenden Regen verfolgt, jagte sie den weiten Weg zurück. Es war schwarze Nacht geworden. Immer nur, wenn ein Blitz vom Himmel traf, zeigten sich die einzelnen Bäume und der ferne Waldrand.
Die junge Mutter lief immerzu, durch Dornen und Sumpfwasser. Ihre Haare hatten sich gelöst, der Sturm trieb sie vor ihrem Gesicht her.Sie lief so schnell, dass sie, ohne die Füße zu bewegen, über den Erdboden hinzuwehen schien.Weil ihr oft Zweige ins Gesicht schlugen, lief sie mit geschlossenen Augen und verlor doch die Richtung der Birke nie.
Wölfe kamen hinter ihr her. Wölfe kamen von beiden Seiten. Sie hörte ihren Atem. Einer war so nahe, dass er nach ihrem Kleid schnappte. Ohne an Furcht zu denken, die Kleider zerrissen, die Haare voller Dornen und Blätter, Knie und Hände blutig gefallen, erreichte sie endlich die Birke.
Im Blitzschein sah sie ihr Kind im Schoß einer Frau liegen, rotbäckig, den Kopf auf die Seite gelegt und im Traum lachend.Die Mutter wollte aufschreien und streckte die Hände aus, aber ohne einen Laut hervorbringen zu können, brach sie in die Knie. Da wich die fremde Frau, die für einen Augenblick nach der Mutter hinsah, vom Kind fort und entwehte wie ein Schatten. Die Wölfe kamen herangestürtzt. Aber statt sich auf die Frau zu werfen, zogen sie, wie auf einen Befehl und aufbellend wie Hunde, die ihren Herrn begrüßten, dem Schatten der Frau nach, bis aller Schatten in der Ferne verhallte.
Als die junge Mutter ihr Kind in die Arme riss, fand sie um seinen Hals ein goldenes Kettchen, zierlicher gearbeitet, als irgendwelche Menschenhände vermöchten. Nur ein uraltes Weib in einem Nachbardorfe wusste, wer die fremde Frau war: Laima, die Göttin der Vorzeit.

Märchen aus Lettland
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