Ein Gutsherr hieß seinen Koch ein leckeres Gericht zubereiten. Da ward denn gleich ein großer Kessel aufs Feuer gesetzt, der sott allerlei Lammfleisch.
Vor dem Kessel saß der Koch und schürte das Feuer.
Plötzlich kam unter dem Ofen aus dem Boden ein kleines Männchen hervor und bat den Koch: »Lieber Freund, laß mich ein wenig von der schönen Speise kosten! Ich bin so hungrig, und es ist mir so flau zumut wie einem Fischer!«
»Darf's nicht tun«, versetzte der Koch, »wir haben selbst ein großes Hausgesinde!«
»Gib mir nur ein Tröpfchen von der Suppe!« bat der Kleine von neuem.
»Nun, so nimm!« sagte der Koch und reichte ihm den gefüllten Schöpflöffel hin.
Kaum aber war der Löffel in des Kleinen Hand, so hatte er im Augenblick den ganzen Kessel leergegessen und war unter dem Ofen verschwunden.
Der Koch erschrak. Was sollte er jetzt beginnen?
Ging also der Ärmste hin zu seinem Herrn und erzählte ihm unter Jammern und Klagen den Hergang der Sache.
Der Herr wollte seiner Rede anfangs keinen Glauben schenken, als aber der Koch bei Leib und Leben die Sache beschwor, ließ der Herr seinen Ärger fahren und befahl dem Koch, den Kessel von neuem aufzusetzen, fügte aber streng hinzu: »Sollte das kleine Männchen wiederkommen, so gib ihm mit dem Löffel tüchtig vor den Kopf!«
Der Koch machte sich ans Werk, und bald stand denn auch ein neues Festgericht auf dem Feuer. Wieder kam das Männchen unter dem Ofen hervor und bat den Koch, etwas von der Speise in das Säckchen zu füllen, das er am Halse trug.
»Darf's nicht tun!« sagte der Koch. »Der Herr befahl mir, dich mit dem Löffel auf den Kopf zu schlagen!«
»Schlag mich nicht, lieber Freund!« bat der kleine Mann. »Ich will dir auch beistehen, wenn du einmal in Not gerätst. Mein Weib daheim ist krank! Ich habe niemand, der mir ein Essen anrichtet oder Wasser herbeiträgt. Laß mich nur einen Schöpflöffel voll Suppe in diesen Sack gießen, um die Arme etwas zu erquicken!«
Der Koch dachte bei sich: 'Er wird ja nicht so unverschämt sein wie vorhin, und wieviel wird denn sein krankes Weib aufessen können!' Er reichte also dem Männchen den Löffel hin.
Im Augenblick war die ganze Suppe samt dem Fleisch in des kleinen Mannes Sack, er selbst aber verschwunden und der Kessel leer.
Was nun? Der Koch klagte seine Not wieder seinem Herrn und jammerte noch lauter als das erste Mal, aber der Herr ward über die Maßen zornig, schalt ihn heftig und drohte, ihn sogleich aus dem Hause zu jagen, wenn er noch ein drittes Mal seines Amtes nicht besser zu walten wüßte. Den kleinen Mann aber solle er augenblicklich totschlagen, wenn er sich wieder in der Küche zeigen würde.
Abermals stand ein neuer Kessel auf dem Feuer, und abermals erschien das kleine Männchen.
Der Koch ergriff den Schöpflöffel und rief: »Du Schelm, der Herr hat mir befohlen, dich auf der Stelle totzuschlagen!«
Der Kleine bat: »Tu es nicht, lieber Freund! Wer weiß, ob dich nicht auch Mangel und Hunger dereinst erwarten! Dann will ich wiederum dir helfen, wenn ich es vermag. Mein kleines Kind daheim ist siech und mein krankes Weib gestorben; so habe ich jetzt gar niemanden, der mir Speise kochen oder einen Trunk herbeischaffen könnte. Gib mir doch für mein hilfloses Kind wenigstens einen halben Löffel Suppe!«
Dem Koch ward's wieder weich ums Herz, und wieder meinte der gute Mann: »Wieviel kann denn solch ein elendes Kind essen?« - »Da greif denn zu!« sagte er.
Augenblicklich war aber der ganze Kessel wieder leer und der Kleine verschwunden.
Jetzt hatte der Koch seinen Lohn zu erwarten.
Mit zitternder Stimme meldete er seinem Herrn: »Der kleine Mann hat zum dritten Male die Suppe vom Feuer gestohlen!«
»Fort mit dir, du Bösewicht«, schrie der Herr, »da du mir aber bisher treu gedient hast, will ich dir noch gestatten, über Nacht im Hause zu bleiben. Morgen früh aber schnür dein Bündel und troll dich fort!«
Darauf gab der Herr dem Fronvogt Befehl, die Suppe zu kochen, und sagte: »Wenn der Kleine sich abermals zeigen sollte, so schlag ihn auf der Stelle tot!«
»Schon gut, Herr«, versetzte der Vogt, »ich will ihn tüchtig treffen!«
Der Kessel kam wieder aufs Feuer, und da war auch schon der kleine Mann zur Stelle und bettelte um Suppe.
»Also Suppe willst du Schelm?« schrie der Vogt und gab dem Kleinen mit dem Schöpflöffel einen solchen Schlag vor den Kopf, daß er wie ein Knäulchen zurück unter den Ofen rollte.
Darauf wurde die Suppe fertig, und der Herr hatte seine Lust daran. »Jetzt wird der Kleine wohl nicht wiederkommen, um sich die Finger zu verbrennen!« sagte er.
Am nächsten Tage lud sich der Koch ein Säckchen mit seinen Sachen auf und schickte sich an, die Küche zu verlassen.
Plötzlich stand der Kleine mit verbundenem Kopf vor ihm und sprach: »Komm, Freund, nimm auch von mir Abschied, ich will dir auch etwas auf den Weg mitgeben!«
Der Koch folgte auch wirklich dem Männchen.
Unter dem Ofen befand sich ein schönes, geräumiges Haus, wo allerlei seltsame Sachen und Geräte umherstanden.
Der Kleine führte den Koch durch das erste Gemach in eine Kammer, blieb vor einem Bretterfach stehen und langte eine Schachtel herunter. »Hier, mein Freund«, sprach er zum Koch, »nimm den Lohn für deine Wohltat! Hast du irgend etwas nötig, so klopfe nur mit dem Zeigefinger auf den Deckel der Schachtel und nenne deinen Wunsch!«
Der Koch bedankte sich für das Geschenk und kam wieder in die Küche zurück.
Da stand auch gerade der Vogt in der Küche.
Der Koch zog sein Schächtelchen hervor, klopfte mit dem Zeigefinger auf den Deckel und sprach: »Einen Brotsack für den Wandersmann!«
Augenblicklich war der Brotsack zur Stelle. So schaffte der Koch mit Hilfe des Schächtelchens noch viele andere Dinge herbei, und der Vogt konnte sich nicht genug darüber wundern. Endlich fragte er: »Sag doch, lieber Freund, wo hast du dies prächtige Schächtelchen her?«
Der Koch teilte dem Vogt alles mit und ging dann seines Weges.
'Wenn es so steht', dachte der Vogt, 'so muß ich von dem kleinen Mann auch solch ein Schächtelchen haben. Den Backenschlag von gestern will ich schon wieder gutmachen. Wart nur, der Kessel muß wieder aufs Feuer!'
Da stand nun der Vogt am Kessel, kochte und wartete, aber der Kleine zeigte sich nicht. Endlich rief der Vogt: »Freund, so komm doch zu Gast!«
Sofort war der Kleine da.
»Warum rufst du mich?« fragte er. »Ich habe vom Koch noch Speise in Hülle und Fülle zu Hause!«
»So koste doch nur, es ist dir ja geschenkt!« sagte der Vogt.
Der Kleine kostete von der Speise und sprach: »Schönen Dank! Aber komm jetzt mit mir, ich will dir alles vergelten!«
»Was braucht's da vieler Vergeltung!« sagte der Vogt und folgte dem Kleinen mit Freuden.
Jetzt erhielt auch der Vogt ein Schächtelchen, verließ aber den kleinen Mann ohne ein Wort des Dankes. Damit lief er zu seinem Herrn und bat ihn achtzugeben, was geschehen würde, wenn er mit dem Finger auf den Deckel klopfe.
Und so begann er zu klopfen.
Da flog aus der Schachtel ein kleines Männchen mit einer Eisenkeule heraus, fiel über den Herrn und den Vogt her und hieb so lange auf sie ein, bis beide halbtot am Boden lagen. Dann verschwand er samt der Schachtel.
Den Kleinen unter dem Ofen hat aber nachher niemand wiedergesehen.


[Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen]
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