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Es war einmal ein Mann, der konnte es nicht vertragen, zu arbeiten. Er spazierte nur zwecklos im Walde umher und schlief. Endlich mußte er Hunger leiden; er hatte nichts mehr zu beißen und zu brechen.
In dieser Lage kam zu ihm ein alter Mann und gab ihm den Rat: »Stell eine Falle auf und bet zu Gott, dann wirst du schon ein Tier fangen!«
Der Mann dachte: 'Sieh mal an, wieviel Mühe das ist!' Da aber sein Hunger immer größer wurde, konnte er sich nicht anders helfen. Er tat, wie er belehrt war: stellte die Falle auf und legte sich schlafen.
Als er aufwachte, sah er: ein Elentier steckte in der Falle. Der Mann fiel sogleich über das Tier her und begann, ihm das Fell abzuziehn.
Er hatte das Fell schon aufgeschnitten, als der grauköpfige Mann wieder zu ihm kam und sprach: »Nun, hab ich dir nicht gesagt: wenn du eine Falle aufstellst, so wird dir Gott einen Fang geben?«
Der Mann entgegnete: »Wieso hat Gott ihn mir gegeben? Ich selber habe die Falle gemacht und aufgestellt!«
Diese Antwort ärgerte den grauköpfigen Mann. Er klopfte mit seinem Stock auf das Elentier: da sprang es auf und lief in den Wald.
Der Mann eilte mit ausgebreiteten Armen hinterdrein und schrie dabei: »Gott hat dich gegeben! Gott hat dich gegeben!« Das Elentier achtete aber nicht darauf, sondern lief seines Wegs und verschwand im Walde.
Der Mann dachte: 'Jetzt muß ich aber dem alten Graukopf dafür tüchtig das Fell gerben!' Er blickte um sich: da war kein alter Graukopf mehr zu sehn. Nun erst begriff der Mann, daß es der liebe Gott selber gewesen war, der ihn gelehrt hatte, die Falle aufzustellen, und der jetzt das Elentier in den Wald fortgeklopft hatte.
Weil des Elentiers Fell am Bauch aufgeschnitten war, so wuchsen an dieser Stelle nachher weiße Haare. Deswegen hat das Elentier unter dem Bauch weiße Streifen.


[Estland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen]
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