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Einst machte ein Jüngling auf seinem Wanderweg an einem großen Stein Rast, um sich zu stärken, und als er satt war, streckte er die müden Glieder aus und lehnte den Kopf an den Stein. Im Schlaf suchten ihn komische Träume heim. Es war, als hätte an seinem Ohr eine tiefe, summende Stimme gesungen. Noch komischer aber war, daß diese Stimme auch dann weitersang, als er schon erwacht war. Dem Jüngling schien, als käme die Stimme aus dem Stein oder unter diesem hervor. Er drückte das Ohr fest an den Stein und hörte nun deutlich, daß das Summen aus dem Stein kam. Als er genauer hinhörte, vernahm er folgende Worte: »Glückskind! Rette mich aus meiner langen langweiligen Gefangenschaft! Siebenhundert Jahre schon muß ich durch einen Zauber hier schmachten, und auch der Tod erlöst mich nicht. Du bist bei Sonnenaufgang am Himmelfahrtstag zur Welt gekommen, und nur du allein kannst mich erlösen, wenn du den guten Willen hast, zu helfen!« Der Jüngling erwiderte zweifelnd: »Ich weiß nicht, ob Kraft und Wille gleich stark sind. Erzähle mir zuerst, wie du ins Unglück geraten bist, und dann rate mir, wie ich dir helfen könnte.« Das verborgene Stimmchen sagte: »Schneide dort, wo sich drei Güter treffen, vom Vogelbeerbaum einen Zweig, einen Finger dick und eine Spanne lang, nimm ein paar Handvoll Bärlapp und Hexenkraut, zünde alles zusammen an und beräuchere den Stein neunmal im Kreis gegen Sonnenaufgang, so daß kein Fleckchen unberäuchert bleibt. Dann werden sich die Tore meines Kerkers öffnen, und ich werde mich wieder der Sonne und des Windes erfreuen können. Ich werde dir für deine Wohltat grenzenlos dankbar sein und dich zu einem großen Mann machen.«
Der Jüngling überlegte ein Weilchen und sagte dann: »Dem Nächsten in der Not zu helfen, ist eines jeden Menschen Pflicht. Ich weiß zwar noch nicht, ob du ein guter oder ein böser Geist bist, aber ich will dir in deiner Not helfen. Doch bevor ich es tue, mußt du mir schwören, daß keinem Menschen daraus Schaden erwächst.« Das verborgene Stimmchen gelobte dem Jüngling, all seine Wünsche zu erfüllen.
Nun ging der Jüngling in den Wald, um das nötige Holz und die Kräuter für die Beräucherung zu suchen. Zum Glück kannte er die Stelle, wo sich drei Güter trafen und die nicht zu weit entfernt war. Es dauerte aber trotzdem bis zum Mittag des nächsten Tages, bis er alles Notwendige beisammen hatte. So war er erst gegen Abend wieder bei dem Stein zurück.
Eine ganze Weile nach Sonnenuntergang begann er, den Stein zu beräuchern, machte, wie geheißen, neun Kreise gegen Sonnenaufgang um den Stein und gab acht, daß auch nicht das kleinste Fleckchen ungeräuchert blieb. Als er gerade die neunte Runde beendete, donnerte es plötzlich gewaltig. In diesem Augenblick hob sich der Stein aus der Erde. Aus der Grube des Steins sprang wie der Wind ein kleines Männlein hervor und lief davon wie vom Teufel geritten. Es war aber noch keine fünf Schritte weit, da fiel der Stein ins Loch zurück und überschüttete den Jüngling und das Männlein mit Schutt und Staub. Das Männlein lief zu dem Jüngling, fiel ihm um den Hals und hätte ihm sogar Hände und Füße geküßt, doch jener sträubte sich. Dann setzten sich beide neben den Stein ins Gras, und das gerettete Männlein erzählte, was ihm zugestoßen war.
»Vor langer, langer Zeit war ich ein berühmter Weiser, ich tat den Menschen viel Gutes und wurde dafür reichlich belohnt. Ich heilte Menschen und Tiere, wenn ihnen etwas zustieß. Ebenso vereitelte ich den bösen Hexen das Werk, das sie zum Schaden der Menschen betrieben. Deshalb haßten sie mich und fürchteten sich vor mir wie vorm Feuer, denn ich war ihnen in allem überlegen. So rieten sie hin und her, wie sie meiner mächtig werden könnten, doch ich war jedesmal schlauer und vereitelte somit alle ihre Vorhaben. Schließlich legten sie eine große Menge Geld zusammen und sandten es mit einem Boten ins Nordland, wo sie einen mächtigen Hexenmeister zu Hilfe riefen. Diesem Bösewicht gelang es, mich durch Gerissenheit zu fangen. Heimlich entwendete er mir mein Werkzeug der Heilkunst und sperrte mich unter diesen Stein, wo ich so lange schmachten sollte, bis das Glück einen Mann herbeiführe, der am Himmelfahrtstage bei Sonnenaufgang geboren war. Siebenhundert Jahre mußte ich hier warten, bis der glückliche Augenblick kam, daß du vorbeigingst, meine flehende Bitte zu Herzen nahmst und mich befreitest. Hab Dank, unendlich viel Dank für deine Güte! Ohne Entgelt werde ich dir dienen und dankbar sein, all meine Macht und Weisheit in deine Dienste stellen, bis ich dich so hoch erhoben habe, wie es für einen Sterblichen nur möglich ist. Habe ich dieses Versprechen erfüllt, werde ich dich um Hilfe bitten, um meinem Feind alles Böse zu vergelten, sollte das Glück ihn mir zu Augen bringen. Bis zu diesem Tag werde ich mich vor den Blicken der Menschen verborgen halten, damit meine Feinde von meiner Befreiung nichts erfahren. Durch Zauberkraft vermag ich, jede beliebige Gestalt anzunehmen. So kann ich mich in einen Floh verwandeln und in deiner Hosentasche leben. Brauchst du jemals Hilfe oder Rat, werde ich hinter dein Ohr springen und sagen, was du zu tun hast. Wegen Speis und Trank brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Ich habe siebenhundert Jahre ohne einen Bissen unterm Stein verbracht, was sollte mir nun an frischer Luft und bei hellem Sonnenschein fehlen? Laß uns schlafen gehen, morgen früh machen wir uns auf den Weg, unser Glück zu versuchen.«
Als das Männlein nichts mehr sagte, verzehrte der Jüngling sein dürftiges Abendbrot und legte sich zur Ruhe. Als er am nächsten Morgen erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmelszelt, vom gestrigen Gefährten aber fehlte jede Spur. Schlaftrunken wußte der Jüngling nicht, was er von all dem halten sollte. War das Geschehene Wirklichkeit, oder hatte er nur geträumt?
Als er nun gefrühstückt hatte und sich gerade auf den Weg machen wollte, sah er drei Wanderer des Weges kommen. Diese sahen wie Handwerker aus, und jeder hatte einen Ranzen auf dem Rücken. Plötzlich fühlte der Jüngling ein Kitzeln hinterm Ohr, und eine feine Stimme summte ihm wie eine Mücke zu: »Lade die Wanderer zur Rast ein, und versuche zu erfahren, wohin der Weg sie führt!« Nun erinnerte sich der Jüngling, daß der gestrige Gefährte ihm versprochen hatte, in seiner Hosentasche zu leben und sein Ratgeber zu sein. Also war das Geschehene Wirklichkeit und kein Traum.
Er trat den Wanderburschen entgegen und bat sie freundlich, am Stein Rast zu machen, und falls sie den gleichen Weg hätten, zu viert weiterzuziehen. Die Wanderburschen erzählten ihm nun, daß sich in der Königsstadt vor ein paar Tagen ein großes Unglück zugetragen habe, die einzige Tochter des Königs soll beim Baden im Fluß ertrunken sein. Und obwohl das Wasser an dieser Stelle gar nicht allzu tief gewesen war, konnte man den Leichnam nicht mehr finden, als hätte sich die Königstochter im Wasser aufgelöste
Wieder verspürte der Jüngling das vertraute Kitzeln hinterm Ohr, und sein geheimer Ratgeber summte ihm zu: »Geh mit ihnen, du kannst dort dein Glück finden!« Der Jüngling folgte dem Rat und gesellte sich zu den anderen.
Als sie schon ein gutes Stück des Weges gegangen waren, gelangten sie in emen dichten Kiefernwald. Da sahen sie am Wege einen alten Bastranzen liegen. Der Ohrkitzler sprach: »Heb den alten Bastranzen auf, er wird euch von Nutzen sein!« Obwohl der Jüngling ihm nicht recht Glauben schenken wollte, hob er den Ranzen dennoch auf, hing ihn sich über und sagte schmunzelnd: »Der Mensch soll nicht verschmähen, was er zufallig am Wege findet. Wer weiß, wo dieser alte Ranzen uns zugute kommt.« Die Gefährten lachten darauf und erwiderten: »Von uns aus nimm ihn mit, der leere Ranzen wird deiner Schulter nicht schwerfallen.« .
Aber schon nach einigen Stunden sollten sie die geheimen Kräfte des Ranzens kennenlernen und sich beim Jüngling bedanken, das verschmähte Ding aufgehoben zu haben. Die brennende Mittagssonne trieb den Männern den Schweiß aus den Poren. Sie setzten sich unter einen schattigen Baum zur Rast und gedachten gerade, sich mit ihrer kargen Wegzehrung zu stärken, als der Ohrkitzler seinem Herrn ins Ohr summte: »Befiehl dem Ranzen, die Mahlzeit zu besorgen!« Der Jüngling dachte: >Will er mich auch zum besten haben, warum sollte ich meinen Gefährten einen Streich spielen?< Aber er band den Ranzen ab, legte ihn vor sich aufs Gras, klopfte mit dem Wanderstab darauf und rief: »Ranzen, Ranzen, schaffe uns eine Mahlzeit herbei!«
Hat man je auf der Welt gesehen oder gehört, was jetzt geschah! Die im Scherz gesprochenen Worte wurden wahr. An Stelle des Ranzens stand vor ihnen ein kleines weißgedecktes Tischlein voller Schüsseln mit allerlei Speisen und vier Löffeln daneben. Und was für leckere Sachen es dort gab! Eine Kraftbrühe aus frischem Fleisch Schweinebraten, Würstchen und Kuchen aus feinstem Mehl, für den Durst aber Flaschenbier, Schnaps und Honigwein. Die Männer machten sich darüber her, ohne gebeten zu werden, als säßen sie am Hochzeitstisch, denn noch nie im Leben hatten sie eine solche leckere Festspeise zu Munde bekommen. Als sie alle satt waren, verschwand das Tischlein ebenso plötzlich wie es erschienen war, und anstelle dessen lag wieder der alte Ranzen da.
Hatten die drei Gefährten sich anfangs über den Ranzenträger lustig gemacht, so wollte nun ein jeder den Ranzen selbst tragen, und schließlich drohte deshalb sogar ein Streit auszubrechen. Der Finder des Ranzens sagte aber: »Ich habe den alten Ranzen aufgehoben, also glaube ich mit Recht, er gehört mir.« Das konnten die anderen nicht bestreiten, und so mußten sie denn den Ranzen dem Finder überlassen. Doch wollten sie nun nicht mehr, daß der Ranzen so einfach auf dem Rücken getragen wird. Einer der Wanderer, ein gelernter Schneider, nahm Nadel und Faden aus seinem Ranzen und nähte für den alten, zerfetzten Ranzen aus einem Brotbeutel einen Überzug, in den sie den Nahrungsspender behutsam legten, damit er unterwegs nicht zufällig beschädigt würde.
Als die Männer sich nach dem Mittagsmahl ein paar Stunden ausgeruht hatten, machten sie sich eiligst wieder auf den Weg. Ein voller Bauch und ein von Hoffnung beschwingtes Herz sind auf Wanderwegen stets die heitersten Begleiter. Das war auch unseren Wandersleuten anzusehen, die singend und scherzend voranschritten. Am Abend richteten sie unter einem Busch ein Nachtlager, und der Ranzen sorgte wie am Mittag reichlich für Speis und Trank. Als die Männer sich zur Ruhe legten, war die größte Sorge für sie, wie sie den Ranzen bewachen sollten, daß er nicht einem Bösewicht in die Hände fiel. Zuletzt beschlossen sie, daß alle vier ihren Kopf auf den Ranzen legen und die Beine in Richtung Norden und Süden, Osten und Westen strecken sollten. Der Finder des Ranzens band außerdem noch ein Ende seines Gürtels an den Ranzen und das andere an die linke Hand, so daß er jede Bewegung des Ranzens bemerkt hätte. Obwohl sie ihren Speisespender nicht besser hätten bewachen können, wurden die Männer durch unruhige Träume mehrmals aus dem Schlaf geschreckt, wobei es das erste war, nachzufühlen, ob sich ihr Schatz noch an Ort und Stelle befand.
Am Morgen, bevor sie aufbrachen, schaffte der Ranzen auf Befehl im Handumdrehen das Frühstück herbei. So wiederholte sich das Glück jeden Tag, bis sie nach einer Woche in die Königsstadt gelangten. Dort summte der Ohrkitzler seinem Retter ins Ohr, die Königstochter sei von einem bösen Wassermann entführt und in seine Höhle verschleppt worden, und er versprach, ihm den Weg zu weisen, wo die Jungfrau verborgen gehalten werde.
Zunächst aber riet er dem Jüngling, vor den König zu treten und zu versprechen, er wollte die ertrunkene Königstochter aus dem Wasser holen. Sollte ihm dabei etwas zustoßen und er nicht mit dem Leben zurückkehren, müßte der König sich verpflichten, die Hälfte der versprochenen Belohnung seinen Eltern zu schicken, die andere Hälfte aber unter den Armen der Stadt zu verteilen. Obwohl der König nicht die geringste Hoffnung hegte, nach so langer Zeit auf die Spur der verschollenen Tochter zu kommen, nahm er das Anerbieten des Jünglings voller Freude an und versprach, mit der Belohnung so zu verfahren, wie der Jüngling es wünschte. Am folgenden Tage sollte der Jüngling sein Glück versuchen. Als sie das königliche Schloß verließen, summte der Ohrkitzler: »Fang dir heute abend drei Krebse, sie werden dir den Weg weisen!« Der Jüngling tat, wie geheißen.
Am nächsten Tag versammelten sich die Menschen in Scharen am Ufer, wo der Jüngling ins Wasser steigen sollte, um die verschwundene Königstochter zu suchen. Auch der König kam in Begleitung vieler würdiger Amtsträger, um dem Versuch des fremden Jünglings zuzusehen. Dann wurde die Kammerjungfer gerufen, die die Stelle zeigen sollte, wo die Königstochter in den Wogen verschwunden war, denn die Jungfer saß an diesem Tag am Ufer und sah mit eigenen Augen, wie sich die traurige Geschichte zugetragen hatte. Es war gleich zu sehen, daß man an dieser Stelle unmöglich hätte ertrinken können. Das Wasser war keine drei Fuß tief, der Grund fest und die Strömung sehr schwach. Mehr als dreihundert Schritt flußabwärts fand man zwar eine sehr tiefe Stelle, aber wie konnte die Königstochter so weit abgekommen sein? Mit rechten Dingen konnte es hier nicht zugehen.
Der Ratgeber summte dem Jüngling ins Ohr: »Setze heimlich einen Krebs ins Wasser, und paß auf, welche Richtung er einschlägt!« Der Jüngling tat augenblicklich, wie ihm geheißen. Er steckte eine Hand ins Wasser, als messe er die Tiefe des Wassers, und setzte dabei einen Krebs hinein, so daß niemand es sah. Der Krebs schwamm etwa zwanzig Schritt stromabwärts, drehte dann plötzlich nach links und verschwand unter dem Ufer. Der zweite und der dritte Krebs folgten dem Beispiel des ersten. Nun summte der Ratgeber dem Jüngling ins Ohr: »Den Weg kennen wir jetzt, es ist auch unser Weg. Stampfe dreimal mit dem Absatz aufs Ufer und springe dann kopfüber ins Wasser. Wir werden den rechten Weg schon finden!« Der Jüngling tat, wie befohlen, stampfte dreimal auf und sprang kopfüber ins Wasser, daß es nur so schäumte. Das Volk am Ufer harrte still der Dinge, die nun folgen sollten.
Unter dem Ufer fand der Jüngling eine Öffnung zu einer Höhle, in die ein Mensch bequem hineinpaßte. »Kriech hinein!« rief der Ratgeber. Als der Jüngling eine Weile mit Mühe vorangekrochen war, wurde der dunkle Gang plötzlich so breit, daß er aufrecht weitergehen konnte. Der Ratgeber riet ihm, mutig voranzuschreiten. Eine Weile später fiel ein Lichtschimmer auf den dunklen Weg, und bald umgab
den Jüngling wieder helles Licht. Vor ihm öffnete sich eine weite grüne Wiese, und etwas weiter stand ein großes Wohnhaus aus blauem Stein. »Merke dir nun gut, was ich dir sage«, sprach der Ratgeber, »und führe alles genau so aus, sonst wirst du die Königstochter nie aus ihrer Gefangenschaft befreien. Die Königstochter lebt dort im blauen Hause des Wassermanns. Zwei Bären bewachen Tag und Nacht das Tor, so daß kein Lebewesen hinein noch hinaus kann. Du mußt sie versöhnen. Nimm deinen Ranzen, und befiehl ihm, sich in einen Bienenstock zu verwandeln, wenn wir bei dem Tor sind. Wirf ihn den Bären zu, und schleiche dich hinter ihren Rücken ins Haus. Dort werden wir weitersehen.«
Als der Jüngling zum Tor gelangte, hörte er das Brummen der Bären und erschrak. Als er aber die Tiere selbst durch einen Spalt des Tores erblickte, rutschte ihm das Herz vollends in die Hosentasche. Dennoch warf er den Ranzen ab und befahl ihm, sich in einen Bienenstock zu verwandeln. Im Handumdrehen stand ein Bienenstock vor ihm, aber so schwer, daß er ihn nicht zu bewegen vermochte. Doch die Bären hatten den Honig gewittert, sie stießen das Tor auf und machten sich über den Bienenstock her, ohne sich um den Jüngling zu kümmern. Dieser eilte hinter ihren Rücken auf den Hof und geradewegs zur Haustür, die zum Glück nicht verschlossen war. Der Ratgeber summte: »Die rechte Kammertür hat einen goldenen Schlüssel, schließe damit die Tür ab und stecke den Schlüssel ein, dann kann der alte Wassermann nicht mehr heraus. In der linken Kammer mit dem silbernen Schlüssel schmachtet die Königstochter, die du befreien mußt.« Als der Jüngling mit dem goldenen Schlüssel die Tür abgeschlossen hatte, hörte er aus der Kammer ein so fürchterliches Gejaule, daß die Wände wackelten. Er steckte den Schlüssel in die Tasche und eilte zur Tür mit dem silbernen Schlüssel. Als er die Tür öffnete, sah er die Königstochter auf dem Bettrand sitzen und bitterlich weinen. Als sie den fremden Jüngling erblickte, erschrak sie heftig, aber als er ihr erzählte, daß er gekommen sei, um sie zu befreien, lief sie ihm voller Freude entgegen.
Der Jüngling sagte zu ihr: »Wir dürfen nicht länger hierbleiben, wir müssen fliehen, bevor die Bären den Bienenstock leergemacht haben!« Dann faßte er die Königstochter bei der Hand und zog sie mit sich vor die Tür des Hauses. Die Bären waren so mit dem Bienenstock beschäftigt, daß sie ihr Kommen überhaupt nicht bemerkten. Auf Zehenspitzen schlichen sich die beiden zum Hoftor hinaus. Der Jüngling schloß das Tor von außen ab, so daß die Bären nicht mehr herauskommen konnten, und sie machten sich flugs auf den Weg.
Der Ratgeber aber summte an seinem Ohr: »Ruf den Ranzen zurück!« Der Jüngling rief: »Ranzen, mein Ranzen, komm heim!« Augenblicks hatte er den Ranzen wieder auf dem Rücken. Als sie zur dunklen und engen Stelle des Weges gelangten, sagte der Jüngling zur Königstochter: »Fürchtet Euch nicht vor der Dunkelheit und der Enge, gleich sind wir da. Im Wasser drückt die Augen zu, bis ich Euch ans Ufer getragen habe.« Nun war der Gang aber viel breiter als beim Hereinkommen, so daß beide ungehindert vorankamen. Im Wasser des Flusses nahm er die Königstochter auf die Arme und trug sie ans Ufer.
Die meisten der Schaulustigen waren schon nach Hause gegangen, denn sie dachten, den Jüngling nie wiederzusehen. Der König aber saß mit seinem Gefolge noch am Ufer und sprach über das unglückliche Ereignis, als im Wasser plötzlich zwei Köpfe auftauchten. Wer könnte die Freude des Königs beschreiben, als er die für tot gehaltene Tochter quicklebendig vorfand. Der König fiel mal der Tochter, mal ihrem Retter um den Hals und vergoß Freudentränen. Ebenso weinten alle Menschen, die noch da waren, vor Freude. Als die freudige Nachricht aber mit Windeseile in die Stadt gelangte,. strömte das Volk in Scharen herbei, um das Wunder selbst zu sehen.
Auf Befehl des Königs mußte der Retter seiner Tochter mit aufs Schloß kommen, wo ihm die königliche Belohnung ausgezahlt wurde, dreimal mehr, als man ihm versprochen hatte. Am Abend, als der Jüngling sich im prächtigen Bett zur Ruhe legen wollte, summte der Ratgeber an seinem Ohr: »Du darfst nicht länger als ein paar Tage hierbleiben, dann müssen wir weiterziehen, denn nun bist du auf einmal sehr reich geworden. Ich glaube, der König würde mit der Zeit aus dir seinen Schwiegersohn machen, aber das wäre nicht gut. Du bist noch zu jung und unerfahren, es wäre nichts für dich, so hoch in Ehren zu stehen. Laß uns lieber in die weite Welt ziehen, bis du älter und erfahrener wirst!«
Obwohl dieser Rat dem Jüngling nicht besonders gefiel, beschloß er, auch jetzt nach seinem Rat zu handeln. Der König und die Königstochter baten zwar, er möge etwas länger ihr Gast sein, doch er durfte ihnen nicht nachgeben, denn das Männchen hatte ihm anders geraten. Als reicher Mann hätte er nun nicht mehr zu Fuß laufen müssen, sondern hätte in einer schönen Kutsche fahren können, da er aber keine Eile hatte und der Ranzen täglich für Speis und Trank sorgte, wanderte er wie gewohnt mehr zu Fuß als zu Pferde.
Eines Tages, als ihm gerade die Beine müde geworden waren, wurde er wieder hinterm Ohr gekitzelt, und das bekannte Stimmchen summte: »Du wirst verfolgt, und man will dir den Ranzen rauben, denn deine ehemaligen Gefährten haben in der Stadt über den wunderlichen Ranzen geplaudert, und alle möchten ihn nun in ihren Besitz bringen. Such dir eine Keule aus hartem Eichenholz, so lang, daß sie gerade in den Ranzen paßt. An einem Ende mach ihr ein Loch und gieß Blei hinein, dann wirst du einen wackeren Helfer haben, der dich vor deinen Feinden schützt.« Der Jüngling befolgte den Rat noch am selben Tage. Er schnitzte sich eine schwere Keule und steckte sie in den Ranzen.
Am nächsten Vormittag, als der Jüngling gerade durch einen dichten Wald ging, sprangen zehn Mann aus dem Dickicht und wollten ihn berauben. Der Ohrkitzler summte an seinem Ohr: »Hol die Keule aus dem Ranzen!« Der Jüngling holte die Keule hervor, und sieh, welch Wunder! Plötzlich war die Keule wie lebendig. Sie sprang den Räubern auf den Buckel und gerbte ihnen tüchtig das Fell, daß sie mehrere Tage lang lagen, ehe sie wieder laufen konnten.
An einem schönen Sommerabend gelangte der Wandersmann in ein großes Dorf, wo die Jugend sich auf dem Dorfplatz gerade lustig vergnügte. Die einen schaukelten Lieder singend auf der Dorfschaukel, andere schwangen nach der Musik der Ziehharmonika das Tanzbein. Plötzlich spürte der Wandersmann, der dem lustigen Treiben zusah, wie es hinter seinem Ohr kitzelte und summte: »Zu einer glücklichen Stunde sind wir hergekommen, denn auch mein Feind vergnügt sich hier. Wenn es uns gelingt, wie ich es mir gedacht habe, und wenn du genügend geschickt bist, werden wir ihn heute erwischen, und ich werde ihm das heimzahlen, was er verdient hat. Schau dir genau die Mädchen an, du findest dort eine, die an Stelle von Perlen ein fingerdickes Band um den Hals trägt. Versuche, mit dem Mädchen zu tanzen, und wenn ihr euch am schnellsten dreht, mußt du nach dem bunten Halsband greifen und es zerreißen, auch wenn du das Mädchen dabei erwürgst! Sie ist zäh wie eine Katze, ein wenig drücken schadet ihr gar nichts!«
Der Jüngling begab sich sofort auf die Tanzfläche, wo er aber eine Zeitlang suchen mußte, bis er unter den anderen das Mädchen mit dem bunten Halsband fand, dem die Burschen wegen ihrer Schönheit und ihres bauschigen Lockenkopfes wenig Ruhe gönnten.
Sobald unser Jüngling den rechten Augenblick fand, da das Mädchen gerade nicht im Arm eines anderen Burschen war, forderte er es zum Tanz auf. Mitten im größten Schwung griff er mit der rechten Hand nach dem bunten Halsband und zerriß es, daß die Stücke in alle Winde flogen. Ein herzzerreißendes, fürchterliches Wehgeheul — und das Mädchen war verschwunden!
Die jungen Leute ringsumher erschraken fürchterlich über das Gebrüll. Dann sahen sie ein graues Männlein mit einem langen Bart, das flink dem dichten Walde zulief, und einen anderen, der sich ihm auf den Fersen hielt, so daß der erstere nicht entkommen konnte. Die Entfernung und die Abenddämmerung brachten die beiden den Zurückgebliebenen bald aus den Augen, deshalb setzte das junge Volk allmählich sein Vergnügen wieder fort, als wäre nichts geschehen. Unser Jüngling sah dem lustigen Treiben noch eine gute Weile zu und machte sich dann auf, um für sich ein stilles Fleckchen zu suchen, wo er übernachten könnte.
Er war noch nicht weit aus dem Dorf, als er hinter sich jemanden mit schnellen Schritten kommen hörte. Er schaute sich um und sah, daß ein fremder Mann ihm folgte. »Warte, Brüderchen!« rief der Fremde. »Laß uns gemeinsam gehen! Oder erkennst du mich nicht? Ich bin wieder groß und stark geworden und fremd für dein Auge, doch bin ich wie vorher dein Schuldner, weil du mich aus siebenhundert jähriger Gefangenschaft erlöstest und heute meinen ärgsten Feind in meine Gewalt brachtest, so daß ich nicht mehr in deiner Hosentasche leben muß.«
Nun erzählte er dem Jüngling, wie er seinen Feind im Walde gefesselt habe, der ja nicht mehr entwischen konnte, denn mit dem zerrissenen Zauberhalsband, das nichts weiter als eine lebendige Schlange gewesen, war auch all seine Zauberkraft hin. Dem Feind aber sollte noch ein paar Tage lang mit einem Knüppel das Fell gegerbt werden, damit er den Ort angebe, wo er vor siebenhundert Jahren die drei Königstöchter und einen unermeßlichen Schatz verborgen hatte. »Finden wir den Schatz und die Königstöchter, bist du ein reicher und glücklicher Mann, wenn du es vermagst, die Königstöchter aus ihrem Zauberschlaf zu wecken.« Nach diesem langen Bericht stärkten sich beide aus dem Ranzen und legten sich danach zur Ruhe.
Am nächsten Morgen gingen sie in den Wald, um nach dem gefangenen Zauberer zu sehen. Da stand das arme Männlein, Hände und Beine mit einem starken Strick gefesselt und ein Querholz hinter den Knien, daß es wie ein zusammengerollter Igel aussah. Der weise Mann sprach: »Knüppel aus dem Ranzen!«
Da sprang der Knüppel dem gefesselten Zauberer auf den Buckel und schlug drauflos, als wollte er ihm alle Glieder brechen. Der Zauberer flehte um Gnade und versprach, alles zu gestehen. Als man ihn aber nach den Königstöchtern und dem Schatz fragte, sagte er, er habe den Ort nach so langer Zeit vergessen. Wieder wurde der Knüppel aus dem Ranzen gelassen. Da der Zauberer nun alle Hoffnung auf ein Entkommen verlor, gestand er schließlich, wo die Königstöchter und der Schatz zu finden wären. Der Weise sagte: »Du wirst mein Gefangener sein, bis wir alles gefunden haben. Du kannst aber nicht hierbleiben, wo dich zufällig ein Mensch finden könnte und aus Mitleid deine Bande lösen würde.«
Mit diesen Worten hob er sich das Männlein wie ein Knäuel auf die Schulter und trug es an den Rand eines tiefen Abgrundes, wo er es hinabschleuderte, daß seine Knochen krachten. »Warte hier«, lachte der Weise, »bis wir wieder da sind!« Dem Jüngling erklärte der Weise, daß sie zum gewünschten Ort nur durch Zauberkraft gelangten, weil es sonst zu weit wäre, und der Ranzen würde ihnen als Fuhrwerk dienen. Auf seinen Befehl verwandelte sich der Ranzen in einen Schweinetrog, wo beide gerade so viel Platz hatten, daß sie bequem sitzen oder liegen konnten. An beiden Seiten hatte der Trog Flügel. Als beide Männer drinsaßen, erhob sich der Trog bis zu den niedrigsten Wolken und flog in Richtung Süden. Auf Befehl des Weisen spendete der Trog den beiden jeden Tag Speis und Trank wie vorher der Ranzen, so daß es ihnen an nichts fehlte. Auch wurde ihr Schifflein nie müde und eilte Tag und Nacht unaufhaltsam weiter. Nach einer Woche befahl der Weise dem Trog, daß er sie absetze. Sie waren zu einer unendlich großen heißen Wüste gelangt, wo nichts weiter zu sehen war, als einige Ruinen von alten Wohnstätten. Der Weise verwandelte den Trog nun wieder in den Ranzen und gab ihn seinem Gefährten zu tragen, wobei er sagte: »Du hast noch einen Weg von einigen Tagen vor dir, ich darf dich aber nicht weiter begleiten.« Dann scharrte er unter einem Mauerrest den Sand beiseite, und alsbald kam dort eine Luke zum Vorschein. Als er die Luke anhob, öffnete sich ihnen eine Treppe. Dann fing der Weise eine große Fliege und steckte sie in ein kleines Schächtelchen. Dem Jüngling aber sagte er: »Wirst du gefragt, wer diese oder jene Königstochter sei, dann laß die Fliege los und paß auf, wo sie hinfliegt. Die Fliege wird dir die Jungfrau zeigen, nach der man dich gefragt hat.«
Danach machte sich der Jüngling auf den Weg, mochte es nun Glück oder Unglück bringen. Wie ihm schien, war er dann schon länger als eine Zeit zwischen zwei Mahlzeiten die dunkle Treppe hinabgestiegen, als er Müdigkeit in den Beinen und Hunger im Magen verspürte. Er setzte sich auf eine der Treppenstufen nieder, stärkte sich mit Speis und Trank, ruhte ein wenig und stieg dann weiter in die Tiefe. Nach einer Weile erfaßte sein Auge einen Lichtschimmer, und nach einer halben Stunde gelangte er in eine fremde Gegend, wo er ein stattliches Schloß erblickte. Munter schritt er darauf zu.
Am Tor kam ihm ein kleiner Alter mit grauem Haupt und Bart entgegen und sagte: »Komm, Brüderchen, versuche dein Heil! Kannst du mir sagen, welche die jüngste Tochter des Königs ist, so nimm ihre Hand, und die Schlafenden werden sogleich erwachen. Solltest du dich irren, fällst du in ebensolchen Schlaf!«
Der Jüngling trat ein, holte heimlich das Schächtelchen hervor und folgte dem Alten, bis sie ins dritte Zimmer gelangten. Dort schliefen auf einem wunderschönen Seidenbett drei wunderschöne Jungfrauen, die sich aber alle drei so ähnlich sahen, daß man keinen Unterschied hätte machen können. Als der Jüngling sich die Mädchen eine Weile zögernd angeschaut hatte und weder ein noch aus wußte, ließ er die Fliege los. Sie flog im Zimmer hin und her und setzte sich schließlich auf die Stirn des mittleren Mädchens. Der Jüngling trat näher, nahm die Hand der Jungfrau und sagte: »Das ist die jüngste Königstochter.« Im selben Augenblick erwachten die Königstöchter aus ihrem Schlaf, sie standen auf, und die jüngste Schwester fiel ihrem Retter um den Hals und sagte: »Sei willkommen, liebster Bräutigam, der du uns aus unserem langen Zauberschlaf erlöst hast. Jetzt aber laßt uns heim eilen.«
Auf dem Rückweg konnte der Jüngling nicht mehr die Treppe finden, als sie sich aber eine Weile durch den finsteren Gang getastet hatten, umgab sie plötzlich heller Sonnenschein. An Stelle der Wüste sahen sie grünende Gärten und Wiesen voller Blumen und an Stelle der alten Mauerreste ein stolzes Schloß, umgeben von einer großen Stadt.
Der Weise kam ihnen auf halbem Wege entgegen, nahm den Jüngling bei der Hand und führte ihn ein wenig abseits, an einen kleinen Teich mit klarem Wasser und Büschen am Ufer. »Schau in den Wasserspiegel!« befahl der Weise. Der Jüngling tat, wie geheißen, doch schien ihm, daß seine Augen ihn täuschten. Wohl hatte sein Antlitz sich nicht verändert, nur die prächtigen königlichen Kleider aus Samt und Gold kamen ihm recht fremd vor. »Wo kommen die prächtigen Kleider her?« fragte der Jüngling. Der Weise erwiderte: »Das war der letzte Dienst, den dir der Ranzen erwiesen hat. Weiterhin brauchst du seine und meine Hilfe nicht mehr, denn in ein paar Tagen wirst du Schwiegersohn des Königs sein und späterhin selbst König werden, wenn der alte König seine müden Augen geschlossen hat. Damit hoffe ich, dir meine Schuld abgetragen zu haben.« — »Mehr als tausendfach!« rief der Jüngling freudig, und sie nahmen voneinander Abschied.
Nach einigen Tagen wurde die Hochzeit der jüngsten Tochter des Königs und des Jünglings gefeiert. Und als nach einem Jahr der alte König für immer die Augen schloß, wurde der Jüngling zum König ernannt, der wohl heute noch regiert, wenn er nicht gestorben ist.



Quelle:
(Estland)
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