Ein Mensch, der in der Welt nicht gar viel herum gewesen, bestieg einmal seinen Esel, um seinen Oheim zu besuchen, der im nächsten Dorfe wohnte. Der Oheim, welcher seinen Neffen sehr liebte, war hocherfreut, ihn unter seinem Dache bewirten zu können. Er empfing ihn mit ungewöhnlicher Herzensfreude, sass mit dem Neffen abends zu Tische, plauderte mancherlei und trank ihm so lange zu, bis derselbe einige Gläser übers Mass getrunken hatte. Am frühen Morgen des anderen Tags, als sie aufwachten, war dem Neffen gar ungewöhnlich zu Mute. Es war ihm, als sei in seinem Kopfe ein Mühlrad im vollen Gange. Er drehte und wendete den Kopf bald hin, bald her, bald rechts, bald links; es half nichts: das Rad sauste und brauste fort. Nachdem er sich hübsch lange vergeblich abgemüht hatte, des Sausens ledig zu werden, fiel ihm ein, dass sein Esel noch nicht getränkt worden sei. Er führte daher das Tier zum nächsten Bache. Der Esel trank, bis er endlich genug hatte. Vergeblich mühte sich der Neffe ab, das Tier durch Pfeifen einzuladen, noch etwas zu trinken. Da führte er den Zeigefinger zu seiner Stirn und sprach mit bedeutungsvoller Miene: »Mein liebes Tier, Du scheinst klüger zu sein, als ich bin. Hätte ich am gestrigen Abende gethan, wie Du jetzt, ich würde heute nicht nötig haben, einen Zentnerschädel mit Sausen und Brausen herumzutragen.«

[Ukraine: Raimund Friedrich Kaindl: Ruthenische Märchen und Mythen aus der Bukowina]

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