Es waren einmal Bruder und Schwester. Sie war noch klein, als er zu den Soldaten mußte. Doch als sie herangewachsen war, schrieb ihr der Bruder: »Komm zu mir, Schwester, und bleib bei mir als Gast!« Sie war aber arm und hatte nur eine einzige Magd; und sie machte sich mit ihr auf und wanderte zu Fuß. Unterwegs gesellte sich ein Hündlein zu ihnen. Als sie an ein Flüßchen kamen, sprach die Magd zu der Schwester: »Wascht Euch, Herrin, schminkt Euch, Herrin! Schande wär's, sich dem Bruder so zu zeigen.« Das Hündchen aber bellte:

»Wau, wau, Herrin!
Wasch dich nicht, Herrin:
Blut floß in diesen Fluß hinein,
In seinem Wasser kochte man Leberlein!«

Da packte die Magd das Hündchen und hackte ihm eine Pfote ab. Aber auch auf drei Pfoten humpelte das Hündchen ihnen nach. Dann kamen sie an das zweite Flüßchen. Sprach die Magd wiederum: »Wascht Euch, Herrin, schminkt Euch, Herrin! Schande wär's, sich dem Bruder so zu zeigen.« Das Hündchen aber bellte:

»Wau, wau, Herrin!
Wasch dich nicht, Herrin:
Blut floß in diesen Fluß hinein,
In seinem Wasser kochte man Leberlein!«

Da hackte ihm die Magd die zweite Pfote ab. Sie kamen zum dritten Flüßchen; das Hündlein aber bellte wie vorher. Da schlug ihm die Magd die dritte Pfote ab. Sie kamen dann zum vierten Flüßchen, und die Magd hackte die letzte Pfote ab. Sie gingen weiter, und das Hündchen rollte hinter ihnen her. Als sie beim fünften Flüßchen anlangten, sprach die Magd abermals: »Wascht Euch, Herrin, schminkt Euch, Herrin! Schande wär's, sich dem Bruder so zu zeigen.« Das Hündlein aber bellte:

»Wau, wau, Herrin!
Wasch dich nicht, Herrin:
Blut floß in diesen Fluß hinein,
In seinem Wasser kochte man Leberlein!«

Da packte die Magd das Hündchen und schlug ihm den Kopf ab. Sie gingen weiter und kamen zum sechsten Flüßchen. Die Magd sprach wie vorher: »Wascht Euch, Herrin, schminkt Euch, Herrin! Schande wär's, sich dem Bruder so zu zeigen.« Da beugte sich die Schwester nieder, um sich zu waschen; die Magd aber stieß sie ins Wasser hinein. Das Flüßchen jedoch war tief und reißend, und die Herrin begann schon unterzusinken. Sprach die Magd zu ihr: »Hör mich an: ich werf dir einen Strick zu und zieh dich heraus, wenn du dem Bruder sagst, ich sei die Herrin und du meine Magd.« Da willigte die Herrin ein, und die Magd zog sie heraus; sie wechselten die Kleider und gingen von dannen.
Sie kamen zum Bruder, und die Magd sprach zu ihm: »Guten Tag, Bruder! Hier, meine Magd hat mich unterwegs beschimpft! Kannst du sie nicht bestrafen?« Da schickte er die Herrin Pferde hüten. Er bemerkte aber, daß die Rosse magerer wurden, und nahm sich den Wärter vor. Aber der Wärter wußte selbst nicht, warum die Pferde so traurig waren, nichts fraßen und nichts tranken; doch er merkte wohl, daß die Rosse hungrig und traurig von der Weide kamen. Er gab auf sie acht und ging der Magd nach; er stellte sich von weitem auf und sah, daß sie sich unter einen Baum setzte und anfing, ihre Haare mit einem goldenen Kamm zu kämmen; dazu weinte sie und sang mit trauriger Stimme:

»Ach, ihr meine Rosse, schwarzbraune Rosse!
Vom seidigen Grase freßt ihr,
Vom Quellenwasser trinkt ihr! ...«

Die Pferde aber standen still, tranken nicht und fraßen nicht und sprachen:

»Wie sollten wir trinken, wie sollten wir fressen:
Wenn unsere Herrin selbst uns hütet!«

Und so geschah es das erste Mal und das zweite und dritte Mal. Der Wärter aber ging hin und erzählte alles dem Herrn. Da ging der Herr selbst hin und sah es auch mit an. Er trat zu der Magd heran und sprach: »Sage mir doch, um Gottes willen, was singst du da?« Da gestand sie ihm alles, und daß sie den Tod gefürchtet und es zugelassen habe, daß die Magd ihn betrüge. Der Herr führte nun seine Schwester in sein Haus, die Magd aber ließ er an den Schweif eines wilden Pferdes binden und auf dem freien Felde zu Tode schleifen.

[Rußland: August von Löwis of Menar: Russische Volksmärchen]

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