Einem armen Mann wurde ein Sohn geboren. Der Junge erhielt den Namen Platan-bai. Er wuchs schnell heran und verwandelte sich bald in einen stattlichen Jungling. Einmal ruhte sich Platan-bai mit seinem Freund Aschik unter einem Baum aus. Plötzlich sah er, daß sich ein Mädchen mit goldenem Haar auf einem geflügelten Schimmel auf dem Baumwipfel niederließ. Aber als das schöne Mädchen die Jünglinge sah, verschwand es ebenso rasch wie es gekommen war. Drei Tage wartete Platan-bai, aber das Mädchen zeigte sich nicht wieder. Am vierten Tag legten die beiden Freunde Reisekleidung an, schwangen sich auf ihre Pferde und brachen auf, um das schöne Mädchen zu suchen. Sie ritten Tag und Nacht und kamen an so öde Stellen, wo nicht einmal ein Rabe hinflog.
Einmal trafen sie ein altes Männlein, klein wie ein Däumling und mit einem Bärtchen, winzig wie ein Senfkorn. Das Männlein fragte, wohin sie ritten und was sie suchten. Platan-bai erzählte ihm von dem Mädchen. „Mein Sohn“, sprach der Alte, „ich kenne eine sehr schöne Peri*4). Einmal flog sie durch die Lüfte, zum Heimkehren war es schon zu spät, und gebar im Wipfel einer Platane ein Töchterchen. Zur selben Zeit brachte dich deine Mutter unter derselben Platane zur Welt. Die Peri betrachtete ihre Tochter, dann dich und sagte: Obwohl der Junge ein Mensch ist, meine Tochter dagegen eine Peri, sind beide zur gleichen Zeit und an der gleichen Stelle zur Welt gekommen. Mögen ihre Schicksalsfäden für immer verknüpft bleiben. Sie hinterließ ein Zeichen an deiner Stirn und flog davon.“
„Wo finde ich aber die Tochter der Peri?“ fragte der Jüngling. „Sobald der Morgen graut, erblickt ihr einen Weg. Geht diesen Weg entlang, er führt euch zu einer Jurte. In der Jurte schläft ein Mädchen, das ist die Tochter der Peri. Sie hat sehr lange goldene Zöpfe. Ihr müßt sie euch um die Hüften schlingen, damit das Mädchen nicht davonfliegt.“ Das gesagt, verschwand der Alte, als sei er im Erdboden versunken.
Platan-bai und Aschik taten, wie der Alte geheißen, und kamen wirklich zu der Jurte, in der das schöne Mädchen schlief. Die beiden Freunde schlangen sich die Zöpfe fünfmal um die Hüften und weckten dann das Mädchen. „Wer seid ihr? Was wollt ihr von mir?“ rief sie erschrocken. „Ich bin der Junge, der zur selben Stunde wie du unter der Platane geboren wurde“, antwortete Platan-bai. Das Mädchen erzählte das der Mutter. Diese sah das Zeichen auf der Stirn des Jünglings, das sie einst hinterlassen, und gab ihm die Tochter zur Frau.
Platan-bai ließ sich mit seiner schönen jungen Frau und seinem Freund Aschik in einer Schlucht mitten im Gebirge nieder. Täglich gingen die Freunde auf die Jagd, die junge Frau blieb zu Hause. Einmal begab sie sich an den Fluß, um das Haar zu waschen. Ein Härchen fiel ins Wasser und trieb davon. Es schwamm bis zur Mühle des Khans und geriet ins Mühlrad. Das Rad blieb stehen. Als der Khan das sah, versammelte er seine Gefolgschaft und befahl: „Das goldene Haar eines Perimädchens hat meine Mühle zum Stehen gebracht. Wer das Mädchen findet, der soll reich belohnt werden.“ Da trat eine alte Frau vor, sie hatte ein kupfernes Gesicht und vorquellende Augen. „Ich finde das Mädchen mit dem goldenen Haar. Schenke du mir dafür einen jungen Reitersmann“, bat die Alte. Der Khan war einverstanden.
Die Alte stieg in ein Boot und ruderte stromaufwärts bis zu der Stelle, wo Platan-bai mit seiner Frau und seinem Freund wohnte. Die Alte fand auch die Jurte, trat ein und begann zu jammern: „Liebes Töchterchen, ich bin eine arme, unglückliche alte Frau. Niemand speist mich, ich habe nicht einmal ein Dach über dem Kopf. Erbarme dich meiner, laß mich nicht einsam und verlassen durch die Welt ziehen. Ich will dir nach besten Kräften behilflich sein.“ Der schönen jungen Frau tat die Alte leid, und sie gewährte ihr Obdach.
Es vergingen einige Tage. Einmal brachen die Männer wieder zur Jagd auf. Die Alte ging mit der jungen Frau am Fluß spazieren. Als sie sich dem Ufer näherten, wies die Alte auf das festgemachte Boot und fragte: „Töchterchen, meine Augen sind so schwach, schau doch, was schaukelt dort auf dem Wasser?“ Die Tochter der Peri hatte noch nie ein Boot gesehen und war um die Antwort verlegen. Da führte die Alte sie zum Boot, ließ sie neben sich Platz nehmen und stieß ab. Das Boot trieb stromabwärts. „Wir wollen uns ein wenig treiben lassen, unterdessen kannst du dich überzeugen, wie schön die Welt ist“, sagte die Alte. Die junge Frau bewunderte die Flußufer und bemerkte nicht, daß sie sich immer weiter von ihrem Heim entfernten.
Die Alte brachte die junge Schöne zum Khan und erhielt den versprochenen Lohn. Die Tochter der Peri ließ er einsperren und befahl der Wache, niemanden zu ihr einzulassen.
Platan-bai kehrte mit seinem Freund nach Hause zurück, die beiden suchten nach der jungen Frau, konnten sie aber nicht finden. Lange irrten die Freunde herum, schließlich erreichten sie die Stadt, wo die Hochzeit des Khans gefeiert wurde. An der Hochzeitstafel saßen so viele Gäste, daß sich nicht einmal eine Ameise hätte durchzwängen können. Platan-bai erblickte die Braut an der Tafel und erkannte seine Frau. Da stieß er einen Vogelpfiff aus, um sie von seiner Anwesenheit zu verständigen. Die junge Frau hörte den Pfiff, machte sich das allgemeine Gedränge zunutze und stahl sich von der Tafel fort. Sie lief zu Platan-bai und Aschik, umgürtete sie mit ihren Zöpfen, und zu dritt erhoben sie sich in die Lüfte. Die drei flogen über die Berge, schwebten zur Erde nieder und setzten ihren Weg zu Fuß fort.
Der Khan aber beschloß, sich an ihnen zu rächen.
Einmal hatte Aschik einen prophetischen Traum und sagte zu seinem Freund: „Ich habe einen Traum gehabt, ich erzähle dir später davon, aber zuerst möchte ich dich bitten, daß du mir drei Wünsche erfüllst.“ Als sie sich einem fremden Dorf näherten, kamen ihnen drei Reiter des Khans entgegen, die drei Pferde am Zügel führten. Die Sättel der Pferde für Platan-bai und Aschik waren mit Gift bestrichen. „Nimm die Pferde nicht an, wenn man sie dir anbietet“, sagte Aschik. Platan-bai befolgte die Worte. Kaum waren sie weiter gewandert, als ein Reiter des Khans mit einem Habicht auf der Faust erschien. „Nimm den Habicht nicht an“, sagte Aschik, verbrannte die vergiftete Fessel und ließ den Vogel frei. Nach einer Weile trafen sie einen Reiter, der ihnen reichbestickte Gewänder vom Khan übergeben sollte. „Zieh nichts davon an“, sagte Aschik und warf die Gewänder ins Feuer.
Endlich erreichten sie ihr Heim,
Bald darauf heiratete Aschik ein gutherziges schönes Mädchen, und Platan-bai schenkte ihm die Hälfte seiner Reichtümer. Aber der Reichtum zerrann Aschik unter den Händen. Platan-bai konnte das nicht begreifen und fragte den Freund einmal nach der Ursache. Und da erzählte ihm Aschik seinen Traum. Er hatte von dem alten Mann geträumt, der ihm sagte, daß der Khan auf Rache sinne. Er würde ihnen Pferde mit Sätteln schicken, die mit Gift bestrichen seien, dann einen Habicht mit vergifteter Fessel und schließlich mit Gift getränikte Gewänder. Nichts davon dürften sie annehmen. Er dürfe den Traum auch niemandem vor der Zeit erzählen. Nur er, Aschik, könne Platan-bai und die Tochter der Peri vor dem Tode retten. Aber dafür werde er nie zu Reichtum kommen. Würde er aber den Reichtum wählen, müßten seine Freunde umkommen.
Als Platan-bai das erfuhr, gewann er den Freund für dessen Treue und Edelmut noch lieber. Sie trennten sich nie und lebten alle zusammen bis in ihr hohes Alter glücklich und zufrieden.


Quelle:
(kirgisisches Märchen)

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