Es lebten einmal ein alter Mann und eine alte Frau. Der alte Mann hatte eine eigene Tochter und auch die alte Frau hatte eine eigene Tochter. Ihre Tochter hat die alte Frau verwöhnt und gehütet, die Tochter des alten Mannes aber hat sie beschimpft und dazu gezwungen, die schwersten Hausarbeiten zu machen. Das Mädchen lehnte nie eine Arbeit ab und führte sie stets schnell und sorgfältig aus. Die alte Frau wurde aber deswegen nur immer böser und dachte ständig daran, die Stieftochter loszuwerden.
Eines Tages im Winter fuhr der alte Mann in die Stadt auf den Markt. Die alte Frau rief das Mädchen herbei und befahl ihr, in den Wald zu gehen und Holz zusammenzutragen. Das Mädchen hatte keine andere Wahl, als sich auf den Weg zu machen. Die Luft war eiskalt, der Wind tönte in den Baumästen. Die alte Frau und ihre Tochter gingen in warmem Haus umher und sagten sich:
„Sie wird nicht zurückkehren, die Göre, sie wird erfrieren.“
Das Mädchen hielt unter einer Tanne und hörte ein Krachen in den Ästen, das war der gestrenge Frost, der von Baum zu Baum sprang, die Äste knickte und am Holz klopfte. Er kam von der Tanne herunter und sprach:
„Ich grüße dich, schönes Mädchen. Wozu bist du bei dieser Kälte in den Wald gegangen?“
Das Mädchen erzählte ihm, dass sie nicht aus eigenem Wunsch zum Holzsammeln hergekommen war. Der gestrenge Frost sagte:
„Nein, nicht zum Holzsammeln bist du hergeschickt worden. Aber da du schon in meinen Wald gekommen bist, zeige mir, was für eine Handarbeiterin du bist. Nähe mir aus diesem Stück Leinen ein Hemd.“ Und er verschwand.
Ohne langes Zögern machte sich das Mädchen an die Arbeit. Wenn ihre Finger kalt vom Frost wurden, hauchte sie sie mit ihrem Atem an und nähte weiter, die ganze Nacht hindurch. Am Morgen erschien der gestrenge Frost, sah das Hemd und lobte das Mädchen:
„Wie die Arbeit ist, so ist auch die Belohnung.“
Er kleidete das Mädchen in einen Nerzmantel, gab ihr einen wunderbar verzierten warmen Schal, stellte eine große Truhe auf und sprach:
„Auf Wiedersehen, schönes Mädchen, mein Pferd wird dich nach Hause tragen.“ Indessen saßen die alte Frau und ihre Tochter zu Hause und freuten sich:
„Sie wird nicht mehr nach Hause zurückkehren.“
Und der Hund unter dem Tisch bellte:
„Wuff, Wuff, die Tochter des Alten kommt zurück, führt reiche Geschenke mit sich und die Tochter der Alten wird niemand je heiraten wollen.“
Die alte Frau schlug den Hund mit einem Besen, gab ihm zu fressen, er hörte aber nicht auf. Da öffnete sich die Tür und das Mädchen kam hinein, glücklich, schön und reich gekleidet.
Die alte Frau und ihre Tochter stürzten sich auf die Truhe, nahmen schöne Gewänder und Schmuck heraus und begannen, das Mädchen auszufragen, wo sie das herhatte, wer ihr das gegeben hatte. Als die alte Frau herausfand, dass der gestrenge Frost das Mädchen belohnt hatte, begann sie im Haus umherzulaufen, zog ihre Tochter warm an und schickte sie in den Wald:
„Sie wird zwei solche Truhen bringen!“
So traf die Tochter im Wald den gestrengen Frost, und der fragte sie
„Wozu bist du, schönes Mädchen, hergekommen?“
Diese antwortete: „Als ob du das nicht selber wüsstest! Ich will mein reiches Geschenk abholen.“
Der gesengte Frost lachte leise. „Dann zeige mir doch erst einmal, was für eine Handarbeiterin du bist. Sticke mir zwei Handschuhe!“
Er gab ihr Sticknadeln und ein Wollknäuel und verschwand. Die Tochter der alten Frau aber warf die Sticknadeln in den Schnee:
„Ich sticke doch nicht bei solcher Kälte! Da friere ich mir ja die Finger ab!“
Am Morgen kam der gestrenge Frost um die Arbeit abzunehmen. Die Tochter der alten Frau stürzte sich auf ihn:
„Was für eine Arbeit, du alte Narr? Siehst du nicht, dass ich fast zu Tode erfroren bin?“
„Nun, wie die Arbeit, so auch die Belohnung.“
– Sprach der gestrenge Frost, zückte seine Wünschelrute, ein Schneesturm kam auf und wehte alle Wege und Pfade zu.
Die alte Frau buk indessen zu Hause Pfannkuchen und wartete auf die Tochter mit den Geschenken. Und der Hund saß unter dem Tisch und bellte:
„ Wuff, Wuff, die Tochter des Alten wird bald heiraten und die Tochter der Alten kommt nicht aus dem Wald zurück!“ Da regte sich die alte Frau auf:
„Und was, wenn sie die reichen Geschenke unterwegs verliert?“
Sie zog sich einen Mantel und einen Schal an und beeilte sich zu ihrer Tochter. Bald kam der alte Mann zurück und fand weder die alte Frau noch ihre Tochter zu Hause. Er rief die Nachbarn zusammen und machte sich auf die Suche in den Wald. Lange suchten sie, gruben im Schnee herum, konnten aber niemanden finden. Und so begann der alte Mann, allein mit seiner Tochter zu leben.
Und im Frühling bat ein junger Mann um die Hand der Tochter, ein Schmied. Und so lebten sie in Liebe und Einverständnis.

Quelle:
(Russland)

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