Es war einmal ein armer Mann, der schlief zur Erntezeit auf seiner Tenne. In der Nacht kamen drei Neraiden und tanzten auf der Tenne, bis bei Tagesanbruch die Hähne krähten. Zuerst krähte der weiße Hahn; da sprachen sie zu einander: »Es ist der weiße, der mag krähen!« und tanzten weiter. Darauf krähte der rote, und sie sprachen zueinander: »Es ist der rote, der mag krähen!« und tanzten weiter. Endlich krähte der schwarze; da riefen sie: »Jetzt ist es Zeit, unsere Flügel zu nehmen und aufzubrechen,« und flogen weg.
Der Mann aber beschloß, sich eine von diesen Neraiden zu fangen. Als sie nun in der folgenden Nacht wiederkamen und bis zum Tagesanbruch tanzten, und der weiße und der rote Hahn nach der Reihe krähten, da sprachen sie wie in der ersten Nacht und fuhren fort zu tanzen; als aber der schwarze Hahn krähte, da riefen sie: »Jetzt ist es Zeit, unsere Flügel zu nehmen und aufzubrechen.« Der Mann hatte jedoch der jüngsten die Flügel weggenommen, und so konnte sie nicht fort, als die beiden andern wegflogen.
Als diese weg waren, kam der Mann aus seinem Verstecke hervor und sprach: »Ich habe deine Flügel und will dich zur Frau nehmen.« Und sie sprach: »Ich bin es zufrieden.« Darauf nahm er sie mit in sein Haus, ließ sich mit ihr einsegnen und hielt sie wie seine Hausfrau. Sie gebar ihm einen Knaben und war wie die andern Frauen. Nur wenn sie diese an den Feiertagen tanzen sah, erinnerte sie sich ihrer Tänze in der Luft und bat dann ihren Mann, ihr ihre Flügel zu geben, damit sie auch wieder einmal in der Luft tanzen könne. Der Mann aber sagte stets: »Nein, die bekommst du nicht, denn wenn du sie hast, so fliegst du weg.« Als nun der Knabe fünf Jahre alt war und die Weihnachten kamen, bat sie den Mann wiederum, ihr ihre Flügel zu geben, und versprach ihm hoch und teuer, wieder zu kommen, wenn sie sich satt getanzt hätte. Da ließ sich der Mann beschwatzen und gab sie ihr. Sobald sie sie angelegt hatte, schwang sie sich damit in die Luft, eilte zum Tanzplatz, wo die andern Frauen tanzten, und flog dreimal um diesen herum. Darauf sprach sie: »Lebe wohl, Mann, und habe acht auf unser Kind!« und verschwand.
Von da an kam sie jeden Tag in das Haus, wenn ihr Mann weggegangen war, buk Brot für ihn, gab dem Kinde zu essen und besorgte alle Geschäfte. Dann flog sie auf den Acker, wo ihr Mann war, und sagte zu ihm: »Guten Tag, Mann, wie geht es dir?« Dieser aber sprach: »Was soll ich dir sagen? Du hast mich betrogen, und ich bin dumm gewesen.« Da lachte sie und sprach: »So betrügen euch die Neraiden.« Darauf sagte sie ihm, daß sie sein Haus bestellt habe, und daß er auf den Knaben acht haben und ihn nicht schlagen solle, weil er noch klein sei. So machte sie es jeden Tag, war aber nicht zu bewegen, wieder in ihrem Hause zu wohnen.

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