Es war einmal eine Königin, die hatte keine Kinder und härmte sich darüber sehr. Da kam einst ein Jude zu ihr, gab ihr einen Apfel und sprach: »wenn du diesen Apfel issest, dann wirst du ein Kind bekommen.« Die Königin nahm den Apfel, schälte und aß ihn und warf die Schalen in den Pferdestall, wo die Stute sie fand und fraß. Da wurden sie beide schwanger und gebaren auch zu derselben Zeit. Die Königin gebar einen Knaben und die Stute ein Fohlen, und die wuchsen mit einander auf.
Nach einiger Zeit mußte der König in den Krieg ziehen und blieb so lange von Hause weg, daß die Königin endlich den Liebesanträgen des Juden Gehör schenkte.
Als der Knabe zwölf Jahre alt war, ging er in die Schule und erlernte die Kriegskunst; und wenn er nach Hause kam, dann setzte er sich auf das Fohlen und übte sich im Speerwerfen. Jemehr aber der Knabe heranwuchs, desto mehr mußten sich die Königin und der Jude vor ihm in Acht nehmen, daß er ihr Verhältnis nicht errate; und als eines Tages die Königin über diesen Zwang klagte, da sagte der Jude: »wenn du den Knaben aus dem Wege räumst, so brauchst du dich vor Niemand mehr zu scheuen, und kannst tun, was du willst.« Mit solchen Reden brachte er die Königin endlich dahin, daß sie Gift in das Brot mischte, das ihr Sohn essen sollte, wenn er aus der Schule käme. Wie der heimkam, ging er in den Stall zu seinem Fohlen, um sich darauf zu setzen, und sich im Speerwerfen zu üben. Als er aber zu dem Fohlen trat, sah er, daß es sehr betrübt war und die hellen Tränen weinte. Da fragte der Knabe: »warum weinst du?« Es erwiderte: »so und so habe ich gehört; deine Mutter liebt den Juden, und sie wollen dich vergiften und haben das Gift in dein Brot getan; du darfst ja nichts davon essen.«
Der Knabe rührte also das Brot nicht an, welches man ihm vorsetzte, und als ihn die Mutter fragte, warum er nicht esse, sagte er, daß es ihm der Lehrer als Strafe auferlegt habe, weil er seine Lektion nicht gekonnt hätte. Da sprach die Mutter: »iß nur, ich will es schon bei dem Lehrer verantworten.« Er aber rührte nichts an und kehrte ungegessen in die Schule zurück.
Am Abend tat die Mutter das Gift in den Wein des Knaben; der aber ging, als er aus der Schule kam, wieder zu dem Fohlen, und fand es wieder in Tränen, denn es wußte, was die Königin getan hatte, und sagte ihm, daß er keinen Wein trinken dürfe, weil er vergiftet sei. Darum trank der Knabe bei dem Abendessen keinen Wein, und als ihm die Mutter zuredete, sagte er, daß ihm dies von seinem Lehrer als Strafe auferlegt worden sei, weil er seine Lektion nicht gekonnt habe.
Darauf steckte die Königin vergiftete Nadeln in das Bett des Knaben, welche ihr der Jude gegeben hatte, damit er sich daran steche, wenn er sich auf das Bett lege, und davon sterbe. Aber der Knabe ging, als er aus der Schule kam, zu seinem Fohlen, und fand es abermals in Tränen, und erfuhr von ihm den neuen Anschlag. Als es nun Schlafenszeit war und die Mutter ihm sagte, daß er sich schlafen legen sollte, da sagte er: »ich will heute Nacht in keinem Bette schlafen, sondern mich im Freien hinlegen und lernen, wie die Soldaten schlafen, wenn sie in den Krieg ziehen.« Er legte sich also unter einen Baum und schlief dort die Nacht über.
Am andern Morgen kam die Nachricht, daß der Krieg zu Ende sei, und der König nach Hause zurückkehre. Als das die Königin erfuhr, geriet sie in große Angst, daß der Knabe dem König ihr Verhältnis mit dem Juden verraten könnte, und beriet mit dem, was sie tun sollten, um dies zu verhindern. Da sagte ihr der Jude: »wenn der König kommt, so mußt du dich krank stellen, und für das weitere will ich schon sorgen.«
Als nun der König aus dem Kriege zurückkam und seine Frau krank fand, rief er alle Ärzte zusammen, und diese verschrieben ihr alle möglichen Arzeneien; aber nichts wollte helfen, und die Königin stellte sich, als ob sie nur immer kränker würde. Da kam endlich auch der Jude und sagte, daß er sie heilen könne, daß er aber dazu eine Arzenei nötig habe, zu der der König niemals seine Genehmigung erteilen werde. Da sagte der König: »was ist das für eine Arzenei? sage sie mir ungescheut und fürchte dich nicht.« Darauf fragte der Jude: »wen hast du lieber, deine Frau oder dein Kind?« und der König antwortete: »ich habe das eine so lieb wie das andere.« »So ist es nicht gemeint, sondern wenn eines sterben müßte, wünschest du lieber, daß die Königin, oder dein Sohn stürbe?« Der König versetzte: »dann wollte ich lieber, daß mein Sohn stürbe, denn wir können noch andere Kinder bekommen, aber eine solche Frau finde ich nirgends mehr.« Darauf sagte der Jude: »wenn es so ist, so mußt du den Sohn schlachten und der Königin dessen Leber zu essen geben, denn ein anderes Mittel giebt es nicht für sie, und wenn sie das nicht bekommt, so ist ihr Tod unfehlbar.« Da seufzte der König und sprach: »wenn es denn nicht anders sein kann, so soll das Kind geschlachtet werden.«
Als nun der Knabe aus der Schule kam und zu seinem Fohlen ging, da fand er es noch viel trauriger als die anderen Male, und als er es fragte, warum es denn gar so schluchze und weine, da rief es: »sie wollen dich schlachten, denn der Jude hat es vom König verlangt, um deine Mutter zu heilen, und der König hat es genehmigt.« Der Prinz aber erwiderte: »sei nur ruhig, das wird nicht geschehen, dafür werde ich schon sorgen.«
Darauf ging er zu seinem Vater, und dieser küßte ihn und sprach: »du bist ein schönes Kind, und doch mußt du geschlachtet werden.« Da fragte der Knabe: »ei! warum willst du mich denn schlachten lassen?« Der König antwortete: »damit deine Mutter am Leben bleibe.« Da sagte der Knabe: »wenn es so ist, so mag es geschehen. Aber vorher sollst du mir drei Anzüge machen lassen; auf dem einen soll der Himmel mit seinen Sternen, auf dem zweiten der Frühling mit seinen Blumen und auf dem dritten das Meer mit seinen Wogen zu sehen sein; die will ich einen nach dem andern anziehen und damit dreimal um das Königsschloß reiten, dann könnt ihr mich schlachten, und dann gehe ich zufrieden in die andere Welt.«
Da befahl der König sogleich, daß man die drei Anzüge genau so machen solle, wie sie der Knabe wünsche, und als sie fertig waren, zog er zuerst das Kleid mit dem Himmel und seinen Sternen an, stieg auf sein Roß, ritt einmal um das königliche Schloß und fragte den König: »Vater, bin ich schön so?« und dieser antwortete: »ja wohl, mein Herz, aber gleichwohl mußt du sterben.« Darauf packte er den Anzug in den Mantelsack und zog den zweiten mit dem Frühling und seinen Blumen an und machte es gerade so. Als er darauf den Anzug mit dem Meere und seinen Wellen angelegt hatte und um das Schloß geritten war, fragte er den König zum dritten Male: »Vater, bin ich schön so?« und dieser antwortete abermals: »ja wohl, mein Herz, aber gleichwohl mußt du sterben.« Da rief der Sohn: »nun denn so lebt wohl, und schlachtet mich, wenn ihr mich gefangen habt.«
Darauf ritt er fort, so schnell er konnte, und kam in eine Wüstenei; dort zog er den Anzug mit dem Himmel und seinen Sternen an, und darüber zog er einen alten Kittel, setzte eine grobe schwarze Mütze auf, seine andern Anzüge aber ließ er in dem Mantelsack. Als er damit fertig war, riß er dem Rosse ein Haar aus dem Schweife, nahm ihm den Zaum ab, und sagte ihm: »hier weide so lange, bis ich das Haar aus deinem Schweife verbrenne, dann aber laufe was du kannst, und komme zu mir.« »Wohl!« sprach das Roß, und somit trennten sie sich.
Darauf ging er in eine große Stadt und verdingte sich bei dem König als Gärtner. Nachdem er eine Weile dort war, kam ihm eines Morgens, da noch alles schlief, die Lust an, wieder einmal zu reiten. Er brannte also das Pferdehaar an; sogleich lief sein Roß herbei, und nachdem er seinen Kittel abgeworfen, ritt er durch die Gärten des Königs, strahlend wie der Morgenstern. Das alles hatte die jüngste der drei Töchter des Königs heimlicher Weise aus ihrem Fenster mit angesehen, und daran gemerkt, daß er ein Königssohn sei.
Eines Tages schickte der König seine älteste Tochter in den Garten, um ihm eine Melone zu holen, und sie brachte ihm eine überreife, die man gar nicht mehr essen konnte. Da sprach der König: »was für eine Frucht bringst du mir da? die ist ja schon so überreif, daß man sie gar nicht mehr essen kann.« »Ebenso überreif bin ich geworden«, sprach darauf die Tochter, »und ich verlange, daß du mich endlich verheiratest.« Aber der König rief: »schweige still, was sind das für Reden, schämst du dich nicht?«
Darauf hieß der König die zweite Tochter eine andere Melone holen; die brachte aber eine ebenso überreife Frucht zurück und gab ihm dieselbe Antwort, wie ihre Schwester. Nun schickte er seine jüngste Tochter in den Garten, die brachte ihm eine schöne Melone. Da sprach der König: »seht, die ist im rechten Alter, weder zu hart noch zu weich.« Die jüngste erwiderte: »ich bin auch im rechten Alter, lieber Vater.« »So!« rief dieser, »also auch du willst einen Mann? Nun, wenn ihr es denn nicht anders wollt, so will ich euch verheiraten.« Darauf befahl er, alle Männer aus seinem ganzen Reiche sollten unter den Fenstern seines Schlosses vorüberziehen, die Königstöchter aber oben an den Fenstern stehen, und jede von ihnen solle auf den, welcher ihr am meisten gefiele, einen Goldapfel werfen.
Dem zufolge zog alles Volk unter den Fenstern des Schlosses vorbei, und die beiden ältesten Töchter warfen ihre Äpfel nach den vornehmsten Männern, die jüngste aber traf mit dem ihrigen den Gärtner, wie er mit seiner schwarzen groben Mütze vorüberzog. Als das der König sah, rief er: »es ist ein Fehler vorgegangen und der Zug soll von vorn anfangen.« Aber auch beim zweiten Male warf sie ihren Apfel auf denselben, und so ging es auch beim dritten Male, als der König den Zug nochmals wiederholen ließ. Da ließ er die Jüngste vor sich kommen und fragte sie, ob es ihr Ernst sei, den zu heiraten, auf welchen sie den Apfel geworfen habe. Sie antwortete: »ja, den will ich und keinen andern«, und der König sagte: »wenn du es also nicht anders willst, so nimm ihn denn und sieh zu, wie du mit ihm zurecht kommst.« Da wurde eine große Hochzeit angestellt und jede der drei Schwestern mit dem Manne verheiratet, den sie sich gewählt hatte, aber vor dem Manne der Jüngsten hatte Niemand Respekt.
Bald darauf wurde der König blind und ließ aus der ganzen Welt Ärzte herbeirufen, um ihn zu heilen, die aber sagten, daß es für seine Blindheit kein anderes Heilmittel gebe, als das Wasser des Lebens. Da erboten sich seine beiden Schwiegersöhne, dies Wasser zu holen, und rüsteten sich zum Zuge. Als das die jüngste Tochter erfuhr, ging sie zu ihrem Vater und bat ihn so lange, bis er erlaubte, daß auch sein dritter Schwiegersohn den Zug mitmache. Statt sich aber nach dem Beispiele seiner Schwäger ein schönes Pferd aus dem Stalle des Königs zu wählen, nahm er das allerschlechteste, das noch dazu auf einem Fuße lahm war, und als sie nun ausgezogen waren, ließ er es mit Fleiß in den ersten Sumpf fallen, dem sie begegneten. Wie das seine Schwäger sahen, da fluchten sie gewaltig und zogen vorwärts, ohne sich weiter um ihn zu bekümmern.
Sobald er sie aber aus dem Gesichte verloren hatte, brannte er das Schweifhaar seines eigenen Pferdes an, und als dies gekommen war, zog er einen von seinen schönen Anzügen an, ritt auf einem andern Wege zu der Quelle des Lebenswassers, und füllte davon eine Flasche. Auf dem Rückwege traf er seine beiden Schwäger, wie sie den Weg zu der Quelle des Lebenswassers suchten, und als er von ihnen erfuhr, daß sie dorthin wollten, da sagte er ihnen: »den Weg könnt ihr euch sparen, denn ich komme von dort und habe eine Flasche voll Lebenswasser, und wenn ein jeder von euch den Schlag aushalten will, den ihm mein Roß mit seinen Hinterfüßen auf den Hintern geben wird, so will ich sie euch geben.« Das waren jene zufrieden, und hielten ihre Schläge aus, aber da, wo das Pferd hingetroffen, entstanden große runde schwarze Flecken, die wie Siegel aussahen. Darauf gab er seinen Schwägern aus seiner Trinkflasche gemeines Wasser, nahm Abschied von ihnen und eilte nach dem Sumpfe voraus, worin das lahme Pferd stak. Hier zog er seine alten Kleider an, entließ sein Roß und setzte sich auf das lahme Pferd, und als ihn seine Schwäger erreichten, da verhöhnten sie ihn und ritten an ihm vorüber.
Sie eilten sogleich zum Könige und brachten ihm das Wasser. Der bestrich sich damit die Augen einmal, zweimal, dreimal, aber er sah darum nicht besser als vorher. Da hinkte nach einer Weile auch der andere auf seinem lahmen Pferde herbei; er ging jedoch nicht sogleich zum König, sondern zu seiner Frau, und schickte sie ins Schloß, um zu sehen, was vorging. Sie fand den König sehr verdrießlich über die fehlgeschlagene Hoffnung. Da erzählte sie ihm, daß auch ihr Mann zurückgekehrt sei und Lebenswasser gebracht habe, und fragte ihn, ob er kommen und ihn damit bestreichen dürfe. Der König aber rief: »bleibe mir mit diesem Tölpel vom Leibe, die beiden andern haben das rechte Wasser nicht finden können, so viel Mühe sie sich auch gaben, und nun will es der Dummkopf gefunden haben!« Doch die Prinzessin ließ nicht nach, sie gab ihm so gute Worte und bat so lange, bis der König endlich einwilligte. Da kam der Gärtner mit dem Wasser des Lebens und bestrich damit des Königs Augen, und beim ersten Male sah er ein klein wenig, bei dem zweiten Male sah er schon besser und beim dritten Male sah er vollkommen. Da umarmte er seinen Schwiegersohn und rief: »von nun an sollst du mein Sohn sein.« Der aber sprach: »wenn du mich zum Sohne haben willst, so mußt du den Weg von meiner Hütte bis zu deinem Schlosse mit lauter Goldstücken bedecken lassen, und dann will ich auf diesem Wege als dein Sohn zu dir reiten.« Da ließ der König diesen Weg sogleich mit Tuch belegen und darauf die Goldstücke schütten, und als man das in der Stadt hörte, da strömte alle Welt herzu, um die Goldstraße zu betrachten.
Als nun alles fertig war, da brannte der Prinz das Schweifhaar an, und sogleich erschien das Fohlen. Darauf zog er das Gewand mit dem Meere und seinen Wellen an, stieg auf das Roß und ritt auf dem Goldwege in das Königsschloß. Der König empfing ihn mit großen Ehren, und nachdem sie sich begrüßt hatten, sagte der Jüngling zum König: »lasse einmal deine andern Schwiegersöhne kommen, und sie sollen dir die Siegel zeigen, die ich ihnen aufgedrückt zum Beweise, daß sie meine Sklaven sind.« Da ließ sie der König kommen, und wie sie sich auch sträuben mochten, so mußten sie ihm endlich doch ihre Siegel zeigen. Als diese der König erblickte, jagte er sie beide fort, und hielt von nun an den jüngsten wie seinen Sohn, und als er starb, übergab er ihm das Reich, und der lebte sein Lebelang herrlich und in Freuden.


[Griechenland: Johann Georg von Hahn: Griechische und Albanesische Märchen]

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