Es war einmal eine Frau, die bekam keine Kinder und war darüber sehr betrübt. Da sprach sie eines Tages zu dem Sonnenball: »lieber Sonnenball, schenke mir ein Mädchen, und wenn es zwölf Jahre alt ist, magst du es zurücknehmen.« Darauf schenkte ihr der Sonnenball ein Mädchen, das nannte die Frau Letiko und pflegte es mit großer Liebe, bis es zwölf Jahre alt war. Als nun eines Tages Letiko beim Kräutersuchen war, da kam der Sonnenball zu ihr und sprach: »Letiko, wenn du nach Hause kommst, so sage deiner Mutter, sie solle an das denken, was sie mir gelobt habe.« Da ging die Letiko nach Hause und sprach zu ihrer Mutter: »während ich Kräuter suchte, ist ein großer Herr zu mir gekommen und hat mir aufgetragen, dir zu sagen, daß du dich an das erinnern solltest, was du ihm gelobt hast.«
Als die Frau das hörte, erschrak sie sehr und verschloß sogleich die Türe und die Fenster des Hauses, verstopfte auch alle Risse und Löcher, und hielt die Letiko versteckt, damit der Sonnenball nicht kommen und sie holen könne. Aber sie vergaß das Schlüsselloch zu verstopfen, und durch dieses schickte der Sonnenball einen Strahl in das Haus, der packte das Mädchen und brachte es zu ihm. Eines Tages schickte er sie in die Strohhütte, um Stroh zu holen; das Mädchen aber setzte sich auf den Strohhaufen und klagte: »wie dieses Stroh unter meinen Füßen seufzt, so seufzt mein Herzchen nach meinem Mütterchen«; und darüber blieb sie so lange weg, daß sie der Sonnenball fragte: »ei Letiko, wo warst du denn so lange?« - »Meine Pantoffeln sind mir zu groß und ich konnte damit nicht gehen.« - Da machte ihr der Sonnenball die Pantoffeln kürzer.
Ein andermal schickte er sie um Wasser zu holen, und als sie zu der Quelle kam, setzte sie sich hin und klagte: »sowie dies Wasser fließt, ebenso fließt mein Herzchen aus Sehnsucht nach meinem Mütterchen.« Sie blieb aber wieder so lange aus, daß sie der Sonnenball fragte: »ei Letiko, warum bist du denn so lange ausgeblieben?« - »Mein Überkleid ist so lang und hinderte mich am Gehen.« - Da schnitt ihr der Sonnenball das Überkleid ab.
Darauf schickte sie der Sonnenball wieder einmal aus, ihm ein Paar Sandalen zu holen, und als das Mädchen diese in der Hand trug, da fing es an zu klagen: »wie dies Leder knirscht, so knirscht mein Herzchen nach meinem Mütterchen.« Als sie darauf nach Hause kam, fragte sie der Sonnenball: »ei Letiko, warum kommst du denn so spät?« - »Meine Rotmütze ist mir zu weit und fiel mir über die Augen, und darum konnte ich nicht schnell gehen.« - Da machte er ihr auch die Mütze enger.
Aber am Ende merkte der Sonnenball doch, daß Letiko traurig sei; er schickte sie also wieder Stroh zu holen, und schlich ihr nach und hörte, wie sie um ihre Mutter klagte. Da ging er nach Hause, rief zwei Füchse und fragte sie: »wollt ihr die Letiko nach Hause bringen?« - »Ei, warum nicht?« - »Was wollt ihr aber essen und trinken, wenn ihr unterwegs hungrig und durstig werdet?« - »Da werden wir von ihrem Fleische essen und von ihrem Blute trinken.« - Als der Sonnenball das hörte, sagte er: »ihr taugt nicht zu diesem Geschäfte«, schickte sie wieder weg und rief zwei Hasen: »wollt ihr die Letiko zu ihrer Mutter bringen?« - »Ei, warum nicht?« - »Was wollt ihr aber essen und trinken, wenn ihr unterwegs hungrig und durstig werdet?« - »Wir werden Gräschen fressen und Quellchen trinken.« - »Da nehmt sie und bringt sie hin.«
Da machten sich die Hasen mit der Letiko auf, weil es aber weit bis zu ihrem Hause war, bekamen sie unterwegs Hunger, sie sagten also zu dem Mädchen: »steige auf jenen Baum, lieb Letiko, und bleibe so lange oben, bis wir uns satt gefressen haben.« Da stieg Letiko auf den Baum und die Hasen gingen grasen. Es dauerte aber nicht lange, so kam eine Lamia unter den Baum und rief: »Letiko, Letiko, komm herunter und sieh die schönen Schuhe, die ich anhabe.« - »Oh! Meine Schuhe sind viel schöner als deine.« - »Komm herunter, ich habe Eile, denn mein Haus ist noch nicht gekehrt.« - »So gehe hin und kehre es, und komme wieder, wenn du fertig bist.« - Da ging die Lamia weg und kehrte ihr Haus, und als sie damit fertig war, kam sie wieder und rief: »Letiko, Letiko, komme herunter und sieh, was ich für eine schöne Schürze habe.« - »Oh, meine Schürze ist viel schöner als deine.« - »Wenn du nicht herunter kommst, so haue ich den Baum um und fresse dich.« - »Tue das und friß mich dann.« - Da hieb die Lamia aus allen Kräften in den Baum und konnte ihn doch nicht umhauen, und als sie das einsah, rief sie: »Letiko, Letiko, komme herunter, denn ich muß meine Kinder säugen.« - »So gehe hin, säuge sie, und komme wieder, wenn du damit fertig bist.« - Da ging die Lamia wieder weg, die Letiko aber rief: »Häschen! Häschen!« Da sagte der eine Hase zu dem andern: »höre, die Letiko ruft«, und nun liefen sie zu ihr so schnell sie konnten. Letiko stieg vom Baume und nun gings weiter. Die Lamia aber lief ihnen nach um sie einzuholen, und kam an einem Acker vorbei, auf welchem Leute arbeiteten. Da fragte die Lamia: »habt ihr Niemanden hier vorüberkommen sehen?« Die aber antworteten: »wir legen Bohnen.« - »Ei was! ich frage nicht danach, sondern ob Niemand hier vorüber gekommen ist?« - Die Leute aber antworteten: »bist du etwa taub? Bohnen, Bohnen, Bohnen legen wir.«
Als die Letiko in die Nähe ihres Hauses kam, da gewahrte sie der Hund und rief: »hamm! hamm! siehe da kommt die Letiko«, und die Mutter sagte: »Hust! du Unglückstier! willst du mich vor Kummer bersten machen?« Darauf gewahrte sie der Kater auf dem Dache und rief: »miau! miau! siehe da kommt die Letiko«, und die Mutter sagte: »Zutu! du Unglückstier! willst du mich vor Kummer bersten machen?« Da gewahrte sie der Haushahn und rief: »kakaiku! kakaiku! siehe da kommt die Letiko«, und die Mutter sagte: »Siu! du Unglückstier! willst du mich vor Kummer bersten machen?« - Je näher die drei aber dem Hause kamen, desto näher kam ihnen auch die Lamia, und als der Hase zur Haustüre hineinschlüpfen wollte, da packte sie ihn an seinem Schwänzchen und riß es aus. Als nun der Hase hereinkam, stand die Mutter auf und sprach zu ihm: »sei willkommen, liebes Häschen! dafür daß du mir die Letiko gebracht hast, will ich dir auch dein Schwänzchen versilbern«; und das tat sie auch und lebte von da an mit ihrem Töchterchen glücklich und zufrieden.


[Griechenland: Johann Georg von Hahn: Griechische und Albanesische Märchen]

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