Es war einmal ein Priester, der besaß großen Reichtum und hatte drei Söhne, und zu seiner Zeit lebte in einer Nachbarstadt eine unverheiratete Königin.
Eines Tages nun sprach der älteste Sohn des Priesters zu seinem Vater: »Vater, gieb mir einen Beutel voll Geld, ich will in die Stadt gehn und versuchen, ob ich die Königstochter zu sehn bekomme, vielleicht gefalle ich ihr und nimmt sie mich zum Manne.« Da gab ihm der Priester eine große Summe Geldes und mit dieser machte er sich auf und ging nach der Stadt, aber trotz aller Festlichkeiten, die er anstellte, und allem Aufwande, den er machte, konnte er es nicht dahin bringen, die Königin zu Gesicht zu bekommen, und als er alles Geld vertan hatte, was ihm der Vater gegeben, kehrte er betrübt nach Hause zurück.
Darauf sprach der zweite Sohn des Priesters: »Vater, gieb mir einen Beutel voll Gold, ich will in die Stadt und dort mein Glück versuchen, vielleicht gelingt es mir besser als meinem Bruder.« Er war aber nicht glücklicher als dieser, und als er all sein Geld vertan hatte und nach Hause zurückkehrte, da sprach der Jüngste: »Vater, nun will ich es versuchen, du mußt mir aber noch mehr Geld geben, als den beiden andern!« und nachdem er alles bekommen hatte, was er verlangte, zog er damit zur Stadt. Doch ging es ihm dort um kein Haar besser als seinen Brüdern, denn er mochte machen, was er wollte, er bekam die Königin nicht zu sehn.
Nachdem er all sein Geld vertan hatte und ihm nur noch ein einziges Kupferstück übrig geblieben war, machte er sich auf, um heimzugehn. Unterwegs aber begegnete er einem Schäfer und der fragte ihn, was ihm fehle, weil er so betrübt aussehe. Da erzählte ihm der Priestersohn seinen Kummer und der Schäfer fragte ihn: »Ist dir denn von all deinem Gelde gar nichts übrig geblieben, womit wir noch einen Versuch anstellen könnten?« Der Priestersohn zog statt der Antwort sein Kupferstück aus der Tasche, der Schäfer aber sprach: »gieb es nur her, das reicht schon hin.« Darauf kaufte er mit dem Kupferstücke ein junges Böcklein, und sie kehrten damit zur Stadt zurück vor die Fenster der Königin und taten, als ob sie dort das Böcklein schlachten wollten, aber nicht wüßten, wie sie sich dazu anstellen sollten; sie zogen das Böcklein hin und her, daß es elendiglich zu schreien anfing, und verführten dabei einen solchen Lärm, daß die Königin endlich aufmerksam wurde und nach der Ursache fragte. Man sagte ihr, es wären draußen zwei närrische Menschen, die nicht wüßten, wie sie ein Zicklein schlachten sollten. Da wurde die Königin neugierig, trat ans Fenster und belustigte sich darüber, wie sich die beiden Narren zu ihrem Geschäfte so verkehrt anstellten. Endlich aber verlor sie die Geduld und rief: »He! ihr Ochsen, wißt ihr nicht einmal, wie man ein Böckchen schlachtet? so und so müßt ihr es machen«, und die beiden befolgten ihre Anweisungen und schlachteten das Böckchen. Als sie es aber aufblasen wollten, um es auszuhäuten, da stellten sie sich ebenso dumm an wie beim Schlachten. Der eine blies von vorn und der andere blies von hinten und konnten es doch nicht fertig bringen; und das trieben sie so lange, bis die Königin sich satt gelacht und ihnen zurief, wie sie sich dabei anstellen sollten. Da machten sie es, wie sie die Königin anwies, und nachdem sie fertig waren, legten sie sich nieder, um zu schlafen. Aber sie blieben nur so lange ruhig, bis sich im Schlosse alles zur Ruhe gelegt hatte; dann standen sie auf und brüllten und stießen sich mit den Köpfen an einander wie die Ochsen, so daß Niemand im Schlosse schlafen konnte. Da befahl die Königin, sie in das Schloß zu lassen. Man ließ sie also hinein und führte sie in den großen Saal, damit sie dort schlafen sollten. Aber sie hielten keine Ruhe und setzten dort ihr altes Spiel fort, indem sie wie die Ochsen brüllten und mit den Köpfen aneinander stießen. Darauf befahl die Königin, sie von einander zu trennen, und ließ den einen in das Gemach bringen, in dem sie selbst schlief.
In der Nacht aber stand der Priestersohn auf, trat an das Lager der Königin und fragte: »wie viel Uhr ist es, Frau Königin?« Sie antwortete: »warum schläfst du nicht und fragst nach der Uhr?« und er erwiderte: »weil meine Uhr schon 6 zeigt und es mir dafür noch viel zu früh scheint.« »Was«, rief die Königin, »du hast eine Taschenuhr? Hinaus mit dem Lumpen aus meinem Schlosse!« und sogleich erschienen die Wachen und warfen sie zum Schlosse hinaus.
Als beide nun vor dem Schlosse standen, da begehrte der Priestersohn von dem Schäfer das Kupferstück, das er ihm gegeben hatte; dieser aber antwortete: »was fällt dir ein? habe ich denn nicht mein Wort gehalten und dir dazu verhelfen, die Prinzessin zu sehn?« Jener aber ließ nicht ab von seiner Forderung und so kamen sie allgemach von Worten zu Schlägen, wobei jedoch der Schäfer den kürzeren zog, weil der Priestersohn viel stärker war, und es gelang ihm nur mit Mühe, sich von ihm los zu machen und davon zu laufen.
Als nun der Schäfer nach Hause zu seiner Frau kam, da fragte er diese: »hast du ein Kupferstück?« und als sie das verneinte, sprach er: »wenn du kein Kupferstück hast, so bleibt kein anderes Mittel, als daß du mich begräbst, und wenn jemand kommt und nach mir fragt, so mußt du zu weinen anfangen und sagen: er ist gestorben.« Da begrub ihn die Frau an der Kirchhofsmauer, ließ ihm aber ein kleines Loch, damit er atmen konnte. Als nun der Priestersohn zu ihr kam und nach ihrem Manne fragte, fing sie an zu weinen und sagte: »er ist gestorben.« Dieser aber verlangte sein Grab zu sehen. Wie sie dorthin kamen, war es schon finster geworden. Der Priestersohn begann nun den Schäfer auszugraben und als der dies merkte, stand er auf und lief fort und der Priestersohn lief ihm nach und beide schrieen dabei, was sie konnten.
In derselben Nacht waren aber Diebe in die Kirche gegangen, um dort all ihr gestohlenes Gut zu teilen, und wie sie den großen Lärm hörten, den jene beiden verführten, da meinten sie, die Toten wären aus ihren Gräbern aufgestanden, um sie zu packen, ließen alles gestohlene Gut im Stich und liefen weg. Als nun der Hirte zuerst in die Kirche kam und dort all das große Gut fand, da rief er dem Priestersohn zu und sprach: »komm her und laß uns all das Gut teilen, was hier ist, du mußt mich aber dann auch in Ruhe lassen und dein Kupferstück nicht mehr verlangen.« Nachdem sie nun alles richtig geteilt hatten, da verlangte der Priestersohn wiederum sein Kupferstück von dem Schäfer, und darüber erhob sich von neuem ein großer Streit zwischen beiden in der Kirche.
Einen von den Dieben aber dauerte das Gut, was sie in der Kirche gelassen hatten; er sprach daher zu den andern: »ist es nicht Schade um all das schöne Gut, was wir im Stiche gelassen haben? Ich gehe wieder hin und hole es, komme auch was da wolle.« Als er aber zur Kirche kam und darin den großen Lärm hörte, da erschrak er so, daß er über alle Berge lief.
Nachdem sich die beiden lange Zeit in der Kirche hin- und hergestritten, verglichen sie sich endlich und der Schäfer mußte dem Priestersohn noch ein gutes Teil von seiner Beute geben, um von ihm loszukommen. Der Priestersohn aber verkaufte die Sachen, die er in der Kirche gewonnen hatte, und zog mit dem erlösten Gelde in die Welt. Nach einer Weile kam er zu zwei Feigenbäumen, von denen der eine schwarze, der andere weiße Früchte trug, setzte sich in deren Schatten und aß von den Früchten. So oft er nun eine schwarze Feige aß, wuchs ihm sofort ein Horn aus der Stirne, und wenn er darauf eine weiße Feige aß, fiel das Horn wieder ab. Darauf sammelte er einen Korb voll schwarzer und einen andern voll weißer Feigen, ging mit den schwarzen Feigen unter die Fenster der Prinzessin und rief: »kauft frische Feigen.« Als das die Prinzessin hörte, wunderte sie sich sehr, wie es zugehe, daß man im Winter frische Feigen verkaufe; sie ging selbst an das Tor und kaufte fast den ganzen Vorrat von dem Priestersohn, und was sie selbst nicht essen konnte, das verteilte sie an ihre Mutter und ihre Mägde. Allen aber, die davon gegessen hatten, wuchs ein Horn aus der Stirne, und darüber entstand große Bestürzung und Traurigkeit in dem ganzen Lande.
Der Priestersohn ließ sich nun einen schönen Anzug machen, ging in den Pallast der Königin und gab sich für einen fremden Arzt aus. Als das die Prinzessin hörte, sagte sie: »wenn du uns heilen kannst, so geben wir dir so viel Geld, als du verlangst.« Da heilte der Arzt zuerst die Mutter der Prinzessin und die andern Frauen, indem er ihnen Pillen eingab, die er von den weißen Feigen gemacht hatte. Darauf gab er auch der Prinzessin eine Pille von den weißen Feigen, und vertrieb ihr damit das Horn, sagte ihr jedoch dabei, er fürchte, daß es ihr wiederkommen werde, und sie müsse daher noch weitere Arzenei nehmen. Er gab ihr also eine Pille von den schwarzen Feigen, so daß sie wieder ein neues Horn bekam, und so trieb er es einige Zeit, indem er ihr bald eine weiße, bald eine schwarze Pille eingab.
Endlich sagte er ihr eines Morgens: »ich habe heute Nacht geträumt, daß du nur dann geheilt werden kannst, wenn du mich zum Manne nimmst«, und die Prinzessin war das zufrieden. Da heiratete sie der Priestersohn und heilte sie darauf und wurde somit König.


[Griechenland: Johann Georg von Hahn: Griechische und Albanesische Märchen]

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