Einst lebte ein Kaiserssohn, der hatte geschworen sich nicht eher zu verheirathen, als bis ihm im Traume ein Mädchen erscheinen und zu ihm sprechen würde: »Ich bin dir bestimmt, ich werde dein Glück sein und dir einen Sohn gebären mit einem glänzenden Stern an der Stirn.« Er sagte aber hievon Niemanden etwas, bis ihm eines Nachts ein überaus schönes Weib erschien, das zu ihm sprach: »Was ists mit dir, o Held! daß du dich nicht verheirathest? Ich weiß dir drei arme Mädchen, die wohnen ohne Vater und Mutter in einem kleinen ebenerdigen Hause, das dreimal abgetheilt und vor jeder Abtheilung mit einer umzäunten Vorhalle umgeben ist, in welcher ein jedes der drei Mädchen mit einer andern Arbeit beschäftigt sitzt. Die Eine schlingt, die Zweite strickt und die Dritte näht singend an ihrer Aussteuer. Wenn du erwachst, so brich auf zur Jagd und begib dich in das nächste Dorf, am Wege wirst du einem fleckenlosen schwarzen Lamm begegnen mit goldnen Hörnchen, das wird dich vor das Haus der Mädchen geleiten.«
Als des Kaisers Sohn vom Schlaf erwachte, freute er sich und that Alles wie ihm das Weib gesagt hatte. Am frühen Morgen machte er sich bereit und ging mit seinen Dienern zur Jagd, und als er am Wege dem schwarzen Lamm begegnete, sprach er zu den Dienern: »Ihr könnt indessen fort gehen oder mich hier erwarten, doch erst wenn ihr mich seht könnt ihr überzeugt sein, daß ich wieder komme.« Hierauf ging er dem Lämmchen nach bis er das Häuschen mit den drei Vorhallen erblickte, und in jeder derselben ein Mädchen arbeitend antraf, wie ihm von jenem Weibe gesagt worden war, die Mädchen aber waren von so wunderbarer Schönheit, daß man gar nicht unterscheiden konnte, welche die schönste war. Und er rief ihnen zu: »Gott helfe euch!« Da antwortete ihm die Aelteste: »Gott segne dich!« Die Zweite: »Gutes Glück dir Krieger!« und die Dritte: »Zum Glück bist du gekommen glücklicher und überglücklicher Held!« Der Prinz verwunderte sich ob solcher Antworten, zumeist aber ob jener des zuletzt sprechenden Mädchens, und dachte bei sich, er würde glücklich und überglücklich sein, wenn er dieses zur Frau nähme, zog daher einen Ring von der rechten Hand, und steckte ihn dem Mädchen mit den Worten an den Finger: »Du bist meine Verlobte!« worauf er umkehrte und wieder heimging.
Zu Hause angekommen erzählte er seinem Vater alles was ihm begegnet war, und der Vater freute sich sehr, und ordnete alsbald große Festlichkeiten an. Als aber die beiden andern Mädchen sahen, daß sich ihre jüngste Schwester vor ihnen verlobte, grollten sie ihr, und sannen darauf sie aus dem Wege zu schaffen; in dieser Absicht riefen sie ein altes Weib aus ihrem Dorfe, das eine Zauberin war und hexen konnte, zu sich, und versprachen ihr alles was sie besäßen, wenn sie machen könnte, daß ihre Schwester sich nicht verheirathe, da gab ihnen die Alte ein Kraut und sprach: »Dies Kraut sollt ihr eurer Schwester in unberührtem Wasser gekocht, des Morgens wenn sie noch nüchtern ist, zu trinken geben, und so wie sie es trinkt wird ein Wurm ihr das Gehirn durchwühlen, daß sie fort und in den Wald rennen wird, und einmal im Walde angelangt, wird sie daraus nicht wiederkehren, sondern dort entweder sich selbst das Leben nehmen, oder von den wilden Thieren zerrissen werden; wenn ihr Freier kommt, der ein Prinz ist, so saget ihm nur sie sei freiwillig fortgegangen.« Und wie die Alte sie lehrte, genau so machten es auch die Gewissenlosen; sie reichten der Schwester den von jenem Kraute im Wasser gebrauten Trank, und kaum hatte sie ihn zu sich genommen, so fing sie an hin und her zu rennen, und entfloh in die Einöde als wäre sie ihrer Sinne beraubt. Den nächsten Tag als der Prinz wieder kam seine Verlobte zu sehen, sagten ihm die Schwägerinnen, sie sei am frühen Morgen allein weggegangen, doch wüßten sie nicht was aus ihr geworden sei, und fingen auch zum Scheine wehzuklagen und zu weinen an. Der Prinz aber eilte so schnell er konnte und als wäre er rasend von dannen und in den Wald sie zu suchen, und als er hinkam, hörte er schmerzliches Gestöhn und Weinen, er eilte der Stimme nach und fand seine Verlobte neben einem Stein zusammen gesunken, aus übergroßem Schrecken und von dem vielen Weinen beinahe schon sterbend; da stürzte er auf sie zu, und rief sie mit seinen Armen umschlingend, aus: »Ach! wohl mir, daß ich dich nur wieder habe.« Und sie erkannte ihn, und wie sie seine Stimme hörte, sank sie ihm weinend an die Brust, und hauchte von Schmerz und Freude überwältigt in seinen Armen ihren Geist aus. Wie dies der Prinz sah, da zog er ein Messer aus seinem Gürtel, nahm sich selbst das Leben, und so fielen Beide todt zur Erde hin.
In demselben Augenblicke, es war wohl Gottes Wille, erschien dem Kaiser, der eben schlief, im Traum das nämliche Weib, welches früher seinem Sohn erschienen war, und sprach: »Erhebe dich, denn dein Sohn und deine Schnur liegen todt, nimm daher das Kraut, welches unter deinem Kopfkissen liegt, und eile hinaus damit in den und den Wald, dort wirst du sie Beide todt neben einander finden. Bestreich zuerst deines Sohnes Wunden und zerdrücke das Kraut damit dessen Saft darein träuft, dann bestreich deiner Schnur die Stelle wo das Herz liegt, und sprich dabei drei Mal: 'Erwachet ihr Unglücklichen und doch Beglückten, so es Gottes Wille ist!'« Da erwachte der Kaiser. Erschrocken wandte er sein Kopfkissen um, und als er unter demselben ein Kraut fand, gelb wie Gensterblume, warf er sich aufs Pferd und ritt nach dem Walde der ihm bezeichnet war. Wie er hinkam, fand er seinen Sohn und seine Schnur todt neben einander hingestreckt. Da träufelte er den Saft des Krautes dem Sohne in die Wunde, und bestrich damit der Schnur die Stelle wo das Herz liegt, und noch hatte er das dritte Mal die Worte nicht ausgesprochen: »Erhebt euch, ihr Unglücklichen und doch Beglückten, so es Gottes Wille ist!« so standen auch Beide schon auf den Füßen, als hätte ihnen nie etwas gefehlt, und verwunderten sich wie sie von Todten wieder erstanden waren. Der Vater aber führte sie frohen Herzens heim in sein Schloß, vermählte sie mit einander, und im ersten Jahre gebar die Kaiserin ein Söhnlein mit einem goldenen Stern auf der Stirn.

[Serbien: Vuk Stephanovic Karadzic: Volksmärchen der Serben]
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