Es lebte einst ein armer Mann in einer Hütte, der hatte Niemanden als eine Tochter, die aber sehr weise war, und überall um Almosen hinging, auch den Vater lehrte weise zu sprechen und sich etwas zu erbitten. Einmal traf es sich, daß der Arme zum Kaiser kam, und ihn um eine Gabe ansprach. Der Kaiser fragte ihn, woher er sei, und wer ihn so weise sprechen gelehrt hatte, und er sagte ihm, woher er sei und daß ihn die Tochter so belehrt habe. »Und deine Tochter, wer hat die unterrichtet?« fragte der Kaiser, worauf der Arme erwiederte: »Die hat Gott gelehrt und unsere beklagenswerthe Armuth.« Da gab ihm der Kaiser dreißig Eier und sprach: »Bring die Eier deiner Tochter und sage ihr, sie möge mir aus ihnen Küchlein ausbrüten, und ich will sie reichlich dafür beschenken, kann sie sie aber nicht ausbrüten, so soll es ihr übel gehen.« Weinend ging der Arme heim in seine Hütte und erzählte Alles seiner Tochter. Die Tochter erkannte gleich, daß die Eier gekocht seien, sagte aber dem Vater, er möge sich nur zur Ruhe begeben, sie wolle schon für Alles sorgen. Der Vater befolgte ihr Geheiß und legte sich schlafen, sie aber nahm einen Topf, setzte ihn mit Bohnen und Wasser gefüllt ans Feuer, und als am Morgen die Bohnen gar gekocht waren, rief sie den Vater und sagte ihm, er möge einen Pflug und Ochsen nehmen, damit hinaus gehen und den Weg entlang, an welchen der Kaiser vorüber kommen werde, ackern, »und,« sprach sie weiter: »wenn du des Kaisers ansichtig wirst, so nimm von den Bohnen, säe sie, und rufe dabei: 'Heisa meine Rinder! Möge Gott mir beistehen, daß mir die gekochten Bohnen aufgehen!'« Und wenn der Kaiser dich sodann befragt, wie es möglich sei, daß gekochte Bohnen wachsen, so erwiedere ihm: »Eben so gut, als aus gekochten Eiern Küchlein ausgehen können.«
Der Arme folgte der Tochter, ging hin und ackerte, und als er den Kaiser kommen sah, fing er zu schreien an: »Hei, meine Rinder, möge Gott mir helfen, daß mir die gekochten Bohnen aufgehen!« Wie der Kaiser diese Worte vernahm, blieb er am Wege stehen und fragte den Armen: »Armer, wie können gekochte Bohnen wachsen?« Der Arme erwiederte: »Glücklicher Kaiser! eben so wie aus gekochten Eiern Küchlein ausgehen können.« Der Kaiser, welcher gleich errieth, daß ihn die Tochter so zu thun angestiftet hatte, befahl seinen Dienern ihn zu ergreifen und vor sich zu bringen, dann reichte er ihm ein Bündel Leinen und sprach: »Nimm dies, und daraus sollst du mir Segel und Taue und alles was man an einem Schiffe braucht, verfertigen, wo nicht, so verlierst du den Kopf.« Der Arme nahm in größter Angst das Bündel, und ging weinend heim zu seiner Tochter, der er Alles erzählte. Die Tochter aber schickte ihn wieder schlafen, indem sie versprach Alles schon machen zu wollen. Den andern Tag nahm sie ein Stückchen Holz, weckte den Vater und sagte zu ihm: »Nimm dieses Holz und bring es dem Kaiser, er möge mir daraus einen Rocken, eine Spindel und den Webestuhl schnitzen, dann will ich ihm verfertigen, was er begehrt hat.« Und der Arme befolgte wieder das Geheiß der Tochter, ging hin zum Kaiser und sagte ihm Alles, was die Tochter ihn gelehrt hatte. Der Kaiser dies vernehmend, erstaunte und sann was er nun thun solle, dann ergriff er ein Gläschen, gab es dem Armen und sprach: »Nimm dieses Gläschen und trage es deiner Tochter heim, damit soll sie mir das Meer ausschöpfen, daß es zum trocknen Felde werde.« Der arme Mann gehorchte mit Thränen und trug das Gläschen der Tochter heim, ihr getreulich berichtend, was der Kaiser gesagt. Aber das Mädchen sagte ihm, er möge dies nur bis Morgen anstehen lassen, dann wolle sie schon Alles machen. Den nächsten Morgen rief sie den Vater, gab ihm ein Pfund Werg und sprach: »Trage dies dem Kaiser hin und sage ihm: damit solle er alle Quellen und Mündungen aller Flüsse der Erde verstopfen, alsdann wolle ich ihm das Meer austrocknen.« Und der Arme ging hin und sagte es so dem Kaiser. Da sah der Kaiser, daß das Mädchen viel weiser als er selbst war, und befahl, es ihm vorzuführen, und als der Arme das Mädchen brachte, und sich Beide vor dem Kaiser verneigten, da fragte dieser: »Errathe Mädchen, was man am weitesten hört?« Und das Mädchen antwortete: »Glücklicher Kaiser! Was man am weitesten vernehmen kann, ist wohl der Donner und die Lüge.«
Hierauf faßte sich der Kaiser an seinen Bart, und sich gegen seine Räthe wendend, fragte er diese: »Errathet wie viel mein Bart werth sei?« Und als ihn hierauf die Einen so hoch, die Andern noch höher schätzten, behauptete das Mädchen Allen ins Gesicht, daß sie es nicht errathen hätten und sprach: »Des Kaisers Bart ist so viel werth, als drei Regen zur Sommerszeit.« Der Kaiser war überrascht und sprach: »Das Mädchen hat es am besten errathen,« und fragte, ob es sein Weib werden wolle? er werde nicht abstehen, bis sie darein willige. Das Mädchen verneigte sich und sprach: »Glücklicher Kaiser! Wie du willst, so soll es geschehen, nur bitte ich dich mit eigner Hand auf ein Blatt Papier zu schreiben, daß, solltest du einst auf mich böse werden und mich von dir aus deinem Schlosse wegschicken, es mir dann frei stehe, daraus mitzunehmen, was mir darin das Liebste ist.« Und der Kaiser bewilligte und verbriefte es ihr.
Nachdem einige Zeit verstrichen war, geschah es wirklich, daß der Kaiser über seine Gemahlin so böse ward, daß er sprach: »Ich will dich nicht mehr zum Weibe haben, verlasse mein Schloß und gehe wohin du willst.« Und die Kaiserin erwiederte: »Erlauchter Kaiser! ich werde dir gehorchen, doch erlaube mir nur hier noch zu übernachten, morgen will ich dann fortgehen.« Der Kaiser gewährte ihr diese Bitte, und da mischte die Kaiserin vor dem Abendessen Branntwein in den Wein, auch noch duftende Kräuter, und beredete den Kaiser, davon zu trinken, indem sie sprach: »Trink Kaiser, und sei heiter, morgen schon werden wir uns ja trennen, und glaube mir, dann will ich fröhlicher sein, als wie ich mich mit dir vereinte.« Der Kaiser betrank sich, und nachdem er eingeschlafen war, ließ ihn die Kaiserin in einen schon bereit gehaltenen Wagen legen, und fuhr mit ihm in eine Felsenhöhle. Und als der Kaiser in der Höhle erwachte und sah, wo er sich befand, rief er aus: »Wer hat mich hierher gebracht?« Worauf die Kaiserin antwortete: »Ich habe dich hierher gebracht.« Und der Kaiser fragte sie: »Warum hast du dies gethan? habe ich dir nicht gesagt, daß du nicht mehr mein Weib seiest.« Da sprach sie, das Blatt Papier hervorziehend: »Es ist wohl wahr, daß du mir das sagtest, aber sieh nun auch was du mir auf diesem Blatte bestätigt hast, wenn ich einst von dir ginge, daß ich mir das mitnehmen dürfe, was mir in deinem Schlosse das Liebste ist.« Als der Kaiser dies vernahm, küßte er sie, und kehrte mit ihr nach seinem Schlosse zurück.

[Serbien: Vuk Stephanovic Karadzic: Volksmärchen der Serben]
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