Es war einmal ein König, der hieß Trojan und hatte Ziegenohren. Viele Barbiere wurden zu ihm bestellt, um ihn zu barbieren, aber kein einziger kehrte heim. „Was hast du an mir bemerkt?“ fragte König Trojan jeden Barbier. „Ziegenohren“, erwiderte der Barbier. Und das war sein Tod. Die Reihe kam schließlich an einen Barbier, der sich krank stellte und an seiner Stelle den Gesellen schickte. „Warum ist der Meister nicht gekommen?“ fragte der König. „Weil er krank ist“, gab der Geselle zur Antwort. Da setzte sich König Trojan, der Geselle barbierte ihn und bemerkte selbstverständlich auch die Ziegenohren. „Was hast du an mir bemerkt?“ fragte König Trojan, als der Geselle seine Arbeit beendet hatte. „Nichts.“ Da gab der König ihm zwölf Dukaten und befahl, daß er allein ihn in Zukunft barbieren sollte. Nach der Heimkehr fragte der Meister seinen Gesellen neugierig aus, wie es ihm beim König ergangen wäre. „Gut!“ antwortete jener. „Ich soll ihn auch in Zukunft barbieren!“ Und er verschwieg, daß der König Ziegenohren hatte. Danach ging er lange Zeit regelmäßig zu König Trojan, barbierte ihn und erhielt jedesmal zwölf Dukaten. Und er verriet keinem, daß der König Ziegenohren hatte. Aber das Geheimnis, das er mit sich herumtrug, machte ihn regelrecht krank, er wurde blaß und matt.
Das fiel dem Meister auf, und er fragte ihn nach dem Grund. „Mir liegt ein Geheimnis auf der Seele!“ gab der Geselle zu. „Und ich wage nicht, es jemandem anzuvertrauen. Könnte ich das tun, würde mir leichter werden.“ — „Entdecke es mir“, sagte der Barbier, „ich werde es keinem verraten. Traust du mir aber nicht, dann geh zu deinem Beichtvater und bekenne es ihm. Traust du dem aber auch nicht, dann geh vor die Stadt, schachte im freien Feld eine Grube aus, stecke den Kopf hinein und vertraue der Erde dreimal dein Geheimnis an. Danach schütte die Grube wieder zu.“
Der Geselle folgte dem Rat. Er ging vor die Stadt, schachtete im freien Feld eine Grube aus, steckte den Kopf hinein und sagte dreimal: „König Trojan hat Ziegenohren.“ Dann schüttete er die Grube mit Erde zu und ging erleichtert heim. Nach einer Weile wuchs an jener Stelle ein Holderstrauch und trieb drei pfeilgerade Schößlinge. Zwei schnitten die Hirtenjungen ab und schnitzten sich daraus Flöten. Wenn sie aber darauf spielten, sangen die Flöten: „König Trojan hat Ziegenohren!“ Das erfuhr die ganze Stadt, auch König Trojan hörte davon und ließ den Gesellen zu sich kommen. „Demnach kannst du doch kein Geheimnis bei dir behalten?“ fragte er zornig. „Keiner Menschenseele habe ich etwas verraten, das kann ich beschwören!“ Beteuerte der Geselle.
Als aber der König sein Schwert zog und ihm den Kopf abschlagen wollte, gestand er ihm, daß er das Geheimnis der Erde anvertraut hätte, daß an jener Stelle ein Holderstrauch gewachsen wäre, daß die Hirtenjungen sich aus den Schößlingen Flöten geschnitzt hätten und daß die Flöten die schlimme Kunde in der Welt verbreiteten. Da setzte sich der König mit ihm in eine Kutsche und fuhr zu dem Ort, um herauszufinden, ob er die Wahrheit gesagt hatte. Am Holderstrauch war noch ein Schößling; und König Trojan befahl, eine Flöte daraus zu schnitzen. Als das geschehen war, setzte er sie an die Lippen, und siehe da, sie sang: „König Trojan hat Ziegenohren!“ Auf diese Weise wurde der König überzeugt, daß man auf Erden nichts verheimlichen kann, schenkte dem Gesellen das Leben und gestattete von nun an jedem Barbier, ihn zu barbieren.



Quelle:
(Jugoslawien)
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